Detail-Informationen

Autor

Marcus Bösch

verfasst am

17.03.2015

im Heft

journalist 2/2015

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Beim ersten Startversuch krachte die Drohne in die Wohnzimmerlampe von Marcus Bösch. Das ist gut drei Jahre her. Inzwischen sehen seine Flugversuche gekonnter aus. Für den journalist hat Bösch sein Drohnenwissen auf Papier gepackt. 5 Fragen, 5 Antworten, 5 Lesetipps.

Warum soll ich mir eine Drohne zulegen?

Die prägnanteste Antwort auf diese Frage steht in einem Artikel der Columbia Journalism Review vom Mai 2014. Sie lautet: Drohnen sind günstig, einfach zu bedienen und werden Redaktionen umkrempeln. Geschichten könnten auf ganze neue Art erzählt werden. Dabei werden sie den Journalismus revolutionieren wie einst Smartphone und Twitter. Wer sich also für eine neue und möglicherweise relevante Spielart des Journalismus im 21. Jahrhundert interessiert, der sollte sich mit der Thematik auseinandersetzen.

Dass unbemannte Fluggeräte in naher Zukunft eine noch viel größere Rolle spielen werden, gilt als unstrittig. Dass Drohnen auch außerhalb des militärischen Kontextes für Dinge wie Warenlieferungen, Messungen und Aufnahmen zum Einsatz kommen, zeigen Beispiele wie der DHL-Paketkopter, der Päckchen auf eine Nordseeinsel fliegt, oder das mit Hilfe einer Drohne erstellte 3D-Modell einer Müllkippe in Nairobi.

Welche Möglichkeiten Drohnen für den Journalismus bieten, wird seit 2011 am Drone Journalism Lab der University of Nebraska-Lincoln und seit 2013 auch im Drone Journalism Program der University of Missouri erforscht. Daneben gibt es zahlreiche Beispiele von Journalisten weltweit, die die neuen Möglichkeiten austesten und erforschen. Der ehemalige Chefredakteur des US-amerikanischen Technologiemagazins Wired, Chris Anderson, hat gleich ganz umgesattelt, das Magazin verlassen und eine Firma gegründet, die Drohnen und Bauteile für Drohnen verkauft.

Zum Weiterlesen ...

Drones Offer Journalists a Wider View (New York Times, 23. November 2013)

Was machen andere mit ihren Drohnen?

Film- und Fernsehproduktionen setzen Drohnen bereits seit Jahren ein. Für Aufsehen sorgte das Schweizer Fernsehen noch 2012, als es einen Multicopter zur Berichterstattung bei einem Skiabfahrtsrennen starten ließ. Inzwischen sind Drohnenaufnahmen bei der Sportberichterstattung üblich. Und auch in nahezu jedem ARD-Tatort kommen solche Bilder zum Einsatz.

Die BBC will Drohnen nun in der Krisenberichterstattung steigen lassen. "Drohnen werden innerhalb der nächsten zehn Jahre Kameramänner und Fotografen an vorderster Front ersetzen", sagt Produzent Ognian Boytchev. Er unterstützt BBC-Reporter in mehr als 40 Ländern – darunter Kosovo, Irak und Afghanistan. Folgen würden die Journalisten dem Beispiel des US-Militärs. Was schmutzig, langweilig oder gefährlich ("dirty, dull or dangerous") ist, übernimmt die Maschine aus sicherer Entfernung.

Der Nachrichtensender CNN hat sich im Sommer 2014 mit dem Georgia Institute of Technology zusammengetan, um den Einsatz von Drohnen im Journalismus gemeinsam zu erforschen. "Unsere Hoffnung ist, mit dieser Kooperation den Prozess zu beschleunigen, damit diese neue Technologie generell in die Medienberichterstattung integriert wird", sagt CNN-Vizepräsident David Vigilante. Bislang verbietet die amerikanische Bundesluftfahrtbehörde FAA, Drohnen für kommerzielle Zwecke fliegen zu lassen. Geeinigt haben sich CNN und FAA im Januar 2015 aber auf erste Tests zu Versuchszwecken.

In die starre Position der amerikanischen Luftfahrtbehörde kommt also Bewegung, seit sich 16 amerikanische Medienunternehmen im Mai 2014 zusammengetan haben. Gemeinsam wollen die Medienhäuser, unter ihnen New York Times und Washington Post, erreichen, dass die Gesetzeslage geändert wird. Ihrer Meinung nach schränkt die FAA die Pressefreiheit ein.

So weit sind deutsche Kollegen noch nicht. In zahlreichen Redaktionen wurde und wird zwar experimentiert. Viele dieser Versuche gehen aber von Einzelnen aus und sind zeitlich begrenzt. Auch beschränken sich Versuche häufig auf die Foto- und Videofunktion der Drohnen. Dabei wäre vieles mehr denkbar: Sensoren an Drohnen könnten die Luftverschmutzung messen, Wärmebildkameras lassen sich anbringen, 3D-Modelle anhand der Aufnahmen konstruieren, oder man könnte vergleichende Langzeitaufnahmen anfertigen.

Zum Perspektive wechseln ...

17 best drone videos that gave a whole new perspective to 2014 (qz.com, 8. Dezember 2014)

Welche Drohne brauche ich?

Die Auswahl an Multicoptern ist riesig. Angefangen bei einfachen, günstigen Spielzeuggeräten bis hin zu professionellem Equipment für Film- und Fernsehaufnahmen gibt es kaum etwas, was es nicht gibt. Vor dem Kauf sollte man sich klarmachen, was man mit der Drohne anstellen möchte und wie viel Geld einem das Ganze wert ist.

Bis 300 Euro

Ein beliebtes und sehr verbreitetes Einsteigermodell zum Herumprobieren ist die AR.Drone 2 des französischen Anbieters Parrot. Für rund 300 Euro lässt sich dieser Quadrocopter (vier Rotoren) mit einem Smartphone steuern. Die Drohne kann Videoaufnahmen (ohne Ton) anfertigen, die drahtlos direkt auf das mobile Endgerät übertragen werden. Nachteil: Die Flugzeit beträgt in der Basisversion 8 bis 12 Minuten und die Reichweite ist mit 50 Metern begrenzt. Zudem ist das Gerät bereits bei wenig Wind nur schwer zu kontrollieren.
Mit dem Nachfolgemodell Bebop richtet sich Parrot mit speziellem Controller, größerer Reichweite, besserer Kamera und einem höheren Preis (rund 500 Euro, mit speziellem Controller rund 1.000 Euro) an ein semi-professionelles Publikum.

Ab 500 Euro

In der Preisklasse ab 500 Euro sehr beliebt ist der Quadrocopter Phantom 2 des chinesischen Herstellers DJI. Martin Heller, Head of Video bei der Welt-Gruppe, berichtet im Webvideoblog ausführlich vom Einsatz dieses Modells. Phantom 2 bietet eine dreiachsige Kamerastabilisierung, die ähnlich funktioniert wie ein Steadycam-Gestell. An der Drohne lassen sich so Kameras wie die GoPro befestigen.

Wer mehr wissen will, mehr Geld ausgeben möchte oder die eigene Drohne lieber selbst zusammenbaut, der findet auf der englischsprachigen Website diydrones.com eine ganze Menge Informationen. Unter anderem gibt es hier das vermutlich beste Expertenforum zum Thema.

Zum Fliegen lassen ...

Best of 2014 Aerial Videography Gear Guide (Pro Video Coalition, 10. Dezember 2014)

Darf ich meine Drohne überall fliegen lassen?

Über den Wolken muss die Freiheit wohl grenzenlos sein? Schaut man in die Gesetze, scheint das auch erst mal zu stimmen. Die Nutzung des Luftraums durch Luftfahrzeuge ist grundsätzlich frei, sie erfolgt in Ausübung eines Grundrechts Art. 2 Abs. 1 GG und § 1 Abs. 1 LuftVG. So weit, so frei.

Wer sich jetzt darauf beruft und seine Drohne, seinen Multicopter oder sein Modellflugzeug bedenkenlos in den Himmel steigen lässt, der verletzt wahrscheinlich trotzdem eine ganze Reihe von Gesetzen. Neben geltenden Bestimmungen des Luftverkehrsrechts setzen auch das Urheber- und Datenschutzrecht sowie das Eigentums- und Persönlichkeitsrecht Dritter enge Grenzen.

Wird privates Eigentum überflogen, etwa in niedriger Höhe oder in regelmäßigen Abständen, kann dies das Eigentum unangemessen beeinträchtigen und einen Unterlassungsanspruch nach § 823 Abs. 1, 1004 BGB begründen.

Jegliche Nutzung abseits der reinen Freizeitgestaltung bedarf einer sogenannten Aufstiegserlaubnis der zuständigen Luftfahrtbehörde. Zudem ist der Luftraum in Deutschland unterschiedlich klassifiziert. "In vielen Städten, die über einen Flughafen verfügen, ist fast flächendeckend ein Aufstieg ohne Flugkontrollfreigabe verboten", schreibt Rechtsanwalt Alexander Schultz in dem sehr umfangreichen Artikel in der Dezember-2014-Ausgabe der Zeitschrift zum Innovations- und Technikrecht.

Die Nutzung des Luftraums ohne erforderliche Erlaubnis oder Kontrollfreigabe stellt eine Ordnungswidrigkeit dar, die mit einer Geldbuße von bis zu 50.000 Euro geahndet werden kann (Vgl. § 58 Abs. 1 Nr. 10 LuftVG i.V.m. § 43 Nr. 19b, 20, 21 LuftVO).

Und trotzdem finden sich bei YouTube unzählige Aufnahmen. Hier herrsche ein erhebliches Informationsdefizit, schreibt Schultz, und verweist auf die eigentlich auch notwendige Halterhaftpflichtversicherung. Diese gelte auch für Micro-Quadrocopter. Notwendig sei hier eine ausreichende Deckungssumme für den Fall, dass eine Person oder Sache beim Betrieb zu Schaden komme.

Vor dem bedenkenlosen Kauf und Einsatz der eigenen Drohne steht also derzeit noch die gründliche Auseinandersetzung mit geltendem Recht und einer entsprechenden Versicherung.

Zum Sichergehen ...

Was darf ein Drohnenjournalist? (irights.info, 13. August 2014)

Wie sieht die Zukunft aus?

Es werden mehr Drohnen kommen. Diese Aussage des Science-Fiction-Autors Bruce Sterling aus dem Jahr 2012 liest sich inzwischen eher als Tatsachenbeschreibung denn als gewagte Prognose.

Drohnen waren ein Schwerpunkt der diesjährigen Consumer Electronics Show (CES) in Las Vegas – eine der weltweit größten Fachmessen für Unterhaltungselektronik. Vorgestellt wurde dort unter anderem Nixie, eine Drohne, die sich bequem am Handgelenk tragen lässt, und Airdog, die Drohne, die ihrem Herrchen automatisch folgt.

Ein anderes Projekt: Wissenschaftler in den USA haben erste Drohnen entwickelt, die sich mittels Gedankensteuerung bewegen lassen. Sinnvolle Einsatzszenerien bieten sich hier vor allem bei Menschen mit Querschnittslähmung. Eine Zukunft, in der Drohnen all unsere Pakete transportieren, die Kinder zur Schule bringen, dann die Pizza liefern und uns natürlich währenddessen ununterbrochen beobachten, scheint nicht mehr nur ein Produkt wirrer Träume zu sein. Genau die richtige Zeit also, um umsetzbare und sinnvolle Einsatzmöglichkeiten im Journalismus zu erkunden.

Zum Träumen ...

Drones and everything after (New York Magazine, 5. Oktober 2014)

Über den Autor

Marcus Bösch arbeitet als Journalist, Dozent und Geschäftsführer des Game Studios the Good Evil GmbH. Er hat Anfang 2012 erstmals über Drohnenjournalismus berichtet, zusammen mit Lorenz Matzat die Seite drohnenjournalismus.tumblr.com aufgesetzt und für WPK Quarterly, die Zeitschrift des Verbands der Wissenschaftsjournalisten, über Drohnen geschrieben. Bösch besitzt eine AR.Drone 2.0.

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Aktuelle Kommentare zu diesem Text

18.03.2015 00:38

karl fritz

Das sind keine Drohnen. Schon mal das Wort Drohne auf Wikipedia eingegeben oder im Duden nachgeschlagen? Das sind Multicopter.

18.03.2015 11:09

Ralf Spoerer

Ein kleiner Tipp: Bevor solche Artikel hier veröffentlicht werden, bitte auch mal die angegebenen Links kontrollieren. Bei einigen handelt es sich um reine Werbe- und Affiliate-Links ohne wesentlichen Mehrwert.

Dann ist der wichtige Hinweis auf eine entsprechende Versicherung im letzten Satz des entsprechenden Abschnitts versteckt. Das wäre aber der wichtigste Hinweis, bevor man überhaupt abheben darf.

Dann ist zum wesentlichen Thema der Bild- und Videoqualität praktisch keine Aussage getroffen worden.

Ich mache gerne mal zu dem Thema eine Info-Veranstaltung wenn daran Interesse besteht. Ich mache Schulungen für Copter-Piloten, hier eine Reportage zu meinem Copter-College:
http://bit.ly/Reportage_Copter-College

18.03.2015 15:53

Marcus Bösch

Hallo.

@karl fritz Seit einigen Jahren wird der Begriff Drohne als umgangssprachliche Beschreibung unbemannter Luftfahrzeuge (in diesem Fall in der Tat hauptsächlich Multicoptern) genutzt. Vgl. 1.2.2 Was ist das – eine Drohne, in: Bösch, Marcus: Game of Drones, Masterthesis 2012, Cologne Game Lab (http://de.scribd.com/doc/105946351/Game-of-Drones)

@Ralf Spoerer Danke für Ihre Anmerkungen. Welchen Link meinen Sie genau. Ich empfand die nach der Recherche – obwohl es sich um Privatanbieter handelt – in Teilen als durchaus gewinnbringend.

Ein kleiner Tipp: Werbelinks kritisieren, um dann einen Werbelink für eigene Dienstleistungen zu posten ist auch nicht schlecht ;)

21.03.2015 09:00

Frank Arnab

@karl fritz: interessanterweise reagieren überwiegend diejenigen auf den Begriff Drohne negativ, die vorher nie mit Flugmodellen zu tun gehabt haben, also kaum Hintergrundwissen mitbringen. Wikipedia ist die schlechtestmögliche Quelle für solche Argumentationen. Auch wenn die Begriffserklärung gerne im militärischen Bereich gesucht wird ist das nur ein Teil der Entwicklung. Drohnen sind generell autonom oder teilweise autonom funktionierende Arbeitssysteme. Ob sie nun Essen transportieren oder fliegen spielt eine untergeordnete Rolle.

21.03.2015 09:28

Ralf Schwunck

Endlich mal jemand, der die Multikopter in ein besseres Licht setzt. Hoffentlich findet dieser Beitrag viele Leser, um das negativ besetzte Wort "Drohne" richtig zu erklären.

18.04.2016 23:31

John K

Klar wird die Anzahl an Drohnen weiter zunehmen. Durch die immer besser werdende Technik werden die Einstiegsgeräte nämlich immer billiger! (http://drohnen-tester.de/guenstige-drohnen)
Für unter 100 Euro kann man bereits eine Drohne kaufen, wobei die billigen Geräte eine so geringe Flughöhe haben (30m), womit sie kaum stören. Die teuren Drohnen werden wohl nicht ganz so oft am Himmel zu sehen sein aufgrund des sehr hohen Preises.

 
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