01. Dezember 2015, 09:03 Uhr - von Matthias Daniel

Was Pegida anrichtet

Bild: Jan Zappner

"Angst ist das falsche Wort", sagt Johannes Filous. Seit Monaten berichtet der 26-Jährige aus Dresden. Jeden Montag ist er zusammen mit seinem Freund und Kollegen Alexej Hock unterwegs. Aber auch an vielen anderen Tagen in der Woche. Denn es gibt in der sächsischen Landeshauptstadt nicht nur Pegida. Es gibt auch AfD-Veranstaltungen und Demonstrationen vor Flüchtlingswohnheimen in und um Dresden. In Laubegast, in Klotzsche, in Freital. Viele sagen, diese Aufmärsche im Schatten der Montags-Pegida sind noch aggressiver, noch gefährlicher.

Johannes Filous hat das selbst erlebt. Er hat mitangesehen, als ein junger Mann von einer Horde getreten und verprügelt wurde. Die Polizei: hilflos, tatenlos. Alexej Hock bekam bei der Pegida-Demo am 19. Oktober einen Tritt in den Rücken. Er duckte sich gerade vor einem Böller, als ein Mann aus der Menge kommt, zutritt und davonläuft.

Jeder Journalist in Dresden kann solche oder ähnliche Geschichten erzählen. "Wir werden beschimpft, angepöbelt, bedrängt", sagt ZDF-Journalist Carsten Thurau. Trotzdem war journalist-Redakteurin Svenja Siegert bei den Recherchen zu unserer Titelgeschichte manchmal irritiert. Fragte sie ihre Gesprächspartner, ob diese schon mal bedroht wurden, antworteten die meisten in einer ersten Reaktion mit nein. Im Laufe des Gesprächs erfuhr sie dann von Pöbeleien, von Beschimpfungen, von Leserbriefen, von Facebook. Die Journalisten haben sich daran gewöhnt.

dpa-Korrespondent Martin Fischer sagt: "Es macht keinen Spaß, sich jeden Montag beschimpfen zu lassen." Aber auf Dauer relativiere sich das. Er merke das immer, wenn Volontäre aus Berlin im Dresdner dpa-Büro Station machen. "Die sind entsetzt."

Wie kann man sich dieses Entsetzen bewahren – und trotzdem nicht in Angst erstarren? Es herrscht Misstrauen in Dresden. Pegida spaltet die Stadt, spaltet Familien, Pegida könnte auch Redaktionen spalten.

Für Johannes Filous und Alexej Hock liegt die Lösung darin, so nüchtern und dokumentarisch wie möglich das festzuhalten, was sie auf den Pegida-Veranstaltungen erleben. Sie arbeiten nicht für ein klassisches Medium, sondern informieren ihre Leser direkt via Twitter. Straßengezwitscher nennen sie ihren Account, dem inzwischen mehr als 9.000 Interessierte folgen.

Ihr neuestes Projekt ist eine Google-Karte, auf der Facebook-Seiten in Sachsen markiert sind, die mehr oder weniger gegen Flüchtlinge hetzen. Jeder kann Ergänzungen mitteilen. Mehr als 100 Punkte umfasst die Karte bereits – quer über Sachsen verteilt. In und um Dresden häuft es sich, hier sind die meisten Einträge. Die Facebook-Seiten heißen "Strehlen wehrt sich gegen Politikversagen" oder "Bürgerinitiative MeinLaubegast" oder "Dresden-Klotzsche sagt Nein zum Heim". Es ist eine Karte zum Gruseln. Und ein Auftrag für Journalisten.

Falls Sie kein journalist-Abonnent sind, können Sie unsere aktuelle Titelgeschichte "Angst ist das falsche Wort" auch auf Blendle lesen (0,99 €).

Mehr zum Thema auf journalist.de. Übrigens: Der DJV will Druck auf die Politik ausüben, damit sich die Sicherheitskräfte für die Pressefreiheit bei rechten Demos einsetzen. Zu diesem Zweck sammelt er Fälle, bei denen Journalisten Opfer von Gewalt wurden.

Und: Worum es in unserer neuen Ausgabe außerdem geht, steht hier.

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Aktuelle Kommentare zu diesem Beitrag

03.12.2015 08:34

Steffen Klupsch

Warum boykottieren nicht alle als Lügenpresse bezeichneten Medien PEGIDA? Das wäre doch schön, wenn nirgends mehr etwas davon zu lesen, zu sehen oder zu hören wäre. Dann wäre es auch schneller vorbei.

03.12.2015 12:29

Barbara Linon

Haben Sie sich eigentlich einmal ernsthafte Gedanken darüber gemacht, warum diese Menschen letztlich derart ausrasten und hasserfüllt herumbrüllen?

Viele davon sind keine Anhänger von Pegida und Konsorten... Nein, es sind die zigtausend Bürgerinnen und Bürger in unserem Land, die keine Lobby haben. Sie leben am Rande des Existenzminimums und sind der teilweise menschenverachtenden Willkür "unserer" Sozialämter und deren Sachbearbeiterinnen/Bearbeiter ausgesetzt. Da fragen Sie sich noch, warum der Hass gegen die Aufnahme und Versorgung der Millionen Asyllanten und Flüchtlinge mehr und mehr zunimmt?! Ich selbst beziehe zu meiner Rente eine gesetzlich festgelegte Grundsicherung vom Amt in Berlin-Charlottenburg. Jetzt komme ich zum Punkt: Jeder Nichtbetroffene kann sich überhaupt nicht vorstellen, wie hier mit uns mündigen Bürgern umgegangen wird. Schikanen und Willkür der Sachbearbeiter sind zu ertragen! Wenn wir "aufmüpfen", wird die monatliche Grundsicherung gekürzt oder einfach noch besser ... ganz eingestellt. Einer anwaltlichen Einschaltung nehmen diese Leute gelassen hin. Ihr Sessel ist warm und abgesichert, das Geld liegt am Monatsende auf der Treppe.

03.12.2015 14:52

Matthias Daniel, journalist-Chefredakteur

@ Barbara Linon: Und Sie meinen, das Empfinden, dass mit Ihnen als "mündiger Bürger" nicht anständig umgegangen wird, rechtfertigt es, dass all diese "mündigen Bürger" im Gegenzug Flüchtlinge und andere hilfesuchende Menschen noch viel unanständiger behandeln dürfen? Nur weil Flüchtlinge noch wehrloser sind, als Sie sich fühlen? Und das Ganze tun diese "mündigen Bürger" dann unter der Flagge der Bewahrung ihres "Abendlandes"? Ein Abendland, in dem sie – wie Sie schreiben – „Schikane und Willkür“ ausgesetzt sind. Na tolles Abendland. Nein, all das, was Sie schreiben, glaube ich nicht. Ich glaube, dass eine solche Argumentation von "mündigen Bürgern" höchstens eine billige Ausrede ist für Intoleranz und Unwissenheit.

Im Übrigen geht es mir nicht um "herumbrüllen" oder die Tatsache, dass Pegida-Anhänger sich treffen. Es geht hier um Übergriffe, es geht um Bedrohungen. Es geht darum, dass Journalisten am Ausüben ihres Berufes gehindert werden.

@ Steffen Klupsch Vielleicht haben Sie recht. Ich glaube allerdings nicht, dass das Phänomen Pegida und die Menschen, die dafür stehen, nur deshalb wieder verschwinden, weil man nicht mehr über sie berichtet.

11.02.2016 17:43

Alfred Tetzlaff

Nachdem die Journalistenkaste PEGIDA von Anfang an in die NS-Ecke gestellt hat, noch als mehr als die Hälfte der Demonstranten waren CDU- und SPD-Wähler, war das Tischtuch zerschnitten. Die Journalisten wussten, dass sie mit ihrer PEGIDA=Nazi-Berichterstattung den linksradikalen Mob auf sie loslassen und haben das billigend in Kauf genommen.

Lügen, verbunden mit geistiger Brandstiftung!

Dass jetzt einzelne zurückschlagen, ist nur zu verständlich, auch wenn es nichts bringt, Gleiches mit Gleichem zu vergelten.

Ihr habt PEGIDA radikalisiert und jetzt sind das außerhalb Sachsens wirklich teilweise Nazis!

11.02.2016 20:11

Matthias Daniel, journalist-Chefredakteur

@Alfred Tetzlaff: Sie pauschalisieren und denunzieren. Aber vor allem verharmlosen Sie Gewalt. Und Sie tun das nicht mal unter Ihrem richtigen Namen, sondern wählen dafür eine Figur, die hier noch nicht mal im Ansatz passt. Wie wollen Sie erwarten, dass man Sie ernst nimmt und mit Ihnen diskutiert?

12.02.2016 14:52

Lena Wilde

Nach meiner Erfahrung diskutieren Sie auch nicht, wenn man unter richtigem Namen Auftritt. Die Antwort ist jeweils eine bunte Vorwurfs-Patchworkdecke, die aus Worten wie "Pauschalisieren", "Verharmlosen", "Denunzieren" etc. besteht und sich wie Mehltau auf die noch junge Diskussion legen soll, auf dass dann bitte endlich Ruhe ist! Wie kann es auch jemand wagen, ein Gespräch mit der falschen Meinung zu beginnen!

An dem vorangegangenen Post ist etwas Wahres dran. Ist Ihnen nicht aufgefallen, wie "besorgte Bürger" und Pegida-Mitläufer in den Medien vorgeführt wurden? Lange bevor sich die Bewegung in Teilen radikalisiert hat? Neben einer Reihe zwielichtiger Gestalten betraf das auch eine Menge Personen, die emotionalisiert waren, medienunerfahren und nicht rhetorisch geschult, wie ihr journalistisches Gegenüber. Ein einfacher Gegner, leicht vorzuführen.

Das Machtungleichgewicht wurde hier in meinen Augen in vielen Fällen ausgenutzt. Und nun lassen es sich manche Leute nicht mehr gefallen, dass sie gefilmt, fotografiert und befragt werden sollen, nur um dann anschließend unter Begriffen wie "besorgte Bürger" vorgeführt zu werden, als Nazis, die nur noch nichts von ihrer Gesinnung wissen, gewissermaßen. Aber "Pauschalisieren" und "Denunzieren" findet wohl niemand gut.

 
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26.05.2016, 06:41:32
von journalist
@dasKerst na klar. das stand ja nicht im luftleeren Raum!
25.05.2016, 14:56:29
von journalist
@dasKerst Kommentieren geht natürlich auf FB immer. Die Frage bezieht sich darauf, ob die Redaktionen überhaupt (noch) FB-Seiten haben.
20.05.2016, 10:33:29
von journalist
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