Detail-Informationen

Autor

Ernst-Marcus Thomas

verfasst am

23.06.2011

im Heft

journalist 5/2011

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Radiomoderation

Die verflixten 7

Abgestandene Anmoderationen, unpassende Adjektive, zu wenig Authentizität. Für den journalist hat Radio- und TV-Moderator Ernst-Marcus Thomas aufgeschrieben, was viele Hörfunkjournalisten hinterm Mikrofon falsch machen und worauf es bei einer lebendigen Radiomoderation ankommt.

Sprechen Sie in Bildern

Okay, das ist weder neu noch revolutionär. In jedem Radio-Grundkurs hören wir vom Kino im Kopf, das beim Hörer entstehen soll. Nur: Kaum ein Moderator arbeitet im Alltag bildhaft. Stattdessen die immer gleichen abgestandenen Anmoderationen. Wer mit Bildern arbeitet, zielt den Hörern direkt auf den Bauch. Und genau da gehört die Moderation auch hin. Denn Radio wird keineswegs mit den Ohren gehört. In Sachen Kommunikation in Bildern können wir uns einiges von Greenpeace abschauen: Da werden die Buchstaben der Parole "Nein zu Gen-Pflanzen" mit Bierbänken vor dem Brandenburger Tor geformt und von oben fotografiert. Und in den 80er Jahren schmissen Greenpeace-Aktivisten weiße T-Shirts in die Elbe, um sie später blau wieder herauszuziehen. Greenpeace setzte schon damals auf die Macht der Bilder.

Im Radio müssen wir diese Bilder mit der Sprache und unserer Stimme erzeugen. Also trauen Sie sich, zu beschreiben – vollmundig, aromatisch, detailliert – und spielen Sie dazu mit Ihrem Instrument: der Stimme. Eine sehr schöne Form, um komplizierte Zusammenhänge verständlich darzustellen, ist die Analogie, also der bildhafte Vergleich. Ein Beispiel: In einem Interview mit dem Schweizer Mediendienst Persönlich wird der Ökonom Fredmund Malik im Februar dieses Jahres nach seiner Einschätzung zur wirtschaftlichen Situation befragt – und liefert diese schöne Analogie:


"Um es in einem Bild zu zeigen: Die Beschwingtheit erinnert mich an den Zustand eines Betrunkenen, Hirn und Körper funktionieren zwar noch, sind aber nur noch schwerfällig und unpräzis zu steuern. Der Alkohol im Bild sind die Schulden, die wir (…) aufgenommen haben, um unsere missliche Lage zu überdecken. Für die Regierungen stellt sich die Frage: Sollen wir dem Alkoholiker noch mehr Schnaps geben, also noch mehr Schulden machen, oder mit einer konsequenten Entwöhnung beginnen und die Probleme wirklich lösen? Leider tippen die meisten auf das Erste."

Um im Radio mit der Sprache Bilder zu erzeugen, darf man als Moderator hier und da ein Eigenschaftswort verwenden. Und das bringt uns zum nächsten Punkt ...

Verwenden Sie Adjektive

Im Journalismus sind sie verpönt – und das auch oft zu recht. Im Nachrichtengeschäft haben Adjektive auch nichts zu suchen, aber in der unterhaltenden Radiomoderation kann man sie gezielt einsetzen, um Bilder zu erzeugen. Und dazu brauchen wir eine spezielle Form: das sinnliche Adjektiv.Im Gegensatz zu wertenden Adjektiven (toll, blöde, langweilig) kann man mit sinnlichen Adjektiven im Radio zaubern: rot, salzig, seidig, verbrannt – da passiert sofort etwas im Kopf. Wenn es im Studio nicht einfach nur nach Vanille duftet, sondern nach süßer Vanille, dann haben die Hörer einen Duft in der Nase. Und wenn aus irgendwelchen beliebigen Highheels, rote Highheels werden, dann sehen wir die Schuhe vor unserem geistigen Auge; jeder in seinem ganz persönlichen Bild. Romanautoren arbeiten mit diesem Stilmittel, um Bilder entstehen zu lassen. Und auch in der Popmusik können wir den sinnlichen Adjektiven auf die Schliche kommen. Don Henley, Don Felder und Glenn Frey von den Eagles haben diese Zeilen hier getextet:

"On a dark desert highway, cool wind in my hair Warm smell of colitas, rising up through the air."

Merken Sie was? Nicht einfach nur ein Highway, sondern ein dunkler Wüsten-Highway. Und kalter Wind in meinem Haar. Dann der warme Geruch der Colitas. Das sind die Spitzen der Marihuana-Pflanze; deswegen passt der warme Geruch hier auch so gut. Mit zwei Zeilen wird ein so klares Bild auf die Leinwand gepinselt. Wunderbar auch der Schluss von Hotel California:

"You can check out any time you like, But you can never leave!"

Hat nichts mit Adjektiven zu tun, ist aber einfach so ein schöner Text.

Seien Sie authentisch on air

Was heißt das überhaupt, Authentizität? Für mich bedeutet authentisch, auf dem Sender wie ein Mensch rüberzukommen. Klingt einfacher, als es ist. Denn wir sprechen hier darüber, in einer unnatürlichen Situation (eine Studiosituation ist alles andere als natürlich) natürlich zu wirken. Wie man das als Moderator erreicht, muss jeder für sich herausfinden. Hier nur zwei Tipps, die vielleicht helfen können.

Tipp 1: Stellen Sie sich eine konkrete Person vor, der Sie die Geschichte erzählen. Versuchen Sie niemals, eine „Ansage“ für ein Publikum zu machen. Radio ist ein sehr intimes Medium – viel intimer als das Fernsehen. Die Hörer stehen mit ihrem Sender auf, als Moderator kommen Sie aus dem Duschradio und fahren mit Ihren Hörern im Auto zur Arbeit. Das bedeutet, wir haben es hier mit einer Eins-zu-eins-Kommunikation zu tun. Zwei Menschen sprechen miteinander. Wenn Sie das im Hinterkopf haben, treffen Sie den richtigen Ton.

Tipp 2:
Schreiben Sie nach Möglichkeit keine Moderationstexte auf. Wenn zwei Menschen sich unterhalten, lesen sie sich nichts vor. Nur bei sehr harten Themen und diffizilen Sachverhalten sollten Sie einen vorgefertigten Text ablesen. Aber bei bunten und bekömmlichen Inhalten sollten Sie versuchen, die Geschichte anhand von Stichworten zu erzählen. Wichtig: Der letzte Satz sollte ausgeschrieben sein. Wie der Pilot in seiner Maschine haben Sie dann immer die Landebahn vor Augen. Beim ganz freien Erzählen ohne Schluss kommt man schnell ins Schwafeln. Hier noch mal die Grundregel: Je härter das Moderationsthema, desto mehr schreiben Sie auf.

Leben Sie die Vielfalt der Formen

Das Radio-Universum hat wesentlich mehr zu bieten als immer nur lineare Anmoderationen: "Am Elisabeth-von-Klötenbeck-Gymnasium hat die Schulleitung jetzt eine Öko-Toilette eingeführt. Die Kammern für großes und kleines Geschäft sind dabei getrennt. Udo Hübli berichtet." Also spielen Sie mit allem, was das Radio leben lässt: Geräuschen, Musik, Effekten und vor allem mit dem wichtigsten Instrument: dem Mikrofon. Wärme, Kälte, Nähe, Ferne – je nachdem, wie man das Mikro bespricht, kann man verschiedene Wirkungen erzeugen. Also auch mal weg vom Mikrofon, auf den Fußboden, ans Studiofenster … wenn es zum Thema passt. Hier gilt: Niemals einen Effekt nur um des Effekts willen erzeugen. Und bitte geben Sie das Headset zum Elektroschrott. Damit können Sie die Vielfalt der Formen vergessen, weil der Pinökel immer im gleichen Abstand vor der Nase hängt. Zudem erzeugen Headsets keinen vollmundigen und saftigen Klang, dafür gibt es Studio-Mikros.

Zeigen Sie Haltung

Viele Moderatoren wollen nicht stören oder sich zu weit aus dem Fenster lehnen. Das kann in einigen Fällen auch richtig sein, führt aber dazu, dass man den Hörern nicht in Erinnerung bleibt. Hörer machen sich aber gerne ein Bild von "ihren" Moderatoren. Wer als Moderator Haltung zeigt, kommt quasi dreidimensional aus der Box und wird anfassbar. Auch wenn man damit mal aneckt. Der amerikanische Kult-Moderator Howard Stern wurde damit berühmt, dass er sich in seinen Moderationen als Mensch zu erkennen gibt. Mit dem Effekt, dass die Hälfte seiner Hörer ihn nicht ausstehen kann. Ihn aber trotzdem hört, um sich über Sterns Entgleisungen aufzuregen.

Soweit muss man natürlich nicht gehen. Aber bei Teflon-Moderatoren bleibt einfach nichts hängen. Darum: Fragen Sie sich bei Themen, die Sie moderieren: Welche Haltung habe ich zum Thema? Interessiert mich das Thema? Ist es mir gleichgültig? Regt es mich auf? Welche Empfindung habe ich dem Thema gegenüber? Vielleicht gelingt es, dann und wann, diese Empfindung in der Moderation aufblitzen zu lassen. Aber bitte gut dosieren. Hier gilt das Paracelsus-Motto: "Allein die Dosis macht das Gift." Versuchen Sie, persönlich zu sein, ohne privat zu werden.

Durchbrechen Sie das vertikale Denken

"Radio Rhabarber am Donnerstag. Und Donnerstag ist Kinotag. Wie jede Woche auch heute wieder die Neustarts." Vielleicht ahnen Sie schon, was mit vertikalem Denken gemeint ist. Der britische Kreativitäts-Guru Edward de Bono hat diesen Begriff geprägt und dazu aufgerufen, mit dem "kreativen Sprung" gewohnte Denkbahnen zu verlassen. Auch beim Texten von Moderationen hilft ein kreativer Sprung. Sonst stirbt das lebendige Radio.

Für den kreativen Sprung beim Radio kann folgende Übung helfen: "Radio Rhabarber hier. Frühlingszeit ist Gartenzeit …" Nein, das wollen wir ja gerade nicht. Nehmen Sie also ein Blatt Papier und schreiben Sie als Überschrift "Garten" darauf. Und nun machen Sie eine Brainstorming-Runde. Was fällt Ihnen alles zum Thema Garten ein? Rollrasen, Hecke schneiden, düngen, Schaufel. Das ist die erste assoziative Ebene oder das vertikale Denken. Diese Begriffe fallen den meisten Brainstormern in der ersten Runde ein. Nun nehmen Sie einen Begriff aus der ersten Runde – etwa Rollrasen – und gehen in die zweite assoziative Ebene. Dann kommen Sie vielleicht auf: weg mit dem Rollrasen, Garten zubetonieren und grün anstreichen oder ähnliches. Und daraus könnte nun folgende Moderation entstehen:

"Wie ich Gartenarbeit hasse. Manchmal denke ich: Warum nicht einfach den Garten zubetonieren und alles grün anstreichen. Damit es bei Ihnen nicht so weit kommt, hier unser Radio Rhabarber Gartentipp."

Haben Sie Spaß!

Diese Idee steht zwar an letzter Stelle, ist aber am allerwichtigsten: Haben Sie Spaß beim Moderieren in diesem tollen Medium – und Ihre Hörer werden auch Spaß haben.

Über den Autor

Bild: ddp/Juergen Schwarz

Ernst-Marcus Thomas ist Moderations- und Kommunikationstrainer. Er moderierte unter anderem Radiosendungen im Hessischen und Bayerischen Rundfunk und stand für das ARD-Buffet und den ZDF-Fernsehgarten vor der Kamera. Mehr Infos unter charismedia.ch.

Mehr Texte aus der Redaktionswerkstatt gibt es hier.

Aktuelle Kommentare zu diesem Text

26.06.2011 23:43

Ralf Bauerfeind

Nun, ich kenne einen Sender in dem alle sieben Punkte recht oft umgesetzt werden... http://www.radiox.de NKL-Sender für Frankfurt/M und Umgebung.

26.06.2011 22:27

Uwe Wallner

Hallo und vilelen Dank.
Wir als Bürgerfunker vom "Salsaradio in Bonn" (jeden 2. Freitag eines Monats auf radio bonn) können solche Tipps gut gebrauchen,
um die gute Sendung noch besser und beliebter zu machen.

24.06.2011 15:12

Vera Bunse

Kam wie gerufen - schlage mich genau damit gerade für die Journalistenschule rum :)

24.06.2011 11:53

Klaus Mueller

Danke. Ich bin Radiofan, höre schon mein ganzes Leben Radio. Inzwischen nur noch Kultur-Radio, Deutschlandfunk und Deutschlandradio-Kultur. Und bestimmte Sendungen in der Nacht bei Radio Eins in Berlin. Hier, in der Spitze des deutschen Radios, hört man (Punkt 2) durchaus Adjektive, oder besser: man hört ein Adjektiv und zwar andauernd:"spannend". Jeder Pups ist bei den Moderatoren aber auch bei den interviewten Galeristen, Büchervollschreibern, Filmdrehern, Veranstaltern, Musikern ... immer, na was wohl? = spannend. Das sind dann die gleichen Erwachsenen, die sich über doofe Jungendsprache aufregen: geil, cool, fett.

 
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