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Autor

Kenny Irby

verfasst am

08.04.2015

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An diesen Bildern bleiben wir online hängen

Schnappschüsse aus sozialen Medien, Leserreporter, die eigene Aufnahmen machen. Wer braucht da eigentlich noch professionelle Bildjournalisten? Jede Redaktion, sagt Sara Quinn, Dozentin am Poynter-Institut. Dafür hat sie wissenschaftliche Belege gesammelt.

journalist: Erzählen Sie uns von Ihrem neuesten Forschungsprojekt.

Sara Quinn: Ich habe mit der National Press Photographers Association zusammengearbeitet, um herauszufinden, wie Menschen mit Bildjournalismus umgehen, was sie auf einem Pressebild betrachten, wie sie Bildunterschriften lesen, was sie schätzen, erinnern und teilen.

Was war Ihr Ziel dabei?

Ich wollte wissen, ob die Leute die Arbeit professionell ausgebildeter Fotojournalisten von nutzergenerierten Bildern unterscheiden können.

Wie sind Sie dabei vorgegangen?

Ich habe 200 Bilder für den Test zusammengestellt. 100 stammen von professionellen Journalisten, die anderen 100 Fotos aus der Öffentlichkeit und waren von verschiedenen Medien übernommen worden. Ich habe die Bilder in zufälliger Reihenfolge mit ihren ursprünglichen Bildunterschriften angeordnet.

Was war die Methodik? Haben Sie die Menschen einfach in einem Raum versammelt? Oder wie haben Sie die Antworten gesammelt?

Ich habe Menschen aus der Region Minneapolis in zwei verschiedenen Altersgruppen rekrutiert. Eine Gruppe war zwischen 18 und 30 Jahren alt, die andere zwischen 45 und 60. Die Hälfte von ihnen waren Männer, die andere Hälfte Frauen. Es wurde also klar zwischen zwei verschiedenen Altersgruppen unterschieden, so wie wir es auch bei anderen Eyetracking-Studien für Poynter gemacht haben.

Wie haben sich Ihre vorherigen Erfahrungen mit Eyetracking auf die Studie ausgewirkt?

Es gibt bestimmte Dinge, die unsere Eyetracking-Untersuchungen im Laufe der Zeit gezeigt haben. Wenn die Menschen sich an ihre Medien setzen, Print, Online, Tablet und so weiter, ziehen Fotos immer Aufmerksamkeit auf sich. Das größte Foto oder die größte Überschrift in einem Layout wird in der Regel als erstes angesehen. Früher haben wir uns also mehr auf Form und Schnittstellen konzentriert. Dieser neue Fokus auf Fotojournalismus ergänzt unser Bild vom Nachrichtenkonsum.

Wie wichtig gute Fotos sind, ist ja bekannt. Was haben Ihre Forschungen darüber hinaus ergeben?

Aus den 200 Bildern der Studie wurden die professionellen Fotos den Amateuraufnahmen vorgezogen.

Ich bat die Teilnehmer, die Qualität der einzelnen Bilder mit 1 bis 5 Punkten zu bewerten. Ich fragte sie auch, wie wahrscheinlich es sei, dass sie die Bilder teilen.

Als wir die Daten analysierten, stellten wir fest, dass die am besten bewerteten Fotografien von ausgebildeten Bildjournalisten stammen. Zudem war es bei den professionellen Bildern doppelt so wahrscheinlich, dass sie geteilt werden würden.

Als ich nach den beeindruckendsten der 200 Fotos fragte, nannten die Teilnehmer ebenfalls professionelle Bilder.

Welche Erkenntnisse sind für Redaktionen interessant?

Bildunterschriften werden sehr aufmerksam gelesen und sind wichtig für Kontext und Verständnis. Eine gut geschriebene oder auch einfach nur ausführlichere Bildunterschrift erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass ein Foto geteilt wird.

Die Unterschriften unter den Profi-Fotos der Studie waren in der Regel gut und ausführlich und bekamen 30 Prozent der Aufmerksamkeit, die ein Bild auf sich zog. Die nutzergenerierten Bildunterschriften waren eher kurz und unvollständig und erhielten entsprechend weniger Aufmerksamkeit.

Gute Bildunterschriften sind also entscheidend dafür, wie viel Aufmerksamkeit ein Bild bekommt. Das hat die Studie deutlich gemacht. Ich habe selbst Dutzende Leser dabei beobachtet, wie sie Dutzende von Bildern betrachteten. Sie wechseln zwischen Bild und Unterschrift hin und her, um eine Ahnung davon zu bekommen, worum es in der Geschichte geht. Verstehen sie, worum es geht, bleiben sie dran.

Welche Erkenntnisse haben Sie noch gewonnen?

Die Menschen hatten sehr unterschiedliche Ansichten von den erzählerischen Qualitäten eines Fotos und davon, wann es wert ist, veröffentlicht zu werden.

Die 52 Menschen in der Studie kamen aus verschiedensten Lebenswelten – ein Bauarbeiter, Hausfrauen, eine Flugbegleiterin, eine Krankenschwester, eine Statistik-Studentin, viele internationale Studenten, Büroangestellte. Als wir anfingen, wusste ich nicht, ob sie sagen würden: "Ein Foto ist ein Foto ist ein Foto", oder ob sie etwas mehr zu sagen hätten über die Fotos, die wir ihnen zeigen wollten.

Sie waren ziemlich konkret, und ihre Kommentare überraschten mich. Sie betonten zum Beispiel, dass es ihnen wichtig sei, an einem Ereignis teilzuhaben und eine Perspektive einzunehmen, die sie sonst niemals kennengelernt hätten. Sie kommentierten auch die technischen Aspekte der Bilder. Und in fast jedem Interview wurde der Bezug zur Geschichte betont.

Welche weiteren wichtigen Erkenntnisse gab es?

Zu 90 Prozent konnten die Teilnehmer sagen, ob ein Foto von einem professionellen Bildjournalisten oder von einem Amateur aufgenommen worden war.

Wie funktioniert das Eyetracking-Gerät?

Wir durften das Eyetracking-Labor der Forscherin Nora Paul und der Schule für Journalismus und Massenkommunikation an der Universität von Minnesota nutzen. Wir haben ein kleines Gerät mit einer unsichtbaren Infrarot-Kamera verwendet, das unter dem Computer-Monitor angebracht ist. Es zeichnet die Augenbewegung des Menschen auf, während er auf den Bildschirm blickt. Im Anschluss sehen wir genau, was die Person zu welchem Zeitpunkt betrachtet hat.

Beim Auswerten dieser Aufnahmen stellte ich fest, dass die meisten Menschen zuerst auf die Gesichter gucken. Und sie interessieren sich besonders für die Interaktionen und Beziehungen zwischen den Menschen auf einem Bild. Sie blicken häufig zwischen den Gesichtern und Körpern der Menschen auf einem Foto hin und her.

Ich konnte auch nachvollziehen, wie viel eine Person von einer Bildunterschrift liest und in welcher Reihenfolge sie die Elemente eines Fotos ansieht.

Welche Tragweite hat die Studie? Soll sie auch Medienunternehmen ansprechen, die Fotografen-Stellen streichen und die Arbeit der Profis durch nutzergenerierte Bilder ersetzen wollen? Was sollte man dort bedenken?

Definitiv wollen wir diese Medien ansprechen. Meine persönliche Meinung nach der Durchführung der Studie: Es gibt zwar Gründe, Leser und Nutzer einzubeziehen, um neue Perspektiven zu erhalten – sei es durch Text oder Bild, O-Töne oder Kommentare aus der Community. Dennoch sind den Menschen Qualität und Kontext des veröffentlichten Materials wichtig, um zu verstehen, was in der Welt passiert.

Vor kurzem veröffentlichte die New York Times eine Reihe von Instagram-Fotos von einem Schneesturm.

Genau, so etwas halte ich für eine interessante Ergänzung – nicht für einen Ersatz journalistischer Bildern.

Ich habe ein anderes Beispiel aus einer Highschool-Publikation: Ein Schüler sammelte Zitate von Schülern, die er spätabends in einer Bibliothek kurz vor den Prüfungen traf und machte auch Fotos von ihnen. Er stellte das auf Snapchat. Es war im Wesentlichen ein visueller Beitrag, eine spontane Umfrage, die in sozialen Medien geteilt wurde, die ein lokales Medium so nicht gemacht hätte.

Es handelte sich natürlich nicht um hochwertigen Fotojournalismus, aber es war auf jeden Fall eine interessante Form der Berichterstattung. Hätte ein Medium das übernommen, hätte es sich um nutzergenerierten Content gehandelt.

Unsere Untersuchungen zeigen, dass die Menschen den Wert des geschulten Auges eines professionellen Fotojournalisten schätzen, der in der Lage ist, Zugang zu einer Geschichte zu finden und die visuelle Perspektive der Berichterstattung einzunehmen.

Wir haben diese Frage auf mehrere Arten untersucht: durch die Bewertung der Qualität, mit Eyetracking, durch die Einschätzung der Wahrscheinlichkeit des Teilens, die Frage nach dem Urheber der Fotos und mit Abschlussinterviews. Die Ergebnisse zeigen ein hohes Qualitätsbewusstsein.

Nutzergenerierter Content macht es möglich, viele verschiedene Perspektiven zu zeigen – aber das ist etwas ganz anderes, als Leserfotos für die gesamte Berichterstattung zu verwenden.

Wenn man sich Fotografie als Kontinuum denkt, mit professionellem Fotojournalismus auf der einen und Schnappschuss-Fotografie auf der anderen Seite: Gibt es dann auch Bilder, die man irgendwo dazwischen verorten müsste?

Natürlich bekommen wir auch mal einen Leserbrief, der so gut geschrieben ist, dass er von einem Profi stammen könnte. Aber das ist nicht die Norm.

Bei welchen Ergebnissen der Studie lohnt es, sich weiter damit zu beschäftigen?

Interessant fand ich, dass die Probanden die professionellen Fotos im Schnitt länger betrachtet haben als die Amateurfotos – im Schnitt doppelt so lange. Sprich: Menschen sind bereit, mehr tendeziell mehr Zeit in professionellen Bildjournalismus zu investieren als in User-generated Content.

Man könnte jetzt sagen: "Na, das habe ich auch erwartet." Aber jetzt können wir das wissenschaftlich belegen. Ich hoffe, dass unsere Studie den Anstoß zu einer konstruktiven Debatte zu dem Thema gibt.

Dieses Interview stammt im Original von der

Website des Poynter-Instituts.

Poynter ist eine gemeinnützige Journalistenschule und Medienforschungs-Einrichtung aus St. Petersburg in Florida. Dem Institut gehört die Tampa Bay Times, die größte Zeitung in Florida, deren Verleger Nelson Poynter die Journalistenschule 1975 gegründet hat.

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