Detail-Informationen

Autor

Lukas Eberle, Sebastian Erb

verfasst am

09.08.2010

im Heft

journalist 8/2010

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Eine ständig aktualisierte Übersicht zu Journalistenpreisen und deren Einsendeschluss finden Sie in der journalist-Datenbank

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Dieser Text erschien auch gedruckt in der August-Ausgabe des journalists

Es gibt 300 Journalistenpreise in Deutschland. Nicht jeder eignet sich zum Angeben.

Journalistenpreise

Preisverdächtig

Zu fast jedem Thema gibt es den passenden Journalistenpreis. Es winken Ruhm, Ehre und ein ordentliches Preisgeld. Doch ab wann machen sich preisgekrönte Journalisten zum Spielball von PR?

Als er den Lederkoffer aus seinem Schrank holt, stößt Mario Kaiser einen Seufzer aus. Das antike Stück ist schwer, man könnte meinen, dass sich darin das Reisegepäck eines Auswanderers befindet – doch Mario Kaiser bewahrt im Koffer Preise auf. In seiner Wohnung findet er keinen anderen Platz mehr für die Schüsseln, Pokale und Trophäen. Außerdem würde Kaiser sie sowieso nicht jeden Tag sehen wollen. "So gerne wie ich Preise gewinne", sagt er, "muss ich doch gestehen, dass die meisten eher hässlich sind." Kopfschüttelnd holt Kaiser eine Plexiglaskonstruktion aus seinem Koffer.

Mario Kaiser ist freier Journalist und lebt in Berlin. Der 40-Jährige schreibt Reportagen für den Spiegel, die Zeit und Brand Eins. In den vergangenen Jahren hat er mehr als 20 Journalistenpreise gewonnen. Als Teil eines Reporterteams zeichnete man ihn 2005 mit dem Henri-Nannen-Preis aus – ein renommierter Preis. Kaiser gewann aber auch den Journalistenpreis des Energieriesen Vattenfall. Zuletzt bekam er den Medienpreis des Deutschen Roten Kreuzes, für eine Reportage über einen Tagelöhner in Berlin.

"Es ist schön, wenn nicht nur meine Eltern und der Chefredakteur sagen, dass ihnen meine Geschichte gefällt", sagt Kaiser. Das Preisgeld nennt er zwar "nur eine nette Beigabe", dennoch hat der Reporter ordentlich dazuverdient. Rechnet man seine Prämien seit 1994 zusammen, kommt er auf mehr als 60.000 Euro. "Das hilft mir natürlich auch bei der Recherche neuer Geschichten", sagt Kaiser. Besonders für ihn als Freiberufler. Ein Segen für den Journalismus?

In Deutschland ist die Zahl der Journalistenpreise in den vergangenen Jahren stark angestiegen. Knapp 300 gibt es momentan. Die Spannbreite reicht vom Journalistenpreis des Direktversicherers Ergo Direkt, der "spannende Geschichten zum Thema 'Risiko des Lebens' sucht", bis zum Journalistenpreis "Wildtier und Umwelt" des Deutschen Jagdschutz-Verbands, der "faire, ehrliche und durchaus auch kritische Berichte aus der Welt der Jagd" prämiert. Inzwischen gibt es zu fast jedem denkbaren Thema einen Preis. Und das sorgt für Kritik.

Die meisten Preisstifter sind Interessenverbände oder Wirtschaftsunternehmen. Journalisten kann das in eine unangenehme Lage bringen. Schreiben sie noch kritisch und distanziert über ein Unternehmen, wenn sie von ihm ausgezeichnet wurden?

Wie Journalisten mit Preisen umgehen, betrachtete die Wissenschaft bislang kaum, obwohl die ersten Preise bereits in den 50er Jahren aufkamen. Immerhin gibt es die Unterscheidung zwischen unabhängigen und interessegebundenen Auszeichnungen. Demnach sollen unabhängige Preise von Medienhäusern oder Journalistenverbänden die journalistische Qualität sichern. PR-Preise sollen an Journalisten vergeben werden, die die Belange von Unternehmen und Interessengruppen positiv herausstellen.

"Das Schönste ist die Laudatio"

Der Münchner Journalistikstudent Arne Orgassa hat jetzt eine erste, nichtrepräsentative Onlinebefragung unter 931 Journalisten durchgeführt. Er fasst die Ergebnisse so zusammen: "Ich finde es beachtlich, dass sich einige Journalisten anscheinend in ihrer Arbeitsweise von Preisen in irgendeiner Art und Weise beeinflussen lassen. Wobei das besonders für freie Journalisten gilt."

Mario Kaiser, der Reporter aus Berlin, sieht sich durch Journalistenpreise in seiner Arbeit bestätigt. "Das Schönste bei einer Preisverleihung ist die Laudatio", sagt er. "Da habe ich das Gefühl, dass sich jemand mit Sachverstand intensiv mit meiner Arbeit auseinandergesetzt hat." Der Journalist würde sich allerdings nicht auf jede Ausschreibung bewerben. Bevor er Texte einschickt, schaue er sich die Jury genau an. Für ihn kommen nur solche Preise infrage, die sich der Qualitätssicherung des Journalismus verschrieben haben. Doch genau diese Art von Auszeichnungen ist laut Volker Lilienthal in Gefahr.

Lilienthal hat lange als Medienjournalist gearbeitet und ist jetzt Professor für "Praxis des Qualitätsjournalismus" an der Uni Hamburg. "Die Zahl der thematisch eng gefassten Preise nimmt immer mehr zu. Ich befürchte, dass damit die Preise, die einen kritischen Journalismus nach vorne bringen wollen, in der Wertschätzung zurückfallen", sagt Lilienthal. 2005 hat er die Schleichwerbung in der ARD-Serie "Marienhof" aufgedeckt und dafür mehrere Journalistenpreise bekommen (siehe journalist 6/05). Für Lilienthal "eine kleine Wiedergutmachung", da man ihn wegen seiner verdeckten Recherchemethoden verklagte.

Für ihr Galileo-Spezial "Karawane der Hoffnung" wurde den Journalisten Bernhard Albrecht (l.) und Karsten Scheuren der Adolf-Grimme-Preis verliehen.

Neuer Radiopreis – ohne Preisgeld

Einer der qualitativ hochwertigen Preise will der Deutsche Radiopreis sein, der am 17. September zum ersten Mal verliehen wird. "Wir meinen, es ist höchste Zeit, herausragende Leistungen in den unterschiedlichen Disziplinen im Radio in einem bundesweiten Wettbewerb zu würdigen", sagt Joachim Knuth. Er ist Programmdirektor des NDR-Hörfunks und Mitglied im Beirat des Preises. Neben den Öffentlich-Rechtlichen sind die Privaten mit im Boot, die Juryarbeit organisiert das Adolf-Grimme-Institut. Auch ohne Preisgeld gab es 329 Einreichungen.

Fakt ist aber: Rund drei Viertel der Journalistenpreise vergeben Stifter, die nicht aus der Medienbranche kommen. Stifter, die eigene Interessen verfolgen. Einen dieser PR-Preise vergibt die Initiative proDente. Dahinter stecken Verbände von Zahnärzten und Zahntechnikern. Mit dem Preis solle unterstützt werden, dass das Thema Zahnmedizin sinnvoll dargestellt wird, sagt Geschäftsführer Dirk Kropp. Er hat den Preis vor fünf Jahren aus der Taufe gehoben. Beim "Abdruck"-Preis gibt es pro Jahr rund 50 Einsendungen. Dieses Mal gewann in der Kategorie Print ein Beitrag mit dem Titel "Zahnersatz – hochwertige Lückenfüller", erschienen in der Apotheken Umschau. In den Kategorien Radio und TV gewannen Beiträge, die im NDR und MDR liefen. Die Gewinner freuten sich über ein Preisgeld von je 2.500 Euro.

Das ist ein Batzen Geld. Trotzdem sagt Jana Göbel entschieden: "Auf so einen Preis würde ich mich nie bewerben. Das wäre mir hochnotpeinlich." Der RBB-Reporterin ist das Thema Zahnmedizin zu eng gefasst, und die Besetzung der Jury hält sie für problematisch. Dort sitzen ein Zahnmediziner, ein Zahntechniker, Kropp selbst sowie ein Öffentlichkeitsarbeiter. Man müsse kein Journalist sein, um journalistische Qualität beurteilen zu können, verteidigt sich Kropp.

Die Journalistin Jana Göbel sitzt in der Jury des Medienpreises Mittelstand, hinter dem der Verband der Wirtschaftsjunioren steht. "Natürlich steht hinter dem Preis das Interesse, dass mehr über den Mittelstand berichtet wird", sagt sie. "Aber das halte ich für legitim, denn Dax-Unternehmen sind sowieso immer in den Medien." Der Preis zeichne kritische Berichte aus, fördere Qualität, davon ist sie überzeugt. Sonst würde sie nicht so viele Abende opfern, um all die Texte zu bewerten. Eine Arbeitswoche komme da insgesamt schon zusammen, sagt Göbel. Honorar oder eine Aufwandsentschädigung bekommt sie nicht.

Vor den Karren der PR?

Auf einem großen Tisch liegen dicke Aktenordner, und daneben stehen einige Kannen Kaffee – die Jury des Ludwig-Bölkow-Journalistenpreises hat noch viel vor. Rund 100 Bewerbungen gab es in diesem Jahr. Der Preis ist mit 15.000 Euro dotiert, der Luft- und Raumfahrtkonzern EADS vergibt ihn in Zusammenarbeit mit der Deutschen Journalistenschule. Mitglied der Jury ist auch Mercedes Riederer, Hörfunk-Chefredakteurin des Bayerischen Rundfunks. Lässt sie sich vor den PR-Karren des EADS-Konzerns spannen? Riederer wehrt ab: "Wenn ein Unternehmen einer Jury vollkommene Unabhängigkeit gibt, machen wir uns nicht abhängig." So habe EADS nie versucht, die Jury zu beeinflussen, und es würden auch Beiträge ausgezeichnet, die sich kritisch mit Technikentwicklung auseinandersetzen.

Nach welchen Kriterien die Jury die Bölkow-Preisträger auswählt und wie der Prozess vonstatten geht, darf man als Außenstehender nicht verfolgen. Vor Beginn der Sitzung muss man den Raum verlassen – fast alle Journalistenpreis-Jurys tagen hinter verschlossenen Türen. Und so bleibt es im Dunkeln, wenn auch bei renommierten Preisen mal gemauschelt wird. Beim Henri-Nannen-Preis jedenfalls haben in diesem Jahr Chefredakteure Artikel ihrer eigenen Schreiber nachnominiert. Auch ein Bild-Artikel, den die Vorjury eigentlich schon ausgesiebt hatte, schaffte es doch auf die Shortlist. Beim Deutschen Reporterpreis, dem Neuling der Branche, wurde da bewusst anders verfahren. Im vergangenen Jahr verlieh ihn der Journalistenverein Reporterforum zum ersten Mal. Zwei Reporter von der Süddeutschen Zeitung und der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung durften an der Jurysitzung teilnehmen, um sich ein Bild zu machen und darüber zu berichten.

Er tritt schon mal persönlich an Chefredakteure heran

Preise nehmen genau dann unmittelbar auf die Berichterstattung Einfluss, wenn ein Journalist einen Text nur deshalb schreibt und veröffentlicht, weil er ihn einreichen möchte. Doch kommt so etwas tatsächlich vor?

Den S-Card-Journalistenpreis gibt es seit sechs Jahren, das Thema: "Bezahlen mit Karte im Alltag". Stifter ist der Deutsche Sparkassen- und Giroverband. "Der Verband will mit dem Journalistenpreis erreichen, dass die Berichterstattung über Kartenzahlung korrekter und professioneller wird", sagt Stephan Arounopoulos von der S-Card-Servicegesellschaft. "Der Idealfall wäre, dass ein Journalist extra einen Artikel für uns schreibt. Dann hätten wir den Nebeneffekt, dass durch den Preis nicht nur die Qualität, sondern auch die Anzahl der Artikel zu dem Thema steigen würde." Um das zu erreichen, tritt er schon mal persönlich an Chefredakteure heran und wirbt um Einsendungen.

"Ich denke, dass die Hälfte der eingereichten Artikel wegen des Preises geschrieben wurden", sagt Arounopoulos. Andere greifen bei den Zahlen nicht ganz so hoch, aber eines ist sicher: In einem gewissen Rahmen setzen Journalistenpreise Themen. Bei Orgassas Erhebung an der Uni München haben 22 Freie und 15 fest angestellte Journalisten angegeben, dass sie schon einmal einen Beitrag nur wegen eines Preises verfasst haben. Die Dunkelziffer dürfte höher liegen – denn wer gibt schon gerne zu, dass nicht Relevanz des Themas ausschlaggebend für einen Artikel war, sondern schlicht die Aussicht auf ein schönes Preisgeld?

Die Stifter von PR-Preisen hoffen darauf, dass mehr zum Wunschthema veröffentlicht wird. Dabei ist es nicht so wichtig, ob die Beiträge positiv sind oder nicht. Hauptsache, man ist in den Medien. Indem die Stifter einen Preis vergeben, senden sie eine positive Nachricht und knüpfen ein zwangloses Netzwerk mit Journalisten. Arne Orgassa glaubt, dass den Journalisten das durchaus klar ist: "Ob das aber ihr Handeln beeinflusst, ist eine andere Frage." So hat mehr als die Hälfte der befragten Journalisten mindestens einmal Arbeiten von sich eingereicht – gleichzeitig sind 58 Prozent der Meinung, dass es zu viele Journalistenpreise gibt.

Um aus der Masse an Preisen herauszustechen, müssen die Stifter sich anstrengen. Manche setzen auf ein hohes Preisgeld, andere schmücken sich damit, dass bereits Journalisten renommierter Medien teilgenommen haben. So kam auch der Reporter Mario Kaiser ganz unverhofft zu einem Gewinn. Von sich aus wäre er nie auf die Idee gekommen, beim "Business of Beauty – Medienpreis Friseur" teilzunehmen, der von der Interessenvertretung Friseurprodukte vergeben wird. Aber dann bekam er eine E-Mail vom Preisausrichter, dass sein Text im Rennen sei. In seinem Spiegel-Artikel "Deutsche Strähnen" machte sich Kaiser ein bisschen über Friseure lustig. Am Ende kam er 2007 auf den zweiten Platz und gewann 3.500 Euro. Der Friseur-Preis kann sich jetzt damit rühmen, dass auch der Spiegel schon beim Wettbewerb dabei war.

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Aktuelle Kommentare zu dieser Meldung

10.08.2010 11:22

Mao aus Bochum

Sehr guter Text. Schade, dass es nicht mehr wissenschaftliche Auswertungen gibt, denn zwei Branchen wurden leider gar nicht erwähnt: die Energie- und die Pharmaindustrie. Gerade bei der Energie-Industrie ist es auffällig, dass in den letzten Jahren die Journalisten ausgezeichnet wurde, die sich etwa explizit für die Atomkraft ausgesprochen haben.

10.08.2010 10:58

Anonymus Journalistica

Der größte Spaß ist regelmäßig, Geschichten einzureichen, in denen Juroren (bzw. deren Unternehmen/Verbände o.ä.) des betreffenden Preises kritisch beleuchtet werden. Der "Erfolg" ist
absehbar gleich Null. Wohingegen qualitativ etwa gleich- oder gar minderwertige Storys locker (PR-)Preise abräumen - Hauptsache niemand in der Jury (bzw. der Sponsor) fühlt sich auf den Schlips getreten.

 
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