Detail-Informationen

Autor

Christian Jakubetz

verfasst am

01.07.2010

im Heft

journalist 7/2010

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Warum Verlage gerade jetzt versuchen, Bezahlinhalte zu etablieren, lesen Sie in der Juli-Ausgabe des journalists.

Ein Leistungsschutzrecht soll den Verlegern endlich Geld für ihre Internet-Veröffentlichungen in die Kassen spülen. Quasi automatisch. Was bringt’s? Wer zahlt’s? Wem nutzt’s?

Paid Content

Ist es das Wert?

Von Flattr bis Google AdSense: Nicht nur Verlage, auch Journalisten und Blogger experimentieren mit neuen Einnahmequellen im Internet. Einfache Bezahlsysteme ermöglichen es Internetnutzern, Beiträge von Autoren direkt zu honorieren. Was lässt sich damit tatsächlich verdienen?

Flattr

Neudeutsch gerne "The next big thing" genannt. Optimisten sehen in dem Mikrobezahlsystem eine realistische Chance für Journalisten und Blogger, auch abseits der üblichen Honorierung für ihre Arbeit bezahlt zu werden. Skeptiker befürchten dagegen, dass sich mit Flattr allenfalls Almosen erwirtschaften lassen. Sie gehen davon aus, dass die Zahlungsbereitschaft von Internetnutzern nach anfänglicher Begeisterung schnell wieder nachlassen wird. Schließlich gibt es die Beiträge nach wie vor auch gratis. 

Das Prinzip von Flattr: Website-Betreiber binden den Flattr-Button auf ihre Seite ein und warten auf Klicks von zahlungswilligen Usern. Die wiederum legen einen Flattr-Account an, bezahlen dort Geld ein, legen ein monatliches Budget fest und klicken überall dort, wo sich ein Flattr-Button befindet und sie meinen, dass ein Beitrag eine Entlohnung verdient. 

Was ein einzelner Flattr-Klick wert ist, lässt sich also nicht pauschal sagen. Es hängt vom Monatsbudget des Users ab und davon, wie häufig er Beiträge anklickt. Hat er etwa ein Budget von 50 Euro definiert und klickt im  Monat auf zehn Flattr-Buttons, bekommt jeder der "Geklickten" fünf Euro zugesprochen. Klickt er dagegen statt auf zehn auf 100 Buttons, ist der Klick nur noch 50 Cent wert. Man weiß als Autor also immer erst am Ende des  Monats beim Eintreffen der Flattr-Rechnung, wie viel man tatsächlich verdient hat. 

Ein paar Zahlen, um sich die Größenordnung vorstellen zu können: netzpolitik.org, eines der größten deutschen Weblogs, gab an, in den ersten beiden Tagen des Projekts knapp 40 Euro erflattrt zu haben. taz.de meldete nach einer Woche einen Betrag von rund 140 Euro. Blogger sprachen von zweistelligen Euro-Beträgen. Wie alle anderen Einkünfte müssen auch die Flattr-Zuwendungen in der Steuererklärung auftauchen. 

Kurzum: Momentan ist Flattr ein Versprechen auf die Zukunft, eine nennenswerte Einnahmequelle allerdings bis auf weiteres nicht. 

www.flattr.com

Google AdSense

Gibt’s schon deutlich länger als Flattr; das Prinzip ist – zumindest für Autoren – fast noch einfacher. Der Autor meldet sich für die Teilnahme am Programm an und gewährt Google mittels eines HTML-Codes Zugriff auf die eigene Website. Dort liest Google die Texte aus und platziert zweizeilige Textanzeigen, die nach Meinung des Google-Robots gut auf die Seite passen könnten. Das ergibt manchmal amüsante Missverständnisse. Alles in allem aber passen Texte und Anzeigen schon einigermaßen zusammen. 

Allein: Mit der Platzierung der Anzeigen hat der Website-Betreiber immer noch nichts gewonnen. Er verdient erst, wenn jemand die Anzeige tatsächlich anklickt und auf dem Internetauftritt des inserierenden Kunden landet. Da es sich auch hierbei lediglich um Cent-Beträge handelt, stehen Betreiber kleiner Websites vor einem  Dilemma: Um auf wirklich relevante Beträge zu kommen, bräuchte man eine enorm hohe Reichweite. Zudem: Für Journalisten ohne eigene Onlinepräsenz kommt AdSense nicht in Betracht.

www.google.de

PayPal

Die Mutter der Online-Bezahlsysteme: Man installiert einen PayPal-Button zum Anklicken. User geben einen Betrag an, autorisieren ihn und schicken die Daten auf die Reise. Unterschied zu Flattr: Der Wert des Klicks wird nicht automatisch berechnet, sondern der Leser legt den zu überweisenden Betrag selbst fest. Beide – Autor und Zahlender – müssen einen PayPal-Account besit zen. Vorteil gegenüber Flattr ist die deutlich höhere Reichweite. Kalkulierbar in einem kaufmän nischen Sinn ist PayPal allerdings nicht. Und auch hier gilt: Ohne eigene Website geht gar nichts.

www.paypal.de

Kachingle

Neu auf dem Markt. Das Prinzip ist ähnlich wie bei Flattr. Ein User zahlt einen bestimmten Betrag bei Kachingle ein und kann dann per Mausklick signalisieren, dass er die Seite für unterstützenswert hält. Je mehr Besucher jemand auf seiner Seite versammelt hat, desto mehr wird ihm aus dem gemeinsamen Topf zugeteilt. Für kleinere Websites werden sich auch nur kleine Beträge finden. Bei Kachingle gilt dieses Prinzip mehr als bei allen anderen Diensten. Denn Kachingle ist darauf ausgelegt, eher die Großen als die Kleinen zu unterstützen.

www.kachingle.com

Scribt.com

Der Gedanke klingt bestechend: Man schreibt einen Text, lädt ihn auf einen Server und bietet ihn dort zum kostenpflichtigen Download an. Auf diesem Prinzip beruht scribd.com – dort stehen nach Aussagen der in San Francisco ansässigen Betreiber bereits mehrere Millionen Texte in rund 90 Sprachen zum Abruf bereit. Was den Erlös angeht, bietet der Dienst sehr viel bessere Konditionen, als es viele Verlage tun: Scribd behält 20 Prozent des Umsatzes für sich, der Rest verbleibt bei den Autoren. Gerade für Buchautoren, die normalerweise schon froh sein können, wenn sie zehn Prozent des Verkaufspreises erhalten, ist eine solche Erlösquelle eine echte Alternative. Zumindest theoretisch. In der Praxis fristet Scribd.com in Deutschland ein Nischendasein. 

www.scribd.com

Spredder und Co

Text-, Foto- und Videojournalisten können ihre Beiträge auch bei Portalen einstellen und etwa Redaktionen zum Kauf anbieten. Grundsätzlich gibt es gegen diese Marktplätze nichts einzuwenden. Allerdings sollten Journalisten zwei Dinge berücksichtigen. Erstens gilt es, sich die Allgemeinen Geschäftsbedingungen der Portale genau anzusehen. Textportal.de etwa verlangt von den Teilnehmern eine völlige Haftungsfreistellung. Das bedeutet für Journalisten, dass sie in der Konsequenz alle etwaigen rechtlichen Folgen eines veröffentlichten Texts zu tragen haben. Zweitens: Auch hier dürften die Verdienstmöglichkeiten eher bescheiden sein. Bei Spredder verdient ein Autor für einen 3.000-Zeichen-Text 42 Euro. Suite101 hat Anfang des Jahres die Tantiemen seiner bestverdienenden Autoren offengelegt – nette Nebenverdienste, mehr nicht. Für den durchschnittlichen Schreiber reicht es nicht mal dafür. Womit man auch am womöglich größten und grundlegenden Manko solcher Modelle angekommen ist: Es entspricht nicht dem Arbeitsverhalten einer durchschnittlichen Redaktion, sich Texte aus Internetportalen zusammenzusuchen. 

www.spredder.de

www.textportal.de

www.suite101.de

Fazit

Alle Systeme haben eines gemeinsam: User brauchen keine Konto- oder Kreditkartendaten anzugeben, sie bleiben weitgehend anonym, die Zahlungen erfolgen problemlos. Und wenn man so will, machen sie Paid Content sogar gerechter. User bezahlen, wofür sie bezahlen wollen, ob für ein großes Reportagestück einer Zeitung oder für einen Beitrag eines wenig besuchten Blogs. Und sie bezahlen meistens nur für einen einzelnen Beitrag, nicht für das ganze Produkt. Allerdings sind die Reichweiten solcher Systeme noch viel zu gering, um für freie Journalisten wirklich relevant zu sein. Vor allem zwei Fragen bleiben offen:

- Wird sich ein System durchsetzen?

- Und ist die Zahlungsbereitschaft der Nutzer wirklich so hoch, wie diese gerne von sich selbst behaupten? 

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