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Autor

Text: Jens Radü

Illustrationen: Kat Menschik

verfasst am

19.12.2013

im Heft

journalist 12/2013

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Illustration: Kat Menschik

Multimediareportagen

Verzichtet!

Warum bei Multimediareportagen weniger mehr ist und was das mit Dan Brown und einem Orchester zu tun hat, erklärt Jens Radü, Leiter des Multimediaressorts beim Spiegel. Hier sind seine fünf goldenen Regeln für das multimediale Storytelling.

Das erste Multimedia-Feature meines Lebens war eine Bewerbung. Es war 2005, Spiegel Online schrieb gerade schwarze Zahlen. Die Klick-Kurve stieg, auch die Zahl der Kaffeetassen in der winzigen Küche an der Brandstwiete, denn gefühlt kamen täglich neue Kollegen hinzu. Aber eine Multimediaredaktion hatte Spiegel Online nicht. Ich, aufgewachsen beim WDR, schlug vor, das zu ändern.

Und dann rief mich Chefredakteur Mathias Müller von Blumencron an. Die Tsunami-Katastrophe von 2004 würde sich jähren. Ob ich nicht zum Jahrestag ein Multimedia-Feature bauen könne. Also Videos, Töne, Text, Foto, Grafik, das Ganze noch interaktiv. Klar. In einer Woche? Natürlich. Schließlich war es keine Frage. Sondern ein Test.

Also sichtete ich die Augenzeugenvideos, sammelte Informationen. Versuchte, eine Sprache für das Unfassbare zu finden. Versuchte, den Ablauf der verheerenden Stunden im Dezember 2004, als 230.000 Menschen an den Küsten des Indischen Ozeans der plötzlichen Flut zum Opfer fielen, genau nachzuzeichnen. Und landete am Ende mit Hanz Sayami, dem Artdirector von Spiegel Online, vor seinem Mac. Wir bastelten. Ich hatte Filme, Fotos, Grafiken, Texte, Ideen. Hanz hatte Ahnung. Ich hatte sogar einen Soundtrack geschrieben. Streicher, viel zu dick aufgetragen, die gleichen Akkorde wie Michael Jacksons Earth Song. Dann kam die Abnahme. Mathias Müller von Blumencron schaute sich das Feature in fünf Kapiteln an. Es war gut, dachte ich damals. Es war wenig originell und pathetisch, denke ich heute.

Aber es war ein Anfang. Seitdem gibt es ein Multimediaressort beim Spiegel.

Von der Audio-Slideshow zur Multimediareportage

Die Experimente beschränkten sich damals in vielen Onlineredaktionen noch auf gelegentliche Audio-Slideshows, also Fotos mit gesprochenem Kommentar und Musik. Die Nachrichtenagentur Reuters fing gerade erst an, einzelne Seiten mit kurzen Videos zu beliefern. Überhaupt waren die technischen Grenzen eng: Bei mehr als 40 Prozent der Deutschen piepste noch ein Modem unter dem Schreibtisch, viel mehr als Text, ein paar Bilder und Grafiken überforderten die durchschnittliche Bandbreite. Doch Videos setzten sich durch, nicht zuletzt, als YouTube 2006 von Google übernommen wurde und sich langsam vom Katzenvideoportal zum globalen Fernsehsender entwickelte.

Plötzlich machten alle auf Multimedia: Die französische Zeitung Le Monde mit ihrer Voyage au bout du charbon – einer multimedialen Reise in die Kohlebergwerke Chinas. Der TV-Sender Arte mit seinen verschränkten Fernseh-Internet-Projekten. Das New Yorker Multimedia-Team MediaStorm um den Fotojournalisten Brian Storm mit seinen reduzierten Schwarz-Weiß-Slideshows.

Multimedia entwickelte sich zum Alleinstellungsmerkmal des Onlinejournalismus, der bis dahin vor allem für schnelle Nachrichten stand. Allein bei der New York Times bildeten sich im Laufe der Jahre vier unterschiedliche Multimedia-Teams. Und so war es auch die New Yorker Zeitung, die im Dezember 2012 das lieferte, was bald als Synonym für Multimediajournalismus gelten sollte: Die Reportage Snow Fall: The Avalanche at Tunnel Creek von John Branch.

"Let's snowfall this!"

Die Geschichte über eine Gruppe von Skifahrern und Snowboardern, die in den Cascades im Norden Amerikas von einer Lawine überrascht werden, löste ihrerseits eine Lawine in der Medienbranche aus. Kollegen, sonst der multimedialen Expertise eher unverdächtig, schwärmten plötzlich von der opulenten Optik der Geschichte, der geschickten Einbindung der Videos und Grafiken. Und erst das animierte Bild mit den Schneeverwehungen am Anfang! Die Folgen: Drei Millionen Abrufe in den ersten drei Monaten, Twitter-Sturm, Pulitzerpreis. Xaquin Gonzalez, Grafiker bei der New York Times und einer der Snow-Fall-Macher, erzählte auf dem Reporterforum in diesem Jahr sogar, dass die Kollegen inzwischen mit ihren Artikeln seinen Schreibtisch belagern und vorschlagen: "Let's snowfall this!"

Aus dem Schnee-Feature ist ein Verb geworden. Und ein Lehrstück: Was erzählt Snow Fall Journalisten, die ähnlich aufwendige Projekte planen? Welche Schlüsse lässt die kurze Historie der Multimedia-Features zu? Worauf kommt es beim multimedialen Storytelling an? Fünf goldene Regeln, weniger komplex als eine Zeile HTML-5-Code. Versprochen. Zum Einrahmen und An-die-Wand-hängen ...

Das Multimedia-Feature NSA Files: Decoded, das der Guardian Anfang November veröffentlichte, ist im Ursprung eine klassische Heldengeschichte. Der Held: Edward Snowden, seine Heldentat: Whistleblowing, die Aufdeckung millionenfacher Ausspähung Unschuldiger, seine Odyssee: derzeit gestrandet in Russland. Was für ein Stoff. Und darauf kommt es an: In vielen Multimedia-Features wird versucht, alles Verfügbare zu einem Thema zusammenzubinden, vermeintliche Tiefe durch immer mehr Altware zu schaffen. Und der falsch verstandene Mangel an Dramaturgie wird dann als Interaktivität ausgewiesen – der Leser/User/Zuschauer kann schließlich wählen, was er lesen, sehen oder überspringen will.

Die ersten Multimedia-Features, die wir bei Spiegel Online produzierten, erinnerten daran: Klimawandel? Da hatten wir doch noch tolle Arktis-Bilder im Archiv. Und erst die Erklärgrafik zum Albedo-Effekt. Im Zeitdruck der 24/7-Onlinemedien ist das natürlich besser als nichts. Aber die Summe aus Texten, Videos und Grafiken zu einem Thema ergeben eben kein Multimedia-Feature. Sondern allenfalls ein crossmediales Dossier.

Die Geschichte ist die Geschichte ist die Geschichte – es kann noch so glitzern, entscheidend ist das Narrativ, das den Leser/User/Zuschauer gefangen nimmt und nicht mehr loslässt. Ob das im Text, mit einem Video, einem Spiel, einer Grafik oder einem Foto geschieht, spielt keine Rolle. Entscheidend ist, dass es passiert. Sich nicht blenden lassen von den multimedialen Möglichkeiten. Sondern einen Schritt zurücktreten und das herauskristallisieren, was schon Henri Nannen den Küchenzuruf nannte. Worum geht es? Und dann entscheiden: Ist es die richtige Geschichte für ein Multimedia-Feature?

Sätze wie "Zu diesem Zeitpunkt wusste Professor Langdon noch nicht, dass er in fünf Stunden sterben sollte" sind wenig subtil. Aber sie funktionieren. US-Blockbusterautor Dan Brown hat diese Form des Cliffhangers in seinen Verschwörungsthrillern zur Perfektion gebracht, praktisch jedes Kapitel endet so. Dass gute, stimmige Teaser im Onlinejournalismus entscheidend sind, ist trivial. Dass sie auch innerhalb von Multimedia-Features wichtig sind, war ein Lernprozess.

Die Klickraten bei den ersten Multimedia-Features auf Spiegel Online waren anfangs ernüchternd. Interessierten sich erst noch Zehntausende, nahm die Durchklickrate (die online auch für Multimedia-Features praktisch in Echtzeit gemessen werden kann) mit jedem weiteren Element ab, egal ob Text, Video oder interaktive Grafik. Das änderte sich erst, als wir begannen, die einzelnen Teile zu nummerieren, Teil eins bis fünf. Sammelwut? Das Streben nach Vollständigkeit? Was auch immer. Die Durchklickrate stieg, noch mehr, als wir am Ende eines jeden Elements zusätzlich ankündigten, was den Leser/User/Zuschauer im folgenden Teil erwartet. "Aber wie wirkt Uran im menschlichen Körper? Die folgende Grafik fasst die Erkenntnisse zusammen."

Multimedia-Expertin Amy O'Leary von der New York Times formulierte es auf der The-Power-of-Narrative-Konferenz in Boston so: "Let the different formats talk to each other." Lass die unterschiedlichen Formate miteinander ins Gespräch kommen. Verbindungen schaffen, Sinnzusammenhänge. Aber Teaser allein reichen natürlich nicht aus. Schon mal von der Orchester-Regel gehört?

Ein gutes Multimedia-Feature erzählt eine Geschichte auf die beste Art. Punkt. Die stärkste Aussage meines Interviewpartners habe ich im Video? Dann ist das mein Zentrum, um das ich das Feature baue. Ich will die Geschichte bewusst entschleunigen? Dann sollte ich mit Fotos arbeiten. Es ist wie im Orchester: Jedes Instrument hat seinen eigenen Klang, seine spezifischen Stärken und Schwächen. Genau wie die unterschiedlichen Elemente des multimedialen Erzählens: Im Foto wird der Moment zum Bild. Im Video wird eine Aktion zur Szene. Im Audioelement wird ein Geräusch, eine Stimme zum Ton. Und die Produktion des Features gleicht der Komposition und Orchestrierung. Der Journalist – Dirigent, Komponist und Musiker in einem – muss um die Stärken und Schwächen der Instrumente wissen. Er muss sie dosieren, einsetzen können. Zwar muss er nicht jedes Instrument selbst perfekt spielen können. Aber er sollte zumindest jemanden kennen, der es kann.

"Programmers are gold", sagt Porter Fox, New Yorker Schriftsteller und Gründer des multimedialen Tablet-Reisemagazins Nowhere Mag. Er hat sein Magazin einst mit Mini-Budget hochgezogen, sich um Design, Bildredaktion, Programmierung gekümmert – eine One-Man-Show. Und eine Ausnahme.

Für Snow Fall brauchte die New York Times zwei Dutzend Mitarbeiter und drei Monate. An dem Spiegel-Multimedia-Feature Nicht von Gott gewollt, zuletzt mit dem Axel-Springer-Preis gewürdigt, waren neben den beiden Autoren Fotografen, Programmierer und Motion Designer beteiligt (siehe journalist 8/2012). Und wer sich die Liste der Menschen anschaut, die an dem sehenswerten Multimedia-Feature von Zeit Online zur Tour de France mitgearbeitet haben, stellt schnell fest, dass die Kernkompetenz für multimediales Erzählen nicht nur Kreativität und Handwerk, sondern vor allem interredaktionelles Projektmanagement ist.

Und Übersetzen. Denn in den verschiedenen Disziplinen herrschen höchst unterschiedliche Regeln. So erklärte mir jüngst ein externer Programmierer, der Code, den er für ein bestimmtes Projekt geschrieben habe, sei "nicht schön". Eine Kategorie, mit der ich als Journalist nicht viel anfangen konnte. Ist nicht die Hauptsache, dass es funktioniert? Ähnliches fragte sich der Programmierer wohl, als es um letzte stilistische Korrekturen im Text ging und wir kurz vor der Deadline noch eine neue Videosequenz einfügten. Es sind Welten, die voneinander lernen müssen.

Hinzu kommt, dass multimediales Erzählen so nutzungsabhängig ist wie keine andere Form des Journalismus. Einen Radiobeitrag übertragen Digitalradios wie analoge, im Auto oder in der Küche. Fernsehbeiträge kann man sowohl im Fernsehen als auch in der Mediathek anschauen. Doch wenn es um interaktive Anwendungen geht, die Verknüpfung von Video, Text und spielerischen Elementen, wird jede großartige neue Funktion, die das Multimedia-Feature ausmacht, zur Fußangel: Funktioniert es mobil? Werden die Leute es mit einer 3G-Verbindung in der U-Bahn nutzen können? Die Geschichte wiederholt sich: Anfangs waren die Modem-Nutzer, nun die 3G-Nutzer das untere Maß der Dinge.

Also braucht es Menschen, die dieses Maß ausloten. Menschen, die das technisch umsetzen können, was sich Multimediareporter ausdenken. Menschen, die sich mit Aspekten auseinandersetzen, von denen man nicht nur keine Ahnung hat. Sondern noch nicht einmal weiß, ob sie gut, schlecht oder schlicht irrelevant sind. Im Zweifel gilt:

"Vergesst die Blumen am Wegesrand", bläute uns im Volontariat ein WDR-Dokumentarfilmer ein. Was er meinte: Konzentriert euch auf den Weg, erzählt die Geschichte vom Anfang bis zum Ende, lasst Nebenstränge und Spielereien weg. Und das ist auch die wohl wichtigste Lektion des multimedialen Erzählens: weglassen. Als New-York-Times-Grafiker Gonzalez von der Snow-Fall-Produktion berichtete, ließ sich vieles erahnen: Ja, die New York Times hat verdammt viele Leute für solche Projekte. Aha, die Grafiker haben sich also einen eigenen Serverpark zusammengeschaltet, zum Rendern. Vor allem aber: Ach so, der Textautor John Branch hat auf große Teile seiner Reportage verzichtet, um den Grafiken online den nötigen Raum zu schaffen. Nicht Raum im wörtlichen, sondern im dramaturgischen Sinne. Weglassen.

Journalisten sind betriebseitel: Der Videoreporter möchte seine O-Töne und Szenen, diese wunderschönen Schärfeverlagerungen unterbekommen. Der Fotograf ist so stolz auf das Licht und den starken Ausdruck. Der Autor der Text-Reportage ist in jeden Buchstaben verliebt. Der Layouter zieht alle Bilder groß. Der Grafiker erklärt die gesamte Geschichte in einer Grafik. Die ist am Ende auch wundervoll. Aber sie ist schlicht eine Dopplung.

Das NSA-Files: Decoded-Feature ist auch deshalb so gelungen, weil es aus allen Welten nur das zeigt, was nötig ist. Nicht die sechsminütige Videoreportage mit abgefilmten Computerbildschirmen. Sondern 30-sekündige Interviewsequenzen, die sich wie die Titelbilder der verzauberten Zeitungen in den Harry-Potter-Filmen automatisch abspielen und die ausgeschriebenen Zitate elegant ersetzen. Nicht die eine, globale NSA-Erklärgrafik. Sondern jeweils eine Grafik für einen Gedanken. Es gilt das Google-Prinzip, gestalterisch wie inhaltlich: keine übervolle Seite mit vierzehn Unterpunkten, keine Geschichte mit acht Protagonisten. Sondern eine weiße Seite mit einem Eingabefeld. Reduktion auf das Wesentliche. Die Tiefe kommt später.

Wenn wir über gute und schlechte Multimedia-Features diskutieren, wenn wir darüber reden, was funktioniert und was nicht, dann reden wir über die Zukunft des Journalismus. Denn die wird eben auch davon bestimmt, wie wir mit den neuen technischen Möglichkeiten umgehen. Das Internet hat sich längst vom schnellen Nachrichtenmedium zur multimedialen Spielwiese entwickelt, das mobile Netz wird mit zunehmender Bandbreite folgen. Anstatt immer wieder über Krisen und die Schwächen von heute zu reden, sollten wir also mehr über die Stärken von morgen nachdenken. Darin liegt die Chance. Charles Homans, Redakteur beim zu Recht gefeierten Multimediamagazin The Atavist bringt es auf den Punkt: "New technologies are no thread but hope for journalism. We just have to figure out how to use them." Neue Technologien sind keine Bedrohung, sondern eine Hoffung für den Journalismus. Wir müssen nur herausbekommen, wie wir sie nutzen.

Der Autor

Jens Radü leitet das Multimediaressort beim Spiegel. Hier geht es zu seinem Twitter-Account.


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Aktuelle Kommentare zu diesem Text

14.03.2014 16:33

Mirco E.

Ich für meinen Teil finde den Artikel toll. Klar ist er etwas lang, aber dafür umso lehrreicher.

26.12.2013 21:59

Frida B.

Ist das eine Satire? Irgendwo in der Mitte ist der Text so langweilig geworden, dass nicht einmal Querlesen half.

19.12.2013 20:27

Frank M.

Kann leider wenig zu der Geschichte sagen - weil ich nach dem ersten Absatz ins Scrollen gekommen bin und die Lektüre dann abgebrochen habe ... vielleicht, weil mich die "Geschichte" nicht "reingezogen" hat?
"...beim WDR 'großgeworden'..." "...weniger ist mehr..."?
Dann sollte der Autor es wohl verstehen, auf den Punkt zu kommen und den Leser nicht zu "verbleiwüsten". Oder ihn so abholen, dass man Lust hat, weiter zu lesen ... sorry.

 
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