Detail-Informationen

Autor

Monika Lungmus

verfasst am

01.12.2010

im Heft

journalist 12/2010

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Mehr zum Thema

Weitere Links rund um das Thema Interview-Autorisierung gibt es hier.

Die Broschüre, in der Reihe DJV Wissen 16 erschienen, gibt es hier als PDF.

Franck Ribérys Aussagen fallen häufiger mal dem Autorisierungswahn des 1. FC Bayerns zum Opfer – wie 2008 in der Süddeutschen Zeitung oder zuletzt in der Welt am Sonntag

Interview-Autorisierung

"Fairness auf beiden Seiten"

Autorisieren oder nicht? Und was tun, wenn der Interviewte seine Aussagen zurücknehmen will? Der DJV hat Leitlinien verabschiedet, die Journalisten im Redaktionsalltag helfen sollen.

Soll man Interviews vor der Veröffentlichung autorisieren lassen? Journalisten sind da unterschiedlicher Meinung. Fakt ist, dass es bei der Autorisierung von Interviews, die in einer Zeitung oder einer Zeitschrift erscheinen,  immer wieder zu Konflikten kommt – etwa weil der Interviewte die schriftlich fixierten Äußerungen nachträglich revidiert oder gar negiert, weil er missliebige Fragen streicht oder eigene Formulierungen weichspült. 

Redaktionen gehen damit unterschiedlich um. In Erinnerung ist noch die öffentlichkeitswirksame Aktion der taz, die Passagen eines Interviews mit dem damaligen SPD-Generalsekretär Olaf Scholz schwärzte, die die Pressestelle nachträglich ändern wollte. Zeit Online veröffentlichte nur die Fragen eines Interviews mit Fußballmanager Oliver Bierhoff, das der Deutsche Fußball-Bund zurückgezogen hatte. Erst kürzlich verzichtete die Welt am Sonntag gleich ganz auf den Abdruck, weil der FC Bayern München ein Interview mit Bundesliga-Star Franck Ribéry zensiert hatte. 

Angesichts solcher Streitereien lehnen manche Redaktionen eine Autorisierung prinzipiell ab. Andere nehmen die Änderungswünsche ihrer Interviewpartner widerstandslos hin oder vereinbaren gleich schriftliche Interviews. Was ist richtig? Und welchen Anspruch auf Autorisierung hat der Interviewte eigentlich? Der Deutsche Journalisten-Verband (DJV) hat jetzt eine Broschüre (PDF) herausgegeben, die sich umfassend mit dem Thema auseinandersetzt. Sie enthält Informationen zu rechtlichen Fragen, dokumentiert Konfliktfälle, beschreibt die Positionen von Berufsverbänden und präsentiert die Leitlinien, die der Gesamtvorstand des Deutschen Journalisten-Verbands am 20. September beschlossen hat. Die DJV-Leitlinien sollen vor allem den Printjournalisten im Umgang mit Interviewpartnern helfen. 

Schon aus rechtlichen Erwägungen – der Interviewte ist Miturheber – spricht sich der DJV für eine Autorisierung aus. Aber er plädiert, wie die stellvertretende Bundesvorsitzende Ulrike Kaiser betont, "für gegenseitige Fairness und für Professionalität auf beiden Seiten". Die Autorisierung müsse sich auf rein sachliche oder sprachliche Korrekturen beschränken. Nachträgliche Änderungen, die die Authentizität des Interviews oder einen wesentlichen Aussagegehalt konterkarieren, könnten die Redaktionen ablehnen. 

Falls kein Einvernehmen mit dem Interviewten hergestellt werden kann, so empfiehlt der DJV, sollte die Redaktion lieber auf den Abdruck des Interviews verzichten. Im besonderen Einzelfall sei aber der Abdruck einer zurückgenommenen Aussage zu rechtfertigen. Ausdrücklich spricht sich der Journalistenverband für persönlich geführte Interviews aus. Schriftliche Antworten auf vorab eingereichte Fragen könnten zwar ein aktuelles Informationsinteresse befriedigen, aber das persönliche Interview nicht ersetzen. Der DJV empfiehlt in jedem Fall, die Umstände transparent zu machen, unter denen ein Interview zustande gekommen ist.

Für die Redaktionen seien die DJV-Leitlinien und das Hintergrundmaterial eine gute Grundlage, um eigene Regeln für die Autorisierungspraxis zu erstellen, "mit denen sie gegenüber ihren Interviewpartnern argumentieren können", so Ulrike Kaiser, die als Sprecherin der DJV-Arbeitsgruppe Bildung und Qualität die Recherche- und Redaktionsarbeit des Leitfadens übernommen hat.

Die Leitlinien

Journalistinnen und Journalisten haben die Pflicht, Interview-Äußerungen korrekt wiederzugeben und nicht sinnentstellend zu kürzen. Eine vom Interviewpartner genehmigte Tonaufzeichnung dient der notwendigen Klarheit.

Der Interviewte kann die Autorisierung eines mit ihm geführten Interviews fordern. Dieser Anspruch beschränkt sich auf redaktionell bearbeitete Wort-Interviews. Komplette Beiträge oder indirekt wiedergegebene Zitate aus Rechercheanfragen sind nicht betroffen.

Art und Umstände von Autorisierungen sollte die Redaktion in redaktionellen Leitsätzen festhalten und diese dem Interviewten rechtzeitig vor Gesprächsbeginn zur Kenntnis geben. Davon ggf. abweichende Vereinbarungen werden vor dem Interview festgehalten.

Autorisierungen dienen der sachlichen Korrektheit, der Sinnwahrung und sprachlichen Klarheit. Änderungen müssen sich darauf beschränken.

Der Interviewte hat kein Recht, Fragen des Interviewers nachträglich abzuändern. Die Redaktion akzeptiert solche Eingriffe nicht.

Nachträgliche Änderungen des Interviewten, die die Authentizität des Interviews oder einen wesentlichen Aussagengehalt konterkarieren, können von der Redaktion abgelehnt werden. Die Redaktion versucht argumentativ, Einvernehmen mit dem Interviewpartner herzustellen. Gelingt dies nicht, sollte sie auf den Abdruck des Interviews verzichten. Sie behält sich vor, dies öffentlich zu machen. Im besonderen Einzelfall kann das öffentliche Informationsinteresse den Abdruck einer zurückgenommenen Aussage rechtfertigen.

Redaktionen entscheiden über das Mittel der Darstellung. Schriftliche Antworten auf vorab eingereichte Fragen können ein aktuelles Informationsbedürfnis erfüllen, ersetzen aber kein persönliches Interview. Da dieses von Spontaneität lebt und sich inhaltlich im Gespräch entwickelt, kann es sich nicht auf vorab eingereichte Fragen beschränken. Mehr als die Absprache von Themengebieten sollte daher im Vorhinein nicht zugesichert werden.

Vorgefertigte Interviews aus Pressestellen ("kalte Interviews") können als Hintergrundmaterial dienen. Sie als vermeintlich eigene Interviews zu publizieren widerspricht der journalistischen Ethik.

Im Sinne der journalistischen Glaubwürdigkeit macht die Redaktion jene Umstände transparent, unter denen ein Interview zustande kam (schriftlich, telefonisch oder im Pressegespräch). Insbesondere täuscht der Interviewer keine persönliche Begegnung mit dem Interviewpartner und/oder Exklusivität vor.

Die Redaktion kann das Interesse an der Form des Interviews steigern, indem sie Dritte (Fachleute, Prominente, Leser/innen, Jugendliche) auf der Seite der Interviewer teilhaben und Fragen stellen lässt. Für ihre Beteiligung gelten die gleichen Regeln.

Weitere Hintergründe

Eine Linkliste mit Konfliktfällen, Positionen und Hintergründen aus dem In- und Ausland gibt es hier.

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