Detail-Informationen

Autor

Benjamin O’Daniel

verfasst am

09.07.2013

im Heft

journalist 7/2013

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Von Wiwo bis taz: So nutzen Redaktionen ihre Twitter-Kanäle. (Bilder: journalist)

Twitter

Bei uns geht das so

Wie Redaktionen ihre Facebook-Kanäle bespielen, steht in Teil eins unserer Social-Media-Serie. In Teil zwei geht es um Twitter. Also um Follower, Retweets und Hashtags. Der journalist zeigt an fünf Beispielen, wie Medien mit ihrem Twitter-Kanal umgehen.

Wirtschaftswoche

twitter.com/wiwo

"Starre Regeln helfen nicht"

Mittags um 12 Uhr ist bei der Wirtschaftswoche #Lunchtalk angesagt. Per Videochat-Konferenz spricht Franziska Bluhm mit einem Experten über ein bestimmtes Thema. Der Talk dauert 15 Minuten und wird live im Netz übertragen. Die Zuschauer stellen über Twitter Fragen und haben so Einfluss auf den Verlauf des Gesprächs. "Twitter ist für uns hauptsächlich ein Kommunikationskanal. Und das Angebot wird von unseren Lesern gerne angenommen", sagt die Chefredakteurin von Wiwo Online. Für das jeweilige Fachthema sucht sie sich entweder einen externen Spezialisten oder spricht mit einem Kollegen aus dem eigenen Haus. So zeigt die Redaktion regelmäßig ihr Gesicht.

Vom Lunchtalk profitieren besonders die Redakteure, die bei Twitter einen eigenen Account haben. Denn der zentrale Wiwo-Account hat mehr als 60.000 Follower, und die Onlineredaktion verlinkt natürlich per "@" auf den aktuellen Gesprächspartner. Ein Muss ist der eigene Twitter-Account aber nicht, schließlich stehen die Kompetenz und das Gespräch im Mittelpunkt. Etwa jeder dritte Wiwo-Redakteur sei bei Twitter angemeldet, sagt Franziska Bluhm. Sie freut sich über jeden weiteren Kollegen, den sie überzeugen kann. "Wir sind alle journalistische Persönlichkeiten. Jeder hat Fachthemen und eine eigene Stimme. Durch Twitter können wir dies nach außen sichtbar machen. Und die Kollegen sind dadurch einfacher ansprechbar."

Die Message an die Leser: Hinter jedem Text, ob online oder offline, stehen Profis, die für Hintergründe, Analysen und Meinungen verantwortlich sind. Das Magazin menschelt, baut online Beziehungen zu seinen Lesern auf. Einzelne Redakteure – wie Michael Kroker, der über die Hightech- und Medienwelt schreibt – haben selbst mehrere tausend Follower. Kroker nicht zuletzt, weil er ein eigenes Wiwo-Blog schreibt und darin auf interessante Quellen und andere Wirtschaftsblogs verlinkt. Seine und andere Artikel landen regelmäßig beim Blog-Aggregator rivva.de und sorgen so für mehr Besucher auf der Webseite. Für Schwung sorgt auch Chefredakteur Roland Tichy, der selbst begeistert Twitter nutzt.

Viele Wiwo-Redakteure spielen zwar mit dem Gedanken, bei Twitter aktiv zu werden, wissen aber nicht genau, wie sie vorgehen sollen. Auf Schulungen im Haus kommt häufig die Frage nach Regeln auf, wie und was man veröffentlichen sollte. Aber genau das will Franziska Bluhm niemandem vorschreiben: "Starre Regeln helfen nicht. Da muss jeder nach seinem Gefühl vorgehen."

dpa

twitter.com/dpa

"Wir geben uns bewusst zurückhaltend"

Beim Boston-Attentat dauerte es nur Sekunden, bis die ersten Tweets veröffentlicht wurden. Augenzeugenberichte, Fotos, Polizeimeldungen, Medienbeiträge – unter dem Hashtag #BostonMarathon raste alles durch. Für die dpa-Redakteure eine Herausforderung: Auf der einen Seite wird von Deutschlands größter Nachrichtenagentur erwartet, dass sie extrem schnell Informationen liefert. Auf der anderen Seite müssen die Inhalte richtig sein. "Twitter war in diesem Fall ein schneller zusätzlicher Kanal, um an Informationen zu kommen. Die Polizei und die Medien haben über Twitter auf aktuelle Meldungen verlinkt, die auf ihren offiziellen Seiten standen", sagt Christian Röwekamp, Pressesprecher der dpa.

Mit Tweets von Privatpersonen gingen die Redakteure dagegen deutlich zurückhaltender um. Sie wurden zwar als Recherche-Ansatz genutzt, flossen aber nicht direkt in die Berichterstattung ein. "Twitter ist keine grundsätzlich valide Quelle, was man auch daran sieht, dass nach dem Attentat Bilder von falschen Verdächtigten im Netz florierten. Man muss falsche von richtigen Informationen auch bei Twitter trennen."

Aus Tweets von deutschen Politikern zitiert die Nachrichtenagentur mittlerweile regelmäßig – wenn die Quelle als authentisch bekannt ist und die 140 Zeichen plausibel klingen. "Beim geringsten Zweifel checken wir die Informationen gegen", sagt Röwekamp. Dass die dpa-Redakteure in der Lage sein sollten, mit Twitter und anderen sozialen Plattformen umzugehen, ist ausdrücklicher Wunsch der Chefredaktion. "Es gehört zum Handwerkszeug, so wie Telefon, Fax und E-Mails." Seit diesem Jahr gibt es zu diesem Thema auch eine Betriebsvereinbarung.

Auf dem eigenen Twitter-Kanal gibt sich dpa allerdings bewusst zurückhaltend. Schließlich versteht man sich als Dienstleister für Verlage und will in den sozialen Netzwerken nicht in Konkurrenz zu ihnen treten. Nachrichten werden grundsätzlich nicht auf Twitter, sondern in dpa-Diensten veröffentlicht. Anschließend wird regelmäßig über Twitter auf Kundenseiten verlinkt oder deren Tweets retweetet, wenn dahinter dpa-Berichte stehen.

Anfang Juni hat dpa erstmals den Twitter-üblichen Hashtag auch in die Metadaten von Bildern und Texten aufgenommen. Für die Bundestagswahl steht etwa der Hashtag #btw13 in den Schlagwörtern. So möchte dpa seinen Kunden das Suchen quer über alle Plattformen erleichtern. Allerdings gelte diese Regelung nur für Großereignisse. Denkbar sei dies auch bei Olympia oder der Fußball-WM, so Christian Röwekamp. "Wir wollen nicht an unserem Neutralitätsanspruch kratzen. Hashtags aus der Werbewirtschaft oder von politischen Kampagnen werden es nicht in die Stichwortzeile schaffen."

Hannoversche Allgemeine Zeitung

twitter.com/HAZ

"Die Follower helfen uns"

Die Entscheidung der hannoverschen Stadtverwaltung fiel morgens um 7.30 Uhr. Der autofreie Sonntag wurde wegen einer Unwetterwarnung abgesagt, alle Straßensperren wurden aufgehoben und wieder für den Autoverkehr freigegeben. Die Nachricht darüber verbreitete sich in Minutenschnelle – ausgehend von den Twitter- und Facebook-Kanälen der Hannoverschen Allgemeinen (HAZ). "Die Nachricht wurde rasend schnell retweetet und auf Facebook geteilt", sagt Hannah Suppa, die die HAZ-Digitalangebote koordiniert. Die Absage der Großveranstaltung ist für sie nur ein Beispiel von vielen, wie die HAZ ihren Lesern Service per Social Media in Echtzeit bieten kann.

Die Website, Social-Media-Kanäle und Apps der HAZ werden an sieben Tagen die Woche von 7 bis 23 Uhr betreut. Sechs Digitalredakteure und einige freie Mitarbeiter sorgen dafür, dass der Betrieb läuft. Vom HAZ-Leserforum, einer Diskussionsreihe der Zeitung, werden etwa live die knackigsten Zitate getwittert. Und wenn die Sportredaktion wieder einen frischen Blogeintrag für das hauseigene Hannover-96-Blog geschrieben hat, findet sich der Link auf allen sozialen Kanälen. Ein kritischer Kommentar zu Heidi Klums Topmodel-Show wurde sogar mehr als 30.000-mal geteilt – vor allem auf Facebook. Ein Spitzenwert, mit dem die HAZ in den Social-Media-Charts bei 10.000 Flies auf Rang eins stand.

Wer durch die Twitter-Timeline scrollt, erkennt schnell: Die HAZ nimmt Hinweise entgegen, verweist auf relevante Infos und bindet die Leser in Diskussionen ein. Als vor einiger Zeit wegen einer Bombenräumung 17.000 Menschen ihre Häuser verlassen mussten, teilten die Follower der Zeitung mit, wann eine Straße wieder frei zugänglich war. "Eine große Hilfe", sagt Hannah Suppa.

Im Frühjahr 2012 hat die HAZ auf Paid Content umgestellt: Premium-Inhalte bleiben online den zahlenden Kunden vorbehalten. Die Redaktion entscheidet, welche Nachrichten hinter der Bezahlschranke liegen und welche nicht. "Als wir zu Beginn über Twitter und Facebook auf Abo-Angebote verlinkt haben, gab es viel Kritik", erinnert sich Hannah Suppa. Denn letztlich trommelten die Onliner für Artikel, die nicht frei verfügbar waren. Die Redaktion reagierte und schrieb hinter die Links "Abo-Artikel", um Transparenz herzustellen. Aber auch das sorgte für Unmut. Die Tweets mutierten zur Abowerbung – zumindest aus Sicht mancher Leser. Mit einem Relaunch im vergangenen Monat hat die HAZ das Modell modifiziert. Wer über die sozialen Kanäle auf die Seite kommt, kann 20 Artikel frei lesen – auch die Abo-Artikel. Erst danach kommt der Bezahlhinweis. "Denn am Ende bleibt es dabei: Unsere Leistung hat auch einen Preis", sagt Suppa.

DRadio Wissen

twitter.com/DRadioWissen

"Wir kommen auf den Punkt"

Für die meisten Hörer von DRadio Wissen ist Twitter nicht irgendwas für Nerds. Es ist ihr zweites Zuhause. "Wir wissen durch Studien, dass unsere Hörer extrem netzaffin sind und nah dran an den sozialen Medien. Wir werden auch überwiegend online gehört", sagt Anja Stöcker, Redaktionsleiterin Online und Social Media. Die drei Säulen Twitter, Facebook und GooglePlus sind dementsprechend fest im Redaktionsalltag verankert. Ein Social-Media-Dienst sitzt mit in den täglichen Redaktionskonferenzen, berichtet über aktuelle Stimmen aus dem Netz und begleitet die Sendungen. Zwischen 5 und 21 Uhr ist der Dienst besetzt. Ob und wie stark die Hörer über Twitter eingebunden werden, hängt vom Thema ab. Sendungen wie der Online-Talk haben eine eigene starke Community, da ist es selbstverständlich, dass sich die Hörer an der Sendung beteiligen.

Welche Tweets funktionieren gut und welche nicht? Diese Frage ist gar nicht so einfach, sagt Anja Stöcker. "Früher dachten wir: Hauptsache digitale Themen. Aber so läuft es nicht." Zum Beispiel bekam ein schnoddriger Tweet übers notorisch schlechte Wetter im Mai am meisten Retweets. Gefolgt von einer flotten Ankündigung: "Wir sind die Borg! Sie werden verbessert werden. Unser Tagesthema heute: #Transhumanismus." Wenn ein sperriges Thema durch einen witzigen Dreh aufgepeppt wird, danken die Follower es mit Retweets und Favorites. "Twitter ist ein sehr schönes Tool, um zu lernen, wie man sofort auf den Punkt kommt", sagt Anja Stöcker.

Dass die Hörer nicht nur bei Twitter, sondern auch bei GooglePlus stark verankert sind, hat die Redaktion im vorigen Jahr erfahren. "Wir wollten unseren Kanal auf GooglePlus schließen, um unsere Kräfte auf Twitter und Facebook zu konzentrieren. Aber wir haben die Situation falsch eingeschätzt“, erinnert sich die Onlinechefin. Sofort brach ein kleiner, aber energischer Protest los. Manche aus der GooglePlus-Community erklärten den Redakteuren sogar in Blogbeiträgen, wie man den Kanal besser bespielen könne. Noch am gleichen Tag entschied sich die Redaktion wieder anders und ließ den Kanal bestehen.

Für dieses Jahr ist noch ein Relaunch der Website geplant. Dann will DRadio Wissen noch konsequenter als Webradio und auf mobile Geräte ausgerichtet sein. Die netzaffinen Hörer wird es freuen.

taz

twitter.com/tazgezwitscher

"Es ist tagesformabhängig, wie ernst oder witzig wir sind"

Nachrichten, Kollegenzitate, YouTube-Videos. Auf @tazgezwitscher, dem Hauptkanal der taz, geht es deutlich lockerer zu als bei der Konkurrenz von Zeit und FAZ. Wahrscheinlich liegt @tazgezwitscher deswegen mit mehr als 115.000 Followern vor anderen Newskanälen wie @SpiegelOnline oder @FAZ_Topnews, vermutet Daniél Kretschmar, einer von mehreren Chefs vom Dienst für den Online-Auftritt. Dabei läuft Twitter eher nebenbei und ohne größere Vorgaben. Verantwortlich ist der jeweilige Online-CvD des Tages. „Es ist tagesformabhängig, wie ernst oder witzig wir auf Twitter sind“, sagt Kretschmar.

Nachrichtliche Tweets gehen ohne große Mühe von der Hand – schließlich sorgen schon die Printkollegen mit Vorliebe für zugespitzte Überschriften wie "Yetifrei und Spaß dabei" (zur Mount-Everest-Erstbesteigung). Etwa jeder dritte Artikel wird über Twitter angeteasert. Zwischen den News gibt’s auch mal einen lockeren Spruch: "Es ist so weit. Die ersten Kinder werden an Autoraststätten vergessen. Das #Sommerloch ist da." Oder: "KollegInnenzitat des Tages: Die Fakten überprüfe ich nicht, ich bin doch nicht die Spiegel-Dokumentation!" Besonders samstags driftet @tazgezwitscher gerne ab. "Da betreut ein Kollege alleine die Onlineseite. Die mangelnden Streitereien am Desk werden offensichtlich durch Twitter-Gespräche ersetzt", sagt Daniél Kretschmar.

"Man liest sofort, dass hier kein automatisierter Bot am Werk ist, sondern ein Mensch“, sagt Kretschmar. Auch andere Redakteure wie das taz-Bewegungsteam, das über soziale Bewegungen berichtet, oder das taz-Hausblog haben Zugriff auf den Hauptaccount. Sie geben dem Online-CvD kurz Bescheid, bevor sie etwas twittern. Bis zu fünf Personen greifen an manchen Tagen auf den Account zu. "Natürlich leidet darunter manchmal die Dramaturgie", sagt Kretschmar. Zum Beispiel, wenn innerhalb weniger Minuten mehrere Tweets rausgehauen werden und danach erst einmal Funkstille ist. Die Follower scheint es nicht zu stören. Der Kanal wächst stetig.

Auf die Idee, den Beitrag Bei uns geht das so (Facebook) mit einer Geschichte fortzusetzen, die den Blick auf den Umgang von Redaktionen mit Twitter richtet, brachten uns Leser vor einem Monat. Und direkt danach erreichten uns zahlreiche Tipps, welche Redaktionen sich Benjamin O'Daniel denn dabei anschauen könnte. Julia Schweizer empfahl zum Beispiel das @tazgezwitscher, Sebastian Ziegler die Kollegen von @wiwo. Beide haben es in unsere Auswahl geschafft. Vielen Dank!

Der Autor

Benjamin O’Daniel arbeitet als freier Journalist in Köln. Hier geht es zu seiner Website – und hier zu seinem Twitter-Account.

Die Juli-Ausgabe des journalists ist erschienen. Hier geht es zum E-Paper.

Titelthema: Der neue Journalismus. Anders schreiben, anders sehen, anders mitmachen.

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