Detail-Informationen

Autor

Henning Kornfeld

verfasst am

22.12.2015

im Heft

journalist 12/2015

Redaktionswerkstatt

In 10 Minuten zum 1-Minüter

Sie heißen Wochit, Wibbitz, Videolicious, WeVideo oder Vizzr: Start-ups, die Redaktionen dabei helfen wollen, Onlinevideos schnell, einfach und kostengünstig zu produzieren oder einzukaufen. Ein Überblick über Tools, Apps und Plattformen im Bewegtbildmarkt.

Am 24. Oktober, einem Samstag, setzt sich Martin Heller zu später Stunde noch einmal zu Hause an den Rechner. Der Videochef von WeltN24 produziert ein Onlinevideo zu einem Artikel, der am Tag darauf in der Welt am Sonntag erscheinen soll. Es geht darin um Bedenken deutscher Sicherheitsbehörden gegen Angela Merkels Flüchtlingspolitik. In dem 56-Sekunden-Video sind Videosequenzen zu Flüchtlingen und zu einer Sitzung des Bundeskabinetts sowie ein Standbild des ehemaligen BND-Präsidenten August Hanning zu sehen. Heller fasst aus dem Off den Inhalt des Beitrags zusammen.

Die Produktion dauert nur wenige Minuten, bei welt.de erzielt das Video laut Heller eine hohe Abrufzahl: ungefähr 150.000. Gebastelt hat er es mit dem Tool Wochit, das es selbst Videoschnitt-Unkundigen erlaubt, schnell einen kurzen Film fürs Web zu erstellen. Das gleichnamige Unternehmen, gegründet 2012 von zwei Israelis, ist mit seiner "Video Creation Platform" seit etwa zwei Jahren in Deutschland aktiv. Zu den Kunden zählen mittlerweile mehr als ein Dutzend der großen Medienhäuser und Onlineredaktionen des Landes, darunter Spiegel Online und ProSiebenSat.1. Wochit ist eines der Helferlein, die die in den Redaktionen gestiegene Nachfrage nach Web-Video-Material befriedigen. Zu diesem Kreis zählen etwa auch Wibbitz, Videolicious, WeVideo und Vizzr.

Vereinfacht dargestellt funktioniert Wochit so: Ausgangspunkt ist ein Text, der mit einem Video illustriert und ergänzt werden soll. Das System analysiert den Text und schlägt mutmaßlich dazu passende Filme und Bilder vor, die aus dem Fundus von Agenturen wie AP, AFP, Getty, Bloomberg, Reuters stammen. Redaktionen können zudem eigenes Material oder Material aus anderen Quellen integrieren, auch Web-Inhalte, Karten oder Finanzdaten lassen sich einbinden. Aus all dem können Journalisten ein – bei Bedarf auch vertontes oder mit Musik unterlegtes – Video montieren, am Ende des Prozesses steht eine fertige MP4-Datei. Das alles geschieht über den Web-Browser eines beliebigen Rechners, die Anschaffung von separater Hard- oder Software ist nicht nötig. Der Publisher zahlt pro veröffentlichtem Video.

"Wir nutzen Wochit, wenn ein Text vorliegt, aber kein passendes Video"

Die Redaktionen, die bereits mit Wochit arbeiten, tun das in unterschiedlichem Ausmaß und zu unterschiedlichen Zwecken. Martin Heller schätzt, dass weniger als fünf Prozent der bei welt.de veröffentlichten Videos damit erstellt sind, weil WeltN24 dank einer eigenen Video-Abteilung und eines eigenen TV-Senders schon gut mit Filmkompetenz und -material versorgt ist. "Wir nutzen Wochit, wenn ein Text vorliegt, es aber kein passendes Video dazu gibt", sagt Heller. "Der Redakteur, der den Text geschrieben hat, kann dann ein Video dazu machen." Ein Video, das erst Stunden nach einem Artikel zum Thema veröffentlicht würde, bekäme deutlich weniger Klicks. Heller meint, dass Wochit vor allem für solche Redaktionen geeignet sei, die erst mit der Videoproduktion anfangen.

Spiegel Online und süddeutsche.de setzen Wochit in ähnlich dosierter Form ein: "Wir produzieren damit hauptsächlich Video-Assets, die zu unseren Artikeln passen und sie ergänzen", sagt Sven Christian, Leiter Bewegtbild bei Spiegel Online. "Ziel ist es, Ereignisse oder Zitate zu zeigen, statt sie zu beschreiben." Für süddeutsche.de sei der Zugang zu Bewegtbild interessant, insbesondere für die internationale Berichterstattung, erklärt Wolfgang Jaschensky, Leiter der Entwicklungsredaktion. "Es dauert oft sehr lange, bis die Agenturen nach einem Ereignis gebaute Beiträge liefern. Die Lücke können wir mit Wochit schließen."

Focus Online produziert 20 bis 30 Wochit-Videos am Tag

Es gibt eine Nachrichten-Website, in deren Videostrategie Wochit weit mehr als eine Nebenrolle spielt: Focus Online. Im vergangenen Jahr blies Chefredakteur Daniel Steil zur Video-Offensive. Seitdem illustriert die Redaktion die meisten aktuellen Nachrichten mit Filmen oder Filmchen – am Anfang waren das oft nur Clips mit aneinandergereihten einzelnen Bildern und keine Bewegtbilder im eigentlichen Sinne. Von allen deutschen News-Sites erzielt Focus Online heute mit Videos die höchsten Klickzahlen: Im Oktober zählte die Informationsgemeinschaft zur Feststellung der Verbreitung von Werbeträgern (IVW) 28,6 Millionen Video-Visits, das entspricht knapp 20 Prozent aller Visits. Hintergrund der auf schnellen Reichweitenaufbau abzielenden Strategie von Focus Online ist, dass die Nachfrage der Werbungtreibenden nach Web-Videos groß ist und die Tausend-Kontakt-Preise vergleichsweise hoch. Video ist also ein lukratives Geschäft – sofern man die Produktionskosten im Griff hat.

Wochit ist vor diesem Hintergrund ein wichtiges Instrument: Die Redaktion produziert damit nach Steils Angaben pro Tag 20 bis 30 Videos – jeder Redakteur hat einen Zugang. "Wir waren die erste Redaktion in Deutschland, mit der Wochit so eng zusammengearbeitet hat", sagt der Focus-Online-Chef.

Heller, Christian, Jaschensky und Steil beschreiben die Vorzüge von Wochit übereinstimmend: Die Produktion von Videos über die Plattform sei leicht erlernbar, man bekomme Zugang zu einer breiten Palette von Agenturmaterial und die Kontextsuche nach geeignetem Material funktioniere ausgezeichnet. Auch über die Grenzen besteht Konsens: "Einen Videoredakteur kann und soll das System nicht ersetzen", sagt etwa Sven Christian. Die Einfachheit des Systems gehe auf Kosten von Flexibilität und technischer Qualität. Daniel Steil hält es im Übrigen für denkbar, dass konkurrierende Videodienstleister über kurz oder lang an Wochit vorbeiziehen: "Vielleicht gibt es schon in einem Jahr ein anderes, besseres Tool."

Roboterjournalismus in Reinkultur

Ein solches Tool könnte zum Beispiel von Wibbitz kommen, ein ebenfalls von Israelis gegründetes Start-up. Während bei Wochit der Journalist die gestaltende Rolle bei der Produktion eines Videos behält, ist bei Wibbitz der Gesamtprozess automatisiert: Wibbitz fasst einen Text zusammen und verarbeitet ihn zu einem Video mit Filmsequenzen, Bildern und Grafiken. Es ist eine Form von Roboterjournalismus in Reinkultur. Das Start-up mit Sitz in New York und Tel Aviv arbeitet bereits mit US-amerikanischen und israelischen Medienhäusern (unter anderem Hearst, Haaretz) zusammen, ist aber in Deutschland noch nicht präsent.

Wochit will erst gegen Ende des Jahres auch eine App-Variante auf den Markt bringen. Andere Start-ups konzentrieren sich bereits darauf, Journalisten bei der Verarbeitung zumeist mit dem Smartphone gedrehter Filme zu veröffentlichungsreifen Videos zu helfen. Das ist die Kernaufgabe der App Videolicious (https://videolicious.com), die in Deutschland Bild, WAZ und Rheinische Post (RP) nutzen. Nach dem Baukastenprinzip kann ein Nutzer mit der Hilfe von Videolicious Filmsequenzen und Bilder kombinieren, vertonen und mit Musik unterlegen.

Die RP hat seit April neun große ihrer 32 Lokalredaktionen mit einem Mobile-Reporting-Set aus Smartphone, Mikrofon und Stativ ausgestattet und alle Redakteure im Umgang mit der App geschult. "Unser Ziel war es, dass die Lokalredaktionen eigene Inhalte produzieren, weil es kein lokales Agenturmaterial gibt", sagt Sarah Biere, die Videokoordinatorin von RP Online. Seit dem Start sind nach ihren Angaben gut 400 Videos online gegangen, zumeist 30- bis 60-Sekünder. Zu den Themen gehören etwa ein Hundeschwimmen in Leverkusen, die Entschärfung einer Fünf-Zentner-Bombe in Opladen und eine Pressekonferenz zum Mord an einem Säugling. Mit Videolicious lässt sich laut Biere in nur zehn Minuten ein kurzes Video bauen.

"Sie brauchen ein supereinfaches Instrument für ihre Journalisten"

Die RP hat sich für eine Smartphone-Lösung entschieden, weil sie ihre Lokalredakteure mit einfachen Mitteln fit fürs Mobile Reporting machen wollte. "Videokameras und Schnittplätze hätten sie nur abgeschreckt", meint Biere. Die App Videolicious habe sich für diese Zwecke als "relativ konkurrenzlos" erwiesen: Sie ist an das Redaktionssystem der Zeitung angebunden, das RP-Logo wird automatisch in die Filme eingebaut – und der Support von New York aus sei "super". Allerdings gibt es die App nur fürs Apple-Betriebssystem iOS, nicht für Android.

Einen sehr ähnlichen Ansatz verfolgt das Unternehmen WeVideo, das seinen Ursprung in Norwegen hat und heute im Silicon Valley angesiedelt ist. Mit dem gleichnamigen cloudbasierten Video-Editor können mobile Reporter allein oder mit Unterstützung der Heimatredaktion Videos auf ihren Smartphones produzieren. Das können Filme zu Breaking News oder Interviews sein.

Bislang arbeiten nur skandinavische Medienhäuser wie Schibsted mit WeVideo, aber Europa-Chef Erik Raestad führt nach eigenen Angaben auch Gespräche mit großen deutschen Verlagen. Sein Lockruf klingt vertraut: "Video-Content ist entscheidend für alle Redaktionen, weil sie auf neue digitale Erlösquellen angewiesen sind", sagt er. "Um mehr Videos mit denselben Ressourcen zu bekommen, brauchen sie ein supereinfaches Instrument für ihre Journalisten – auch für diejenigen, die sich bis jetzt auf Print konzentriert haben."

Auch Google mischt mit

An einer ganz anderen Stelle als Wochit, Videolicious & Co setzen Marktplätze an, die Produzenten und Publisher zusammenbringen wollen. In den USA gehen seit dem vergangenen Jahr die Storyhunter auf die Pirsch. Über ihre Plattform sollen Medienunternehmen mit freischaffenden Filmemachern ins Geschäft kommen. Google hat mit Storyful die YouTube-Plattform Newswire entwickelt– ein Angebot für Journalisten auf der Suche nach von Nutzern erstellten Videos zu aktuellen Nachrichtengeschehen, die überprüft und für die Verwendung freigegeben wurden.

Hierzulande ist gerade Vizzr gestartet, ein Marktplatz für Anbieter und Nachfrager von Web-Videos. Bauherren der Plattform sind das Hamburger Unternehmen Bit Projects, ein Produzent von Nachrichten- und Service-Videos, und Ralf Klassen, früher unter anderem Leiter Digital-TV beim Stern. Das Besondere an Vizzr: Das Team recherchiert nach geeigneten Filmen, überprüft sie auf Echtheit und klärt die Rechtelage. Die Produzenten bekommen ein Honorar, wenn sich Abnehmer für ihre Clips finden. Es richtet sich nach der Qualität des Materials und der Art seiner Verwendung. Vizzr lässt sich für die Vermittlung bezahlen und bietet zudem weitere Dienstleistungen wie die Bearbeitung von Videorohmaterial an.

Vizzr ist noch in der Beta-Phase, man findet dort derzeit nach Rubriken wie "Fails", "Food", "News" und "Life Hacks" sortiertes Material, das anderswo im Netz schon veröffentlicht wurde. Nach dem Start mit amüsanten und unterhaltsamen Clips will Klassen im nächsten Schritt auf Videojournalisten und Unternehmen zugehen, die ihr Material noch mal verkaufen wollen. Noch in diesem Jahr wird Vizzr zum Beispiel Filme von dpa und von TV-Sendern zur Zweitverwertung anbieten. "Es gibt einen Riesenbedarf nach Web-Videos, weil das die am besten vermarktbare Contentform ist", sagt Klassen. "Allerdings muss man solche Videos mit anderen Mitteln und zu anderen Konditionen produzieren als im TV-Geschäft."

Über den Autor

Henning Kornfeld arbeitet als Medienjournalist in Heidelberg. Twitter: @hkornfeld

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