Detail-Informationen

Autor

Svenja Siegert

verfasst am

07.04.2011

im Heft

journalist 4/2011

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www.dieredaktion.de: Fast 1.000 angemeldete Journalisten, aber wenig Interaktion

dieredaktion.de

Mit Beigeschmack

Vor gut einem Monat ist dieredaktion.de online gegangen. Journalisten und Verlage können über das Portal Texte kaufen und verkaufen. Die Deutsche Post als Betreiber hat sich vorgenommen, dass freie Journalisten hier 200 bis 300 Euro im Monat extra verdienen können. Ein monatliches Stipendium soll helfen, das Vertrauen der Journalisten für das Projekt zu gewinnen.

963 registrierte Journalisten, aber nur zwei ausgeschriebene Aufträge. Ein belebter Basar funktioniert anders. Gut vier Wochen nach dem Start kommt es noch selten zu Geschäften zwischen den Medienschaffende auf dem neuen Presseportal, das die Deutsche Post Anfang März ins Leben gerufen hat.

Rund ein Jahr hat der Logistikkonzern an dieredaktion.de gebastelt. Herausgekommen ist eine Website, die freie Journalisten, Verlage und Unternehmen zusammenbringen will. "dieredaktion.de schafft eine zentrale Plattform, die insbesondere freien Journalisten neue Absatz- und Auftragschancen bietet", wirbt die Post. Es ist die Rede vom "neuen Onlinemarktplatz für Qualitätsjournalismus".

Gegen einen Jahresbeitrag von 72 Euro können Journalisten bei dieredaktion.de ein Profil anlegen, Texte, an denen sie die Rechte besitzen, zum Kauf anbieten und Aufträge annehmen, die über das Portal ausgeschrieben sind. Verlage und Unternehmen wiederum können Aufträge ausschreiben, Fachautoren suchen sowie Texte zweitverwerten.

Bei der Post ist man mit der ersten Resonanz auf das Angebot zufrieden. Sie übertreffe die Erwartungen des Unternehmens. Angepeiltes Ziel: so schnell wie möglich mehr als 1.000 angemeldete Journalisten – und langfristig: im Schnitt rund 200 bis 300 Euro Mehreinnahmen für freie Journalisten im Monat. "Daran werden wir uns messen lassen müssen", sagte Post-Vorstandsmitglied Lutz Glandt dem journalist. "Durch das Portal steht sicher kein freier Journalist in Deutschland schlechter da als bisher, aber vielen wird es besser gehen."

Freie Journalisten aus dem Deutschen Journalisten-Verband (DJV) hatten die Möglichkeit, vor Start dieredaktion.de zu testen. Auch Referenten der Geschäftsstelle und Mitglieder des Bundesvorstands haben vorab einen Blick auf das Portal geworfen. Im DJV begrüßt man die Ambitionen der Post, hält die Gebühren für marktüblich und hat die AGB gecheckt.

Dennoch sind die Bedenken vieler freier Journalisten nicht von der Hand zu weisen. Kritik wird in Onlinekommentaren laut, viele Journalisten wollen erst mal abwarten, und selbst die angemeldeten User haben meist noch keinen Text hochgeladen.

Was die Journalisten zweifeln lässt, ist in erster Linie die Post als Betreiber. Das Unternehmen gibt sich redlich Mühe, diese Bedenken auszuräumen. Es garantiert, keinerlei Einfluss auf die Texte zu nehmen. Zig Maßnahmen sollen sicherstellen, dass nur hauptberufliche Journalisten auf dem Portal agieren können: Über Presseausweis und Personalausweis müssen sich die Journalisten identifizieren, Journalisten und Auftraggeber können sich gegenseitig bewerten, PR-Texte müssen gekennzeichnet werden.

Warum die Post?

Es bleibt die Frage, wieso gerade ein Wirtschaftsunternehmen dieser Größenordnung Interesse daran haben soll, dass freie Journalisten und Verlage mehr Geld auf ihr Konto bekommen. Die Antwort ist denkbar einfach: Das Unternehmen will Geld verdienen, indem es eine Dienstleistung bereitstellt. Laut Post-Vorstand Lutz Glandt ist es kein Zufall, dass gerade sein Unternehmen dieredaktion.de gestartet hat: Die Post habe Erfahrung darin, logistische Aufgaben zu strukturieren. "Sie verfügt als jahrzehntelanger Partner der Verlage über ein großes Grundvertrauen in der Branche, und als Hüterin des Briefgeheimnisses ist sie wie vielleicht kein anderes Unternehmen geeignet, ein so sensibles Thema wie die Interaktionen auf dem Medienmarkt verlässlich im Interesse aller Beteiligten zu handhaben und zu verantworten."

Was bleibt, ist ein gewisser Beigeschmack. Dabei hat es durchaus Vorteile, dass sich solch ein Unternehmen an das Projekt wagt: Man kann davon ausgehen, dass im Portal jede Menge Marktforschung, Geld und damit Marketingbudgets und Ernsthaftigkeit stecken. dieredaktion.de hat also die Chance, möglichst viele Medienschaffende auf seinem Portal zu vereinen – was neben der Qualität der Beiträge Grundvoraussetzung dafür ist, dass die Geschäftsidee aufgeht.

Die Post ist nicht der erste Anbieter, der versucht, mit einem Onlinemarktplatz für Texte Geld zu verdienen. Am ehesten lässt sich dieredaktion.de mit dem im Herbst 2010 gestarteten spredder.de vergleichen. Was Spredder fehlt, sind vor allem Menschen, die mitmachen. Weiterer Nachteil sind die vorgegebenen Preise. Auf dieredaktion.de bestimmt der Journalist, was er für seinen Text noch haben will. Ohne Zweifel ist hierzulande solch ein Projekt kein Unternehmen ernster und professioneller angegangen als die Post.

Auch DJV-Freien-Referent Michael Hirschler hat sich auf dieredaktion.de umgesehen. Er kann die Skepsis der Journalisten gegenüber Anbieter und Geschäftsmodell nachvollziehen: "Freie Journalisten haben in den vergangenenen Jahren keine Erfolgsgeschichten erlebt. Warum sollte jetzt hier eine zu erwarten sein?" Freie arbeiteten viel zu oft umsonst, "nach dem Prinzip Hoffnung". Andererseits: "Wer Texte hat, die schon gelaufen sind oder nicht untergebracht wurden, was hat er zu verlieren?"

Als Ersatz für den Kontakt zur Redaktion taugt das Portal natürlich nicht. Vielmehr geht es um Zweitverwertung. Warum einen Text, der sein Dasein auf der eigenen Festplatte fristet, nicht noch mal anbieten? Wirklich funktionieren wird das am ehesten im Bereich der Fachartikel. Und wahrscheinlich sind es auch eher Corporate Publisher oder Unternehmen – und nicht Redaktionen –, die kein Problem damit hätten, einen Text, der bereits in einer Zeitschrift oder Zeitung stand, erneut zu veröffentlichen. Corporate Publisher und Unternehmen werden es wohl auch sein, die über solch ein Portal nach Fachautoren suchen.

Zusammengefasst bietet die Post die Möglichkeit, freien Journalisten neue Einnahmequellen zu erschließen. Damit das Portal nicht floppt, reicht es nicht, die Werbetrommel zu rühren, sondern die Post müsste es schaffen, das Vertrauen der Journalisten zu gewinnen. Hierfür werden derzeit unter anderem viele Telefonate mit Journalisten geführt, die ihren Unmut über das Portal zum Ausdruck brachten oder zweifeln, ob sie es wirklich ausprobieren sollen. Das Team von dieredaktion.de will mögliche Kunden überzeugen, dass die Deutsche Post weder Journalisten schröpfen will, noch Interesse an den Rechten ihrer Texte hat. Um Journalisten die erste Hürde zu nehmen, entfällt für diejenigen, die sich noch bis Ende April anmelden, die Jahresgebühr; auf Textverkäufe zahlen diese vorerst (bis 30. Juni) nur 20 Prozent Provision – DJV-Mitglieder sogar nur 15 statt der üblichen 30 Prozent.

Im Bemühen, die Branche zu überzeugen, sollen als weiterer Schritt einmal im Monat Recherchestipendien in Höhe von rund 4.000 Euro ausgeschrieben werden. Ein unabhängiges Gremium soll sie vergeben. Die Post will weder Einfluss auf Themen noch auf Texte nehmen. Einzige Bedingung: Der Gewinner muss seinen Beitrag über dieredaktion.de anbieten.

Aktuelle Kommentare zu diesem Text

23.01.2012 12:42

Pia Grund-Ludwig

Auch nach knapp einem Jahr ist die Lage ähnlich. Recherche heute: zwei Aufträge zu Dumping-Preisen, Springer schüttet die Plattform mit den Texten "seiner" Autorinnen und Autoren zu. Freie sind Mangelware.

09.04.2011 22:27

Ulf J. Froitzheim

Michael Hirschler fragt: "Wer Texte hat, die schon gelaufen sind oder nicht untergebracht wurden, was hat er zu verlieren?"
Sarkastisch könnte man antworten: Eigentlich nichts – außer seinem guten Ruf. Denn wer mitmacht, mischt seine Texte unter lieblos von Springer Abgekipptes. Es ist hanebüchen, wie wahllos und wie dilettantisch dieser Großverlag diesen Content-Container abfüllt. Ich habe mir mal die Mühe gemacht, ein bisschen zu stöbern, und fühlte meine Befürchtungen eher noch übertroffen:

http://wp.ujf.biz/?p=3706

08.04.2011 13:30

Robert Fishman

Wäre die Post von ihrem Geschäftsmodell überzeugt, würde sie statt 72 Euro/ Jahr festen Beitrag von den Journalist/inn/en nur eine Provision verlangen. So zahle ich 72 Euro ohne vorher zu wissen, was ich davon über Verkaufserlöse wieder bekomme. Auch das DJV Bildportal hat mit happigen 30 Euro/Monat diesen Fehler.

 
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