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Autor

Matt Waite

verfasst am

15.08.2013

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Redaktionswerkstatt

Wie man Lokalpolitik mit Netzwerkgrafiken aufbereitet

Grafiken helfen nicht nur, Fakten anschaulicher zu machen. Sie bringen Reporter auch dazu, Verbindungen zu erkennen und bessere Geschichten zu schreiben, findet Journalismusprofessor Matt Waite. Wie man Netzwerke mit Hilfe von NodeXL und Google Fusion Tables grafisch darstellt, hat er für das Poynter-Institut am Beispiel der Wahlkampffinanzierung erklärt.

Um ehrlich zu sein: Ich hasse Politik – vor allem auf nationaler Ebene. Aber Lokalpolitik ist etwas anderes. Da gibt es keine sonntäglichen Talkshows, keine Pressemenschen, hinter denen Politiker sich verstecken können, und keine Flucht vor den Nachbarn wegen der getroffenen Entscheidungen. Und es ist viel leichter nachzuvollziehen, wer die Lokalpolitiker mit Wahlkampfspenden unterstützt hat, weil es viel weniger Spender gibt als auf nationaler Ebene.

In wirklich kleinen Städten genügen genaues Hinsehen und ein wenig Erfahrung, um über die Wahlkampffinanzierung zu berichten. Ich war früher Reporter in einer Stadt mit 3.000 Einwohnern in Pasco County, Florida. Und nach einem Jahr konnte ich die Namen der lokalen Strippenzieher auf der Liste zur Wahlkampffinanzierung erkennen – wenn es denn welche gab. In einer so kleinen Stadt kann man eine Kampagne ziemlich leicht selbst finanzieren und gewinnen, was die meisten Politiker taten.

Aber nun lebe ich in Lincoln, Nebraska, einer Stadt mit 280.000 Einwohnern. Eine größere Stadt bedeutet einen größeren Bedarf an Geld, um Radiowerbung (vor der gab es wirklich kein Entkommen), mehr Wahlplakate und mehr traditionellen Wahlkampf zu bezahlen. Es gibt zwar ein höheres Spendenaufkommen, aber die Summe ist auch nicht gigantisch. Bei der Kommunalwahl in diesem Frühjahr gab es sechs Kandidaten für drei Sitze, und die Summe der Wahlkampfspenden von Einzelpersonen und politischen Komitees bestand aus 311 Spenden.

Können Sie sich das vor Ihrem geistigen Auge vorstellen? Wenn Sie jahrelang hier gelebt hätten: vielleicht. Aber Ihnen würde immer noch etwas entgehen. Wie können wir uns also die lokale Wahlkampffinanzierung ansehen, um zu erkennen, wer wen wie unterstützt?

Mit Hilfe von Netzwerkgrafiken. Das sind Karten, die aus lauter Verbindungen bestehen – eine wirklich simple Idee, die auf solider Mathematik aufbaut. Für das, was wir vorhaben, brauchen wir zum Glück nur den simplen Teil und können den soliden ignorieren.

Datenjournalisten und Investigativ-Reporter interessieren sich schon lange für die Analyse sozialer Netzwerke (schon bevor soziale Netwerke zum Synonym für Facebook und Twitter wurden). Aber erst jetzt haben neue Werkzeuge es möglich gemacht, einfache Netzwerkgrafiken mit wenig Aufwand und ohne Kosten zu erstellen.

Wahlkampffinanzierung ist ein gutes Beispiel dafür, weil das Netzwerk leicht zu erfassen ist, da es nur eine Richtung gibt: Ich, der Spender, gebe dir, dem Kandidaten, Geld. Das ist die Verbindung.

Es gibt eine ganze Reihe von Werkzeugen, um so eine Grafik zu erstellen. Ich werde Ihnen zwei zeigen: NodeXL, ein kostenloses Excel-Add-on für Windows (sorry, Mac-Nutzer), und Google Fusion Tables.

First things first

Um sich an so einer Grafik auszuprobieren, brauchen Sie Daten. Je mehr Datenjournalismus ich in meinem Heimatstaat mache, umso klarer wird mir, wie schlecht es hier um Transparenz bestellt ist. Die Kommission für Rechenschaftslegung in Nebraska kümmert sich zwar um alle lokalen und staatlichen Zahlen, aber man kann sie nirgendwo herunterladen: Man muss die Daten per Copy and Paste von der Website der Kommission nehmen und bereinigen. In jedem Staat ist die Lage anders – mal besser, mal schlechter – , darum kann ich Ihnen nicht sagen, wie Sie an Ihre Daten kommen.

Wenn Sie die Daten aber einmal haben, brauchen Sie eine einfache Tabelle mit drei Feldern: eins für den Kandidaten, der die Spende bekam, eins für den Spender und eins für den Betrag. Natürlich wollen Sie die Daten vereinheitlichen. Wenn eine einzelne Person mehrfach gespendet hat, stellen Sie also sicher, dass der Name jedes Mal der gleiche ist.

Das Bereinigen der Daten ist mehr Kunst als Wissenschaft – und die halbe Miete des Datenjournalismus.

NodeXL

Sie können NodeXL hier bekommen. Es ist ziemlich einfach herunterzuladen und zu installieren. Leider gibt es das Programm nur für Windows – ich benutze extra dafür Windows Virtual auf meinem Mac, ein Programm, mit dem Windows-Anwendungen auch auf dem Mac laufen.

Um NodeXL zu verwenden, öffnen sie darin ein Excel-Dokument, aus dem der Graph in einem Fenster neben Ihrer Tabelle erstellt wird. Sobald sich die Tabelle öffnet, sehen Sie unter anderem die Spalten Vertex 1 und Vertex 2. Das sind die Knotenpunkte. Von meinen Daten aus Lincoln habe ich also die Kandidaten und die Spender kopiert und sie in Vertex 1 und Vertex 2 eingefügt. Dann habe ich auf Show Graph geklickt.

Damit bekommen Sie, was aussieht wie eine Pusteblume und in NodeXL als Fruchterman-Reingold-Graph bezeichnet wird. Das ist die Standardeinstellung. Aber verfallen Sie beim Anblick der Grafik nicht in Panik – es wird nämlich besser.

Lassen Sie uns an dieser Stelle eine kurze Pause einlegen. Wenn wir uns ein wenig Zeit nehmen und die Grafik betrachten, können wir schon einiges erkennen: Sehen Sie sich zum Beispiel die Häufung von Punkten in der Mitte an. Wenn Sie einen davon anklicken, sehen Sie, dass das die besser finanzierten Kandidaten mit vielen Spenden sind. Ein Klick auf einen Knoten zeigt Ihnen alle Verbindungen dieses Knotens an und hebt die entsprechenden Daten in Ihrer Tabelle hervor.

Trotzdem ist der Reiz dieser Pusteblume ziemlich begrenzt – es gibt eigentlich nicht besonders viel zu sehen. Also mal sehen, was wir sonst noch tun können.

Wenn Sie auf die Fruchterman-Reingold-Box klicken, sehen Sie, dass Sie ganz unterschiedliche Arten von Grafiken auswählen können, je nach Datenlage. Es macht Spaß, damit zu experimentieren – aber wirklich nützlich ist in unserem Fall der Harel-Koren-Fast-Multiscale-Graph. Klicken Sie darauf, und dann auf Refresh Graph.

Wow. Das sieht doch schon ganz anders aus – wie ein Feuerwerk. Es wird Sie nicht überraschen, dass diese Knoten mit den vielen damit verbundenen Linien und Punkte die Kandidaten sind. Aber wofür stehen die vereinzelten Punkte zwischen den Kandidaten? Und was bedeuten die Punkte in der Mitte?

Hier wird es interessant.

Die Punkte in der Mitte sind die Spender, die für alle oder die meisten der Kandidaten gespendet haben. Die meisten von ihnen sind die großen politischen Komitees der Stadt, die Immobilienmakler, eine große Anwaltskanzlei und eine große Bildungsfinanzierungsgesellschaft, die hier sitzt (und für die meine Schwägerin arbeitet, um auch wirklich alles offenzulegen). Die Spender scheinen in diesem Rennen auf mehrere Pferde zu setzen, aber die meisten treffen eine Auswahl – was an sich schon interessant ist. Warum hat die Kanzlei für alle gespendet? Warum haben die Makler drei Republikaner und einen Demokraten ausgewählt? Warum hat das Bildungsunternehmen halbe halbe gemacht?

Glauben Sie nicht, das Layout des Graphen wäre Zufall – es deckt die Anhänger der Parteien auf. Aber wie sollten Sie darauf kommen, ohne etwas über die Politik in Lincoln zu wissen? In unserer Vorlage können Sie alles individuell gestalten. Jeder einzelne Knoten – oder in NodeXL-Sprache jeder Vertex –  kann eingefärbt werden. Ebenso die Verbindungen. Und die Größe der einzelnen Elemente lässt sich ebenfalls ändern.

Um also die Muster der Parteianhänger aufzudecken, klicken Sie auf den Reiter Vertices, in dem alle Punkte der Grafik aufgelistet sind. Dort können Sie jeden einzelnen Knoten einfärben und skalieren. Indem ich nach unten scrollte, habe ich die Knoten zu den einzelnen Kandidaten gefunden und ihnen eine Größe von 10 Punkt gegeben. Dann habe ich die republikanischen Kandidaten rot und die Demokraten blau eingefärbt und auf Refresh Graph geklickt.

Beachten Sie: Jedes Mal, wenn Sie auf Refresh Graph klicken, erstellt NodeXL die Grafik neu, sodass sie jedes Mal ein kleines bisschen anders aussieht. Das sind vor allem kosmetische Änderungen – die Grafik entspricht natürlich immer den Zahlen. Gruppen und Verbindungen bleiben erhalten, gemeinsame Verbindungen bleiben in der Mitte.

Aber jetzt, da unsere Kandidaten hervorstechen, wird die politische Teilung der Stadt deutlich. Die alleinstehenden Knoten in der Mitte sind die besonders großzügigen politischen Komitees.

Aber sehen Sie sich mal etwas anderes an: die Aufteilung der Spender.

Auf der republikanischen Seite gibt es vier Spender, die alle drei republikanischen Kandidaten unterstützt haben. Zwei sind politische Komitees, zwei sind Einzelpersonen. Wer sind diese Spender? Machen sie das immer so? Und was wollen sie für ihr Geld?

Sie können sehen, dass die anderen Spender zwei Kandidaten unterstützt haben, nicht aber den dritten. Warum? Es ist interessant, weil einige dieser gemeinsamen Spender große Namen in der Politik des Staates sind. Was sagt das darüber aus, wen Sie unterstützen? Oder auch nicht unterstützen?

Beachten Sie noch etwas anderes: Zwei einzelne Spender haben über Parteigrenzen hinweg gespendet. Die sollten Sie anrufen.

Noch eine Sache: Haben Sie gesehen, wie wenige gemeinsame Spender es auf der Seite der Demokraten gibt? Kein Spender hat alle drei Kandidaten der Demokraten unterstützt. Das wirft Fragen über die Einigkeit der Demokraten auf lokaler Ebene auf – nicht einmal lokale Gruppen haben alle Demokraten in ihrem Rennen unterstützt. Und da nur ein Demokrat gewonnen hat und sich das Parteigefüge des Gemeinderats verschoben hat, scheint diese fehlende Einigkeit auf lokaler Ebene Folgen gehabt zu haben.

Ganz schön viele Fragen, die dieser eine Graph aufwirft. Und die Analyse folgt in der Regel dem Muster: hinsehen, klicken, nach den Gründen fragen.

Die Exportmöglichkeiten aus NodeXL sind allerdings ziemlich begrenzt. Sie können eine Bilddatei daraus machen, was bedeutet, dass die Möglichkeiten zur Nachbearbeitung eingeschränkt sind. Und Interaktivität können Sie ohne eine komplette Überarbeitung vergessen.

Wenn Sie eine interaktive Grafik haben möchten, gibt es aber zum Glück eine gute Möglichkeit.

Google Fusion Tables

Falls Sie Fusion Tables noch nie benutzt haben: Es ist es ein Google-Produkt, das jede Menge Visualisierungsmöglichkeiten bietet – und das Beste: Es lässt sich in Websites einbinden. Weitere Vorteile: Es ist kostenlos und einfach zu bedienen. Nachteile: Die Gestaltungsmöglichkeiten sind begrenzt. Und es ist ein bisschen vertrackt mit den Formaten.

Um es zu nutzen, benötigen Sie ein kostenloses Google-Drive-Konto (ehemals Google Docs). Loggen Sie sich ein, und wenn Sie die Anwendung noch nie oder lange nicht mehr benutzt haben, müssen Sie Fusion Tables installieren (das ist nicht mehr voreingestellt). Dazu klicken Sie auf Create, dann auf Connect more apps.

Wählen Sie Fusion Table aus und fügen Sie es hinzu. Dann klicken Sie auf Create, dann auf Fusion Table.

Wir können dieselbe Tabelle wieder benutzen. Wenn also Import New Table auf dem Bildschirm erscheint, klicken Sie auf Choose File, wählen Sie Ihre Tabelle aus, klicken Sie auf Open, dann auf Next. Oder, wenn Sie Ihre Daten in Google Spreadsheets bereinigt haben, klicken Sie auf Google Spreadsheets, wählen Sie Ihre Tabelle aus, indem Sie auf Select klicken.

Dann wird Ihnen angezeigt, wie die Daten aussehen werden, wenn Sie sie importieren. In den meisten Fällen sind die Standardeinstellungen in Ordnung. Klicken Sie auf Next. Nun können Sie Metadaten hinzufügen. Wenn Sie die Daten veröffentlichen wollen, sollten Sie der Tabelle einen Namen geben, der später die Überschrift sein wird. Außerdem können Sie einen Zusatz, einen Link und einen Erklärtext wie bei einer gedruckten Grafik hinzufügen. Klicken Sie anschließend auf Finish, und Sie erhalten eine einfache Tabelle.

Um diese zu visualisieren, müssen Sie eine Grafik hinzuzufügen. Klicken Sie auf das rote Pluszeichen neben dem Reiter Cards 1 und gehen Sie auf Add Chart.

Unter Charts wählen Sie die letzte Grafik auf der linken Seite aus, das ist die Netzwerkgrafik. Wenn Ihre Daten wie meine sind und nach Kandidat, Spender und Betrag geordnet sind, werden Sie etwas Ähnliches sehen wie das hier:

Autsch. Nicht gerade ideal. Aber wir können ein bisschen aufräumen.

Dazu müssen wir den Befehl Show link between umkehren. Wir wollen nämlich die Reihenfolge erst Spender, dann Kandidat angezeigt bekommen – nicht erst Kandidat, dann Spender. Dazu müssen wir Kandidat in Betrag ändern, dann Spender in Kandidat, dann Betrag in Spender.

Aber Achtung: Die Anzahl der Knoten in den einzelnen Kategorien bleibt erhalten. Man kann sie ändern, indem man sie in dem Fenster über der Grafik auf die maximale Anzahl der Knoten erhöht (in meinem Fall sind das 196). Dann klickt man die Kästen Link is directional und Color by columns an. Die Elemente werden nach Betrag gewichtet, daher entspricht die Größe unserer Knoten der Höhe der ihnen zugeordneten Beträge. Auf diese Weise kann man sehen, dass manche Kandidaten mehr Geld hatten als andere und dass manche Spender mehr Geld bringen als andere.

Leider sind das schon alle Konfigurationsmöglichkeiten – what you see is what you get. Aber der große Vorteil ist, dass man diese Grafik einbetten kann. Dazu klicken Sie zuerst auf Share in der rechten oberen Ecke. Sehen Sie, wo Private steht? Klicken Sie daneben auf Change und ändern Sie die Einstellung auf Public. Dann klicken Sie auf Done.

Als nächstes öffnen Sie die Drop-Down-Liste im Reiter Chart 1. Klicken Sie darin auf Publish.

Hier finden Sie die Optionen zum Einbetten der Grafik. Sie können Breite und Höhe festlegen. Fragen Sie Ihre Onlinekollegen, welche Breite Sie benötigen. Klicken Sie auf Include data attribution, kopieren Sie den HTML-Code und fügen Sie ihn in Ihre Website ein.

Hier ist mein Ergebnis.

Damit kann man nun einiges anstellen: Verringern Sie die Anzahl der sichtbaren Knoten. Wenn nur noch um die 20 zu sehen sind, erkennen Sie auf einen Blick die größten Spender. Aber passen Sie auf, dass Sie keinen wichtigen vergessen.

Wie Sie sehen, sind Netzwerkgrafiken eine gutes Werkzeug für Lokalreporter. Innerhalb von Minuten können Sie eine Menge Fragen dazu stellen, wie lokale Wahlkämpfe finanziert werden und von wem – Fragen, die zu besseren Geschichten führen.

Dieser Beitrag stammt im Original von der

Website des Poynter-Instituts.

Poynter ist eine gemeinnützige Journalistenschule und Medienforschungs-Einrichtung aus St. Petersburg in Florida. Dem Institut gehört die Tampa Bay Times, die größte Zeitung in Florida, deren Verleger Nelson Poynter die Journalistenschule 1975 gegründet hat.

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