Redaktionswerkstatt

Floskel des Monats

Für den journalist analysiert das sprach- und medienkritische Webprojekt Floskelwolke.de einmal im Monat, mit welcher Phrase oder Floskel Journalisten gerade besonders häufig danebenliegen.

April 2016

Sind die Honorare mittlerweile derart mies, dass Journalisten im Nebenberuf als Hellseher arbeiten? Oder wie erklärt es sich, dass sie ständig von den "besten Songs", der "niedrigsten Wahlbeteiligung" oder gar von der "längsten Millisekunde" aller Zeiten sprechen? Seit wann können wir in die Zukunft blicken? Laut Floskelwolke, die täglich Floskeln und Phrasen in 2.000 deutschsprachigen Medien beobachtet, erhielt aller Zeiten im April die meisten Treffer – sowohl im Durchschnitt als auch im Median. Damit ist sie die schlimmste Floskel aller Zeiten!.

Floskel: "Die Panama Papers sind das größte Datenleck aller Zeiten."

Besser: "Die Panama Papers sind das bisher größte Datenleck."

März 2016

Obwohl die Wahlschlappe meist verheerend in einem Wahlkrimi daherkommt – zum journalistischen Paukenschlag reicht diese Floskel nicht aus. Wir finden, dass die Wahlschlappe als Synonym für ein vermeintliches Wahldebakel in Nachrichtenmeldungen wegen ihrer wertenden Prägung ungeeignet ist – egal ob in Texten zur Schweizer Volksabstimmung in Sachen Durchsetzungsinitiative oder nach dem Einzug der selbst ernannten Alternative für Deutschland in drei Landtage.

Floskel: "Merkel hält trotz CDU-Wahlschlappe an Flüchtlingskurs fest."

Besser: "Merkel will Flüchtlingspolitik trotz Stimmenverlust beibehalten."

Februar 2016

Ein kaum zu löschender journalistischer Dauerbrenner nach jedem vermeintlichen Blutbad: die Toten, die von irgendwelchen Dingen oder irgendwelchen Geschehnissen gefordert werden. Mit Blick auf die weltweiten Krisenregionen mögen Terroristen zwar Tote fordern, ihre Mordanschläge können es hingegen nicht. Gegenstände oder Ereignisse können nämlich nichts fordern, sie können etwas verursachen.

Die Floskelwolke konnte bei der Februar-Analyse von rund 2.000 deutschsprachigen Medien vor allem Spitzenwerte in Nachrichtenmeldungen im Zusammenhang mit dem Zugunglück im bayerischen Bad Aibling, der Grippewelle, einem Lawinenunglück in Nordtirol sowie nach Anschlägen in Syrien und der Türkei feststellen.

Floskel: "Das Zugunglück im Bad Aibling hat elf Tote gefordert."

Besser: "Bei dem Zugunglück sind elf Menschen ums Leben gekommen."

Januar 2016

"Spiel und Spaß für Groß und Klein", titelte im Januar ein Lokalblatt. Die Datenanalyse der Floskelwolke von 2.000 deutschsprachigen Medien zeigt, dass diese zwar harmlose, aber auch sehr langweilige Phrase überall auftaucht, bevorzugt als Lückenfüller in Regionalzeitungen. Groß und Klein zählte im Januar sogar zu den Top-10-Floskeln. Abgesehen davon, dass ihr ständiger Gebrauch die Formulierung abnutzt, klingt sie nach einer Veranstaltung, bei der die Kinder spielen und die Eltern, so unsere Vermutung, sich einfach mal besaufen können – und dann auch Spaß haben sollen. Falls das stimmt, bitte etwas kreativer ....

Floskel: "Spiel und Spaß für Groß und Klein"

Besser: "Hüpfburg für die Kleinen, Weinprobe für die Großen"

Dezember 2015

Der Terroranschlag im kalifornischen San Bernardino forderte im Dezember nicht nur 14 Tote – obwohl Ereignisse eigentlich keine Forderungen stellen können. Er führte auch zu einem Blutbad. Denn seit Siegfrieds Badezusatz aus dem Hause Fafnir ist das schiefe Bild eines Blutbads nicht mehr aus den Köpfen von Journalisten herauszubekommen. Bloß: Der Terroranschlag lud niemanden zum Baden ein, selbst die Täter nicht. Nach dem Anschlag tauchte der Begriff dennoch 30-mal häufiger als normalerweise in den rund 2.000 deutschsprachigen Medien auf, die die Floskelwolke analysiert.

Floskel: "US-Präsident Obama versprach nach dem jüngsten Blutbad seine Entschlossenheit gegen Terrorismus."

Besser: "US-Präsident Obama will nach dem Anschlag in Kalifornien entschlossener gegen Terrorismus vorgehen."

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