Detail-Informationen

verfasst am

03.12.2015

im Heft

journalist 12/2015

#vergessen

"Ein viel zu ähnlicher Blick auf die Welt"

Manche Themen werden von Medien links liegen gelassen. Hektor Haarkötter, Leiter der Initiative Nachrichtenaufklärung (INA e.V.), erklärt warum.

journalist: Warum werden Themen von den Medien vergessen?

Hektor Haarkötter: Der Weg vom Ereignis zur Tatsache zur Meldung zur Nachricht ist komplex. Da gibt es viele Störquellen: Journalisten haben häufig Scheuklappen, sie arbeiten unter hohem Zeitdruck und oft fehlt es an Ressourcen. Außerdem wäre den Redaktionen mehr Diversity zu wünschen: Zu viele Journalisten mit ähnlichen Biografien haben einen viel zu ähnlichen Blick auf die Welt.

Vielleicht sind manche Themen einfach nicht wichtig genug?

Im Gegenteil! Häufig verstellen "Junk News" den Blick aufs Wesentliche: Medien sind so voll mit boulevardesken Nichtigkeiten, dass schlicht zu wenig Platz für Relevantes ist. Wir leiden im Grunde an Nachrichtenmüllverstopfung.

Wenn Redaktionen ein Thema übersehen, heißt es heute im Zeitalter von Social Media ja nicht, dass es nicht in die Öffentlichkeit kommen kann ...

Absolut richtig. Die Initiative Nachrichtenaufklärung fragt aber danach, ob die wirklich relevanten gesellschaftlichen Themen auch von einem Großteil der Bevölkerung wahrgenommen werden können. Und diese Wahrnehmung erfolgt nach wie vor über die klassischen Massenmedien.

Das erste Thema, das Sie den journalist-Lesern präsentieren, stand 2015 auch auf Ihrer "Top-Ten"-Liste. Ist die Überwachung in Skigebieten trotzdem noch vernachlässigt?

Ja. Wir erregen mit unserer Top Ten der vernachlässigten Themen zwar durchaus Aufmerksamkeit. Aber das landet dann gerne auf der Panorama-Seite als Kuriosum des Medienbetriebs. Unsere Geschichten gehören aber ins Politikressort und sollten weitererzählt und weitergedreht werden.

Wie viele vergessene Themen recherchieren Sie jedes Jahr?

Jeder kann über unsere Website derblindefleck.de Themen einreichen. Das passiert etwa 300-mal im Jahr. 100 Vorschläge werden dann von studentischen Rechercheteams an verschiedenen Hochschulen  recherchiert. Am Ende bleiben rund 30 ausrecherchierte Berichte mit vernachlässigten Geschichten, aus denen die Jury dann die Top Ten wählt.

Wie können Journalisten sich bei der INA beteiligen?

Wir sind darauf angewiesen, dass auch Journalisten uns auf Themen hinweisen. Das können zum Beispiel Themen sein, die sie in keiner Redaktion losgeworden sind. Aber wir unterstützen Journalisten auch bei der Recherche.

Mehr zum Thema

Hier geht es zurück zur Übersichtsseite #vergessen, auf der wir jeden Monat ein Thema vorstellen, das in den Medien zu kurz kommt.

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