Detail-Informationen

Autor

Johannes Schweikle

verfasst am

25.07.2010

im Heft

journalist 5/2010

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Dieser Text erschien auch gedruckt in der Mai-Ausgabe des journalists

Reportage-Werkstatt

7 Goldene Thesen für Reporter

Im inoffiziellen Ranking der journalistischen Darstellungsformen gilt sie als höchste und kunstvollste – gerade weil sie keinen strengen Regeln folgt. Trotzdem kann man bei einer Reportage viel falsch machen. Sieben Thesen helfen, häufige Fehler zu vermeiden.

Wenn die Reportage zum Thema wird, ist schnell von der Königsdisziplin des Journalismus die Rede. Das klingt großartig, nach Ruhm und Ehre. Und lenkt von einer Schwierigkeit ab. Der Glanz dieses schillernden Ehrentitels überstrahlt die ungelösten Fragen: Was genau ist eine Reportage? Welche Regeln gelten für diese Gattung?

Die Reportage ist eine offene Form. Sie wird sich nie in eine umfassende, abschließende Definition pressen lassen. Die Grenzen zwischen Handwerk und Kunst, zwischen Journalismus und Literatur sind hier fließend. Dieses Genre lässt sich also nicht mit ein paar Grundregeln einzäunen. Aber man kann versuchen, dem Reporter Orientierungshilfen mit auf den Weg zu geben. Dazu sollen die folgenden sieben Thesen dienen. 

Eine Reportage schreiben heißt eine Geschichte erzählen.

Viele Reporter scheitern, weil sich ihre Themenidee in einer Ortsangabe erschöpft: Bahnhofsmission, Tierheim, Lokführerstand. Sie vergessen die Frage: Bieten diese Schauplätze mehr als ein paar lose aneinanderzureihende Beobachtungen? Ist dort mehr zu holen als Fakten und Zitate? Lässt sich das, was Menschen dort tun und erleben, zu einer Geschichte verdichten?

Der Weg ins Tierheim lohnt sich erst dann, wenn der Reporter zum Beispiel erzählen kann, mit welch überzogenen Erwartungen an Tierliebe die Mitarbeiter dort konfrontiert werden. Sie werden beschimpft, wenn sie sich weigern, eine plattgefahrene Taube von der Straße zu kratzen und würdig zu beerdigen. Um solche Geschichten aufzuspüren, braucht es die Vorrecherche.

Die Reportage ist sinnlich.

Der Reporter lässt den Leser an einem Geschehen teilhaben. Sehen und hören, riechen und fühlen – die Sinneseindrücke des wirklichen Lebens schlagen sich in der Reportage nieder. Der Reporter beschreibt einen Schauplatz so plastisch, dass der Leser das Wasser plätschern hört.

Ein Missverständnis der Sinnlichkeit besteht darin, die Farbe der Krawatte des Ministerpräsidenten zu beschreiben. Oder das Menü beim Gipfeltreffen – es gibt auch Kalbsfilet mit Morcheln, wenn sich die Teilnehmer nicht über den Klimaschutz einig werden. Die Kunst besteht darin, solche Details zu beschreiben, die das Besondere und Einmalige einer Situation ausmachen. 

Übrigens: Der Reporter kann nur sinnlich erzählen, wenn er Augenzeuge war. Er muss sich aus der Redaktion hinaus ins wahre Leben begeben, erst dann kann er schreiben. Da helfen kein Archiv und keine Internetrecherche – eine kalt geschriebene Reportage ist Betrug.

Die Reportage hat den Ehrgeiz, ein kleines Stück dieser Welt genauer zu erklären.

Sie braucht keine Enthüllung und keinen Scoop. 

Sie will keinen Überblick über ein Großthema wie die Bildungspolitik geben. Aber sie kann zeigen, wie es in der neunten Klasse einer Hauptschule in Hamburg-Mümmelmannsberg zugeht.

Schon vor der Recherche muss der Reporter wissen: Welche Geschichte will ich erzählen?

"Ich gehe zur Seemannsmission. Dort treffe ich bestimmt spannende Typen. Über die schreibe ich dann." Wer so loszieht, stolpert höchstwahrscheinlich in eine belanglose Reportage. Und findet keinen Fokus für seine Geschichte. Doch dieser zeichnet eine gute Reportage aus: Sie wird unter einem ganz bestimmten Blickwinkel erzählt, sie konzentriert sich auf eine These.

Der Fokus hilft einer Reportage, tiefer zu schürfen. Das gelingt, wenn der Reporter sich mit einer Vorrecherche vorbereitet hat: Er hat sich eingelesen, mit Betroffenen und Experten geredet. Erst dann macht er sich auf den Weg zur eigentlichen Recherche. Denn auch für den Reporter gilt: Man sieht nur, was man weiß.

Der Reporter zieht mit einer Hypothese los. Er ist bereit, diese notfalls der Wirklichkeit anzupassen.

Selbst wenn der Reporter von Europas wichtigstem Magazin kommt: Wenn er sich weigert, die Erkenntnisse seiner Vorrecherche infrage zu stellen, kann er kein aktuelles Bild der Welt zeigen. Wenn er sich nicht traut, der Erwartung des Chefredakteurs oder dem Briefing des Ressortleiters zu widersprechen, ist seine Reportage ein Alibi. Wer nicht mehr staunen kann, soll am Schreibtisch bleiben.

Die Reportage ist subjektiv.

Seit dem griechischen Geschichtsschreiber und Völkerkundler Herodot (circa 485 bis 425 vor Christus) hat sich am Verfahren nichts Wesentliches geändert: Einer zieht aus in die Welt, schaut sich an einem exotischen Ort um und schreibt darüber. Weil er das nur mit seiner ureigenen Wahrnehmung und seinem individuellen Temperament tun kann, muss die Reportage zwangsläufig subjektiv sein – und genau darin liegt ihre Stärke. Der exotische Ort muss sich übrigens nicht zwingend auf einem fernen Kontinent befinden – der kann auch im Hinterhof oder bei Ikea sein.

Missverständnis I: Der Reporter erfindet/verfälscht/unterschlägt Fakten, damit seine Erzählung stimmiger oder interessanter wird.

Missverständnis II: Der Autor missbraucht die Subjektivität der Reportage zur Nabelschau. Er glaubt, es ginge um ihn. Dabei ist er nur der Bote, der zur Erkundung ausgesandt wird.

Die Reportage hat einen Standpunkt. Sie darf kämpferisch sein, aber sie verzichtet auf platte Wertungen.

Ja, der Reporter darf Thomas Gottschalk zum Kotzen finden. Er darf das nur so nicht schreiben. Er muss bei seiner Recherche Zitate und Szenen aufspüren, die er so in seiner Geschichte aufschreibt, dass der Leser denkt: Der ist zum Kotzen. Die Kunst besteht darin, genau zu beschreiben. Und dem Leser Platz im Kopf zu lassen, dass er seine eigenen Urteile fällen kann. Kommentare des Autors haben in einer Reportage nichts verloren.

So geht es.

"05.40 Uhr. Tom hat Geburtstag und Frau Mockert lächelt. Sanft und friedlich, 17 Minuten schon. 05.23 Uhr wird der Arzt später auf ihren Totenschein schreiben, Herzversagen im 81. Jahr. ,Scheiße‘, sagt Tom, Frau Mockert war eine liebe Patientin. Frisches Hemd, Gebiss raus, bevor die Totenstarre einsetzt. Pfleger kommen. Der Zinkwanne sieht Tom nicht nach. Frau Mockert ist ausweislich einer roten Karte am großen Zeh jetzt Nummer 240817 B-619 und die achte Tote in Toms siebtem Monat Zivildienst. ,Ist halt eine Krebsstation‘, sagt er müde und nimmt die Schultern hoch."

Dem Volontär, der an der Akademie für Publizistik in Hamburg diese Reportage über einen Zivildienstleistenden geschrieben hat, ist ein packender Einstieg gelungen: Er legt eine Fehlspur, weckt damit die Neugier des Lesers. Und führt ihn ohne Vorgeplänkel mitten hinein ins Geschehen.

 

"Auf einem schlichten, schon von sehr vielen Messern bearbeiteten Holzbrett breitete sich vor einem ein ganzes steirisches Himmelreich aus. Das Verhackerte, ein durch den Fleischwolf gedrehter Räucherspeck mit nicht minder würzigem Grammelschmalz. Der Salat aus Käferbohnen mit Zwiebelringen und Kernöl, herzhaft und scharf und nussig in einem Bissen. Das Bauernbrot, die Kürbiskerncreme, der Paprikaaufstrich, die Eier, der Käse, die Gurken, die Paradeiser (der viel passendere Name für diese Tomaten). Das fein geraspelte weiße Gemüse entpuppte sich nach der ersten großen Gabel als teuflisch scharfer Meerrettich, Kren sagen sie hier dazu."

Die Autorin dieser Reisegeschichte aus der Steiermark (Merian) schafft es, dem Leser das Wasser im Mund zusammenlaufen zu lassen. Sie hat eine schlichte Brotzeit genau erfasst und sinnlich beschrieben.

 

"Ein paar Tage später erscheinen die Kutzners zu einem der regelmäßigen Treffen mit der Psychologin Ursula Ottmar. Diese nimmt den Auftritt in der Aktuellen Schaubude zum Anlass, die Familie nun sehr dringend zu bitten, den Kontakt zu den Medien einzustellen. Die Kutzners sagen, sie seien einverstanden. Keine Interviews mehr. Versprochen, sagen sie. Und gehen eilig nach Hause. Dort wartet das SZ-Magazin."

Dieser Schluss der Geschichte über den Irrweg einer Familie durch die Talkshows (SZ-Magazin) überrascht. Die Geschichte endet mit einer unerwarteten Wendung.

So geht es nicht.

"Gerade in diesen turbulenten Tagen des Jahreswechsels, in denen das Fahnden nach glaubwürdigen Jahresabschlüssen und Ausreden für vergessene Weihnachtsgrüße für Unbill sorgt, weiß der hanseatische Mann von Welt Labsal ganz besonders intensiv zu genießen. Ein gutes Gespräch unter Gleichgesinnten, noch aufgewertet durch dickflüssigen Port und eine feinwürzige Tabakwolke, pflegt Ungemach zu vertreiben. Tief in einen kuscheligen Ledersessel versunken, lässt es sich gar exzellent in höhere Sphären schweben. Sei es auch nur bei einem erquickenden Nickerchen auf des Diwans weicher Weite."

Bei diesem Einstieg in eine Reportage über Europas ältesten Herrenclub (Hamburger Abendblatt) schwadroniert der Autor. Er bleibt im Allgemeinen, statt dem Leser konkrete Bilder vor Augen zu führen.

 

"Auf einer Bank… nun das lange aufgeschobene Geständnis, es fällt nicht leicht so einem Mann gegenüber, aber mal muss es raus, jetzt: ,Meine Lieblingsschokolade ist die Nussbeißer von Aldi, immer schon und nie anders.‘ Matthey schaut, er will nicht unhöflich werden, und wir wenden uns besser wieder anderen Themen zu."

Da darf der Reporter (Weser-Kurier) einem begnadeten Chocolatier über die Schulter schauen, der virtuos mit Kakao aus Grenada und Urwaldpfeffer aus Indien hantiert – und drängt sich selbst mit dieser banalen Mitteilung ins Blickfeld. Sein unnötiges Geständnis trägt nichts bei zur Geschichte, hier handelt es sich um ein Missverständnis von Subjektivität.

 

"Wieder zu Hause, Harry ist nach Patagonien aufgebrochen, und mir will ein Fazit der Reise schwer gelingen. Vielleicht könnte es so lauten: Ich habe eine Welt kennengelernt, in der ganz einfache Begriffe wichtig wurden: Wind und Kälte, Nahrung und Feuer, Ausdauer und Erschöpfung. Ich kannte jene Welt nicht. Dass ich sie nicht als Vorstellung, sondern praktisch erfahren habe, gibt mir Gelassenheit. Harry sei Dank."

Dieser Schluss einer Reisereportage (Die Zeit) verfehlt die Gattung. Ein Leitartikel kann mit einem Fazit enden, nicht aber eine Geschichte. Die braucht einen erzählerischen Schluss.

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