Detail-Informationen

Autor

Mathias Rittgerott

verfasst am

14.03.2011

im Heft

journalist 3/2011

facebooktwitterdel.icio.usMister Wongdigg.comaddthis.comMa.gnolia

Netzwerken in der Teeküche: Alexander Visser (l.) hat im Betahaus Journalisten für sein Zeitschriftenprojekt gefunden.

Coworking Spaces

Dach überm kreativen Kopf

Freiberufler leiden nicht selten unter ihrem Dasein als Einzelkämpfer. Trotzdem scheuen manche die enge Bindung an eine Bürogemeinschaft. Büro-WGs – sogenannte Coworking Spaces – bieten hier eine Alternative. journalist-Autor Mathias Rittgerott hat sich im Berliner Betahaus umgeschaut.

Manchmal kam er sich vor wie Carl Spitzwegs "armer Poet". "Ich war ein Pyjama-Freischaffender", sagt Oliver Koehler über seine Zeit in Heidelberg. Weil der Kulturjournalist und Übersetzer daheim arbeitete, waren Arbeitszeit und Müßiggang nicht zu trennen. Was Koehler anzog, war egal, da weder Kollegen noch Kunden ihn zu Gesicht bekamen. 

"Den Sprung raus aus meiner Dichterklause habe ich vor fünf Jahren gewagt", erzählt der 38-Jährige. Der erste Schritt führte ihn nach Hamburg, "weil die Medienlandschaft da lebendiger ist". Der Deutsch-Engländer zog in ein Gemeinschaftsbüro mit zwei Journalisten und zwei Webdesignern. Koehler schrieb für fluter, das Jugendmagazin der Bundeszentrale für politische Bildung, und für das inzwischen eingestellte Männermagazin Feld Hommes.

Nach drei Jahren lockte ihn Berlin. In der Bürogemeinschaft, wo er sich einquartierte, fühlte sich Oliver Koehler nicht richtig wohl: "Mit den Webdesignern dort gab es keine Synergieeffekte", sagt er. "Jeder arbeitete vor sich hin." So fand er den Weg ins Betahaus, Deutschlands größten Coworking Space. "Das Haus war mir sofort sympathisch", sagt Koehler. Nach einem Tag Probesitzen unterschrieb er im Juni 2009 einen Mietvertrag.

150 kreative Kopfarbeiter – vom Webdesigner bis zum Start-up-Gründer – haben im Betahaus keine eigenen Arbeitsräume, sondern nur Schreibtische gemietet. Auch Journalisten sind hier zu finden. Sie gehen keine enge Bindung ein – so wie in einem Journalistenbüro, wo monatlich die Miete fällig wird, egal ob man anwesend war oder nicht. Im Berliner Betahaus kann man einen festen Arbeitsplatz belegen oder seinen Schreibtisch tageweise anmieten. Ganz nach Bedarf. Und der kann sich je nach Auftragslage ändern.

Jan Delay, Sandwiches und Bionade

Ein weiterer Vorteil von Coworking Spaces: Gemeinsam sind die Kreativen und Wissensarbeiter weniger allein. Und anders als im Journalistenbüro, wo Journalisten viel über Journalismus reden, herrscht hier ein berufsübergreifender Austausch. Journalisten treffen auf Übersetzer, Fotografen, Layouter, Web-Spezialisten und iPhone-Experten. Gespräche ergeben berufliche Kontakte, führen zu spannenden Themen. Die Arbeit im Coworking Space diszipliniert zudem. Die Erfahrung lehrt, dass Freiberufler, die zu Hause arbeiten, oft bügeln anstatt zu brüten. Selbst wenn Termindruck herrscht, der Auftrag eigentlich die ganze Aufmerksamkeit verlangt, fällt es vielen schwer, sich nicht mit anderen Dingen abzulenken. Arbeitszeit und Freizeit verschwimmen allzu oft.

Dagegen hilft die "räumliche Trennung zwischen daheim und meinem Arbeitsplatz", sagt Oliver Koehler. Jeden Morgen macht er sich deshalb auf den Weg ins Betahaus. Der Duft von frischem Kaffee liegt in der Luft. Im Café läuft ein Song von Jan Delay. Außer Milchkaffee gibt es Sandwiches und Bionade.

Ein klappriger Lastenaufzug führt hinauf in die dritte Etage der ehemaligen Putzlappenfabrik. "Hinter dieser Tür wird gearbeitet. Bitte Ruhe. Danke!", steht auf einem Zettel. Stille umfängt einen, allenfalls Geflüster und Tastaturgeklapper sind zu hören. Für Empfindliche liegen Ohrenschützer bereit, Vieltelefonierer gehen in spezielle Räume, wo sie niemanden stören. 

Im Aufzug, bei Raucherpausen im Treppenhaus und im Café werden Bekanntschaften geknüpft. Das Gespräch beginnt meist mit einer Frage: Was arbeitest du? "Hier entsteht ein Netzwerk mit Menschen aus Fleisch und Blut, nicht bloß aus virtuellen Netzkontakten", sagt Madeleine von Mohl, die Mitgründerin des Betahauses. Von der Idee ist die 29-Jährige überzeugt: "Die guten Seiten einer Firma pflegen wir, minus verplemperte Zeit und nörgelnder Chefs."

Über dieses Netzwerk hat Oliver Koehler zu Alexander Visser gefunden. Visser hatte im vergangenen Jahr beim Tagesspiegel gekündigt, um seinen Traum zu verwirklichen: ein eigenes Magazin. Berlin&I heißt das Heft, ein Stadtmagazin, das sich mit Kultur- und Gastronomietipps an Berlinbesucher wendet, die in Vier- und Fünf-Sterne-Hotels absteigen. In 120 Häusern liegt Berlin&I aus, alle zwei Monate lässt Visser rund 60.000 Exemplare drucken. Derzeit arbeitet er an der siebten Ausgabe. 

Alexander Visser war ins Betahaus gezogen, um einen Dummy zu produzieren. "Ich brauchte kein riesiges Büro, sondern ein flexibles", sagt der 39-Jährige. In der Planungsphase jeder neuen Ausgabe belegt er nur zwei Schreibtische. In diesen ruhigeren Phasen schreibt er eigene Geschichten fürs Blatt und verkauft Anzeigen. "Gute Kunden besuche ich als Herausgeber persönlich", sagt Visser. Sein Schreibtisch ist häufig verwaist.

In der Produktionsphase weitet Alexander Visser sein Team aus: Fünf Schreibtische benötigt er dann für Textredaktion, Newsproduktion, Übersetzung. "Vieles regeln wir per Zuruf und mit Augenkontakt." Anderes funktioniert per Mail und Telefon. Die Art-Direktorin arbeitet von zu Hause aus. "Zur Seitenplanung hängen wir keine Blätter an Bürowände. Das Layout gelingt auf dem Bildschirm genauso gut."

Einige seiner Mitstreiter hat Alexander Visser im Betahaus gefunden. "Ich habe eine Rundmail geschrieben, dass ich Leute für den Dummy suche", sagt er. Auf diesem Weg hat er Oliver Koehler kennengelernt. Der schreibt jetzt Filmkritiken und übersetzt Texte ins Englische. Eine Handvoll weiterer Autoren sitzt und arbeitet ebenfalls hier.

Ideenaustausch mit Nichtjournalisten

Alexander Visser und sein Berlin&I-Team entgehen hier der Isolation des Kleinunternehmertums. "Die Teeküche ist der Ort für Kommunikation über die Berufsgrenzen hinaus", sagt der Journalist. Im Betahaus hat er etwa mit einem Internetspezialisten darüber geplaudert, wie er die Website seines Magazins gestalten kann, "ohne dass mir gleich eine Rechnung für ein Vorgespräch gestellt wurde".

Auch Linda Tutmann schätzt den Ideenaustausch. "Es ist ein Vorteil, dass dort nicht ausschließlich Journalisten arbeiten, sondern Freiberufler aus den unterschiedlichsten Branchen", sagt die 29-Jährige. "Durch Gespräche mit anderen Mietern bin ich auf neue Themen aufmerksam geworden." So wäre ihr ohne den Austausch entgangen, dass Firmen per Twitter Personal suchen. Ein ideales Thema für die Journalistin mit Schwerpunkt Bildung.

Während ihrer Studienzeit hatte sie daheim für Zeitungen wie Süddeutsche und Zeit geschrieben. Nach ihrer Zeit bei der Berliner Journalisten-Schule ist sie ohne Umwege ins Betahaus gezogen. Gleich nach ihrem ersten Besuch stand fest, dass sie hier einziehen würde. Ihr Bauchgefühl habe sie geleitet, schnell zuzusagen. "Man schließt ja keinen langfristigen Vertrag", sagt Tutmann. "Das erleichtert es, zu unterschreiben." Sie wählte den Flex-Tarif, weil sie nicht jeden Tag ins Büro ging. Sie ist überzeugte Betahäuslerin, auch wenn sie im vergangenen Oktober bei Focus Schule anheuerte und jetzt fest angestellt in der Münchner Redaktion sitzt. "Für Freie bietet ein Coworking Space ein ideales Arbeitsumfeld. Für längere Telefoninterviews ist es jedoch zu unruhig, die führt man besser daheim."

Visser, Koehler und Tutmann sind mit ihrem Faible für das Arbeiten unter gemeinsamem Dach nicht allein. Willi Oberlander vom Nürnberger Institut für Freie Berufe hat untersucht, warum es Kreative in solche Büro-WGs zieht. "Coworking Spaces helfen, soziale Defizite abzubauen, denn Freiberufler leiden unter Vereinzelung. Ihnen mangelt es an Informationsaustausch." Weil es die neue Arbeitsform erst seit sechs, sieben Jahren gibt, fehlen aber "Erfahrungswerte darüber, für wen sich ein Schreibtisch dort auf Dauer lohnt", sagt Udo-Ernst Haner vom Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation in Stuttgart. 

Sebastian Sooth beschreibt den gedanklichen Überbau der Coworking-Bewegung. Die Büro-WG ermögliche ein gewisses Glücksgefühl. "Coworker sind nicht als Solo-Selbstständige unterwegs, sondern in Netzwerken." Sooth betreibt selbst einen Coworking Space in Berlin: Studio70 liegt in einem Hinterhof am Kottbusser Damm, wo die kreativen Epizentren Mitte und Prenzlauer Berg weit weg scheinen. "In zehn Minuten soll man den Arbeitsplatz erreichen, egal wo man wohnt", sagt der Projektentwickler. Um diesem Ziel näher zu kommen, listet er auf der Internetseite hallenprojekt.de Mietschreibtisch-Büros aus ganz Deutschland auf. Eine Fundgrube für Freiberufler, die sich diese Art des Arbeitens für sich vorstellen können.

Im Leipziger Rockzipfel etwa bringen die Freiberufler sogar ihren Nachwuchs mit und helfen sich gegenseitig bei der Kinderbetreuung. Gefördert wird das Projekt von der EU und der Stadt Leipzig. Bis zu 110 Euro kostet die monatliche Schreibtischmiete; die Kinderbetreuung ist kostenlos. Coworking0711, eine Büro-WG in Stuttgart, bietet Mietschreibtische mit Blick auf den Nordflügel des Hauptbahnhofs. Journalisten können in der Landeshauptstadt derzeit kaum zentraler arbeiten. 

Das Betahaus hat inzwischen eine Dependance in Hamburg, in Planung sind Zürich, Lissabon und Sofia. Für Madeleine von Mohl ist das Management längst zum Fulltimejob geworden. Eine Festanstellung kennt sie nur vom Hörensagen. Nach dem Germanistikstudium in Dresden, Potsdam und Lissabon ging sie für die Konrad-Adenauer-Stiftung nach Brüssel und arbeitete in Berlin einer Bundestagsabgeordneten zu. Auf einer Zugfahrt durch Osteuropa schnupperte sie in den Internetjournalismus hinein: Sie drehte für das Web 2.0 einen Film über die neuen EU-Staaten – und fand Geschmack an freiberuflicher Arbeit. 

Die ideale Arbeitsatmosphäre

Von Mohls zweites Projekt war die Politikfabrik, eine studentische Agentur für politische Kommunikation, die 2002 im Rahmen eines Projekts der FU Berlin entstanden ist. Als die Politikfabrik mehr Platz benötigte, fiel die Entscheidung gegen eine klassische Bürogemeinschaft mit festem Vertrag. Stattdessen gründete Madeleine von Mohl mit fünf Freunden das Betahaus, um für sich selbst die ideale Arbeitsatmosphäre zu schaffen. "Wir dachten, mit zehn weiteren Usern lohnt sich ein Coworking Space." 

Bis zum 50. Mieter war das Haus ein Selbstläufer. "Seither verlangen die User, dass wir etwa Gesprächsforen organisieren", sagt Haus-Managerin von Mohl. Jüngst hat sie den Gründerwettbewerb Betapitch mit auf die Beine gestellt.

Fast täglich unterschreibt ein neuer Mieter einen Vertrag im Betahaus. Der Andrang ist so groß, dass Interessenten in Gruppen durch das ehemalige Fabrikgebäude geführt werden. Für zwölf Euro am Tag setzt sich der Mieter an einen beliebigen Bürotisch, auf dem nur eine Lampe steht, und klappt seinen Laptop auf. 229 Euro pro Monat kostet ein fester Arbeitsplatz – inklusive WLAN, fünf Stunden Zugang zum Meetingraum, eigenem Briefkasten und Schließfach. Zweimal am Tag wird italienischer Kaffee gereicht.

Von Anfang an plante Madeleine von Mohl, das Betahaus pünktlich um 18 Uhr zuzusperren. "Wir haben eine Umfrage gemacht, ob wir diese schrecklich konservativen Öffnungszeiten ausweiten sollen." Die Antwort war eindeutig: "Bloß nicht!" Nun fällt die Eingangstür tatsächlich um 18 Uhr ins Schloss. Ins Haus kommt nur noch, wer einen festen Tisch gebucht hat und daher einen Schlüssel besitzt. 

"Man wird nicht rausgeschmissen, aber die meisten machen spätestens eine Stunde später Feierabend", sagt Alexander Visser. Ihn trifft man allenfalls in den Hochphasen der Heftproduktion noch um Mitternacht im Coworking Space an. Aber: "Als Festangestellter habe ich häufiger bis in den Abend gearbeitet, weil ich nicht Herr über meine Zeit war", sagt er. Oliver Koehler verlässt ebenfalls um 19 Uhr das Betahaus. Will er abends weiter arbeiten, geht er in die Universitätsbibliothek. "Dort lenkt mich nichts ab, weil es kein Internet gibt und man nicht ständig private E-Mails liest."

Coworking Spaces in Deutschland

  • Übersichten, welche Coworking Spaces es in Ihrer Stadt gibt, finden Sie im Coworking-Verzeichnis von coworking-news.de sowie auf der Übersicht von hallenprojekt.de.
  • Coworking Spaces gibt es nicht nur in Großstädten wie Berlin, Hamburg, Köln und München, sondern zum Beispiel auch in Gießen, Kempten und Lüneburg. Weitere Gemeinschaftsbüros sind in Planung. Eine Übersicht gibt es hier.
  • Die Schreibtisch-Kapazitäten unterscheiden sich stark. Mit 150 Plätzen ist das Berliner Betahaus der wohl größte Coworking Space in Deutschland. 
  • Die Preise für einen Monat Coworking variieren von rund 120 Euro in Köln und Magdeburg bis 350 Euro in München.
  • Einige wenige Coworking Spaces verbinden das Coworking mit Kinderbetreuung – so etwa das Eltern-Kind-Büro Rockzipfel in Leipzig und die Kölner ZeiträumeCoworking 0711 in Stuttgart bietet zumindest bei Veranstaltungen an, auf Kinder aufzupassen.
  • Ein Angebot für Geschäftsreisende bietet das Frankfurter Cluboffice. Hier gibt es 50 Schlafplätze für Coworker.
  • Der Journalist Jürgen Christ hat vor, möglichst viele Coworking Places in Deutschland auszuprobieren. Angefangen hat er in Erfurt. Danach sollen Berlin, Hamburg, Dresden und Magdeburg folgen.

Aktuelle Kommentare zu diesem Text

Noch keine Kommentare.

Kommentare werden moderiert.

Kommentar verfassen

Ins Gästebuch eintragen

 (Wird nicht veröffentlicht)

Bitte geben Sie hier das Wort ein, das im Bild angezeigt wird. Dies dient der Spam-Abwehr.

CAPTCHA-Bild zum Spam-Schutz

Wenn Sie das Wort nicht lesen können, bitte hier klicken.
Viavision