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Autor

Jacqueline Marino

verfasst am

11.12.2013

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Wie Tablets die Arbeit von Textjournalisten verändern

Das Tablet bietet zweifelsohne jede Menge neuer Möglichkeiten, einen Text zu präsentieren. Das müsste doch auch die Arbeit von schreibenden Journalisten verändern, glaubt Jacqueline Marino. Für das Poynter-Institut hat sich die Journalistin auf die Suche nach Beispielen gemacht.

Journalisten haben sich lange über das Medium definiert, für das sie arbeiten. Sie sagen, sie arbeiten für ein Magazin, für eine Tageszeitung oder fürs Web – aber niemand sagt: "Ich schreibe für Tablets."

In einer Zeit, in der immer mehr Tablet-Angebote entwickelt werden, beschäftigen sich immer mehr Journalisten nicht nur mit den Texten für solche Tablet-Angebote, sondern auch damit, wie diese zu regelrechten Leseerlebnissen zum Antippen werden können. Das hat auch Einfluss darauf, wie Journalisten arbeiten und mit wem sie arbeiten.

Die meisten Verleger haben inzwischen "mobile first" ausgerufen – obwohl sie sich nicht einig sind, was das eigentlich bedeutet. Wohin Verleger gehen, folgen auch immer Journalisten – nur, dass das Tablet der Ort ist, an dem schreibende Journalisten auch wirklich sein wollen, weil dort die langen Printgeschichten wiedergeboren und in digitale Experimente überführt werden.

Geschichten zum Antippen

Beispiel: The Atavist. Jeden Monat landen hier Dutzende solcher Stücke, meistens von Magazinjournalisten. Aber das New Yorker Unternehmen aus Brooklyn produziert auch selbst einmal im Monat eine exklusive, lange, nicht-fiktionale Geschichte, die zwischen 5.000 und 30.000 Wörter umfasst. 

"Wir behandeln jedes Stück so, wie es andere – etwa The New Yorker – tun würden", sagt Evan Ratliff, Mitgründer, Vorstandschef und Redakteur. "Wir machen alles möglichst perfekt und messen den Geschichten damit einen sehr hohen Wert bei."

Heute, kaum drei Jahre alt, ist The Atavist bekannt dafür, wie es Audios, Karten, Videos, Fotos und sogar Animationen nahtlos in den Text seiner Geschichten integriert. Aber: An erster Stelle steht immer die Story. Im Gespräch mit Poynter sagt Ratliff, dass er Mulitmedia-Elemente nur hinzufüge, wenn sie die Geschichte auch voranbringen – und: Der Leser kann sie jederzeit mit einer Berührung ausschalten.

Diese fast schon künstlerische Herangehensweise beim Einbinden der Multimedia-Inhalte spricht die Autoren an. Vor allem die, die daran glauben, dass ihre Geschichten davon profitieren können. Finding Shakespeare ist so eine Geschichte. Sie handelt von einem amerikanischen Vietnam-Veteranen, der herausfinden will, wie Shakespeares Englisch wohl heute klingen würde – und es im Original auf eine New Yorker Bühne bringt.

Beim Recherchieren, sagt Autor Daniel Fromson, seien allein sechs Dutzend Filmausschnitte aus dem Fundus des Protagonisten zusammengekommen. Dazu mehrere Kisten mit Briefen, Fotografien, Zeitschriften und Drehbuchmanuskripten – alles potenzielles Multimediamaterial, "angefangen bei Belegen seines Hausmeisterdiensts bis hin zu Angaben zu seinem Horoskop".

"Ich glaube wirklich daran, dass das Multimediale in dieser Geschichte die Geschichte besser macht", sagt Fromson, der unter anderem schon für The Atlantic und Harper's geschrieben hat, im Gespräch mit Poynter. "Es wäre auch ohne multimediale Elemente eine gute Geschichte geworden. Aber so transportiert sich die Stimmung besser, die ich rüberbringen will: der unermessliche Einsatz meines Protagonisten, der dabei durchaus besessen und verschroben wirkt."

Als Textautor wollte Fromson eigentlich in die Produktion der Multimediareportage einbezogen werden, aber Atavist-Chef Ratliff hielt das nicht für nötig. Sein Team koordiniert die gesamte Produktion. Ratliff sagt, es sei eher die Ausnahme, dass er einen Reporter rausschickt, um unterschiedliche Medieninhalte einzusammeln. "Die Inhalte kommen meist von irgendwo her."

Wie Tablets genutzt werden

Untersuchungen darüber, wie Menschen Tablets nutzen, helfen dabei zu entscheiden, welche Inhalte man für ein Tablet produzieren sollte. Lange Inhalte etwa funktionieren gut, weil Leser auf Tablets mehr Zeit mit dem Lesen verbringen als auf allen anderen Geräten. Sie lesen vor allem am Abend – und tippen währenddessen gerne und viel mit dem Finger auf dem Bildschirm herum.

"Das Gerät schürt große Erwartungen", sagte Sara Quinn vom Poynter-Institut im März bei einer South-by-Southwest-Veranstaltung, bei der es darum ging, wie Menschen Nachrichten auf Tablets konsumieren. "Während unserer Studie sahen wir Leser, die ständig auf Elemente tippten, die sich nicht antippen ließen."

Wie gedruckte Magazine teilen Tablet-Publikationen bestimmte physikalische Eigenschaften, obwohl sie sich inhaltlich kaum ähnlich sind. Nicht jeder glaubt, dass Leser bei langen Geschichten zusätzlich multimediale Inhalte schätzen. Das zeigen etwa die Reaktionen, die die New York Times mit Snow Fall: The Avalanche at Tunnel Creek hervorgerufen hat. Ohrenbetäubender Applaus folgte. Das Team, das Snow Fall auf die Beine stellte, hatte vor allem die Tablet-User im Fokus, als es die Videos, Fotos und interaktiven Grafiken nahtlos zu einer Geschichte zusammenfügte. Dafür gab es 2013 den Pulitzer-Preis in der Kategorie Feature. Bald jedoch kamen auch jede Menge abweichende Meinungen auf – vor allem von Nachahmern. 

Bobbie Johnson ist Mitgründer von Matter, das lange Lesegeschichten aus den Bereichen Wissenschaft, Technologie, Medizin und Umwelt "zum Lesen auf allen Geräten" veröffentlicht. Er schrieb über Snow Fall: "Nur weil Sie etwas tun können, heißt es nicht, dass Sie es tun sollten."

Snow Fall sei eine gute Geschichte gewesen, schreibt Johnson. "Aber es fühlte sich an, als wäre es nur das nachgeordnete Anliegen gewesen, den User zum Lesen zu bewegen. Als ich es versuchte, wurde ich ständig unterbrochen oder abgelenkt." Und weiter: "Die multimedialen Inhalte schaffen zwar eine besondere Atmosphäre, aber ganz ehrlich: Viel Bedeutung haben sie nicht. Als Leser haben sie mich von dem abgebracht, wofür ich eigentlich dort war. Snow Fall ließ mich zurück mit einem 'Oh, schickes Design' und nicht mit einem 'Was für eine unglaubliche Geschichte'."

Matters-Mitgründer Jim Giles sagt, Matter konzentriere sich wieder auf die Qualität des Geschriebenen. Er sagt, keiner seiner Autoren habe für Matter etwas an seiner Arbeitsweise geändert. Matter wurde übrigens dieses Frühjahr von Medium aus San Francisco übernommen.

"Ich hatte schon so oft das Gefühl, das Multimediale steht im Weg", sagt Giles im Telefoninterview mit Poynter. "Wir verkaufen dem Leser die Erfahrung, von einer Geschichte verschlungen zu werden – eine Geschichte, die bedeutungsvoll und fesselnd ist, die dir etwas von der sich verändernden Welt beibringt." 

Visuelle Elemente fördern Erkenntnisse

Beispiele für eindringliche Multimedia-Geschichten, die lange Texte in Szene setzen, gibt es zig. Redakteure schätzen die Verbindung aus gedanken- und detailreichen Texten mit Interaktivität. Die neuen Möglichkeiten des Tabletjournalismus erzeugen neue (oder zumindest veränderte) Erwartungen an den Journalisten. 

Quartz ist eine Website für Wirtschaftsnachrichten mit Sitz in New York und gehört dem Medienkonzern Atlantic Media. Quartz-Reporter müssen sich über multimediale und andere visuelle Elemente – etwa Grafiken – Gedanken machen, sagt Chefredakteur und Mitgründer Kevin J. Delaney. Beispiel: Als Apple eine Grafik veröffentlichte, die alle iPhone-Verkäufe zusammengenommen zeigt, hat Reporter David Yanofsky einfach seine eigene Grafik darüber gelegt: Sie zeigt die einzelnen Quartalszahlen. Obwohl die Apple-Grafik den Anschein erzeugt, dass das iPhone-Universum stetig expandiert, zeigen die Quartalszahlen, dass die Verkäufe zyklisch sind und tatsächlich in jüngster Zeit zurückgingen.

"Yanofsky ist journalistisch sehr gut ausgebildet", sagt Chefredakteur Delaney im Poynter-Gespräch. "Er versteht, wie Wirtschaft funktioniert. Er weiß, wie man offizielle Zahlen von Unternehmen zu lesen hat."

Die Quartz-Reporter nutzen ein spezielles Tool, um solche Grafiken zu erstellen. Die seien bei den Lesern recht beliebt, sagt Delaney. Quartz hat das Tool als Open-Source-Software angelegt – inzwischen arbeiten auch andere Redaktionen damit. Auch die Bilder zu ihren Geschichten suchen die Reporter selbst aus, schneiden sie zurecht und stellen sie zusammen mit ihrem Text ins Redaktionssystem.

Zusammenarbeit schafft Mehrwert

Bei The Atavist können Geschichten jede Menge Multimediales enthalten. Der Text von Alissa Quart über eine Abtreibungsklinik in Jackson beginnt mit einem Dokumentarfilm von Maisie Crow. Beide Frauen schwärmen im Nachhinein unabhängig voneinander von der Zusammenarbeit – möglich gemacht durch die Unterstützung von The Atavist und dem gemeinnützigen Economic Hardship Reporting Project.

"Es steckt viel Mehrwert in der Kombination aus Text und Kurzfilm", sagt Crow. "Ich kann recht nah rangehen, aber das Geschriebene ist sozusagen das Gerüst, das zeigt, warum die Geschichte so wichtig ist."

Quart sagt, sie wünschte, sie hätte ähnlich eng mit dem Illustrator für ihr neues Buch Republic of Outsiders zusammenarbeiten können. Das war nicht so – aber Quart sagt, inzwischen denke sie ständig multimedial.

Tatsächlich arbeiten Quart und Crow bereits an einem neuen gemeinsamen Projekt – ebenfalls gemeinnützig unterstützt. Das Thema: Haushaltshilfen in den USA. 

Fazit

Bis jetzt unterscheidet sich das Schreiben fürs Tablet offenbar nicht so sehr vom Schreiben für Zeitungen und Zeitschriften: Der Schreibstil hängt mehr vom Leser und vom Verfasser ab als von der Plattform. Im Fall von The Atavist brachte das Tablet zumindest mehr Möglichkeiten hervor, multimedial zu arbeiten. Bei Quartz hat es ein paar mehr Aufgabenbereiche für den Journalisten zur Folge. Und bei Matter: Hier hat das Tablet eigentlich nichts an der Arbeit des schreibenden Journalisten verändert.

Teilweise liegt das daran, dass sich das Publikum auch fast vier Jahre nach Einführung des iPads nur langsam an mit multimedialen Elementen gespickte Erzählungen gewöhnt – und dass es Schwierigkeiten hat, solche Arten des Geschichtenerzählens überhaupt zu finden. 

"Das Hauptproblem: Der Markt ist noch nicht so weit", sagt Quart. "Menschen wissen nicht so recht, wie sie mit solchen Darstellungsformen umgehen sollen. Wird so etwas über iTunes verkauft? Ist das ein Buch?"

Ihrer Ansicht nach überwiegen die alten Gewohnheiten: "Du gehst ins Kino, um einen Film zu sehen, oder du liest ein Buch. Der Unterschied bleibt."

Dieser Beitrag stammt im Original von der

Website des Poynter-Instituts.

Poynter ist eine gemeinnützige Journalistenschule und Medienforschungs-Einrichtung aus St. Petersburg in Florida. Dem Institut gehört die Tampa Bay Times, die größte Zeitung in Florida, deren Verleger Nelson Poynter die Journalistenschule 1975 gegründet hat.

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Aktuelle Kommentare zu diesem Text

11.12.2013 18:46

journalist-Redaktion

@ I.J. Völlig richtig! Ist korrigiert.

11.12.2013 18:44

Frank M.

Schon wieder medialer Sand in die Augen - im Quartz-Yanofski-Beispiel. Der Mann hat kritisch hinterfragt und visualisiert. Was mit diesem Ergebnis in seiner Recherche in jedem Papiermagazin und jedem Fernsehbeitrag genauso möglich gewesen wäre.
Gut, etwas hätte sich die technische Darstellungsform vielleicht unterschieden, sicher hätte man das in den genannten Medien nicht über Fingertipps steuern können? Aber sonst? Wo bleibt die informationelle Relevanz dessen?

11.12.2013 18:40

I. J.

Textqualität beginnt bei korrekten Fakten: "Finding Shakespeare" handelt nicht von einem vietnamesischen Veteranen sondern einem – amerikanischen – Vietnam-Veteranen.

 
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