Detail-Informationen

Autor

Lisa Srikiow

verfasst am

26.09.2012

im Heft

journalist 8/2012

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Bild: Sandro Mattioli

... und immer wieder Giftmüll: Mithilfe eines Stipendiums recherchierte der freie Journalist Sandro Mattioli über Giftmüllexporte nach Afrika.

Recherchestipendien

Zeit ist Geld

Zahlreiche Stiftungen und Organisationen bieten Recherchestipendien an. Gerade Freiberufler können so eigene Ideen verwirklichen und mal tiefer in ein Thema einsteigen – ganz ohne finanzielles Risiko. Bislang nutzen das allerdings nur wenige Journalisten.

Fast hätte er seine Idee unter Wert verkauft. Vor zwei Jahren recherchierte Marvin Oppong, wie Auftrags-PR die deutschen Seiten der Online-Enzyklopädie Wikipedia beeinflusst. Eigentlich war der Plan des 30-Jährigen, einen kleineren Artikel daraus zu machen. Ein Kollege ermunterte ihn, sich für ein Recherchestipendium zu bewerben, da sich aus dem Thema viel mehr machen lasse. Also schrieb der Journalist aus den Ergebnissen seiner Vorrecherchen ein Exposé und stellte den Bewerbungsantrag. Mit Erfolg: Eines der drei ausgeschriebenen Stipendien ging an ihn, und er setzt sich seitdem intensiv mit dem Thema Wikipedia auseinander.

Jedes Jahr schreiben mehr als ein Dutzend Anbieter Recherchestipendien aus, einige vergeben gleich mehrere Stipendien auf einmal. Was zählt, ist die Idee – allerdings müssen die Bewerber meist auch ein gewisses Maß an Erfahrung und einen realisierbaren Plan vorweisen. Wer die Jury dann mit seinem Thema überzeugt, bekommt in der Regel zwischen 1.500 und 5.000 Euro und mehrere Monate Zeit, sich ganz der Recherche zu widmen. Zudem ermöglichen einige Stipendien, dass Mentoren das Recherchevorhaben begleiten. So bekommen die Stipendiaten neben der finanziellen Hilfe auch professionelle Unterstützung. Schließlich ist es das Ziel dieser Wettbewerbe, die Ergebnisse zu veröffentlichen.

Vor allem freie Journalisten können sich so unabhängig und ohne finanziellen Druck mit einem Thema beschäftigen, das sie wirklich antreibt. So recherchierte etwa der Journalist Sandro Mattioli, unterstützt von einem Stipendium, die Machenschaften eines internationalen Giftmüll-Entsorgungsnetzwerks. Im vergangenen Jahr veröffentlichte er ein Buch zu dem Thema.

Wenn Bewerberzahlen stagnieren

Trotz dieser Vorteile – ein großer Ansturm auf die Recherchestipendien ist bisher ausgeblieben. Bei der Otto-Brenner-Stiftung, die auch Marvin Oppongs Wikipedia-Recherchen ermöglichte, stellten 2008 gerade einmal 26 Bewerber einen Antrag. Im vergangenen Jahr waren es lediglich 20. Dabei vergab die Stiftung 2011 in Kooperation mit dem Netzwerk Recherche sogar vier anstatt – wie sonst üblich – drei Stipendien. Nach Ende der Bewerbungsfrist 2012 sind 28 Bewerbungen bei der Otto Brenner Stiftung eingegangen.

Für das von Spiegel-Redakteur Dirk Kurbjuweit initiierte Seminyak-Stipendium haben sich im vergangenen Jahr lediglich 27 Journalisten beworben. Möglicherweise liegt es daran, dass es das erste Mal war, dass Kurbjuweit das Stipendium ausgeschrieben hat, es noch zu unbekannt ist. Auch Holger Wormer, Journalistik-Professor an der TU Dortmund und Jurymitglied des wissenschafts- und medizinjournalistisch ausgerichteten Peter-Hans-Hofschneider-Recherchepreises, sagt: "Bei uns stagnieren die Bewerberzahlen, es werden eher weniger." Er hat den Eindruck,  dass es eine Diskrepanz gebe zwischen dem oft geäußerten Wunsch, gründlicher zu recherchieren, und dem Schritt, sich aktiv um ein Recherchestipendium zu bemühen.

Das Konzept der Recherchestipendien ist noch relativ jung. In den 90er Jahren wurden die ersten Fördermöglichkeiten für Journalisten geschaffen, vor allem in den Niederlanden, Belgien, Deutschland und den skandinavischen Ländern. In den USA ist diese Art des geförderten Journalismus ebenfalls eine relativ neue Entwicklung, dafür aber schon wesentlich dynamischer. Der stiftungsfinanzierte Newsdesk ProPublica hat weltweite Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Finanziert wird das 2007 gegründete Projekt hauptsächlich von dem Millionärspaar Herbert und Marion Sandler. ProPublica ist eine Erfolgsgeschichte: Heute beschäftigt der Newsdesk 32 fest angestellte, investigative Journalisten und erhielt bereits zwei Pulitzer-Preise für seine Arbeit.

Qualitätsjournalismus unterstützen

Es war vor allem die Medienkrise, die die amerikanischen Journalisten veranlasste, solche Experimente zu wagen. In Deutschland scheint die Notwendigkeit dafür noch nicht so groß zu sein, zumindest ziehen Recherchestipendien und ähnliche Modelle keine große Aufmerksamkeit auf sich. Holger Wormer hält Recherchestipendien jedoch für wichtig. "Warum sollte Qualitätsjournalismus nicht unterstützt werden, solange gewährleistet ist, dass die Jury unabhängig von den Geldgebern arbeitet?" Schließlich werde auch die Wissenschaft intensiv gefördert, und die stehe in demselben Grundgesetzartikel wie die Pressefreiheit.

Marvin Oppong konnte sich durch das Stipendium nicht nur Recherchereisen und Literatur leisten. Die Förderung verschaffte ihm vor allem die notwendige Zeit, tiefer in das Thema einzutauchen. "Ich konnte gründlich recherchieren", sagt er.

Ein Beispiel: Bei Wikipedia gebe es einen Toolserver. Mit den Werkzeugen dieses Servers ließen sich die Artikel genau beobachten – wer ihn bearbeitet, wie viele Leser er hat. "Damit konnte ich mich in Ruhe auseinandersetzen. Ein Nutzer hat sogar mit einem von ihm gebauten Spezial-Tool Auswertungen für mich angefertigt", sagt Oppong. "In solche Kontakte musste ich natürlich investieren. Irgendwann war ich aber soweit, dass ich mich auf Augenhöhe mit erfahrenen Wikipedianern unterhalten konnte. Mehrere der Nutzer haben mich dann wiederum auf neue Geschichten aufmerksam gemacht." Auf diese Weise wies er nach, wie ein Wikipedia-Autor Dutzende Artikel über nachwachsende Rohstoffe initiierte – in enger Absprache mit der Industrie.

Mit einem Stipendium durch China

Xifan Yang, 24 Jahre, kann sich bei ihrer Recherche auf das Gabriel-Grüner-Stipendium stützen. Im März erhielt sie die Zusage der Agentur Zeitenspiegel. Die Journalistin, die in Shanghai lebt und arbeitet, will den Mangel an Frauen als Folge der Ein-Kind-Politik in China untersuchen – ein aufwendiges Projekt. "Das Thema ist sehr emotional, es geht um Zwangsheirat bis hin zur Kindesentführung. Deshalb ist es aber auch so schwierig zu recherchieren", sagt Yang. "Es gibt zwar viele Statistiken, aber die tatsächliche Herausforderung ist, an die konkreten Einzelfälle heranzukommen."

Um mit den betroffenen Menschen zu sprechen, reist sie mit dem Fotografen David Høgsholt, mit dem sie sich gemeinsam für das Zeitenspiegel-Stipendium beworben hatte, in die chinesische Provinz. "Es reicht nicht, nur hinzufliegen. Man muss auch stundenlang mit dem Auto durchs Land fahren", sagt Xifan Yang. Das Stipendium erleichtert einiges. "So haben wir viel Zeit für die Recherche. Ansonsten hätte ich das Thema in viele Einzelgeschichten aufgeteilt und an mehrere Redaktionen verkauft, damit es sich rechnet."

Jedoch passt die eigene Idee nicht immer zu dem Angebot, denn nicht jedes Recherchestipendium ist mit offenem Thema ausgeschrieben. Tatsächlich beziehen sich viele der Förderungen auf ein bestimmtes Gebiet, wie zum Beispiel Menschenrechte, Wissenschaft oder Völkerverständigung – eben was der jeweiligen Stiftungssatzung entspricht. Nicht nur Stiftungen oder gemeinnützige Organisationen bieten Stipendien an; auch große Unternehmen wie die Deutsche Post (DieRedaktion) oder die E.ON Ruhrgas AG (Kontext-Recherchestipendium) fördern Journalisten, meist jedoch über angegliederte Vereine oder Kooperationen. Doch auch wenn die Anbieter ihren Stipendiaten Unabhängigkeit garantieren – es lässt sich nicht leugnen, dass sie sich auf diese Weise zusätzlich ins Gespräch bringen und Journalisten an sich binden.

Bewerbungsaufwand als Hindernisgrund

Holger Wormer hat Stipendiaten der Initiative Wissenschaftsjournalismus, einem Projekt seines Lehrstuhls und der Bosch-Stiftung, nach ihren Motiven befragt. "Viele haben sich das erste Mal für ein solches Stipendium beworben. Oft ist die Skepsis groß, Geld von Stiftungen anzunehmen", sagt er. "Außerdem scheuen einige den Aufwand einer solchen Bewerbung. Denn zum einen wissen sie nicht, ob sie überhaupt eine Zusage bekommen; zum anderen besteht das Risiko, dass ihr Thema zu diesem Zeitpunkt nicht mehr aktuell genug ist."

Auch der Druck könnte eine Rolle spielen – gerade wenn es das Ziel des Stipendiums ist, kritisch zu recherchieren. Immerhin bekommt der Stipendiat viel Geld – bei diesen Erwartungen muss die Idee standhalten.

"Teilweise macht sich bemerkbar, dass die Interessenten zögern", sagt Jan Burzinski von der Otto-Brenner-Stiftung. "Das könnte an den hohen Maßstäben liegen, die die Jury von den Bewerbern erwartet. Zeit-, Budget- und Rechercheplan müssen überzeugen. Diese hohen Standards und Qualitätserwartungen wirken vielleicht abschreckend." Die sinkenden Bewerbungsanträge sollen allerdings keine Auswirkungen auf die Förderung haben. "Es wird dabei bleiben, dass die Stiftung drei Stipendien ausschreibt. Die Förderung wird sicher nicht eingestellt." Für die Vergabe sei nicht die Anzahl, sondern die Qualität der eingegangenen Anträge entscheidend. "Auch bei wenigen Anträgen, wie im Jahr 2011, können viele gute dabei sein. Bei einer großen Anzahl aber eben auch viel Müll."

"Es war die richtige Entscheidung"

Xifan Yang kennt diesen Druck zwar, aber sie konnte mit viel Selbstbewusstsein an ihre Bewerbung gehen. "Durch Zufall bin ich an eine wichtige Kontaktperson geraten, die uns hilft, die Betroffenen zu erreichen." Mittlerweile hat sie ein Drittel der Recherchen abgeschlossen, bis Ende des Jahres haben sie und ihr Kollege noch Zeit. Marvin Oppong sagt: "Es war definitiv die richtige Entscheidung damals, sich für das Stipendium zu bewerben, anstatt nur einen kleinen Artikel daraus zu machen." In der Zeit und bei Spiegel Online hat er die Ergebnisse seiner Recherchen bereits veröffentlicht. Und er recherchiert weiter. "Das Thema ist so fruchtbar", sagt Oppong, "ich stoße immer noch auf neue Ansätze."

 

Förderprogramme suchen und finden in der Stipendiendatenbank auf journalist.de - Sortierung nach Typ, Veranstalter und Anmeldefrist.

Die Autorin

Lisa Srikiow arbeitet als freie Journalistin in Hamburg. Sie bloggt auf http://lisasrikiow.wordpress.com/.

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