Interviewfragen

Fragen zum Denken

Reporterfragen sind nur selten Denkfragen. Deshalb geben die Interviewten häufig nur Antworten, mit denen der Journalist eigentlich schon gerechnet hat. Wie lassen sich Fragen so formulieren, dass sie Aha-Effekte erzeugen? Beim Interviewten und beim Journalisten.

Woran erkennt ein Journalist, dass seine Fragen etwas taugen? Daran, dass er die Antworten bekommt, die er erwartet hat und haben will: Informationen, die er eigentlich nur noch abholen wollte. Und woran erkennt ein Journalist, dass seine Fragen außergewöhnlich gut sind? Daran, dass die Antworten eine ganz andere Ebene im Gespräch eröffnen und Informationen jenseits des Üblichen liefern. Antworten, die auch der Befragte nicht einfach abspult, sondern über die er tatsächlich vorher nachdenken musste.

Es sind Antworten auf sogenannte mehrdimensionale Fragen. Mit Fragetypologien beschäftigen sich von Haus aus Therapeuten und Berater. Die Erkenntnisse aus diesem Berufsfeld lassen sich auch auf den Journalismus übertragen – und ermöglichen so, dass Recherchen ergebnisreicher und Interviews spannender werden. Ein Beispiel: Ein neuer Unternehmensvorstand, Parteichef oder Fußballtrainer nimmt seine Arbeit auf. Es geht im Interview um Zahlen und Ziele – aber welche Frage verbindet den Menschen mit seinem Amt und macht seine Vision konkret? "Woran merken Ihre Mitarbeiter/Wähler/Fußballfans in einem Jahr, dass Sie dieser Organisation Ihren ganz persönlichen Stempel aufgedrückt haben?" Eine Frage jenseits der journalistischen Routine.

Natürlich gibt es viele faszinierende Persönlichkeiten, emotional aufgeladene Augenzeugen und brilliante Experten, die allein schon aufgrund ihrer Erfahrungen und Erkenntnisse den Stoff für besondere Interviews geben. Aber um aus der Routine herauszukommen, braucht man besondere Fragen. Fragen zum Nachdenken. Im Coaching und bei einigen Therapieformen geht es auch darum, Menschen beim Nachdenken auf neue Pfade zu bringen und Aha-Effekte auszulösen.

Die Österreicherin Sonja Radatz ist ein systemisch arbeitender Coach und gilt als Vordenkerin in der Beraterwelt. Radatz unterscheidet ausdrücklich zwischen "Reporterfragen" und "Denkfragen". Das ist für Journalisten nicht schmeichelhaft; und natürlich ist ein Interview auch nicht mit einer Coachingsitzung zu vergleichen. Dennoch lohnt es, über den Unterschied nachzudenken. "Reporterfragen stillen für gewöhnlich die Neugier" des Fragers, schreibt Radatz in ihrem Buch "Beratung ohne Ratschlag". Der Befragte habe meistens die Antwort schon parat. "Denkfragen" dagegen habe der Befragte "noch nie für sich beantwortet".

Das Spiel über Bande

Das Sommerinterview mit der Kanzlerin – meistens eine dröge Sache. Dabei ist die Situation günstig für "Denkfragen": "Wenn wir uns im nächsten Jahr treffen, und das Problem XY ist gelöst, was haben Sie persönlich zur Lösung beigetragen?" "Was schreiben Sie darüber in Ihren Memoiren?" "Und was noch?"

Systemische Fragen sind nicht eindimensional. Sie erlauben keine Ja-/Nein-Antwort – bei Interviews ohnehin verpönt. Sie setzen einen Denkrahmen, der auch über die üblichen offenen Fragen hinausgeht. Die klassischen W-Fragen nach dem Muster "Wie haben Sie? Was denken Sie? Wann wollen Sie?" sind zweidimensional. Sie setzen eine Sache voraus und fragen nach einem damit verbundenen Inhalt. Mehrdimensionale Fragen spielen dagegen über Bande und setzen mehrere Dinge voraus. Menschen, Ideen, Gefühle oder Zeiten werden in einer Frage miteinander in Beziehung gesetzt.

Stellen Sie sich ein Roundtable-Interview mit einem Star aus Hollywood vor. Vom PR-Tross gibt es schon vorher das Verbot "No private questions". Doch gerade mit seinem Privatleben sorgt der Star für Aufsehen, und die Stimmung am Tisch ist heiter. Vielleicht lohnt ein Versuch, um die Ecke zu fragen, um so doch noch eine Tür zu öffnen: "Angenommen, Sie würden doch über das Thema sprechen, was würde dann Ihr Management dazu sagen?"

Das außergewöhnliche Gespräch braucht einen Kick, um den üblichen Rahmen zu sprengen. Manchmal funktioniert das im Journalismus durch Druck, Provokation und professionelle Aggression, manchmal führt eine besonders gute Chemie zwischen Frager und Befragtem zu überraschenden Antworten. Aber auch mit systemischer Fragetechnik und etwas Kreativität lässt sich jener funkelnde Erkenntniseffekt erzielen, der einem Interview das gewisse Etwas geben kann.

Ein professionell empörter Oppositionspolitiker gibt Phrasen zu Protokoll: "Es kann doch nicht sein, dass ...!" Vielleicht aber lässt sich auch sein Glaubenssatz hinterfragen: "Nehmen wir mal an, dass es aber tatsächlich so ist: Wie müssten Sie dann Ihre Strategie/Argumentation/Handlungen verändern?" Oder der Interviewer kommt angesichts quälend langer Verhandlungen auch mit einer paradoxen Frage weiter: "Wie müssten Sie sich jetzt weiter verhalten, damit es heute garantiert kein Ergebnis mehr gibt?"

Die Erlaubnis zum Zögern

Für ein eiliges Laufstatement auf dem Weg zur Sitzung oder auf dem roten Teppich sind solche Fragen sicher nicht geeignet. Denn sie brauchen auf Seiten des Interviewers vor allem Geduld. Geduld zum Warten, Geduld, die Nachdenkphase des Befragten abzuwarten und die Stille nicht zu unterbrechen.

Wie der Auftakt, der in der Musik eine Erwartung erzeugt, kann es sinnvoll sein, eine echte Denkfrage im Interview je nach Kontext bewusst anzumoderieren, um dem Gesprächspartner von vornherein die Erlaubnis zum Zögern zu geben: "Ich stelle Ihnen jetzt mal eine Frage, die kommt Ihnen vielleicht komisch vor. Sie können gern vor der Antwort in Ruhe nachdenken ..."

Selbst die Frage, nach der jeder Journalist sofort sein Mikro verschlucken sollte, lässt sich mit ein bisschen systemischer Kreativität zumindest variieren: "Wie fühlen Sie sich jetzt?", will niemand mehr von einem niedergeschlagenen Wahlverlierer oder einem Olympiasieger hören. Wie wäre es mit: "Wenn Sie in 20 Jahren im Schaukelstuhl sitzen und auf den heutigen Tag zurückblicken, was erzählen Sie Ihren Enkeln?" Oder: "Was meinen Sie, welche Erinnerung an dieses Ereignis für immer bleibt?"

Überraschende Fragen, überraschende Antworten

Stimmt die Fragetechnik, dann lassen sich auch schwierigen Interviewpartnern Antworten entlocken, die der Journalist noch nicht kennt.

Eindimensionale Frage / Ja-Nein-Frage

"Stellen Sie Fragen?"
"Bekommen Sie Antworten?"

Zweidimensionale W-Frage / Erwartbare Antworten

"Wie bereiten Sie Ihre Fragen vor?"
"Welche Antworten bekommen Sie?"

Mehrdimensionale Fragen / Verknüpfte Antwortebenen

a) Bewertend – um die Ecke fragend
"Was denken Ihre Kollegen über Ihre Fragen?"
"Wie würden Ihre Interviewpartner Ihre Fragen bewerten?"


b) Hypothetisch – über Bande spielen: Gefragter – mögliche Wirkung – mögliche Ursache oder Änderung
"Stellen Sie sich vor, Sie erhalten einen Interviewpreis – welchen Einfluss darauf hatte Ihre Fragetechnik?"
"Angenommen, Sie holen aus einer schwierigen Gesprächssituation das Optimum heraus, waren dieser Text und die präsentierten Beispiele für Sie hilfreich?"


c) Zielorientiert – über Bande spielen: Ziel mit einer positiven Änderung verknüpfen
"Woran merken Sie, dass Sie bessere Fragen stellen?"
"Woran merken es Kollegen/Vorgesetzte?"
"Was müsste noch passieren, damit das gelingt?"

d) Paradox – um die Ecke fragend: verdeutlicht ein Problem
"Was müssten Sie unbedingt tun oder lassen, damit Ihre Gesprächspartner/Leser/Zuschauer garantiert gelangweilt sind?"

e) Verrückt – um die Ecke fragend: auflockernd, kann eine neutrale Sicht hereinbringen
"Was würde eigentlich Ihr Telefon in der Redaktion über Ihre Gesprächsführung beim Interview sagen?"

Und was soll man tun, wenn die Frage abgewiesen wird?
"Was würden Sie denn gerne darauf antworten?"
"Was würde Ihnen Ihr Berater denn jetzt als Antwort raten?"
"Was hält Sie davon ab, sich auf diese Frage einzulassen?"

Mehr Texte aus der Redaktionswerkstatt gibt es hier.

Aktuelle Kommentare zu diesem Text

06.07.2011 20:01

Sandra Müller - www.radio-machen.de

Wundervoll. Selten eine so schöne, unkonventionelle Anleitung für bessere Interviews gelesen!

 
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