Detail-Informationen

Autor

René Martens

verfasst am

01.10.2010

im Heft

journalist 10/2010

facebooktwitterdel.icio.usMister Wongdigg.comaddthis.comMa.gnolia

Mehr zum Thema

Dieser Text erscheint auch in der Oktober-Ausgabe des journalists.

Weniger Pöbeleien auf Facebook? Bei den Leserkommentaren von stern.de soll es künftig gesitteter zugehen.

Community-Management

Julia passt auf

Der Stern lässt seine Leser nur noch auf Facebook diskutieren, in den USA überprüfen Dienstleister und Computerprogramme die Kommentare in Onlinemedien. Das Ziel: weniger Aufwand für die Journalisten und gepflegte Diskussionen unter den Lesern. Dabei könnten Redaktionen selbst beeinflussen, wie sich die Debattenkultur auf ihren Websites gestaltet – und wie viel Arbeit das Managen einer Community damit macht.

Mitte August erlebten die Besucher von stern.de eine Überraschung. "Kein Kommentar" lautete plötzlich die – ungeschriebene – Devise auf den von ihnen geschätzten Seiten. Im Klartext: Leserkommentare sind seitdem nicht mehr möglich. "Der Aufwand, die Diskussionsbeiträge zu pflegen, und der Ertrag der Debatten standen in keinem vernünftigen Verhältnis mehr", sagt Frank Thomsen, der Chefredakteur von stern.de. "Wir führen das auf die Anonymität zurück: In deren Schutz können sich verirrte Geister allzu leicht auskotzen und damit all die Vernünftigen stören." Konsequenz: Wer einen Beitrag von stern.de kommentieren möchte, kann dies vorerst nur noch auf der Facebook-Seite des Magazinablegers tun.

Die Klage über Beschimpfungen unter dem Schutz von Pseudonymen ist nicht neu, wobei sich bei diesem Thema auch Leute einig sind, die sich sonst über nichts einig sind. Die Reaktion des Sterns ist bisher die radikalste. In den USA haben sich Medienhäuser in den vergangenen Wochen andere Maßnahmen überlegt. Gannett, der größte Tageszeitungsverlag dort, lässt sich seit Juli beim Community-Management seiner mehr als 100 News-Websites von der in Texas ansässigen Firma Pluck unterstützen – ein auf Kommentar-Monitoring spezialisiertes Unternehmen.

Die Pluck-Mitarbeiter entscheiden, ob von Usern als bedenklich gemeldete Kommentare online bleiben oder nicht. Als hilfreich empfinden die Redaktionen dies vor allem, weil das Pluck-Team rund um die Uhr ein Auge auf die Diskussionsbeiträge hat. Jim Hopkins, früher Redakteur bei der Gannett-Zeitung USA Today, ist skeptisch. Es sei unklar, "inwiefern Pluck-Mitarbeiter, die Hunderte oder Tausende Kilometer vom Geschehen entfernt" sind, bei Diskussionen über spezielle lokale Themen einschätzen können, ob jemand über die Stränge schlage, schreibt er in seinem Blog.

Einen anderen Weg geht die Onlinezeitung Huffington Post: Sie hat kürzlich die Firma Adaptive Semantics gekauft, die eine Software zur Überprüfung von Kommentaren entwickelt hat. JuLiA, "Just a Linguistic Algorithm", so der Name des Programms, unterstützt die Moderatoren aus den Redaktionen, indem es Beschimpfungen wie "Politiker X ist ein Nazi" vorab aussortiert. Für Wolfgang Blau, Chefredakteur von Zeit Online, ist das keine Option: "Wenn wir einen Kommentar löschen oder kürzen müssen, dann nur noch in den seltensten Fällen, weil er plumpe Reizworte enthielt, die auch schon ein Software-Filter hätte entdecken können." Es sei ihm auch wichtig, beanstandete Kommentare nicht einfach zu löschen, sondern dies auch zu begründen.

Mehr Aufmerksamkeit, höheres Diskussionsniveau

In der bisherigen Diskussion über das Thema Kommentarqualität wird gemeinhin die Frage übersehen, ob Redaktionen nicht auch selbst Mitschuld an dem schlechten Niveau tragen. Wenn Kommentatoren Redaktionen auf Fehler aufmerksam machten und diese nicht korrigierten, "kann bei Nutzern der Eindruck aufkommen, dass das gar nicht beobachtet wird und man da Nazi-Parolen posten kann", sagt Dirk von Gehlen, Redaktionsleiter von jetzt.de, dem jungen Internetauftritt aus dem Süddeutschen Verlag.

Dass Onlineredaktionen nicht auf Fehlerhinweise ihrer Nutzer reagieren, sei in Deutschland weit verbreitet, sagt der freie Journalist und Verlagsberater Michalis Pantelouris. "Wenn die Menschen den Eindruck haben, da stellt ihnen jemand eine Wand zur Verfügung, an die sie etwas rankritzeln können, dann muss man sich auch nicht wundern, wenn sie die wie eine Klowand behandeln." Wolfgang Blau sieht es ähnlich: "Sich darüber zu wundern, dass Leserdebatten auf Zeitungswebsites ohne intensive Moderation rasch an Qualität verlieren oder von Pöblern dominiert werden, ist so naiv wie die Vorstellung, man könnte den Plenarsaal des deutschen Bundestags über Nacht unbewacht offen lassen, damit Passanten dort anregende Debatten führen können." Dass Debatten ohne Moderation selten gelingen, sei kein Phänomen, das nur im Netz zu beobachten sei.

Blau, von Gehlen, Pantelouris – sie betonen unisono: Je aufmerksamer Kommentare gelesen und ausgewertet werden, desto höher das Niveau der Diskussion. Wer sich über vermeintlich übermächtige Pöbler ärgert, muss sich fragen, was er vorher versäumt hat. Der User müsse merken, dass "die Redakteure sich nicht als Halbgötter wahrnehmen", sagt von Gehlen. Bei den Online-Ablegern der großen Titel in Deutschland komme es aber nur "ganz selten vor, dass sich Redakteure in die Debatte einschalten". Es sei noch "tief verwurzelt, das als nicht relevanten Teil der journalistischen Arbeit wahrzunehmen".

Bild: news aktuell

Zeit-Online Chef Wolfgang Blau setzt auf die eigene Website

"Man sollte sich nicht nur fragen, wie man Fehlverhalten verhindern oder gar bestrafen kann, sondern vor allem, wie man konstruktives Verhalten seiner User belohnen und fördern könnte."

Bild: Katharina Bitzl

Dirk von Gehlen, Redaktionsleiter von jetzt.de, vermisst beim journalistischen Nachwuchs die Sensibilität für das Thema.

"Wenn ich 30 Leute frage, wer möchte Redakteur für die Seite 3 werden und wer Community-Manager, entscheiden sich 29 für die Seite 3 und einer sagt, er wolle etwas ganz anderes machen als Journalismus, vielleicht Biologe werden."

Der Redakteur mit öffentlichem Profil

Anders ist das bei Zeit Online. Zentral für "eine zivilisierte und anspruchsvolle Debatte" sei, dass sich die Redakteure "regelmäßig an den Debatten unter ihren eigenen Artikeln beteiligen", betont Wolfgang Blau. Jeder Redakteur hat eine Profilseite, auf der seine Diskussionsbeiträge sichtbar sind. Allerdings ist auch künftigen Journalisten die Bedeutung des noch halbwegs neuen Arbeitsfelds nicht immer bewusst – wie Dirk von Gehlen in einem Kurs auffiel, den er an der Journalistenschule in München gibt: "Wenn ich 30 Leute frage, wer möchte Redakteur für die Seite 3 werden und wer Community-Manager, entscheiden sich 29 für die Seite 3 und einer sagt, er wolle etwas ganz anderes machen als Journalismus, vielleicht Biologe werden."

Selbstverständlich sei es "unbestreitbar anstrengend, jene loszuwerden, die im Windschatten einer Marke sich selbst darstellen wollen und den Text, den sie vermeintlich kommentieren, gar nicht gelesen haben", sagt von Gehlen. Er hat auch Verständnis dafür, dass es Journalisten schwerfällt, sich auf die Kommunikation einzulassen: "Wenn einem ein Text, in den man viel Herzblut gesteckt hat, gut gefällt, und dann kommt ein Leser und behauptet, der Autor habe nichts begriffen, tut das natürlich weh." Man könne daraus aber lernen, "dass die publizistische Person nicht die Privatperson ist". Letztlich sei das Internet aber "eine permanente Podiumsdiskussion", und da es viele Journalisten gebe, die gern auf solchen Podien sitzen, müssten diese auch bereit sein, sich mit Leserkommentaren auseinanderzusetzen.

Ein Problem ist allerdings, dass die neue Kommunikationsarbeit "noch nicht in den Workflow integriert" ist, wie Michalis Pantelouris es formuliert. Redakteure und Autoren sind oft derart überlastet, dass sie glauben, dafür keine Zeit zu haben. Während einer experimentellen Live-Reportage für neon.de, bei der die Leser permanent den Making-of-Prozess verfolgen konnten (siehe "Der gläserne Reporter"), hat Pantelouris jeden Abend drei Stunden dafür aufgewendet, Kommentare und Mails auszuwerten und zu beantworten.

Redaktionen, die sich bei der Beschäftigung mit dem Thema Kommentare auf Pöbeleien fixierten, machten einen grundsätzlichen Fehler, meint Wolfgang Blau. "Wer seine Community-Strategie evaluiert, sollte sich nicht nur fragen, wie er Fehlverhalten von Usern verhindern oder gar bestrafen kann, sondern vor allem, wie er konstruktives Verhalten seiner User belohnen und fördern könnte", sagt er. "Nicht der Pöbler verdient die Zuwendung, sondern die Mehrzahl der stilleren User, die eigentlich wertvolle Gedanken zu einer Debatte beitragen könnten, aber Sorge haben, nicht gut behandelt oder einfach gar nicht gehört zu werden."

Ein weiterer Schlüssel für die Qualität eines Online-Angebots sei die Selbstregulierung, sagt Dirk von Gehlen. Der Nutzer müsse ein "vitales Interesse" daran haben, "dass in dem Raum, in dem er sich befindet, eine nette Atmosphäre herrscht" und deshalb auf Beeinträchtigungen in kürzester Zeit reagieren. Es reiche nicht, wenn ein Community-Manager "wie der einsame Polizist patrouilliert".

"Davon wollen wir mehr haben"

Die Redaktion von stern.de ist zumindest einstweilen mit der Facebook-Lösung zufrieden. Die Tatsache, dass ein Großteil der Nutzer des sozialen Netzwerks dort mit Klarnamen registriert ist, sieht man als Ursache für ein gesittetes Diskussionsniveau. "Beschimpfungen, Verunglimpfungen, Nazi-Ausfälle und Fäkalangriffe" seien dort Fehlanzeige, sagt Frank Thomsen. Die Debatten zu verfolgen, bringe sowohl der Redaktion als auch den derzeit 14.000 Fans (Stand: Ende September) etwas. "Davon wollen wir in Zukunft mehr haben – ohne aber in Abhängigkeit von Facebook zu geraten."

Die besteht derzeit zweifellos. Stern-Leser, die kommentieren wollen, müssen Mitglied bei Facebook sein. Die Onlineplattform der Illustrierten verschafft dem sozialen Netzwerk neue Mitglieder, von dem inhaltlichen Mehrwert, den die Nutzer von stern.de produzieren, profitiert Facebook also. Ganz zu schweigen von den Informationen, die der Internetgigant wirtschaftlich nutzen kann. "Wer seine Leserdebatten auf der Website abschaltet und nur noch auf Facebook Diskussionen ermöglicht, mag dies vielleicht mit konzeptionellen Argumenten verbrämen, tut dies aber aus Kostengründen", stellt Wolfgang Blau fest. "Wir haben jedenfalls nicht den Eindruck, dass die Leserdebatten auf unserer Facebook-Seite von noch höherer Qualität wären, nur weil dort unter Klarnamen diskutiert wird."

In abgeschwächter Form schon länger üblich ist die Kommentar-Auslagerung in Richtung Facebook beim Hamburger Abendblatt und bei der Berliner Morgenpost. Mehrere Beiträge pro Tag können auf deren Facebook-Seiten kommentiert werden. Auf abendblatt.de und morgenpost.de sind dagegen meist nur bei einem Artikel pro Tag Kommentare zulässig. Darüber hinausgehendes Monitoring sei letztlich "unwirtschaftlich", die "Manpower" dafür fehle, sagt Jochen Herrlich, der bei Springer unter anderem für die Onlinestrategien der beiden Regionalblätter zuständig ist.

User-Debatten bis 4.30 Uhr

Wenn Titel aus den Häusern Springer und Gruner+Jahr so agieren, dürften sich weniger große Verlage nur schwer davon überzeugen lassen, mehr Zeit in die Auseinandersetzung mit Leserkommentaren zu investieren. Jochen Herrlich betont aber, dass auch auf der Seite abendblatt.de ausführlich debattiert wird – jedenfalls in dem Blog Matz ab, gewidmet dem Fußball-Bundesligisten HSV und geschrieben von Sportredakteur Dieter Matz. "Der diskutiert mit seinen Usern sogar um 4.30 Uhr, weil das sein Ding ist."

stern.de will 2011 wieder Diskussionen auf der eigenen Website ermöglichen. Die User müssen dann ihre Identität preisgeben. In diesem Zusammenhang, so Thomsen, seien in den nächsten Monaten konzeptionelle und technische Fragen zu klären – "zum Beispiel, wie kompliziert man den Anmeldeprozess gestaltet. Er darf ja auch nicht zu kompliziert sein."

Mit dieser Ankündigung wirft der stern.de-Chef Fragen auf: Gehört es nicht zur informationellen Selbstbestimmung eines Kommentators, dass er unter einem Pseudonym agieren darf? Sind Pseudonyme gar ein Wesenszug des Internets? Die Diskussionen darüber sind schon deshalb nicht einfach, weil Kritiker oft übersehen, dass jemand, der unter Pseudonym etwas veröffentlicht, keineswegs "anonym" agiert. In einer Replik auf den Internetskeptiker Jaron Lanier – sein Buch "Gadget: Warum die Zukunft uns noch braucht" erscheint dieser Tage – betont etwa der Blogger SurfGuard: "Das Pseudonym ermöglicht es mir, mit einer persönlichen Meinung öffentlich aufzutreten, diese Meinung aber von der anderen wichtigen Sphäre meines Lebens getrennt zu halten: dem Arbeitsleben."

Als der Tagesspiegel online berichtete, dass stern.de, die Kommentare abschaffen wolle, diskutierten die Nutzer auch über das Thema Klarnamen. Wer mit richtigem Namen poste, sei leicht auffindbar für "Freaks" und müsse mit Telefonterror und seltsamen Briefe rechnen – so der Tenor. Als die Badische Zeitung vor einigen Monaten Klarnamen für Leserkommentare einführte, ging die Redaktion bei der Ankündigung der Umstellung auf einen Teil der verbreiteten Bedenken ein. Man trage "technisch Sorge dafür", dass "so wenig wie möglich" Kommentare von Suchmaschinen erfasst werden. "Trotzdem können wir nicht kategorisch ausschließen, dass Ihr Name im Kontext eines Nutzerkommentars von einer Suchmaschine gefunden wird. Dies könnte zum Beispiel eintreten, wenn Ihr Beitrag auf einem Internetangebot (Forum, Blog) zitiert wurde."

99 Cent fürs Mitdiskutieren

In den USA hat der Sun Chronicle im Juli eine einmalige Registriergebühr von 99 Cent von Kommentatoren verlangt. Wer mitdiskutieren will, muss unter anderem seine Telefon- und seine Kreditkartennummer angeben. Beim Hamburger Abendblatt habe man bereits über eine ähnliche Lösung nachgedacht, sagt Jochen Herrlich. Geplant war, dass nur Abonnenten kommentieren dürfen. Das habe die Chefredaktion aber als "Einschränkung der Meinungsfreiheit" betrachtet.

Klar ist nur, dass es sich langfristig wohl niemand wird leisten können, auf seiner eigenen Plattform keine Diskussionen über seine Inhalte zu führen. In absehbarer Zeit werde die Mehrheit der Mediennutzer Kommentare "als selbstverständlichen Teil des publizistischen Angebots mitlesen", sagt Dirk von Gehlen. Bereits heute würden sich Nachrichten im Netz kaum voneinander unterscheiden, egal, ob sie nun bei Spiegel Online oder Welt Online zu finden seien. Als "Unterscheidungsmerkmal" werde die Community daher immer wichtiger. Und wer sie nicht abbildet, läuft Gefahr, ins Hintertreffen zu geraten.

Aktuelle Kommentare zu dieser Meldung

Noch keine Kommentare.

Kommentare werden moderiert.

Kommentar verfassen

Ins Gästebuch eintragen

 (Wird nicht veröffentlicht)

Bitte geben Sie hier das Wort ein, das im Bild angezeigt wird. Dies dient der Spam-Abwehr.

CAPTCHA-Bild zum Spam-Schutz

Wenn Sie das Wort nicht lesen können, bitte hier klicken.
Viavision
Viavision