Detail-Informationen

Autor

Wolfgang Lenders

verfasst am

02.05.2012

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Um Arbeitssucht medizinisch zu erfassen, ersetzten Psychologen in einem Fragebogen für Alkoholiker den Begriff "Alkohol" durch "Arbeit".

FAQ

Zehn Fragen zur Arbeitssucht

Woran erkennt man Arbeitssucht? Wie kann man sich davor schützen? Und wie gefährdet sind Journalisten? journalist-Autor und Diplom-Psychologe Wolfgang Lenders hat die wichtigsten Fragen und Antworten zum Thema zusammengestellt.

 

Was ist Arbeitssucht?

Arbeitssucht ist eine Verhaltenssucht. Der Süchtige arbeitet vor allem zum Selbstzweck und erreicht so einen Gefühlszustand, der ihm etwa Selbstbestätigung vermittelt oder Sicherheit gibt. Für einen Arbeitssüchtigen steht die Arbeit an erster Stelle – und danach kommt lange nichts. Es ist aber nicht jeder arbeitssüchtig, der viel arbeitet. Typisch für einen Arbeitssüchtigen ist, dass nicht das Ziel – etwa Geld zu verdienen – im Mittelpunkt steht, sondern das Arbeiten an sich. Er kann ohne Arbeit nicht entspannen und sucht nach der nächstmöglichen Gelegenheit, sich wieder mit Arbeit einzudecken.

Woran lässt sich Arbeitssucht erkennen?

Wenn sich ein Mensch immerzu beschäftigen muss und nicht zur Ruhe kommen kann, ist das ein erstes Anzeichen. Auch Studierende, Hausfrauen und Rentner können betroffen sein. Für den Außenstehenden ist es schwer zu erkennen, wo die Grenze zwischen gerade noch normalem und schon süchtigem Verhalten verläuft.

Ein Süchtiger verliert seine Wahlfähigkeit und Willensfreiheit. Typisch ist etwa, dass er seine Mittagspause verkürzt, um länger arbeiten zu können. Dass er nachts aufwacht und an seine Arbeit denkt, und dass er ein schlechtes Gewissen hat, wenn er nicht arbeitet – er fühlt sich nicht wohl, verfällt unter Umständen sogar in Angstzustände. Arbeitssüchtige lassen sich auch daran erkennen, dass sie einen Hang zum Perfektionismus haben und nicht in der Lage sind, Aufgaben an andere zu delegieren. Im fortgeschrittenen Stadium können sie auch körperliche Symptome entwickeln, wenn sie nicht arbeiten – von Schweißausbrüchen bis hin zu Herzrasen.

Wie gefährdet sind Journalisten?

Anspruchsvolle, kreative Berufe mit flexiblen Arbeitszeiten und Berufe, in denen sich Menschen stark mit ihrer Arbeit identifizieren, sind generell anfälliger für Arbeitssucht als andere. Dass Journalisten – vor allem die freiberuflich arbeitenden – besonders gefährdet sind, hat jetzt eine Studie an der TU Dortmund bestätigt.

Wie können sich Journalisten vor Arbeitssucht schützen?

Einen absoluten Schutz gibt es nicht, vor allem, wenn jemand schon zu einem problematischen Verhalten neigt. Es ist aber wichtig, ein ausgewogenes Verhältnis zur Arbeit zu entwickeln, also das Privatleben nicht zu sehr zu vernachlässigen und persönliche Erfolgserlebnisse nicht nur in der Arbeit zu suchen. Journalisten sollten in der Lage sein, Aufgaben an Kollegen zu delegieren und auch mal "fünfe gerade sein" zu lassen. Gerade bei Freiberuflern ist die klare Trennung von Privatleben und Arbeit allerdings oft ein Problem.

Was sind die Ursachen der Arbeitssucht?

Es gibt verschiedene Erklärungsansätze für die Entstehung von Arbeitssucht. Manche Psychologen sehen die Ursachen in der Kindheit und Jugend der Betroffenen: Wer in einer Familie aufgewachsen ist, in der Leistung einen hohen Stellenwert hatte und es Lob und Anerkennung nur für gutes Abschneiden – zum Beispiel in der Schule oder im Sport – gab, neigt wohl auch dazu, Selbstbestätigung im beruflichen Erfolg zu suchen.

Andere Wissenschaftler stellen biologische Vorgänge in den Vordergrund: Extreme Arbeitsbelastung könne zur Ausschüttung von körpereigenen Substanzen führen, die dem Arbeitssüchtigen einen Kick verschaffen. Diesen Kick spüren auch viele Nicht-Arbeitssüchtige hin und wieder, wenn sie unter extremem Zeitdruck eine Aufgabe erfolgreich bewältigt haben.

Wieder andere Forscher sehen gesellschaftliche Wertvorstellungen als Ursache: Der hohe Stellenwert von Beruf und Erfolg im Leben könnte Menschen zu arbeitssüchtigem Verhalten verleiten. Und natürlich kann auch die Entwicklung der modernen Kommunikationsmittel eine Rolle spielen: Handys und mobile Computer machen es sehr viel einfacher, ständig zu arbeiten.

Profitiert ein Unternehmen davon, wenn bei ihm ein Arbeitssüchtiger arbeitet?

Höchstens am Anfang, wenn der Betroffene noch einigermaßen effizient arbeitet. Doch einem Arbeitssüchtigen geht es nicht darum, seine Arbeit zügig zu erledigen – im Gegenteil: Aus Angst davor, irgendwann ohne Arbeit sein zu können, zieht er Vorgänge in die Länge und häuft unerledigte Arbeit um sich herum an. Da Süchtige Aufgaben nur schwer abtreten können, funktioniert auch die Arbeit im Team nicht mehr. Irgendwann bricht die Fassade in sich zusammen: Der Betroffene wird krank, ist erst nur noch eingeschränkt und dann überhaupt nicht mehr arbeitsfähig. Nach Ansicht von Diane Fassel kann am Ende der Sucht unter Umständen sogar der Tod stehen. Im Japanischen gibt es dafür ein Wort: Karoshi – Tod durch Überarbeiten.

Wie viele Journalisten sind arbeitssüchtig?

Genaue statistische Zahlen gibt es nicht. Erstens existiert kein Diagnoseschlüssel für Arbeitssucht. Bei den betroffenen Personen diagnostizieren Ärzte daher die unterschiedlichsten Erkrankungen, die eine Folge der Arbeitssucht sein können: Depressionen zum Beispiel, Burnout, Anpassungsstörungen, aber auch organische Erkrankungen wie Kopfschmerzen, Magengeschwüre oder Schlaganfälle. Da diese Erkrankungen aber auch andere Ursachen haben können, lässt sich aus der Zahl der Diagnosen nicht auf die Zahl der arbeitssüchtigen Personen schließen. Ein weiterer Grund für das Fehlen von Zahlen für Journalisten ist, dass Journalisten in den meisten Statistiken – etwa bei Krankenkassen – nicht als eigenständige Berufsgruppe erfasst sind.

Sind bestimmte Berufsgruppen im Journalismus besonders betroffen?

Freiberufliche Journalisten sind grundsätzlich stärker von Arbeitssucht betroffen als fest angestellte. Das hat die Studie an der TU Dortmund herausgefunden. Ein auffälliges Verhalten zeigen vor allem diejenigen, die zum Teil auf Basis von Pauschalhonoraren feste Schichten übernehmen und gleichzeitig frei Artikel oder Beiträge produzieren. Radio- und Fernsehjournalisten sind ein wenig stärker betroffen als Pressevertreter. Die niedrigsten Werte haben Journalisten, die für Nachrichtenagenturen oder im Onlinebereich arbeiten.

Was haben Arbeitssucht und Alkoholismus gemeinsam?

Beide Süchte sind bis zu einem gewissen Punkt gesellschaftlich akzeptiert. So wie in weiten Kreisen der gelegentliche Vollrausch nicht als Problem gesehen wird, fällt auch jemand, der sich ausschließlich auf seine Arbeit konzentriert, lange Zeit nicht als problematisch auf. Im Gegenteil, oft ist ihm sogar Anerkennung von Kollegen und Lob von Vorgesetzten für seinen Einsatz sicher. Alkoholismus wird oft erst bemerkt, wenn der Betroffene nicht mehr richtig funktioniert. Ähnlich ist das bei der Arbeitssucht: Dass der Betroffene ernsthafte Probleme hat, fällt erst auf, wenn er anfängt, sich in seiner Arbeit zu verzetteln, spätestens aber, wenn er – psychisch oder körperlich – zusammenbricht. Bis dahin kann viel Zeit vergehen; oft entwickelt sich eine Arbeitssucht über Jahre oder sogar Jahrzehnte.

Welche Behandlungsmöglichkeiten gibt es?

Das hängt im Wesentlichen davon ab, in welchem Stadium der Krankheit sich der Arbeitssüchtige befindet. Zeichnet sich erst der Beginn einer Arbeitssucht ab, können sich Betroffene möglicherweise noch selbst aus der sich anbahnenden Abhängigkeit befreien. Hat sich die Sucht aber manifestiert, ist eigentlich immer Hilfe von außen erforderlich: in leichteren Fällen etwa über ein ambulante Psychotherapie, unterstützt durch die Teilnahme an einer Selbsthilfegruppe. In schweren Fällen kann auch ein Aufenthalt in einer Klinik oder einer Tagesklinik nötig sein. Körperliche Folgeerkrankungen wie Bluthochdruck, Magengeschwüre oder in schweren Fällen ein Schlaganfall muss natürlich ein Arzt behandeln.

Mehr zum Thema

Warum Journalisten besonders anfällig für die Sucht nach Arbeit sind, lesen Sie in der Mai-Ausgabe des journalists, die heute erscheint.

Aktuelle Kommentare zu diesem Text

02.05.2012 12:18

Ingo-Wolf Kittel

Der Sucht-Begriff wird hier – wie weithin leider üblich – "falsch" (von lat. fallere für täuschen!) verwendet.

 
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