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verfasst am

06.09.2010

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"Unsere Kinder wurden uns zweimal entrissen". Gisela Meyer, die Mutter eines Opfers des Amoklaufs von Winnenden, spricht mit dem journalist über ihre Erfahrungen mit den Medien.

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Angemessene Berichterstattung bei Amokläufen – ein Leitfaden soll Redaktionen helfen.

Deutscher Presserat

Berichterstattung über Amokläufe - Das empfiehlt der Presserat

Am Vormittag des 11. März 2009 tötete ein schwer bewaffneter Jugendlicher innerhalb weniger Stunden 15 Menschen. Ein Amoklauf in der Albertville-Realschule in Winnenden bei Stuttgart. Nach dem Unglück folgte ein Medienspektakel ungeahnten Ausmaßes. Der Deutsche Presserat hat nun einen Leitfaden erarbeitet, der Redaktionen etwa helfen soll, zu entscheiden, welche Fotos veröffentlicht und welche Namen genannt werden dürfen. Der journalist dokumentiert den Praxisleitfaden.

Ein Jugendlicher zieht eine Pistole, stürmt in seine Schule und erschießt gezielt Mitschüler und Lehrer. Schreckenszenario Amoklauf. Erfurt, Emsdetten, Winnen­den. Drei Städte, in denen sich solch ein Verbrechen abgespielt hat. Drei Städte, die binnen Minuten deutschlandweit im Blickpunkt standen und deren Trauer und Verzweiflung sich am Tag später auf den Titelseiten der Zeitungen wider­spiegelten. Der Rückblick auf die Ereignisse gestattete einen Perspektivwechsel.

Die Presse stand im Fokus. Die "Medienmeute", die über die Städte herfiel, Hinterbliebene belagerte, Fotos von trauernden Schülern schoss und über die Hintergründe der Tat mutmaßte, wurde scharf kritisiert. Der Bundespräsident warnte am Jahrestag zu Winnenden, "intensive Berichterstattung, die den Täter in den Mittelpunkt stellt, kann ein Anlass zur nächsten Tat sein". Zeitungsbeiträ­ge als ethische Grenzsuche? Fest steht, die Presse darf über ein solches Ereignis berichten. Sie muss sogar, will sie ihrem Informationsauftrag gerecht werden. Doch die entscheidende Frage ist: wie?

Der Presserat erhielt allein zu Winnenden rund 90 Beschwerden von Lesern gegen Zeitungen und Zeitschriften. Fazit: Es gab schlimme Ausreißer, aber die Mehrheit der Printmedien wurde ihrem ethischen Selbstanspruch gerecht und berichtete innerhalb der zulässigen Grenzen des Pressekodex. Die Redaktionen hatten den Leser informiert, das schreckliche Ereignis und seine Emotionen do­kumentiert und die Hintergründe kritisch beleuchtet. Doch es erfordert eine große Verantwortung von den Journalisten, dem Informationsanspruch auf der einen Seite und den ethischen Aspekten des Geschehens auf der anderen Seite gerecht zu werden. Welche Fotos dürfen wir veröffentlichen? Welche Namen dürfen wir nennen? Welche Informationen über den Täter und die Tat können wir bringen? Entscheidungen, die in Redaktionen nach einer Amoktat in kürzes­ter Zeit getroffen werden und weitreichende Folgen haben können. Eine schwie­rige Abwägung im Einzelfall. Die Opfer dürfen durch die Veröffentlichung nicht ein zweites Mal zu Opfern werden, die Menschenwürde – auch des Täters – muss stets gewahrt werden.

Dass Pressebeiträge Nachahmungstäter oder Trittbrettfahrer provozieren kön­nen, ist wissenschaftlich belegt. Auch deshalb rät der Deutsche Presserat zu besonderer Zurückhaltung bei Amokberichterstattungen. Auf Basis seiner bis­herigen Spruchpraxis, die geprägt ist von den Ereignissen in Erfurt, Emsdetten und Winnenden möchte er den Redaktionen Empfehlungen für den ethischen Abwägungsprozess geben.

Persönlichkeitsrechte

1. Wenn eine Redaktion Foto und Namen eines Amokläufers veröffentlichen will, muss sie sorgfältig zwischen dem öffentlichen Interesse an dem Geschehen und den Persönlichkeitsrechten des Täters abwägen. Liegen besondere Begleitum­stände vor (die Tat hat sich vor den Augen der Öffentlichkeit abgespielt, öffent­licher Suizid des Täters, Ausmaß der Tat), die den Täter als relative Person der Zeitgeschichte einstufen und eine nicht anonymisierte Darstellung rechtfertigen? Ist eventuell aufgrund des jugendlichen Alters eine teilweise Anonymisierung er­forderlich?

2. Opferfotos dürfen nicht als reine Symbolfotos zur Illustration einer Geschichte verwendet werden.

3. Die Veröffentlichung von Porträtfotos der Opfer kann im Einzelfall im Kontext einer sachlichen Dokumentation erlaubt sein. Vollständige Namen dürfen jedoch nicht genannt werden. Die Nennung von persönlichen Details (Beziehung, Hob­bies etc.) ist nicht zulässig. Das Herausheben eines einzelnen Opfers ist ohne Zustimmung der Angehörigen nicht erlaubt. Ausnahmen gelten für Personen der Zeitgeschichte.

4. Wenn eine Redaktion Fotos von trauernden Menschen veröffentlicht, muss sie abwägen, ob es sich um eine öffentliche Szene handelt, die auf zulässige Weise die Trauer und Verzweiflung des Geschehens dokumentiert oder ob durch die Darstellung Persönlichkeitsrechte verletzt werden.

Fallbeispiele und die dazugehörigen Entscheidungen des Presserats finden Sie hier (PDF).

Sensationsberichterstattung

1. Bei der Rekonstruktion des Tathergangs (Waffe, Kleidung, Tatort) mithilfe von Zeichnungen und Animationen sollten unbedingt Assoziationen zu Compu­terspielen vermieden werden, die den Leser die Tat aus der Perspektive des Täters erleben lassen und nachzeichnen, wen er wo erschossen hat. Eine solche Darstellung ist unangemessen sensationell und könnte Nachahmungstäter oder Trittbrettfahrer animieren. Auch mit Blick auf die Hinterbliebenen ist besondere Zurückhaltung geboten.

2. Der Täter sollte nicht unangemessen sensationell dargestellt werden, z. B. in Form einer Heldenpose, um zu vermeiden, dass sich Nachahmungstäter und Trittbrettfahrer mit ihm identifizieren.

Fallbeispiele und die dazugehörigen Entscheidungen des Presserats finden Sie hier (PDF). 

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