01. November 2013, 14:08 Uhr - von Svenja Siegert

8 Zukunftsthesen

Illustration: Tim Möller-Kaya

Vor ziemlich genau einem Jahr beauftragte der DJV-Verbandstag den Bundesvorstand, eine Projektgruppe ins Leben zu rufen. Die sollte sich 2013 mit Fragen zur Zukunft des Journalismus befassen. 

"Abseits der bisherigen Tarifverträge, die streng nach Mediensparten wie Tageszeitungen, Zeitschriften, Online oder Rundfunk getrennt sind, soll eine Perspektive für die Zukunft entwickelt werden. Grundlage sollen die realen Arbeitsbedingungen von Journalistinnen und Journalisten sein, die bereits jetzt in der Regel crossmedial sind", hieß es damals.

Und so kam es. Einige Male trafen sich in diesem Jahr Carolin NeumannKathrin Konyen, Timo Stoppacher, Eva Werner, Fabienne Kinzelmann, Sebastian Christ, Leif Kramp und Sascha Venohr. Einen Einblick in die Arbeit der AG hat die freie Journalistin Carolin Neumann schon im August hier gegeben.

Auf dem Verbandstag in Hannover stellt die Projektgruppe nun zur Diskussion, was bei ihren Treffen herausgekommen ist. Grundlage für die weitere Debatte sollen dabei acht Thesen zur Zukunft des Journalismus sein, die die acht Journalisten erarbeitet haben und die wir hier dokumentieren.

Außerdem hat journalist-Redakteurin Monika Lungmus mit Kathrin Konyen aus dem DJV-Bundesvorstand über die Ergebnisse der Arbeitsgruppe gesprochen.

1. Die Mehrheit der Journalistinnen und Journalisten arbeitet freiberuflich 

Auf dem gesamten Arbeitsmarkt sind zunehmend Freiberufler tätig. Die Zunahme im journalistischen Bereich ist noch deutlich stärker als generell auf dem Arbeitsmarkt. Dabei wird es für die freien Journalistinnen und Journalisten immer wichtiger, ein tragfähiges Geschäftsmodell zu entwickeln und auch umzusetzen. Unternehmerische Kenntnisse und Fähigkeiten der Selbstvermarktung werden deshalb eine wichtige Voraussetzung für beruflichen Erfolg. Im Gegenzug verlieren klassische Tarifverträge, betriebliche Vereinbarungen und andere arbeitnehmerbezogene Errungenschaften quantitativ an Bedeutung. 

2. Festangestellte werden zu Redaktionsmanagern

Schon heute arbeiten Redakteurinnen und Redakteure häufig als Redaktionsmanager: Sie planen, stimmen sich intern ab und vergeben Aufträge an Freie. Durch die Auflösung von klassischen Arbeitsformen, in denen alle Beteiligten in der Redaktion vor Ort sind, sind neue Abläufe erforderlich, die sicherstellen, dass die journalistisch Tätigen in Entscheidungsprozesse eingebunden sind. Freie Journalisten gelten nicht als zweitrangige und leicht austauschbare Lieferanten, sondern sind integraler Bestandteil einer Redaktion. Das muss finanziell wie rechtlich angemessen berücksichtigt werden. Die überwiegend autodidaktisch angeeigneten Managementkompetenzen unter Journalisten müssen durch strukturierte Bildungsangebote fundiert werden und dürfen nicht zu einer unangemessenen Belastung sowohl der festen als auch der freien Redaktionsmitarbeiter führen.

3. Journalistinnen und Journalisten werden zunehmend als Marke wahrgenommen   

Jeder Journalist gewinnt als Marke an Bedeutung. Sich selbst als Marke zu verstehen ist daher unabhängig vom Beschäftigungsverhältnis wichtig. Mit seinem Namen steht er für Qualität, für spezielle Themenfelder und auch für eine bestimmte Haltung. Medienhäuser erwarten, dass Journalisten ihr eigenes Netzwerk aus Nutzern, also ihre eigenen Communitys, aufbauen und diese einbringen, wenn sie neu in ein Unternehmen kommen. Die Community folgt dem Journalisten auch zu wechselnden Arbeitgebern oder in die Selbstständigkeit. Das kann über Mediengrenzen hinweg erfolgen. Leser bzw. Zuschauer werden zu Garanten der Glaubwürdigkeit. Sie sind dabei verstärkt in den Arbeitsprozess - von der Recherche bis zur Veröffentlichung – eingebunden. Training für den Aufbau und die Pflege von "Human Brands", also Personenmarken sowie Training zur optimalen Einbindung der Zielgruppe sind wichtiger Bestandteil der Aus- und Weiterbildung.

4. Digitale Kompetenz ist eine wichtige Bedingung für Erfolg 

Technologie und Innovation werden verstärkt zu Erfolgsfaktoren – für die Medienbetriebe und für Journalistinnen und Journalisten selbst, egal ob es sich um Feste oder Freie handelt. Neugierde auf technische Möglichkeiten und innovative Ansätze sind neben den bisherigen journalistischen Kernkompetenzen selbstverständlich. Nicht nur digital arbeitende Journalisten bedürfen in Zukunft eines grundlegenden Verständnisses für die Technologien, mit denen sie arbeiten können und dem, was dahinter steckt. Journalisten müssen nicht Programmierer sein, doch für interdisziplinäres Arbeiten ist das Verständnis von deren Arbeit von Bedeutung. Die Organisationsstrukturen in den Medienbetrieben werden sich diesen Erfordernissen anpassen müssen. Sie müssen sich der technologischen Realität anpassen und flexibler werden. Die neuen Anforderungen dürfen jedoch nicht dazu führen, primär technische Aufgaben vollständig auf journalistisch Tätige auszulagern.

5. Journalistin/Journalist ist derjenige, der verbindet und interagiert  

Journalistische Arbeit wird zu einem transparenten Prozess. Wichtig ist das Einbinden der Leser durch direkten Dialog, Crowdsourcing etc. Publikumspflege wird zu einem Teil des journalistischen Prozesses. Journalisten müssen die Rezipienten auch auf neuen Wegen erreichen. Es gilt, transparent, publikums- und prozessorientiert zu arbeiten. Journalisten können in der Regel nicht mehr wochenlang recherchieren, ohne ein (Zwischen-)Ergebnis öffentlich zu machen. Ausnahmen bleiben natürlich investigative, sensible Recherchen. Die verschiedenen Zielgruppen werden über verschiedene Kanäle angesprochen. Daher ist mehr Vielfalt in den Redaktionen erforderlich – sowohl bei Themen als auch bei den Mitarbeitern – um als Massenmedium, z.B. Lokalzeitung, ein möglichst großes Publikum zu erreichen. Medien, bei denen die Leser nicht das Gefühl haben, ernst genommen zu werden, verlieren an Bedeutung. Für Redaktionen bedeutet das eine Umstellung. Vor allem aber müssen Journalisten ihre Fertigkeiten erweitern, um für diesen Dialog gerüstet zu sein. Wichtig sind vor allem Offenheit und Kommunikationskompetenzen.

6. Journalistinnen und Journalisten werden zu Unternehmern

Einhergehend damit, dass die Zahl der freien Journalistinnen und Journalisten zunimmt und die eigene Marke immer bedeutsamer wird, finden immer mehr Journalistinnen und Journalisten Ansatzpunkte für eine Unternehmensgründung. Vor allem der technische Fortschritt und die Möglichkeiten, die das Internet, Social Media und Co. für den Journalismus bieten, führen dazu, dass Journalisten zu Startup-Gründern werden. Sie probieren auf dem freien Markt aus, was in Redaktionen fehlt und tragen dazu bei, den Journalismus auf inhaltlicher wie struktureller Ebene neu zu formen. Ein solch innovatives Unternehmertum wird für alle im Journalismus Tätigen wichtiger, auch für Festangestellte. Kenntnisse der Betriebswirtschaft gewinnen an Bedeutung, ohne dabei journalistische Unabhängigkeit einzuschränken. So entstehen Innovationen, die mögliche Lösungen für wirtschaftliche Probleme sind. 

7. Journalistinnen und Journalisten haben Freiräume  

Journalismus ist ein Beruf für Menschen mit Leidenschaft und einer hohen Leistungsbereitschaft. Freiräume gehören für sie zu guten Arbeitsbedingungen. Das Schaffen von Freiräumen wirkt der Abwanderung in andere Berufe entgegen. Nachrichtenjournalismus in Echtzeit wird mit einer neuen Arbeitsaufteilung begegnet, der Schichtarbeit mit mehr Personal. Die Arbeitsverdichtung nimmt generell ab. Präsenzkultur mit festen Arbeitszeiten und vielen Überstunden gehört in vielen Bereichen der Vergangenheit an. Journalistinnen und Journalisten haben die Möglichkeit, auch von Zuhause aus oder im Co-Working zu arbeiten. Co-Working als Arbeitsform gewinnt generell an Bedeutung – nicht nur für Freiberufler und Startups. Durch die Zusammenarbeit mit anderen in größeren Räumen können Journalisten von anderen profitieren. Zu den Freiräumen gehört auch zum Beispiel die Möglichkeit zu Sabbaticals, also zu einem Jahr Auszeit oder Teilzeitarbeit. Um Freiräume zu schaffen, gilt es auch, die Sozialleistungen zu erhöhen – auch weil immaterielle Anreize, die früher den Reiz des Berufs ausmachten, kaum mehr vorhanden sind, z.B. Reisen und häufige Außentermine. Schlechte Arbeitsbedingungen, niedrige Honorare und mangelnde Freiräume gehören der Vergangenheit an.

8. Solidarität prägt den Umgang

Journalistinnen und Journalisten gehören einem Berufsstand an, der gemeinsam mehr erreicht. Das Bedürfnis nach Solidarität wächst. Konkurrenzdenken und Misstrauen sind Eigenschaften, die erfolgreichem Journalismus entgegenwirken. Gerade in Zeiten des Umbruchs bestimmt Solidarität den Umgang von Journalistinnen und Journalisten untereinander. Journalistinnen und Journalisten treten für ihre Kolleginnen und Kollegen ein, auch Festangestellte für Freie und umgekehrt. In der Aus- und Weiterbildung muss daher nicht nur auf gemeinsam geteilte Regelstrukturen abgestellt werden, sondern auch auf eine berufliche Identität, die sowohl moralethische Aspekte als auch Solidarität untereinander beinhaltet.

Update, 6. November 2013

Zukunft des Journalismus. So lautete eines der Schwerpunkthemen der vergangenen drei Tage auf dem Verbandstag des Deutschen Journalisten-Verbands. Rund 300 Redakteure und freie Journalisten beschäftigten sich in einer Podiumsdiskussion, im Plenum und in einer Arbeitsgruppe ausführlich mit den 8 Arbeitsthesen zur Zukunft des Journalismus.

Der Verbandstag hat die Thesen im Detail besprochen – und wird erneut eine Projektgruppe beauftragen, daran weiterzuarbeiten. Die soll daraus konkrete Maßnamen erarbeiten, die darauf abzielen, die DJV-Mitglieder auch in Zukunft optimal unterstützen zu können.

Aktuelle Kommentare zu diesem Beitrag

01.11.2013 18:18

Dirk Hansen

Verblüffend, gerade hatte ich einen kleinen Text zum Trendsport Thesenbildung verfasst http://www.dirkhansen.net/das-wesen-von-thesen/- und schon kommen die nächsten! Ihre acht Feststellungen bilden den Stand der Dinge sehr gut ab, wie ich finde. Sie sind sicher eher Thesen zur Situation der Journalistinnen und Journalisten (logisch, DJV) als zum "Journalismus" an sich. Dessen Perspektive wird ganz wesentlich davon abhängen, ob die Medienoganisationen künftig noch einen halbwegs verlässlichen Rahmen für die Herstellung von Öffentlichkeit bieten können oder wollen. Neben unübersehbar vielen Chancen birgt der digitale Wandel auch die Gefahr, dass der Beruf zunehmend bürokratisiert, technisiert und ökonomisiert wird. Oft zu Lasten der Beschäftigten, immer zu Lasten des Inhalts.

03.11.2013 16:27

Julian Heck

Ja, das stimmt alles. Das Beschriebene ist teilweise Gegenwart, teilweise Zukunft von Journalisten. Zur Zukunft des Journalismus fehlt mir aber noch mehr die generelle Ausrichtung des Journalismus von morgen; etwas mehr Mut bei den Thesen wäre erfreulich gewesen. Wirkliche neue Erkenntnisse kann ich nicht herauslesen.

Was bedeutet Journalismus heute und morgen? Wohin hat er sich gewandelt und wie wird er sich noch wandeln? Welche Aufgaben wird er übernehmen müssen, welche nicht? Weg vom bloßen Informieren hin zum Kuratieren, Einordnen, Fordern und Fördern von Debatten – auch durch subjektive Meinungsbeiträge. Moderieren Journalisten in Zukunft gresellschaftliche Debatten und reichern diese mit Hintergrundinformationen, Visualisierungen und Provokationen an? Ich könnte einen ganzen Artikel darüber verfassen.

Die inhaltliche und allgemeine Ausrichtung des Journalismus muss diskutiert werden, das ist es, was mir fehlt.

03.11.2013 17:01

Jakob Vicari

Acht Wahrheiten. Nur, geht es gar nicht um Geld, Finanzierung, Gründer, Geschäftsmodelle? Wie kann man das derart ausblenden?

03.11.2013 17:11

journalist-Redaktion

@Jakob Vicari: Mit dem Thema Finanzierung hat sich dieses Jahr eine weitere Arbeitsgruppe des DJV gesondert beschäftigt. Auch sie wird ihre Ergebnisse auf dem Verbandstag vorstellen. Siehe auch (Interview mit Michael Anger): journalist.de/vtblog/wie-sieht-journalismus-morgen-aus

04.11.2013 11:54

Daniel Bröckerhoff

Ich hab mal kurz was dazu geschrieben:
http://danielbroeckerhoff.de/2013/11/04/8-thesen-zu-zukunft-des-journalismus-agree/

04.11.2013 12:44

Daniel Bröckerhoff

Ich hab auch kurz was dazu geschrieben.
http://danielbroeckerhoff.de/2013/11/04/8-thesen-zu-zukunft-des-journalismus-agree/

Was Julian sagt: mach doch :-P

04.11.2013 14:57

Gregor Landwehr

Meine Gedanken zum Thema, in wesentlichen Punkten schließe ich mich dabei Julian Heck an.
http://neuer-journalismus.de/blog/betr-zukunft-journalismus/

05.11.2013 08:20

Julian Heck

So, hier nun mein Kommentar zu den Thesen - veröffentlicht auf LousyPennies.de
http://bit.ly/1b7Z3rX

05.11.2013 13:08

Michael Marheine

Sehe ich die Entwicklung ähnlich zu der der Grafik-Designer und Werbebranche. Immer mehr gehen in den Freiberuf, haben nicht selten dadurch weniger Sicherheit, weniger Geld, mehr Arbeitsstunden ... diese Entwicklung auf diversen Bereichen führt zudem zu einer späteren Schlechterstellung in der Altersvorsorge, immer weniger müssen die Last der Renten tragen.

Es werden wenige schaffen zur Human Brand, diese ist aber notwendig, um noch gut davon leben zu können. Zur Human Brand gehört auch ein hohes Mass an Bereitschaft, sich so öffentlich zu positionieren. Deshalb wird es nicht ohne die angesprochene Social Media Kompetenz klappen können.

Viele Journalisten werden es schwierig haben, zu kommunizieren - was jedoch verlangt ist - allzu viele waren journalistisch als Sender von Nachrichten ausgebildet worden. Heute gibt es andere Messlatten!

Die angesprochene Schichtarbeit wird kommen, ist aber nur ein kurzes Intermezzo. Man weiss mittlerweile schon von einigen Zeitschriften, die Journalisten auf der ganzen Welt beauftragt, aber neben dem Zeitzonen-Problem auch bereits ihre Ausgaben per Computer - automatisch - zusammensetzen lässt.
Soll heissen: Ein Artikel der Zeitung wird aus diversen Schnipseln diverser Autoren "ohne Namen" zusammengesetzt, der selbe Artikel in anderer Zusammensetzung für eine weitere Zeitschrift verwendet ... so lässt sich schlecht ein Human Brand aufbauen und man liefert nur ständig Content-Schnipsel. Die selbe Masse an gelieferten Content-Dateien ergibt variabel zusammengesetzt dann Hunderte von Artikeln in unterschiedlichen Magazinen.

Nur wenige werden sich einen Namen machen können und gut davon leben. Der Rest wird in der Masse untergehen, da sie vergleichbar geworden sind und somit sich dem reinen Preiskampf ausgesetzt fühlen. Binnen kurzer Zeit wird es nur noch heissen: "Wie viel Wortmasse lieferst Du je Euro?"

10.11.2013 13:03

Ulf J. Froitzheim

Leute, wie kommt ihr darauf, Dinge wie "stimmt alles" zu schreiben? Habt Ihr nicht den Satz gelesen: "schlechte Arbeitsbedingungen, niedrige Honorare und mangelnde Freiräume gehören der Vergangenheit an"? Mir steckt da zuviel Wunschdenken drin und zuviel Gremien-Redaktionsarbeit, aber zuwenig Realismus, zuwenig Zukunft.

In Kürze meine Thesen:

1. Wie Michael richtig schreibt, werden nur wenige zur Marke werden. Ich behaupte: nicht mehr als früher auch schon. Marke steht hier für Haltung und Persönlichkeit plus etwas Bewusstsein dafür, dass man zusätzlich die Gesetze des Marketings kennen sollte. Ketzerische Frage: Wenn das Publikum sich 40.000 Marken merken könnte, warum setzen dann die Sender alle auf "Sendergesichter" und verbannen das Gros der bei Funk & Fernsehen tätigen Kollegen hinter die Kamera?

2. Die traditionellen Arbeit- und Auftraggeber, also die meisten, haben gar kein Interesse daran, dass ihre Leute die Marke des Mediums überstrahlen. Das würde nämlich deren Marktwert und somit die Kosten steigern. Allenfalls leistet man sich ein paar Aushängeschilder. Das Gros der Arbeit leisten namenlose Redakteure und Freie.

3. Dass Freie zum Teil redaktionelle Aufgaben mit übernehmen dürfen oder müssen, ist Fakt. Dass diese Arbeit angemessen finanziell gewürdigt würde, ist von Ausnahmen abgesehen Illusion. Im Gegenteil geht der Trend dahin, das als kostenlosen (= im sinkenden Honorar enthaltenen) Service zu erwarten oder gar zu verlangen. Das liegt natürlich auch daran, dass viele Freie diesen Naturalrabatt bereitwillig gewähren. Wir sind zu schlechte Kaufleute, um einen angemessenen Preis für Arbeiten aufzurufen, die es den Verlagen ermöglichen, mit dünner Personaldecke zu arbeiten.

4. Jacob hat Recht: Es geht primär um neue Geschäftsmodelle. Ohne sie ist alles, was hier an Zweckoptimismus verbreitet wird, Makulatur.

5. Es fehlt die entscheidende Diagnose hinsichtlich des ehrenamtlichen Engagements im DJV. Sie lautet: Die Freien nehmen sich sehr, sehr viel weniger Zeit dafür als die Angestellten. Sie sind meist nicht einmal solidarisch untereinander, geschweige denn mit Redakteuren, die sich ihrerseits zu selten für die Arbeitsbedingungen der Freien interessieren. Deshalb überlassen sie die Verbandsarbeit und die einflussreicheren Posten im DJV – im klaren Kontrast zur Arbeitsgruppen-These 1 – den Redakteuren, insbesondere denen bei Tageszeitungen.

Zumindest hier in Bayern ist das so. Drei von fünf Mitgliedern unseres im Mai gewählten Geschäftsführenden Vorstands sind bei Tageszeitungen angestellt. Nur ein Alibi-Freier ist im Team, und zwar auf dem Posten des Schriftführers, der traditionell als fünftes Rad am Wagen gilt. Leider gab es auch keinerlei Bemühungen des alten Vorstands, die Freien, die Radioleute, (Fach-) Zeitschriftenjournalisten, Onliner und Fotoreporter aus der berufspolitiischen Apathie zu wecken und in Scharen zur Mitgliederversammlung zu treiben. Im Gegenteil: Bestrebungen der Fachgruppe Freie und des Bezirksverbands Oberbayern, einen Bus zu organisieren, mit dem man kostengünstig ins ferne Aschaffenburg hätte fahren können, wurden von etablierten Funktionären torpediert und in Wahlkampfmails an Dutzende von Aktiven als Versuch verleumdet, "Stimmvieh" für andere als die vorselektierten Kandidaten hinzukarren. Wären alle ursprünglichen Wahlvorschläge 1:1 durchgegangen, säße kein einziger Freier im Geschäftsführenden Vorstand.

Immerhin muss ich mir nicht vorwerfen, ich hätte nicht wenigstens versucht, etwas zu ändern. Da kein(e) jüngere(r) Freie(e) bereit war, auch nur als Stellvertreter zu kandidieren, bin ich angetreten – im Bewusstsein, als bekennender Querdenker keine Chance zu haben. So lange fast nur Leute zur Versammlung fahren, die gar nicht wollen, dass sich etwas ändert, bekommt jemand, der sich schon bei dem einen oder anderen Altvorderen schwer unbeliebt gemacht hat, in einer Kampfabstimmung gegen Leute, die den Segen der Etablierten haben, natürlich nicht genug Stimmen. (Jemand, den jene aktiven 0,8 Prozent, denen die anderen 99,2 Prozent die Wahl überlassen, nicht kennen, hat natürlich erst recht keine Chance.)

Ich hoffe, dass jetzt mal endlich diejenigen aufwachen, die noch einen größeren Teil ihres Berufslebens vor sich haben als ich, und ihren Anspruch auf Mitsprache geltend machen. Sonst erschöpft sich mein Berufsverband auch in fünf Jahren noch in der Produktion solcher gut gemeinten Thesen, auf die der Bundesvorstand mit Leichtigkeit auch ohne Zuarbeit einer Arbeitsgruppe hätte kommen können.

 
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Bild: Oliver Uhrig

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