Detail-Informationen

Autor

René Martens

verfasst am

03.01.2013

im Heft

journalist 1/2013

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Datenvisualisierung

Die besten Infografiken 2012

Der journalist zeigt die anschaulichsten Infografiken des Jahres 2012. Dabei haben die beiden Großereignisse, die Olympischen Spiele und die US-Wahl, neue Maßstäbe bei der Visualisierung von Daten gesetzt. Inspiration auch für deutsche Redaktionen?

Alfréd Hajós aus Ungarn war einer der schnellsten Schwimmer seiner Zeit. 1896 gewann er das 100-Meter-Freistilschwimmen der Männer bei den Olympischen Spielen in Athen in einer Minute und 22 Sekunden. 2012 hätte er damit, wie die New York Times ausgerechnet hat, 42,6 Meter hinter dem aktuellen Gewinner Nathan Adrian zurückgelegen. Das klingt wie eine Spielerei der Redaktion, aber die Art, wie die Zeitung sie präsentierte, war besonders: Unter dem Titel Racing Against History bot sie ihren Onlinelesern eine Grafik, mit deren Hilfe man die Leistungen sämtlicher Olympiasieger quasi auf einen Blick vergleichen konnte. Entsprechende Grafiken gab es auch für den Weitsprung und den 100-Meter-Sprint der Männer.

Die Olympischen Sommerspiele seien ein Auslöser dafür, dass 2012 "neue Maßstäbe bei der Visualisierung von Daten" gesetzt werden konnten, sagt Sascha Venohr, der bei Zeit Online als Head of Datajournalism firmiert. Aber noch ein zweites Großevent brachte im vergangenen Jahr ähnliche Grafik-Innovationen hervor: die Präsidentschaftswahlen in den USA. Auch hier erwies es sich als Vorteil, dass das Ereignis "planbar" war, wie Venohr betont. Die Grafiker hatten sich monatelang vorbereiten können.

Bei den US-Wahlen bot es sich besonders an, die Rolle der sogenannten Swingstates zu veranschaulichen, deren Ergebnisse knapp und schwer vorhersagbar sind. Auch hier tat sich die New York Times hervor. "Die Grafiken der NYT sind auf den ersten Blick sehr klar und reduziert, aber wenn man näher rangeht, bieten sie sehr viel Inhalt – speziell die Onlinegrafiken, die einen auf immer tiefere Ebenen eintauchen lassen", sagt Andrew Timmins, Leiter der Infografik beim Stern. "Hier sieht man, wie viel Wert auf die Qualität der Umsetzung gelegt und wie stark in Kosten und Arbeitszeit investiert wird." Im Herbst werden deutsche Medien die Chance bekommen, sich von der US-Wahlkampfberichterstattung inspirieren zu lassen: Dann ist in Deutschland Bundestagswahl.

"Niemand würde einen derart detailreichen Text über ein Gesetz lesen"

Datenjournalismus ist längst kein Randthema für Spezialisten mehr. Sogar die ZDF-Show Markus Lanz bediente sich kürzlich filigran aufbereiteter Daten. Anlass war das Erscheinen des Buchs Deutschland verstehen, dessen populistischer Titel der Redaktion gefallen haben dürfte. In der Sendung zu Gast war der Journalist Ralf Grauel, der das Buch gemeinsam mit Jan Schwochow, dem Geschäftsführer des Berliner Infografik-Dienstleisters Golden Section Graphics, herausgegeben hat. Den Trend, "komplexe Sachverhalte einfach erklärt zu bekommen", gebe es "durch alle Schichten hindurch", sagt Schwochow, einst Infografik-Chef beim Stern. So hat sein Team für die Ärzte Zeitung kürzlich eine bewegte Grafik produziert, die Medizinern die Änderungen des Arzneimittelgesetzes veranschaulicht. "Niemand würde einen derart detailreichen Text über ein Gesetz lesen", meint Schwochow. Es entwickle sich langsam ein Bewusstsein dafür, was mit modernen Infografiken alles möglich sei, sagt der Firmenchef. Andererseits gebe es immer noch Chefredakteure, die eine "tolle, aufwendige Grafik mit viel Bling-Bling wollen, sich aber nur am Rande für die Inhalte interessieren".

In der Anfangsphase habe Golden Section Graphics zu 70 Prozent für Verlage gearbeitet, inzwischen überwiegend für branchenfremde Unternehmen. "Die entdecken das Thema auf allen Ebenen", sagt Schwochow. Auch in Anzeigen findet man mittlerweile Infografiken. Ob ein Auftrag aus dem Journalismus oder aus dem Corporate-Publishing-Bereich kommt, macht für ihn keinen Unterschied: "Eine Infografik erklärt Fakten, dabei ist man relativ neutral. Da ist der Auftraggeber nicht entscheidend."

Raimar Heber, Art Director bei dpa-infografik, vertritt zur Frage der Neutralität eine differenzierte Position. "Infografische Landkarten etwa können Sachlichkeit in eine emotionale Debatte um Gebietskonflikte bringen", sagt er. "Dabei hat man als Grafiker aber eine große Verantwortung."

"Die wahren Meisterstücke"

Unter Infografikern gibt es ähnliche Unterschiede und Vorbehalte wie in anderen Bereichen des Journalismus. Schwochow sagt, er finde das, was die Infografiker von dpa und Co lieferten, oftmals "dünn". dpa-Mann Raimar Heber hält dagegen: "Schnellschüsse, die Hand und Fuß haben" seien die "wahren Meisterstücke". Denn: "Eine Grafik, die um 16 Uhr noch nicht fertig ist, ist eine tote Grafik."

Das "Selbstverständnis eines Nachrichtenagentur-Grafikers" sei nicht vergleichbar mit dem eines Kollegen, der sich über eine sehr lange Zeit mit einer Datenvisualisierung beschäftigen könne. dpa liefere seine Grafiken als fertiges Produkt und als offene Datei, die Kunden mit wenigen Handgriffen umbauen und anpassen könnten, sagt Heber. Wer an solchen Grafiken arbeite, dürfe kein "kreativer Selbstdarsteller" sein, der sich dann etwa darüber ärgere, zu lange an einem Blau gefeilt zu haben, wenn der Kunde es durch eine andere Farbe ersetzt.

Gerade bei Onlinegrafiken gebe es, anders als im Printbereich, Unterschiede zwischen Deutschland und den USA, sagt Raimar Heber. Das liege am "Spezialstatus" der New York Times, der für Datenvisualisierungen offenbar "Geld ohne Ende" zur Verfügung stehe. Beim Stern zum Beispiel ist das Infografik-Team mit sechs Festangestellten plus einer Rechercheurin für deutsche Verhältnisse sehr stark besetzt. Aber die Infografik-Abteilung der NYT ist rund viermal so groß.

Bei Zeit Online werden derzeit Daten zu den Grundschul-Klassengrößen in den Bundesländern gesammelt. Das sei "ein zäher Prozess, obwohl es ja keineswegs um brisantes Material geht", sagt Sascha Venohr. Ein entsprechender Gesamtüberblick liegt bei keiner Behörde vor. Bei der Recherche bekamen die Zeit-Mitarbeiter schon mal zu hören, man könne die Daten nicht herausgeben, weil die Größe einer Klasse nicht maßgeblich sei, wenn sie nach einem besonderen pädagogischen Konzept unterrichtet werde. "In den USA wäre es überhaupt kein Problem, so eine Statistik innerhalb kürzester Zeit zu bekommen", meint Venohr. Bei Zeit Online sitzen sie dagegen schon seit Wochen an der Sache. "Das Thema ist zwar zeitlos, aber zum nächsten Schulanfang würden wir es schon gern bringen."

Und weiter?

In welche Richtung wird sich der Datenjournalismus entwickeln? Die Verarbeitung regionaler Daten mit Hilfe von "schlanken Karten" sei ein Trend, sagt Venor. "Google Maps ist zu überladen. Flussverläufe und Autobahnen braucht man in den meisten Fällen nicht." Die Visualisierung, die der leitende Zeit-Online-Redakteur für die herausragende des Jahres 2012 hält, ließe sich sogar mit dem Begriff "Karte ohne Karte" bezeichnen. Es handelt sich um eine Grafik, mit der der Guardian aufdröselt, welche unterschiedlichen Rechte Homosexuelle in den US-Bundesstaaten haben. Statt eine Landkarte einzufärben, löste man die Aufgabe mit Hilfe kreisförmig angeordneter interaktiver Informationsfelder. Wie man regionale Unterschiede darstellt, ohne Karten zu verwenden, zeigt auch eine Darstellung von Zeit Online, mit der sich die Verteilung und Entwicklung der Arbeitslosigkeit in den verschiedenen Regionen der Bundesrepublik nachvollziehen lässt.

Globaler Warenverkehr

Wer im- und exportiert was? Alexander Simoes' Magisterarbeit zeigt es (hier: ausgeführte US-Güter).

Alle Olympiasieger

Die schnellsten Schwimmer ihrer Zeit im Direktvergleich. Eine interaktive Grafik der New York Times.

Regenbogengesetze

In welchen US-Bundesstaaten Homosexuelle welche Rechte haben, weiß der Guardian.

Gruppenverhalten

Die interaktive New-York-Times-Grafik erzählt die Geschichte der US-Wahlen seit 1972.

Jobwunderland?

Zu viele Daten für einen Text: Die Arbeitslosigkeit in Deutschland seit 2005 zeigt Zeit Online.

Die allumfassende Setlist

30 Jahre Metallica in einer grafischen Übersicht – zu finden bei visual.ly.

Die Katastrophenkarte

Öl- und Gas-Pipeline-Unfälle in den USA seit 1986, von Lena Groeger, Pro Publica.

Grafik für Mediziner

Die Ärzte Zeitung erklärt ihren Lesern online das Arzneimittelmarktneuordnungsgesetz.

Die Geschichte Ruandas

Eine Infografik kann auch fast nur aus Text bestehen – wie im Schweizer Magazin "Reportagen".

Die Zugmonitor

Bahn-Verspätungen in Echtzeit im Überblick gibt es bei Süddeutsche.de. Kreise = Verspätungszeiten

Die Beinahekrieg

Das Team von dpa-infografik zeigt die Kuba-Krise auf einen Blick.

Steuern für die Formel 1

Eine schlanke Stern-Grafik macht deutlich, wer wirklich gewinnt.

 

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Aktuelle Kommentare zu diesem Text

06.02.2013 11:31

journalist-Redaktion

@Anna Wagner: Linke Spalte. 3. Januar 2013.

06.02.2013 11:27

Anna Wagner

Hab ich das überlesen, oder steht da wirklich kein Artikel-Datum? Das ist doch eine wichtige Information!

 
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