03. November 2015, 10:49 Uhr - von Matthias Daniel

39.209.168 Metadaten

Daniel Moßbrucker hat sich selbst überwacht. Sein Geschichte steht in der aktuellen journalist-Ausgabe.
Bild: Christian O. Bruch

Das ist das Ende des Informantenschutzes.

Der Journalist Daniel Moßbrucker hat einen wichtigen Selbstversuch unternommen. Bei einer Recherche für die ARD-Börsenredaktion hat er alle digitalen Spuren gesichert, die er an 42 Arbeitstagen hinterließ – beim Telefonieren, bei der Internetrecherche, außerdem die Standortdaten seines Handys, wenn er unterwegs war. Es ging dabei nicht um Inhalte. Nicht um das, was in den SMS oder Mails seiner Informanten stand, nicht um die Gespräche am Telefon. Lediglich sogenannte Metadaten. Daten, die auch bei der Vorratsdatenspeicherung erhoben werden.

Am Ende seiner Recherche saß Moßbrucker auf nahezu 40 Millionen Metadaten. Und auf der Erkenntnis, dass sein Informant aufgeflogen wäre – wenn diese Daten in falsche Hände geraten wären.

Am 16. Oktober hat der Deutsche Bundestag die Vorratsdatenspeicherung beschlossen. Erneut beschlossen. Im Jahr 2010 hatte das Bundesverfassungsgericht eine erste Version der Vorratsdatenspeicherung gekippt. Auch gegen die Neuauflage gab und gibt es großen Widerstand. Medienverbände sprachen sich in einer selten zu erlebenden Einigkeit dagegen aus: die ARD-Sender genauso wie der Verband privater Rundfunkanbieter, die Verlegerverbände ebenso wie die Journalistengewerkschaften. Es hat nichts genutzt.

Auch wenn Journalisten wie andere Berufsgeheimnisträger offiziell von dem Gesetz gar nicht betroffen sein sollen, denn ihre Daten dürfen nicht verwertet werden. Erhoben werden sie trotzdem – schon weil es technisch nicht anders möglich ist. Man braucht nicht viel Fantasie, um sich vorzustellen, dass diese Daten ihren Weg finden, wenn sie einmal in der Welt sind.

Warum die Vorratsdatenspeicherung für Journalisten und ihre Informanten so fatal ist, zeigt das Experiment von Daniel Moßbrucker eindrücklich. Nichts an seiner Recherche war besonders ungewöhnlich oder auffällig. Er telefonierte, er mailte, er schickte SMS, sprach via Skype. Und doch wäre es für geschulte Augen ein leichtes gewesen herauszufinden, wer Moßbruckers geheimer Informant ist.

Man könnte meinen, dass die Masse an erzeugten Informationen, 40.000.000 Metadaten im Falle von Moßbruckers Recherche, die Suche nach einzelnen, wichtigen Details nahezu unmöglich macht. Das Gegenteil ist der Fall. Daniel Moßbrucker formuliert das so: "Jede Kommunikation ist ein Knotenpunkt in dem Netz, das die Daten über meine Recherche spannen. Nach 40 Arbeitstagen ist es so engmaschig, dass jedes Detail meiner Arbeit darin hängen bleibt."

Wir haben uns damit abgefunden, dass wir in der digitalen Welt die Hoheit über unsere Daten immer mehr verlieren. Jetzt geht es aber nicht nur um uns selbst, es geht um die Personen, die wir als Journalisten schützen müssen – unsere Informanten. Daniel Moßbrucker ist sich nach seinem Experiment sicher: "Wir müssen den Menschen ehrlich sagen, dass wir sie im Zweifel nicht mehr schützen können, wenn sie digital mit uns kommunizieren."

Für den neuen journalist, der heute erscheint, hat Daniel Moßbrucker die Details und Erkenntnisse aus seinem Selbstversuch aufgeschrieben.

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