Detail-Informationen

Autor

Constanze Hacke

verfasst am

21.11.2011

im Heft

journalist 10/2011

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Freie Journalisten

Nicht ohne meinen Businessplan!

Geschätzt arbeiten in Deutschland mindestens 30.000 Journalisten als Freiberufler – und jedes Jahr werden es mehr. Mal zwingt die Situation am Arbeitsmarkt dazu, mal ist es die Sehnsucht nach Freiheit. Das journalist-ABC gibt erste Tipps für den Start in die Selbstständigkeit.

Obwohl Journalisten in den Medien zu Hause sind, ist ihre eigene Onlinepräsenz häufig dürftig. Viele Freie sind mit selbst gebastelten Auftritten im Charme der 90er Jahre unterwegs oder verzichten komplett auf eigene Homepage oder Blog. Dabei bietet gerade das Web 2.0 mit Netzwerken wie Xing, Facebook und Twitter die Möglichkeit, innerhalb weniger Minuten online präsent zu sein.

Wer sagt, dass er Sportthemen genauso gut beackern kann wie Kultur und Wirtschaft, wirkt unglaubwürdig. Auftraggeber suchen Spezialisten. Lieber also eine Nische aufstöbern, als sich den Bauchladen umhängen. Wer sich von der Masse abhebt und in diesem Bereich gut ist, hat nicht nur wenig Konkurrenz, sondern im besten Fall auch gute Kundschaft. Abheben können sich Freie mit einer Fachkompetenz, aber auch, indem sie verschiedene Fähigkeiten kombinieren.

Viele freie Journalisten starten allein in die Selbstständigkeit. Deswegen ist es umso wichtiger, sich von Anfang an gut zu vernetzen – um sich über Probleme auszutauschen oder sich von erfahrenen Freien den Rücken stärken zu lassen. Möglichkeiten des Netzwerkens gibt es viele – in virtuellen Foren, bei Stammtischen, Verbandsveranstaltungen oder Bürogemeinschaften. Oberste Devise beim Netzwerken: erst geben, dann nehmen. Es kommt schneller etwas zu Ihnen zurück, als Sie denken.

Viele freie Journalisten machen den Fehler und orientieren sich bei ihren Honoraren an der Konkurrenz. Dabei sollte die individuelle Kalkulation das Fundament der eigenen Honorare sein. Als Faustformel gilt: Betriebsausgaben mal drei ist das Umsatzziel, was angestrebt werden sollte. Das müssen Freie dann herunterrechnen auf die Arbeitszeit, die ihnen zur Verfügung steht. Achtung: In dieser Zeit müssen auch Dinge erledigt werden, die kein Kunde bezahlt – die Ablage oder die Steuer. Orientierung und ein Gerüst für eine Preisliste bieten die Honorarempfehlungen des Deutschen Journalisten-Verbands und anderer Verbände.

Wer Freiberufler sein will, muss rechnen lernen. Das fällt so manchem Journalisten schwer, und viele drücken sich vor einer detaillierten Kalkulation. Dabei ist es essenziell, die eigene Schmerzgrenze zu kennen. Die ergibt sich ganz automatisch aus der Summe der betrieblichen Ausgaben, den Kosten für Vorsorge und Absicherung --> Hohe Kante und den privaten Ausgaben. Dabei gilt, sich nicht zu beschummeln und von Anfang an die Kosten lieber ein wenig zu hoch als zu niedrig zu veranschlagen.

Es gibt unterschiedliche Möglichkeiten, frei zu arbeiten – etwa als fester Freier bei Hörfunk und Fernsehen oder als Pauschalist bei einer Tageszeitung. Oft ist man so den Festangestellten recht ähnlich gestellt – sowohl in der Abhängigkeit vom Auftraggeber als auch in den Ansprüchen auf Leistungen wie etwa Urlaubsgeld. Die echten "freien Freien" sind bei ihrer Existenzgründung in aller Regel Einzelunternehmer. Ausnahme: Man geht gemeinsam mit Kollegen an den Start, dann kann man auch die Gesellschaft bürgerlichen Rechts (GbR) oder die Partnerschaftsgesellschaft als Rechtsform wählen. Als Einzelunternehmer muss der freie Journalist sich lediglich beim Finanzamt anmelden – schriftlich oder telefonisch und innerhalb eines Monats nach Aufnahme der Tätigkeit. Das Finanzamt schickt dann einen Fragebogen, der sorgfältig ausgefüllt werden sollte. Einen Gewerbeschein braucht ein freier Journalist nicht.

Notebook, Drucker, Schreibtisch, technische Zusatzausstattung: Gerade am Anfang müssen Freie viel investieren. Dafür gibt es den Gründungszuschuss von der Arbeitsagentur. Hier ist allerdings Eile geboten, denn demnächst zahlt der Staat die 300 Euro Zuschuss nur noch nach eigenem Ermessen --> Nicht ohne meinen Businessplan. Voraussetzung ist ab dann außerdem, dass mindestens 150 Tage Restanspruch auf Arbeitslosengeld bestehen. Daneben gibt es einige staatlich geförderte Kreditprogramme, in einigen Bundesländern auch Darlehen, die auf EU-Fördermittel zurückgreifen. Weitere Infos: foerderdatenbank.de.

Die Mitgliedschaft in der Künstlersozialkasse ist für hauptberufliche freie Journalisten Pflicht. So sind sie gesetzlich kranken- und pflegeversichert und außerdem Mitglied in der gesetzlichen Rentenversicherung. Die Beiträge richten sich nach dem geschätzten Jahreseinkommen. Wie bei Festangestellten gilt auch hier: zusätzlich Rücklagen bilden und Geld für Berufsunfähigkeit und Altersvorsorge investieren. Das geht mit dem Presseversorgungswerk, den Pensionskassen oder über die staatlich geförderten Sparprodukte.

"In der Regel zahlen wir ...": Diese Worte fallen fast in jeder Honorarverhandlung. So mancher Freie macht den Fehler, hier zu früh einzuschlagen. Denn "in der Regel" bedeutet meist, dass finanzieller Spielraum besteht. Lassen Sie sich also nicht abspeisen, sondern versuchen Sie zu verhandeln. Im besten Fall gehen Sie mit einem Mehr als dem Regelhonorar aus dem Gespräch.

Immer verfügbar sein, alles können – zu allem ja sagen: Das ist einfach. Das Neinsagen müssen Freie erst lernen. Das ist vor allem wichtig, wenn ein angebotenes Honorar unter der Schmerzgrenze liegt --> Dumping-Preise. Nein sagen sollten Freie aber auch, wenn eine Anfrage außerhalb ihrer Kernkompetenz liegt. Dann lieber einen Kollegen empfehlen – und auf den Netzwerkeffekt hoffen.

Mögliche Kunden finden und kontaktieren, Themen vorschlagen und verkaufen: Das ist vielen Freien ein Gräuel. Wer aber seine Position am Markt gefunden hat --> Bauchladen und weiß, wo seine Zielgruppe zu finden ist, tut sich mit Akquise weniger schwer. Ratsam ist es, strukturiert und Stück für Stück vorzugehen, sich also zunächst einen Teil des Markts vorzunehmen. Akquise ist immer wichtig – auch in guten Zeiten.

Der Redakteur steht Ihnen auf den Füßen, will erneut Änderungen, den Artikel schon einen Tag früher oder ist einfach nur schlecht gelaunt. In solchen Situationen sollte man nicht die beleidigte Leberwurst geben, sondern sich als Dienstleister sehen. Der Freie sollte nicht das Problem sein, sondern der Problemlöser. Denken Sie also vom Kunden her, versetzen Sie sich in seine Lage – und versuchen Sie, seinen Auftrag bestmöglich zu erledigen.

Freie Journalisten wollen und müssen am Anfang häufig vieles allein erledigen. Dabei besteht die Gefahr, sich zu verzetteln: Marketing, Technik, Buchhaltung, Ablage – all das sind Tätigkeiten, die nicht gerade zu den Kernkompetenzen von Journalisten gehören. Warum also nicht delegieren und sich hier und da zuarbeiten lassen? So hat man mehr Zeit für’s Wesentliche: Aufträge abzuarbeiten. Und so kommt das Geld für den Steuerberater schnell wieder rein.

Erstellen Sie in jedem Fall einen Businessplan. Dieser liefert einen guten Überblick über Ihr Vorhaben und hilft bei der Vorbereitung. In einen Businessplan gehören neben Geschäftsidee und Alleinstellungsmerkmal die individuellen Kompetenzen, eine Markt- und Konkurrenzanalyse, Erfolgs- und Risikofaktoren, Kalkulation --> Einmaleins sowie eine Beschreibung der Ziele für die ersten Jahre.

In vielen Ressorts ist es unerlässlich, immer wieder neue, kreative Ansätze für Themen zu entwickeln und sie den Redaktionen anzubieten, sonst kommt eine Absage nach der anderen. Setzen Sie sich also mit dem Produkt Ihres Auftraggebers intensiv auseinander. Beim Finden der Themen können neben fachlichem Input – durch Recherche, Pressemitteilungen und Verteiler – auch Kreativitätstechniken helfen.

Selbst über das eigene Arbeiten bestimmen zu können, ist einer der großen Vorteile des freien Journalisten. Aber das Thema Zeitmanagement ist zugleich für viele ein Problem: Man verzettelt sich in Mails, bei Twitter und Facebook, schiebt unangenehme Arbeiten auf, ist vor Abgabeterminen gestresst. Besser ist es, den Arbeitstag zu strukturieren – mit einer festen Anfangszeit und Mittagspausen. Nutzen Sie außerdem die Zeit des Leistungshochs am Vormittag, um konzentriert an Projekten zu arbeiten. Und erledigen Sie das Wichtigste zuerst, am besten sogar das Unangenehmste.

In einer Bürogemeinschaft können sich die Partner nicht nur die Ausgaben für Miete und Nebenkosten, sondern gegebenenfalls auch für Angestellte – zum Beispiel einen Assistenten – teilen. Diese Art der Zusammenarbeit ist eine Alternative zum Schreibtisch zu Hause oder zum Einzelbüro, ist aber nicht für jeden geeignet. Es erfordert Kompromissbereitschaft und Toleranz. Wer keine Lust auf so eine Abhängigkeit hat, aber trotzdem schlecht alleine arbeiten kann, dem bieten sogenannte Coworking Spaces eine Alternative. Hier kann man sich auch tageweise einen Schreibtisch mieten – Teeküche und Besprechungsraum inklusive. Eine Übersicht über Schreibtische in Ihrer Stadt gibt es etwa auf coworking-news.de.

Zur Selbstständigkeit gehören Zahlen – Rechnungen, Buchhaltung, Umsatz- und Einkommensteuer. Sie müssen kein Steuerexperte werden, um in die Existenzgründung zu starten. Aber Sie sollten zumindest ein Verständnis dafür entwickeln, was hinter den Zahlen steckt. Das geht zum Beispiel mit Hilfe eines KfW-Gründercoachs, oder eines der Webinare, die etwa der DJV anbietet. Webinare haben den Vorteil, dass Sie eine Menge Zeit sparen. Sie müssen weder das Haus verlassen noch Anfahrt oder Hotel bezahlen.

Zu Beginn ihrer Selbstständigkeit müssen die meisten Freien keine Umsatzsteuer zahlen, weil sie die Umsatzgrenze von 17.500 Euro im Vorjahr nicht überschreiten. Wer umsatzsteuerpflichtig ist, muss bei jeder Rechnung neu entscheiden, ob der Umsatzsteuersatz von sieben oder von 19 Prozent gilt. Laut einer speziellen Umsatzsteuerrichtlinie kann aber jeder, der journalistisch arbeitet – gleich ob für eine Redaktion oder ein Unternehmen – in der Regel den ermäßigten Satz für alle typischen Leistungen eines Journalisten berechnen. Details dazu erläutert DJV-Referent Michael hier.

Fast jeder Artikel, jeder Beitrag, jede Sendeminute bringt zusätzlich Geld – wenn man in der Verwertungsgesellschaft Wort Mitglied ist. Die VG Wort kümmert sich vor allem darum, Geld von denjenigen zu kassieren, die das geistige Eigentum anderer nutzen – etwa von Copyshops, Bibliotheken oder Schulbuchverlagen. Die Einnahmen werden nach festgelegten Verteilungsplänen an Autoren und Verlage weitergeleitet. Da die Hauptausschüttung der VG Wort meist im Frühsommer stattfindet, wird sie auch das "Urlaubsgeld der Freien" genannt.

Laut aktueller Konjunkturumfrage des DJV hat ein Drittel der befragten Freien wichtige Auftraggeber verloren. Jeder Dritte klagt über gekürzte Honorare. Aber: Die Situation für freie Journalisten könnte schlechter sein. Die Umfrage zeigt auch, dass es sich lohnt, wenn man sich spezialisiert und die eigene Arbeitskraft auf mehrere Standbeine verteilt. So lässt es sich durchaus leben.

Am Anfang der Selbstständigkeit kann man sich dies kaum vorstellen. Aber es gibt viele freie Journalisten, die durchaus gut zu tun haben. So gut, dass sie allein nicht mehr alles bewältigen können. Dann gilt es, Routinetätigkeiten auszulagern --> Mut zum Delegieren. Wenn das nicht reicht, sollte man über die Kooperation mit anderen freien Journalisten nachdenken – entweder von Projekt zu Projekt oder sogar in einem neuen, größeren Unternehmen --> Form wahren.

Freie Journalisten bieten Text, Ton und Bilder an. Das brauchen viele, das können aber auch viele. Um klarzumachen, dass man nicht ein x-beliebiger Journalist ist, ist der Expertenstatus wichtig. Vermarkten Sie sich also, zeigen Sie Ihre Kompetenzen --> Ab ins Netz. Wer Qualitätsarbeit abliefert und auf seinem Gebiet exzellent ist, wird weiterempfohlen – und kommt so zu neuen Kunden.

Bleiben Sie nach Ihrer Existenzgründung nicht im Alltag stecken. Überprüfen Sie regelmäßig – am besten zum Jahreswechsel – die Ziele aus Ihrem Businessplan. Entwickeln Sie neue Strategien, wie Sie Ihre Positionierung festigen und Ihre Kunden binden wollen. Und überprüfen Sie auch diese Ziele bei nächster Gelegenheit.

Über die Autorin

Constanze Hacke arbeitet als Wirtschaftsjournalistin, Dozentin und Moderatorin in Köln. Im November erscheint ihr neues Buch Selbstständig und dann?

Mehr Tipps für den Berufsalltag gibt es hier.

Aktuelle Kommentare zu dieser Meldung

15.12.2011 11:45

wolfgang schneider, gruenderservice.de

... bin gespannt auf das Buch "Selbstständig und dann?" von Constanze Hacke.
Wünsche schöne Feiertage und ein gutes 2012.

 
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