Detail-Informationen

Autor

Jan Söfjer

verfasst am

17.02.2012

im Heft

journalist 2/2011

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Den Werdegang von fünf jungen Onlinejournalisten lesen Sie in der Februar-Ausgabe des journalists.

Onlinejournalismus

"Das bringe ich jedem in einer Woche bei"

Deutschlands Onlineredaktionen suchen Nachwuchs. Doch statt Videoschnitt, Teasertexten und Suchmaschinenoptimierung setzen Chefredakteure in erster Linie auf Handwerk, Erfahrung und Persönlichkeit. Die spezielle Onlinejournalisten-Ausbildung scheint ausgedient zu haben.

Was soll das eigentlich sein, ein Onlinejournalist? Mathias Müller von Blumencron ist sich da nicht so sicher. "Bei Spiegel Online haben wir noch nie einen Onlinejournalisten eingestellt", sagt er. Er muss es wissen. Er ist immerhin Spiegel-Chefredakteur mit Verantwortung fürs Digitale.

Wie auch immer man die Onliner nennt, ihre Zahl wächst stetig und schnell. Onlineredaktionen boomen, der Burda-Verlag erwirtschaftete bereits 2010 mehr Umsatz mit dem Online- als dem Printgeschäft, Springer verdoppelte im dritten Quartal 2011 im Vergleich zum Vorjahr sein Digitalergebnis. Die Zeiten, als Online-Nachrichtenseiten per se Geldvernichtungsmaschinen waren, sind vorbei, auch wenn noch nicht alle in den schwarzen Zahlen sind.

Zeit Online schreibt gefühlt das ganze Jahr über Stellen aus, der Süddeutsche Verlag stampfte eine iPad-Redaktion aus dem Boden, die Frankfurter Rundschau suchte neue Onliner, während ihr der Mantel abhanden kam, und es gibt wohl kaum noch eine Lokalzeitung im Land ohne Facebook-Seite. Doch nach welchen Kriterien werden die Kollegen fürs Digitale eigentlich eingestellt? Was verlangen die Redaktionsleiter? Wie leicht finden sie Nachwuchs? Und wie gut vorbereitet fühlt sich dieser beim Jobstart?

Mathias Müller von Blumencron sagt: "Wir haben über die Jahre immer interessantere Bewerbungen bekommen." In den vergangenen Monaten hätten sie alleine 15 neue Kollegen für Online eingestellt. Was die entscheidenden Punkte waren? "Handwerk, Erfahrung und Persönlichkeit", sagt der Spiegel-Mann. Von speziellen Onlinejournalismus-Fähigkeiten sagt er nichts.

Hört man sich bei den Spitzen deutscher Onlineredaktionen um, so ist die Antwort immer die gleiche: Der Nachwuchs muss sauber recherchieren und gut schreiben können. Müller von Blumencron: "Ich glaube, dass die Bezeichnung Onlinejournalist ein Berufsbild aus den Anfangsjahren des Webs ist." Wer heute in den Journalismus einsteigt und sich nicht mit dem Thema Online auseinandersetzt, müsse sich fragen, ob er den richtigen Beruf gewählt hat. "Auch wer sich als Printredakteur nicht mit dem Web beschäftigt, bekommt auf Dauer ein Problem, vor allem bei den Tageszeitungen." Ähnlich ginge es Kollegen in den Onlineredaktionen, die das klassische journalistische Handwerk nicht beherrschen. Auch sie kämen in Schwierigkeiten.

Tobias Köhler leitet die Onlineredaktion der Stuttgarter Zeitung. Er sagt: "Die Basics von Online- und Printjournalisten unterscheiden sich nicht. Jemand, der sich super mit Facebook auskennt, aber keine geraden Sätze schreiben oder nicht ordentlich recherchieren kann, nutzt mir nichts." Katrin Scheib, Chefin vom Dienst beim WAZ-Onlineportal DerWesten, pflichtet ihm bei: "Welche Überschrift bei Google am besten läuft und wie man twittert, das lernt man schnell." Köhler sagt: "Eine dpa-Meldung und eine Fotostrecke anzulegen, bringe ich jedem in einer Woche bei."
Gerade wegen der Vielfalt der Darstellungsformen kommt es in einer Onlineredaktion noch stärker auf das grundsätzliche Handwerk an: Sichere und gute Schreibe auch unter Zeitdruck, Recherche, Fachkenntnis, gekonnte Auswahl der richtigen Darstellungsform. "Den Rest lernen die Kollegen bei uns", sagt Müller von Blumencron.

Vier von fünf wollen lieber bei der Zeitung arbeiten

Einen Nachwuchsmangel scheint es also nicht zu geben. Süddeutsche.de-Chef Stefan Plöchinger sagt jedoch, es sei nie leicht gewesen, geeignete Journalisten zu finden. Zumal jede Redaktion anders funktioniere, jedes Webangebot anders positioniert sei. Einen Mangel an guten Onlinern sieht man auch in Stuttgart nicht. "Aber es ist schwierig, jemanden zu finden, der zu stuttgarter-zeitung.de passt", sagt Köhler. Bei ihm laufen viele Bewerbungen von Leuten ein, die bei gmx.de, pro7.de oder t-online.de gearbeitet haben. "Das ist nicht die Qualifikation, die ich mir wünsche. Unsere Redaktion funktioniert völlig anders." Onliner müssten das Printgeschäft kennen, wissen, wie die Printkollegen arbeiten, welche Nöte sie haben und wie man die Inhalte der Zeitung multimedial ergänze.

Doch Köhler hat die Erfahrung gemacht, dass der Nachwuchs seine Redaktion nur als Durchgangsstation wahrnimmt. "Selbst bei jungen Leuten fehlt die Offenheit, Neues auszuprobieren." Vier von fünf Praktikanten, die bei Köhler anfangen, möchten lieber für die Zeitung arbeiten.

Um ein bisschen nachzuhelfen, ist die Onlineredaktion bei der Stuttgarter Zeitung für Volontäre die längste Station ihrer Ausbildung. Ein halbes Jahr verbringen sie dort. Drei Monate im Tagesgeschäft, drei mit einem Projekt. Eine Volontärin hat etwa zum Jahreswechsel die Facebook-Seite Stadtkind Stuttgart gestartet – ergänzt von einem Blog. Bei Übernahme winkt das gleiche Geld wie auf einem Redakteursposten bei der Zeitung.

Volontäre, ob Print oder Online, sind bei der Stuttgarter Zeitung eine sichere Quelle für den Onlinenachwuchs. Hinzu kommt ein Kollege, der vorher bereits bei einer Onlinezeitung gearbeitet und eine Journalistenschule absolviert hat, ein weiterer hat ein Aufbau-Journalismusstudium hinter sich und Erfahrungen im Lokalen gesammelt. Es sind übliche Werdegänge.

Auch bei DerWesten kommen die meisten Onliner aus einer Zeitungsredaktion. Die letzten, die DerWesten eingestellt hat, haben alle die verlagseigene Volontariatsausbildung an der Journalistenschule Ruhr besucht. "Es hilft sehr bei der Berichterstattung, wenn man sich mit unseren lokalen Themen auskennt", sagt Katrin Scheib.

Kai Norbert Pritzsche leitet seit neun Jahren die faz.net-Redaktion. Neue Kollegen findet er genauso, "wie wir auch neue Printkollegen finden. Wir bilden eigene Volontäre aus, wir schauen uns Absolventen der journalistischen Ausbildungsgänge an, wir merken uns vielversprechende Hospitanten und prüfen Initiativbewerbungen gewissenhaft." Schaut man durch die Lebensläufe der Onliner, so haben fast alle entweder eine Journalistenschule besucht, Journalismus studiert oder volontiert. Klassische Handwerksausbildung.

Bei Spiegel Online fangen im Gegensatz zu den meisten Onlineredaktionen nicht in erster Linie junge Journalisten an, sondern auch viele erfahrene. Die Spannbreite reicht von mehreren Jahren Erfahrung in der Rechercheredaktion von NDR Info über langjährige Redakteurs- und Autorentätigkeit beim Manager Magazin und der Ausbildung an der Deutschen Journalistenschule bis zum praktizierenden Arzt und Medizinjournalist. Jüngere Jahrgänge kommen oft von der Henri-Nannen-Schule.

Das Ende der Onlinejournalismus-Studiengänge?

Aber was heißt das im Umkehrschluss? Dass Ausbildungen wie die Bachelor-Studiengänge Online-Journalismus an der Hochschule Darmstadt oder Online-Redakteur an der Fachhochschule Köln überflüssig sind? Die Onlinewelt ändert sich so schnell, dass die Trends von heute in wenigen Jahren überholt sind. Die Ausbildung in Darmstadt vermittele die Grundlagen für crossmedialen Journalismus, sagte Studiengangsleiterin Friederike Herrmann dem journalist vergangenen September anlässlich des zehnjährigen Bestehens des Studiengangs. Auch ein junger Arzt habe nach der Uni noch nicht ausgelernt, betont Herrmann. Natürlich werde auch der klassische Journalismus bei ihnen gelehrt, aber er werde immer mit Online verknüpft. Dieses crossmediale Denken bräuchten die Redaktionen.

Doch das haben inzwischen auch die klassischen Journalistenschulen im Angebot. Zur Ausbildung an der Henri-Nannen-Schule gehören etwa neun Wochen Crossmedia-Seminar, Onlinerecherche, Texten fürs Internet und ein multimediales Abschlussprojekt. An der Deutschen Journalistenschule gilt "online is always". Auf der Schulseite heißt es: "In jeden der drei Ausbildungsblöcke sind onlinespezifische Übungen eingebettet: Im Print-Block wird geübt, wie man knackige Teaser schreibt, im Radio-Block produzieren die Schüler einen Podcast." Zum Abschluss erstellen sie ihr eigenes Webmagazin. Zwischen diesen beiden Onlinekonzepten pendeln auch die anderen Journalistenausbildungen – ergänzt von Fortbildungseinrichtungen wie der Akademie der Bayerischen Presse oder der Hamburger Akademie für Publizistik, zu denen auch Volontäre geschickt werden.

Die Herausforderung der Journalistenschulen besteht vor allem darin, die schnelllebige Entwicklung im Digitalbereich zu begleiten. "Onlinejournalismus ist Journalismus im Werden", findet Süddeutsche.de-Chefredakteur Stefan Plöchinger. "Vor zwei Jahren wurden in Onlinekursen sicher viele Dinge nicht gelehrt, die man heute in unserem Geschäft wissen muss." Onlinetrainer Bernd Oswald lobt vor allem die medienübergreifend verzahnte Ausbildung der Axel-Springer-Akademie und die Volontariatsausbildung beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk, "weil hier die technisch aufwendigsten Medien Audio und Video von Anfang an gelehrt werden" – besonders bei der Deutschen-Welle-Akademie.

Das größte Problem der Onlineredaktionen ist also nicht der Mangel an gut ausgebildeten Nachwuchsjournalisten, sondern eher der Ruf als Redakteure zweiter Klasse, den Onliner oft noch haben. Welcher Nachwuchsredakteur geht zu Spiegel Online, wenn ihm auch der Spiegel einen Job anbietet? Wer schlägt die Redakteursstelle bei der SZ für einen Platz in der Süddeutsche.de-Redaktion aus? RTL-Onlineredaktion oder RTL-Nachrichtenredaktion? Ein Onlinejournalist, was soll das eigentlich sein? Leider häufig noch einer, der deutlich weniger verdient als die Kollegen von der Papierfraktion.

Den Werdegang von fünf jungen Onlinejournalisten können Sie in der Februar-Ausgabe des journalists nachlesen.

Mehr Texte aus der Rubrik Tipps für den Berufsalltag gibt es hier, mehr Texte zum Thema Ausbildung hier.

Aktuelle Kommentare zu diesem Text

17.02.2012 19:55

Florian Fischer

Da ist doch echt Unsinn von den Herren Chefredakteuren. Bei keinem der Portale habe ich als Absolvent einer bekannten Journalistenschule Chancen auf nur ein Bewerbungsgespräch gehabt und das als Wirtschaftsjournalist – in Zeiten, wo man den Leuten Krisen am laufenden Band erklären muss. Hanebüchen.

17.02.2012 18:03

Martin Jungfer

Eine gute Bestandsaufnahme. Die Zeiten, in denen "Online-Journalisten" hauptsächlich komplizierte CMS bedienen mussten und SEO-optimiertes Schreiben wichtiger war als die Kunst einer guten Nachricht, sind vorbei. Technik kann man lernen, für Journalismus - egal ob gedruckt oder digital - braucht es neben dem Handwerkszeug immer noch Leidenschaft und Talent.

 
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