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Autor

Marcus Lindemann

verfasst am

15.03.2012

im Heft

journalist 3/2011

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Grafik: journalist

Social Media

Wehe dem, der nicht filtern kann

Google? Mach ich. Twitter? Kenn ich. Facebook? Irgendwie banal. Warum Journalisten – selbst im Jahr 2012 – lernen sollten, das Netz besser zu verstehen.

"Würde es sich denn für mich jetzt lohnen, mir Zugang zum Internet zu verschaffen? Was findet man denn da überhaupt?", fragt der Moderator im ZDF-Morgenmagazin 1996. Der Computer-Experte der Redaktion antwortet zurückhaltend, diese Entscheidung könne er dem Kollegen nicht abnehmen. E-Mails werden im gleichen Studiogespräch als schneller und preiswerter als ein Fax oder Brief angepriesen. Damals hatten Redakteure im ZDF zwar PCs, aber keine Möglichkeit, sich ins "World Wide Web", wie man früher gerne sagte, einzuwählen. Internetzugang gab es nur über ein paar Computer, die in der Bibliothek des Senders standen. Schon die zögerliche Wortwahl des Gesprächs verrät uns, dass das alles noch ganz neu war – auch für Journalisten.

Gut, E-Mail-Accounts sind heute nicht mehr wegzudenken; klar, alle nutzen Google bei der Recherche, alle haben schon mal bei Twitter und Facebook reingeschaut. Doch an einen wirklich journalistischen Umgang mit dem Netz stellen sich im Jahr 2012 höhere Anforderungen.

Das fängt damit an, dass wir aufhören sollten, von "dem Internet" zu sprechen. Das Internet als Quelle anzugeben, ist so journalistisch, wie sich darauf zu berufen, das habe jemand am Telefon gesagt. Wann, wenn nicht jetzt, müssen Journalisten endlich anfangen, genauer hinzuschauen? Die digitale Welt ist der realen viel ähnlicher, als die meisten glauben, der einzige Unterschied scheint, dass wir im Netz noch immer nach Orientierung suchen, lernen müssen, mit Neuem umzugehen.

Das Netz bietet eine Vielzahl von Quellen – von amtlichen Bekanntmachungen und anderen privilegierten Quellen bis hin zu Tratsch und Belanglosem, da steht es der realen Welt in nichts nach. Wie auch? Es ist Teil der realen Welt.

Weitgehend Schluss gemacht werden sollte denn auch mit der Unterscheidung von online und offline. Das sagt weder über die Qualität von Quellen noch über die von Journalismus etwas aus. Onlinejournalisten sind ja nicht deshalb Journalisten zweiter Klasse, weil erstklassiger Journalismus im Netz nicht möglich ist, sondern weil sie schlechter bezahlt werden. Sie werden nicht als Journalisten, sondern als "Onliner" wahr- und somit weniger ernst genommen.

Ähnlich unpräzise ist unser Sprachgebrauch, und meistens auch die tatsächliche Nutzung, wenn es um Suchmaschinen geht: "Das habe ich bei Google gefunden" oder "Google findet dazu nichts". Eine Überprüfung von Onlinequellen gilt noch immer als Spezialistenwissen, für das man Experten befragt, obwohl es eigentlich Routine sein müsste, zumindest die Whois-Daten einzusehen.

Selbst die grundlegende Funktionsweise von Suchmaschinen ist den meisten Journalisten unbekannt – und hat doch tagtäglich Auswirkungen auf ihren Arbeitsalltag. Gerne wird hier auch mystifiziert: Der Algorithmus sei schließlich "streng geheim", man könne es also gar nicht besser wissen – dabei sind seine Grundzüge in einem Dokument von 1998 nachzulesen (Der zweite Treffer, wenn man bei Google Scholar die Suchbegriffe "Brin" und "Page" eingibt). Abgesehen davon wird es an unzähligen Stellen im Netz erklärt.

Das methodische Online-Recherchieren spart jeden Tag wertvolle Zeit

Aus dieser Unkenntnis resultiert, dass die Quote der Journalisten, die tatsächlich glauben, mit Google das Internet live zu durchsuchen, bei weit über 50 Prozent liegen dürfte. (Richtig ist: Google sucht in einer vorab gespeicherten Index-Datei (Cache), deren Kopien von Internetseiten sind wiederum oft Tage alt.) Noch höher liegt die Quote derer, die sich nicht zu helfen wissen, wenn der eingegebene Suchbegriff auf der angezeigten Trefferseite partout nicht zu finden ist. (Lösung: Zurück zur Google-Trefferliste und das Google-Cache aufrufen.) All das ließe sich mit einer eintägigen Fortbildung oder einer gezielten Suche nach Antworten im Netz ganz schnell beheben – vorausgesetzt jemand sieht den Bedarf.

Die Techniken des methodischen Online-Recherchierens sparen jeden Tag wertvolle Zeit, und sie werden täglich wichtiger, denn noch immer wächst das Netz mit enormer Geschwindigkeit: Pro Minute werden derzeit alleine auf YouTube 60 Stunden Videomaterial hochgeladen. Und auch Inhalte aus der vordigitalen Ära nehmen zu: Bücher, alte Zeitungen und Archive lassen sich mittlerweile günstig digitalisieren. Die englische Times etwa hat alle Inhalte seit ihrer Erstausgabe aus dem Jahr 1785 online – als Bilddateien und digital durchsuchbar (hinter Bezahlschranke). Über die amerikanische Google-News-Suche lassen sich die Schlagzeilen zur Mondlandung 1969 finden.

Wehe dem, der da nicht filtern kann. Und auch wer vorzugsweise gerne alles offline macht, muss sich heute online auskennen – weil es Zeit sparen kann und vieles heute nur online zu finden ist.

Filtern ist die richtige Antwort auf die oft empfundene Masse an digitaler Information. Das fängt bei E-Mails an, geht weiter über Webinhalte (mit der Hilfe von Suchmaschinen) und Datenbanken bis hin zu dem, was sich in den sozialen Netzen tut. So etabliert E-Mail heute ist – wer sich anschaut, wie Kollegen versuchen, einen Überblick über ihre E-Mails zu behalten, erkennt schnell, dass ihre Kenntnisse mit der Entwicklung der digitalen Welt nicht Schritt gehalten haben. Statt intelligente Filter oder Suchwerkzeuge zu nutzen, wird manuell durchgesehen oder aber schnell alles gelöscht, was nicht mehr gebraucht wird, nur um es später dann doch zu vermissen.

Wer nicht selbst filtert, muss bald damit rechnen, von Google und anderen vorgefilterte Antworten auf seine Suchanfragen zu bekommen. Die personalisierte Suche ist von Google angekündigt und schon heute kann man feststellen, dass sich Trefferlisten verändern, wenn man an einem anderen Ort, über eine andere Google-Domain oder eingeloggt mit dem Google-Account sucht. Personalisierte Suche ist nicht per se etwas Schlechtes. Wichtig ist, dass wir Journalisten wissen, was da passiert und ob und wie wir es bei Bedarf auch umgehen und abschalten können. Sonst nämlich droht, was Medienwissenschaftlerin Miriam Meckel in ihrem Buch Next als Utopie beschreibt: Alles ist berechenbar, und wir finden nur noch, was uns interessiert, verlieren aber die Chance, über etwas zu stolpern, was der Algorithmus nicht für uns vorgesehen hat. Ein Horrorszenario für Journalisten – solange man sich den Algorithmen des Netzes gedankenlos aussetzt.

Geplänkel gibt es auch in der Kaffeeküche

Das von anderen erstellte Programm im Fernsehen oder die von einer Redaktion zusammengestellten Texte einer Zeitung gelten vielen immer noch als der Gegenentwurf zu einer solchen Vorherrschaft der Algorithmen. Das war bislang auch das stärkste Argument der Programm- und Blattmacher. Niemand aus dem Publikum wolle sich sein Programm oder seine Zeitung selbst zusammenstellen. Während der vergangenen eineinhalb Jahrzehnte konnte man getrost darauf vertrauen, dass das Publikum weiter passiv konsumiert. Auch deswegen, weil es nach wie vor viel zu umständlich ist, sich sein TV-Programm mit DVD- oder Festplattenrekordern selbst zu basteln, und weil die Algorithmen, mit denen "persönliche" Nachrichtenseiten erstellt werden, schnell zu Langweile führen. Doch jetzt übernimmt auch diese komplexe Filterfunktion Stück für Stück das Internet.

Gerade weil es so lange unvorstellbar war, zeigt sich hier, welche Kraft in Social Media steckt. Heute muss der Programmdirektor weder seinen digitalen Videorekorder beherrschen noch selbst aktiv twittern und facebooken; es reicht vollkommen, dass er sich eine Reihe von "Freunden" und Menschen, deren Follower er wird, aussucht, um zu sehen, was diese ihm als "Programm" zusammenstellen. Der Begriff der "Freunde" ist dabei irreführend, weil er eine rein private Nutzung unterstellt. Bei einer professionellen Nutzung wäre es treffender, davon zu sprechen, Medien und Quellen zu abonnieren.

Sicher, es gibt unerdenklich triviale Inhalte auf Twitter und Facebook. Aber die gibt es in den Kaffeeküchen aller Redaktionen auch, ebenso wie in den Klatschblättern. Es beklagt sich ja auch sonst niemand, wenn jemand im (Offline-)Alltag über Wetter, Verkehr oder Fußball quatscht. Offensichtlich hatte auch Wolf Schneider auf Facebook schlechte Gesellschaft und ist gleich wieder geflohen. Das war vorschnell.

Denn es gibt natürlich auch viele kluge Menschen, die sich im Netz tummeln und zu Themen schreiben, mit denen sie sich auskennen. Als Journalist sollte man die kennenlernen wollen. Um sie als Experten zu befragen oder schlicht um ihre Texte zu lesen. Einigen Kollegen kann man sogar punktuell bei der Arbeit zugucken, sehen, welche Termine sie wahrnehmen, welche Texte sie lesen und empfehlen – das ist ein Themenradar.

Wer nur darauf baut, seine überregionale Qualitätszeitung werde ihn eines Tages schon darauf aufmerksam machen, wenn etwas Wichtiges im Netz passiert, verlässt sich darauf, dass andere Journalisten sich mit dem Netz auseinandersetzen, und nimmt eine oft nicht unerhebliche Zeitverzögerung und Auswahl in Kauf.

Wer sich über zu wenig Inhalt und zu viel Befindlichkeit beklagt, der hat einfach die falschen "Freunde" und muss noch einmal neu sortieren. Wer nach solch eigener Erfahrung über Twitter und Facebook schreibt, wird nicht mehr beklagen, dass dort mehr Leute senden als empfangen – denn das Muster kennen wir ja schon lange. Nur dass diesmal auch die Empfänger etwas aktiv getan haben, nämlich die Sender zusammengestellt, die sie – auf Twitter oder Facebook – empfangen wollen. Nicht alle werden selbst Sender, sie könnten es aber jederzeit – oder auch immer wieder punktuell – werden.

Wie sollen Journalisten Schritt halten?

Auch weil das Netz Medienwahrnehmung und -konsum verändert, sollten wir anfangen, es besser zu verstehen. Über ihre Auffindbarkeit mussten sich Süddeutsche Zeitung oder ARD bislang nie Gedanken machen. Die Süddeutsche liegt am Kiosk oder im Briefkasten, die ARD auf Programmspeicherplatz eins. Doch das ändert sich mit der Digitalisierung. Viele sind darauf nicht nur nicht vorbereitet, sondern sehen diesen Wandel noch gar nicht kommen.

Ein Fernsehmanager dagegen soll seinen Führungskräften empfohlen haben, die gegenwärtige Situation zu nutzen, um die bestehende Marke auszubauen, damit diese später im Internet auffindbar sein wird und auch dort für Qualität steht. Das ist weitsichtig, erschüttert aber alte Gewissheiten der Programm- und Blattmacher.

Alleine aus der Stärke von Social Media, einen intelligenten Filter zu konstruieren, folgt, dass solche Dienste keine Modeerscheinung bleiben, sondern schon jetzt als Fortentwicklung des Netzes gelten müssen. Auch damit müssen wir leben und umgehen lernen. Anders als das Filtern von Webinhalten durch Social Media ist das Filtern von Social-Media-Inhalten noch nicht wirklich überzeugend möglich. Die Twitter-eigene Suchfunktion etwa ist eine Katastrophe, und Facebook hat die eigene Suche schon mehrfach modifiziert, wobei leider auch einige interessante Suchmöglichkeiten für Journalisten weggefallen sind. Die Google-Echtzeit-Suche bot eine zuverlässige Alternative, wurde dann aber, um das eigene Netzwerk Google+ zu stärken, abgeschaltet.

Bleibt die Frage, wie Journalisten Schritt halten sollen. Es würde enorm viel Zeit kosten, wollte man jeden Trend mitmachen, jeden neuen Dienst ausprobieren. Und in der Tat ist nicht jeder Trend – auch wenn er es auf den Spiegel-Titel schafft – so wichtig, wie es auf den ersten Blick scheinen mag. So brachte es ein früher Versuch, eine Parallelwelt im Netz zu etablieren, im Frühjahr 2007 auf die Spiegel-Titelseite: Second Life. Davon redet heute niemand mehr, ebenso wenig wie von AOL oder Myspace.

Heute muss sich nicht jeder Journalist schon mit Pinterest, Amen und ifttt beschäftigen. Doch für Facebook und Twitter ist die Wartefrist vorbei – 2012 gehört es zum journalistischen Handwerkszeug, Facebook und Twitter lesen, filtern und verstehen zu können.

Über den Autor

Marcus Lindemann ist geschäftsführender Autor der Produktionsfirma autoren(werk) und unterrichtet in der journalistischen Aus- und Weiterbildung.

Mehr Texte aus der Rubrik Tipps für den Berufsalltag gibt es hier.

 

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