Resilienz als Schlüsselkonzept im Journalismus – Bewahren, Lernen, Anpassen
Worauf dieses Kapitel Antworten gibt:
1. Warum Resilienz im KI-Zeitalter als Antwort auf den strukturellen Umbruch im Journalismus nötig ist und weshalb technologische Lösungen allein nicht genügen.
2. Wie Resilienz begrifflich als Prozess von Bewahren, Lernen und Anpassen unter digitalen Bedingungen verstanden werden sollte.
3. Wie sich die drei Ebenen der Resilienz verbinden, wenn individuelle Urteilskraft, organisationale Praxis und gesellschaftliche Verantwortung zusammenwirken.
4. Wo sich im redaktionellen Alltag neue Spannungsfelder und Praxismuster im Umgang mit KI zeigen – und wann Resilienz tragfähig bleibt oder fragil wird.
5. Warum Resilienz als Haltung und Ressource sowohl professionelle Selbstvergewisserung im Journalismus verlangt als auch demokratische Stabilität stützt.
Warum Resilienz? Vom KI-Bruch zur Digitalen Resilienz als Orientierungsrahmen
Der Einsatz von KI im Journalismus stellt weniger die technische Machbarkeit infrage als die journalistische Verantwortung.29 Entscheidungen werden zunehmend durch Systeme vorbereitet, Inhalte vorstrukturiert und Relevanzen algorithmisch mitgeprägt, ohne dass stets klar erkennbar bleibt, wer dafür die publizistische Verantwortung trägt. Genau hier kommt die Frage für Medienschaffende nach einem resilienteren Umgang mit KI ins Spiel: Der Resilienzbegriff zielt nicht auf technische (z.B. leichter zu bewerkstelligende) Lösungen, sondern bietet einen ganzheitlichen analytischen Rahmen, um mit entstehender oder dauerhafter Unsicherheit so umzugehen, dass professionelle Autonomie und Selbstwirksamkeit erhalten bleiben.
Resilienz ist dabei freilich kein Konzept, das exklusiv auf die journalistische Praxis abzielt. In unterschiedlichen gesellschaftlichen Kontexten beschreibt der Begriff die Fähigkeit von Individuen, Organisationen oder ganzen Systemen, mit Störungen aller Art so umzugehen, so dass grundlegende Orientierungen erhalten bleiben. In der Psychologie verweist Resilienz auf den Umgang mit Belastungen, ohne daran zu zerbrechen.30 In organisationalen Zusammenhängen steht Resilienz für Lern- und Anpassungsfähigkeit unter Krisenbedingungen.31 Und in gesellschaftlichen Debatten bezeichnet Resilienz darüber hinaus die Widerstandskraft demokratischer Institutionen – oder Demokratie als Ganzem – gegenüber externen und internen Erosionen.32 Gemeinsam ist diesen Lesarten, dass Resilienz nicht Stabilität um jeden Preis meint, sondern die Fähigkeit, mit Veränderung umzugehen, ohne die eigene Orientierungs- und Gestaltungsfähigkeit zu verlieren – ebenso wenig wie die Urteilskraft, also die Fähigkeit, unter dem Eindruck von Unsicherheit abzuwägen, Bedeutung herzustellen und Entscheidungen verantwortbar zu begründen.
Mit der fortschreitenden Digitalisierung hat sich dieses Verständnis weiter ausdifferenziert. Digitale Resilienz beschreibt den Umgang mit technischen Systemen, die dynamisch, intransparent und nur begrenzt kontrollierbar sind.33 Sie entsteht dort, wo Abhängigkeiten anerkannt, aber nicht bedingungslos akzeptiert werden; wo Effizienzgewinne genutzt werden, ohne Verantwortung auszulagern; und wo Unsicherheit nicht verdrängt, sondern für individuelle Reflexion und organisationales Lernen genutzt wird.
Digitale Resilienz erkennt technologische Komplexität an, schützt vor dem Irrglauben, technologische Neuerungen ließen sich vollständig beherrschen oder neutralisieren und stärkt nachweislich die eigene Handlungsfähigkeit durch:
Urteilskompetenz und professionelle Befähigung: Digitale Resilienz entwickelt sich dort, wo journalistische Arbeit bewusst reflektiert und eingeübt wird. Entscheidend ist, dass Journalist:innen wie auch Publikum lernen, Einordnungen vorzunehmen, Quellen kritisch zu prüfen und Entscheidungen nachvollziehbar zu begründen. Weiterbildung, Coaching und praxisnahe Lernformate spielen dabei eine zentrale Rolle. Sie schaffen Räume, in denen redaktionelle Dilemmata sichtbar werden und gemeinsam bearbeitet werden können. Initiativen wie Journalismus macht Schule34 verdeutlichen, wie journalistische Arbeitsweisen vermittelt werden können, indem reale Entscheidungsprozesse offengelegt und gerade mit jüngeren Mediennutzenden diskutiert werden.
Geteilte Lernstrukturen und kooperative Praxis: Resilienz entsteht nicht isoliert in einzelnen Redaktionen. Sie wächst dort, wo Medien mit Wissenschaft, Zivilgesellschaft und lokalen Akteuren zusammenarbeiten und Wissen austauschen. Netzwerke zur Überprüfung von Informationen oder zur gemeinsamen Analyse digitaler Kommunikationsmuster tragen dazu bei, neue Formen von Irreführung frühzeitig zu erkennen und öffentlich einzuordnen. Solche Kooperationen stärken den öffentlichen Informationsraum, weil sie Verantwortung verteilen und kollektive Lernprozesse ermöglichen.
Gesellschaftliche Handlungsfähigkeit gegenüber Plattformdynamiken: Eine zentrale Herausforderung liegt in der wachsenden Bedeutung sozialer Netzwerke für öffentliche Debatten. Reichweitenmechaniken, Empfehlungslogiken und KI-gestützte Inhalte verändern, welche Themen sichtbar werden und wie Diskussionen verlaufen. Digitale Resilienz bedeutet hier, diese Dynamiken politisch und gesellschaftlich zu adressieren. Initiativen wie Save Social35 zeigen, wie sich medienpolitische Forderungen, öffentliche Aufklärung und journalistische Perspektiven verbinden lassen, um demokratische Kommunikationsräume langfristig zu sichern.
Vorbereitete Reaktionsfähigkeit in angespannten Lagen: Resilienz zeigt sich im Alltag besonders dann, wenn öffentliche Akteur:innen souverän bleiben, obwohl sich Gerüchte, manipulierte Inhalte oder irreführende Darstellungen schnell verbreiten. Hilfreich sind vorab geklärte Zuständigkeiten, eingespielte Kommunikationswege und verständliche Erklärangebote, die im Bedarfsfall aktiviert werden können. So wird es möglich, zeitnah zu erläutern, was bekannt ist, was geprüft wird und wie Sachverhalte einzuordnen sind. Diese Form der Vorbereitung im Sinne von ‚expect the unexpected‘ schafft Vertrauen, weil sie Transparenz ermöglicht, ohne vorschnelle Gewissheiten zu behaupten.
Resilienz begrifflich klären: Bewahren, Lernen, Anpassen
Resilienz wird in der Forschung als dynamische Bewegung verstanden. Im Kern beschreibt sie die Fähigkeit von Akteuren oder Systemen, auf Störungen oder Wendepunkte (im Arbeitsalltag) so zu reagieren, dass grundlegende Funktionen und Orientierungen erhalten bleiben. Diese Prozesshaftigkeit ist zentral, um Resilienz analytisch von bloßer mentaler Robustheit oder kurzfristigen Anpassungsleistungen zu unterscheiden. Resiliente Systeme zeichnen sich nicht dadurch aus, dass sie unveränderlich bleiben, sondern dadurch, dass sie Veränderung – man könnte sagen: Werte – aktiv leben können, ohne ihre handlungsleitenden Prinzipien und institutionellen Bezugspunkte aus den Augen zu verlieren.
In der Resilienzforschung hat sich hierfür eine dreigliedrige Perspektive etabliert, die Bewahren, Lernen und Anpassen zusammendenkt:
Bewahren meint dabei keine Verweigerung gegenüber Veränderung, sondern die Fähigkeit, auch in Krisensituationen fundamentale Prinzipien zu verteidigen. Resiliente Akteure geben nicht jede normative Orientierung auf, nur weil äußere Bedingungen sich ändern – auch nicht im Extremfall. Gerade unter Druck zeigt sich, welche journalistischen Werte und Standards als unverzichtbar gelten, welche verhandelbar sind und insofern bewahrt werden müssen.
Lernen bezeichnet die Fähigkeit, Störungen nicht ausschließlich als Ausnahmen zu behandeln, sondern zu versuchen, sie grundlegend zu verstehen und Lehren daraus zu ziehen. Resilienz setzt also voraus, dass Fehler, Irritationen und Brüche nicht individualisiert oder verdrängt werden, sondern in Lernprozesse überführt werden können. Eine lernende Organisation ist eine, die beispielsweise reflektiert, warum bestimmte organisationale Routinen an ihre Grenzen stoßen und welche bisherigen Praxisabläufe sich als unzureichend erweisen.
Anpassen schließlich beschreibt die Fähigkeit, Strukturen, Prozesse oder Rollen gezielt so zu verändern, dass sie auch unter neuen Bedingungen funktionieren und tragfähig bleiben. Wenn ein Unternehmen etwa KI-gestützte Software für Projektplanung oder Personalentscheidungen nutzt, lernen Mitarbeitende, mit neuen Oberflächen, Empfehlungen und Automatisierungen umzugehen. Resilient ist diese Anpassung jedoch nur dann, wenn die Verantwortung für Entscheidungen nicht an das System delegiert wird. Die Werkzeuge verändern, wie gearbeitet wird – nicht, wer entscheidet, priorisiert oder im Konfliktfall haftet.
Diese drei Dimensionen lassen sich analytisch klar voneinander trennen, sind praktisch jedoch eng miteinander verschränkt. Resilienz entsteht nicht dadurch, dass Journalist:innen in einzelnen Situationen ihre professionellen Standards bewahren, lernen oder sich anpassen, sondern diese drei Ebenen als Zusammenspiel praktizieren. Systeme, die ausschließlich bewahren, gelten als rückwärtsgewandt; solche, die ihre Methoden ständig anpassen, verlieren die professionelle Gravitas; und eine Organisation, die nicht lernbereit ist, kann ihre Erfahrungen nicht in handlungsleitendes Wissen übersetzen.
Für digitale Kontexte ist diese begriffliche Schärfung besonders relevant, da hier Störungen alltäglich sind. Nicht etwa im Sinne von Defekten, sondern von Irritationen: Mit ‚Störungen‘ sind Eingriffe in gewohnte Arbeits- und Entscheidungsabläufe gemeint. Neue Technologien wirken in Organisationen hinein, indem sie Routinen verändern, Abläufe beschleunigen und neue Abhängigkeiten erzeugen. Dadurch entstehen Situationen, in denen Zuständigkeiten neu ausgehandelt werden müssen oder gewohnte Bewertungsmaßstäbe nicht mehr greifen.
Was besonders schwer wiegt: Digitale Technologien erzeugen Störungen nicht punktuell, sondern dauerhaft. Resilienz kann hier nicht als Rückkehr zum vorherigen Zustand verstanden werden (,Stehaufmännchen-Prinzip‘), sondern als fortlaufende Aushandlung unter Bedingungen permanenter Veränderung. Digitale Resilienz bezeichnet mithin die Fähigkeit, mit Unsicherheiten und technologischen Abhängigkeiten so umzugehen, dass die Souveränität im Digitalen eher noch gestärkt wird.
Drei Ebenen journalistischer Resilienz: Individuum, Organisation, Gesellschaft
Resilienz entfaltet ihre analytische Stärke erst dann, wenn sie nicht auf eine einzelne Handlungsebene verkürzt wird. Für den Journalismus ist es entscheidend, Resilienz als Mehrebenenkonzept (Abb. 6) zu begreifen: Individuelle, organisationale und gesellschaftliche Dimensionen sind dabei analytisch zwar unterscheidbar, in praxi aber eng miteinander verschränkt und schwerlich trennbar. Auch lassen sich Defizite auf einer Ebene nicht dauerhaft durch die Stärken auf einer anderen Ebene kompensieren.
Auf der individuellen Ebene gehört zum „resilienten Journalismus“36, eigene Entscheidungen sicher zu treffen, sie kritisch zu reflektieren und Verantwortung als integralen Bestandteil professionellen Handelns wahrzunehmen. Urteilskraft bleibt dabei an die handelnde Person gebunden, auch unter Bedingungen von Zeitdruck, Unsicherheit und widersprüchlichen Anforderungen. Individuelle Resilienz äußert sich in Bezug auf die digitale Transformation daher nicht in technischer Versiertheit allein, sondern in der Verteidigung übergreifender journalistischer Autonomie gegenüber Einflüssen von jedweder Seite. Sie ist auch keine rein persönlich-psychische Eigenschaft, sondern immer eingebettet in organisationale Rahmenbedingungen.
Die organisationale Ebene bildet daher den zentralen Hebel journalistischer Resilienz. Hier entscheidet sich, ob individuelle Resilienz wirksam werden kann oder ins Leere läuft. Organisationale Resilienz zeigt sich dort, wo Redaktionen den Einsatz digitaler und KI-gestützter Werkzeuge in konkrete Arbeitsabläufe übersetzen: etwa indem festgelegt ist, wann KI bei Recherche, Zusammenfassungen oder Textentwürfen eingesetzt werden darf, wer Ergebnisse prüft und wer bei Unsicherheiten die Entscheidung übernimmt. Fehlen solche Klärungen, entstehen Grauzonen, in denen Verantwortung faktisch individualisiert wird. Klare Zuständigkeiten bei KI-gestützten Beiträgen, nachvollziehbare Prüfungen vor Veröffentlichung und feste Anlaufstellen, wenn Zweifel an Qualität, Tonalität oder Fakten entstehen, können hier helfen. Ebenso wichtig ist der Umgang mit Fehlern: Wo KI-unterstützte ,Pannen‘ offen besprochen und nicht einzelnen Personen zugeschrieben werden, sind Redaktionen lernfähig statt verunsichert. Dies schützt professionelle Standards vor einer schleichenden Erosion.
Auf der gesellschaftlichen Ebene schließt sich der Kreis. Hier verweist journalistische Resilienz auf die Rolle des Journalismus als Infrastruktur demokratischer Öffentlichkeit. Resiliente Medien tragen dazu bei, Vertrauen, Transparenz und Verständigungsfähigkeit auch unter digitalen Vorzeichen zu sichern. Diese Ebene wird oft erst dann sichtbar, wenn sie erodiert: wenn sich Desinformation ungehindert ausbreitet, wenn journalistische Leistungen für Nutzende nur noch schwerlich erkennbar sind oder wenn öffentliche Debatten zum Selbstzweck einer Aufmerksamkeitsökonomie ohne gemeinsame Bezugsbasis avancieren. Gesellschaftliche Resilienz hängt daher wesentlich davon ab, ob Journalismus seine orientierende Funktion auch unter Bedingungen algorithmischer Vorstrukturierung behaupten kann.37
Entscheidend ist damit die Verschränkung dieser Ebenen: Individuelle Resilienz ohne organisationale Unterstützung bleibt fragil. Organisationale Resilienz ohne gesellschaftliche Einbettung droht, sich in Effizienzlogiken zu verengen. Und gesellschaftliche Erwartungen an einen ,resilienten Journalismus‘ lassen sich nicht erfüllen, wenn individuelle und organisationale Voraussetzungen fehlen.
Das Konzept macht sichtbar, dass technologische Umbrüche nicht isoliert auf der Ebene einzelner Tools wirken, sondern professionelle Rollen, organisationale (Redaktion-)Kulturen und gesellschaftliche Erwartungen zugleich tangieren. Dieses ,Hinein- und Hinauszoomen‘ ist zentral, um KI nicht nur als Effizienzfrage, sondern als grundlegende Strukturveränderung journalistischer Praxis in actu zu begreifen. Resilienz im Journalismus ist daher ein relationales Konzept. Diese Mehrebenen-Perspektive ermöglicht es, digitale Transformation und KI nicht als isolierte Herausforderung zu behandeln, sondern als Prüfstein für bestehende Strukturen journalistischer Praxis.
Resilienz im Alltag: Spannungsfelder, Routinen und organisationale Praxis
Die Stärke journalistischer Resilienz zeigt sich rund um die Uhr im redaktionellen Alltag: Dort, wo unter Zeitdruck entschieden wird, immer neue Schnittstellen zu technischen Systemen und Plattformen integriert werden sollen und Verantwortung situativ ausgehandelt werden muss zeigt sich, ob Resilienz mehr ist als ein normativer Anspruch. Digitale Transformation – und aktuell insbesondere KI – wirkt in diesem Kontext weniger als singulärer Bruch denn als Beschleuniger bestehender Routinen, Machtverhältnisse und kultureller Selbstverständlichkeiten in Redaktionen.
An diesem Punkt wird sichtbar, dass Resilienz im Journalismus auf sehr unterschiedliche Weise entstehen kann. Redaktionen und Medienhäuser begegnen vergleichbaren Herausforderungen mit je eigenen Verfahrensweisen: Manche setzen auf formale Regeln, interne Leitbilder und Governance-Strukturen. Andere investieren vorrangig in Kompetenzaufbau, Weiterbildung und interne Lernprozesse. Wieder andere orientieren sich stärker an ökonomischer Effizienzsteigerung, reagieren vorsichtig-abwägend oder wählen bewusst experimentelle, öffentlichkeitswirksame Formen und Formate des Umgangs mit dem KI-Wandel.
Diese unterschiedlichen Herangehensweisen lassen sich nicht auf einzelne Entscheidungen oder kurzfristige Strategien zurückführen. Sie sind Ausdruck langfristig gewachsener institutioneller Konstellationen, organisationaler Routinen und professioneller Rollenselbstverständnisse. Je nach Funktion eines Medienunternehmens im Mediensystem und auf dem Medienmarkt entwickeln Redaktionen unterschiedliche Umgangsweisen mit Veränderungsdruck, Verantwortung und Unsicherheit. Um diese unterschiedlichen Praxismuster systematisch vergleichbar zu machen, ordnet Abbildung 7 die beobachtbaren Formen journalistischer Resilienz entlang zweier grundlegender Dimensionen; sie dient als Orientierungsrahmen für die anschließenden Fallbeschreibungen und Bewertungen:
Auf der vertikalen Achse ist kategorisiert, in welchem Maße Redaktionen die KI aktiv gestalten oder überwiegend reaktiv einsetzen. Die horizontale Achse beschreibt den Grad redaktioneller Souveränität, also die Frage, wie stark journalistische Entscheidungen, Verantwortung und Deutungshoheit unter KI-Bedingungen in der Redaktion selbst verbleiben. Aus der Kombination beider Dimensionen ergeben sich unterschiedliche Formen von KI-Resilienz, die nicht als klar abgrenzbares Stufenmodell zu verstehen sind, sondern als idealtypische Orientierungspunkte: Sie markieren, wie Organisationen mit ähnlichen technologischen Voraussetzungen sehr unterschiedliche Wege einschlagen – von instrumenteller Nutzung unter hohem Effizienzdruck bis hin zu kompetenz- oder regelbasierten Ansätzen, die auf langfristige Stabilität und nachhaltige Selbstbestimmung zielen. Die Abbildung soll damit als analytisches Hilfsmittel dienen, um die im Folgenden beschriebenen Praxisbeispiele vergleichbar zu machen und ihre jeweiligen Spannungsfelder, Stärken und Grenzen zu bewerten.
A. Governance-orientierte KI-Resilienz:
Institutionelle Selbstbindung unter Innovationsdruck
Governance-orientierte KI-Resilienz entsteht dort, wo Organisationen den Einsatz von KI nicht primär als technische Frage behandeln, sondern als institutionelle Herausforderung, die klare Zuständigkeiten, Begrenzungen und Verfahren erfordert. In diesem Verständnis wird Resilienz weniger durch Geschwindigkeit oder Experimentierfreude erzeugt als durch bewusste Selbstbindung. KI wird organisatorisch erst gerahmt, bevor sie operativ skaliert wird. Dieses Muster ist insbesondere in Redaktionen zu beobachten, deren Legitimität in hohem Maße auf Vertrauen, Verlässlichkeit und öffentlicher Verantwortung beruht.
Beispielsweise beim „Bayerischen Rundfunk“ (BR) zeigt sich diese Form der Resilienz in der konsequenten Einbettung von KI in bestehende journalistische Normen und Arbeitsweisen. Der Einsatz von KI wird als eigenständige Innovationsagenda verfolgt, allerdings in Form einer konsequenten Erweiterung redaktioneller Infrastruktur. Zentral ist dabei die klare Abgrenzung: KI darf unterstützen, aber keine Entscheidungsmacht übernehmen. Uli Köppen, Leiterin des AI + Automation Lab beim „Bayerischen Rundfunk“, betont, dass KI im BR nicht als autonome Produktionsinstanz eingesetzt wird, sondern durch interdisziplinäre Teams, interne Workshops und klare redaktionelle Leitlinien in journalistische Arbeitsprozesse eingebettet – etwa wenn KI-Tools assistierende Aufgaben übernehmen, gleichzeitig aber kontinuierlich erklärt, geprüft und auf ihre Integrationsfähigkeit in bestehende Strukturen untersucht werden: „Deshalb haben wir intensiv an externen und internen Guidelines für unsere Mitarbeitenden gearbeitet, […] damit sie wissen, wie sie ein Tool wie ChatGPT benutzen, welche Daten sie da bedenkenlos reingeben können“, erklärt Köppen im Hintergrundgespräch. Resilienz entsteht hier also durch mehr Orientierung und Verlässlichkeit, weniger durch schnelle Anpassung.41
www.br.deMit Blick ins europäische Ausland zeigt sich ein ähnliches, aber anders akzentuiertes Muster. Bei der „British Broadcasting Corporation“ (BBC) wird KI in redaktionelle Abläufe über Pilotprojekte und Human-in-the-Loop-Strukturen kontrolliert eingeführt. Die BBC verbindet dadurch institutionelle Selbstbindung mit gezielter Erprobung. Governance dient nicht allein der Begrenzung, sondern der Legitimation von Innovation. Indem Experimente klar als solche ausgewiesen und organisatorisch flankiert werden, bleibt die redaktionelle Autorität sichtbar. Resilienz entsteht hier aus der Fähigkeit, Innovation zuzulassen, ohne die eigene Rolle als öffentliche Vertrauensinstitution zu unterminieren.42
www.bbc.co.ukDas Beispiel der US-amerikanischen Nachrichtenagentur „Associated Press“ (AP) wiederum zeigt, wie ein global wirkendes Medienunternehmen seine Funktion als Referenzquelle für Medien aus aller Welt mit diversen kulturellen Hintergründen agiert, wenn es neue Technologien in seine Arbeitsprozesse und Produktionsabläufe integriert. Der Umgang mit generativer KI fällt hier auffällig restriktiv aus: KI wird vor allem als internes Werkzeug eingesetzt, etwa zur Unterstützung von Recherche, Strukturierung oder Übersetzung. Diese strategische Selbstbegrenzung schützt die Glaubwürdigkeit der Agentur und sichert ihre Rolle innerhalb des medialen Ökosystems.43
www.ap.com
Gemeinsam ist diesen drei Beispielen, dass KI-Resilienz hier unter der Dominanz stark kontrollierter organisationaler Entscheidungen entsteht. ,AI Governance‘ fungiert dabei zur Festigung professioneller Identität und entsprechender Alleinstellungsmerkmale im medialen Wettbewerb. Unterschiede zeigen sich vor allem in der Art, wie KI organisatorisch eingehegt wird: Der „Bayerische Rundfunk“ setzt auf klare normative Leitplanken, die vor dem operativen Einsatz greifen. Bevor KI breit genutzt wird, werden Zuständigkeiten, Grenzen und Freigabeprozesse festgelegt. Das schafft Orientierung im Alltag, verlangsamt jedoch die Einführung neuer Anwendungen. Die BBC verbindet Kontrolle damit, gezielt zu experimentieren. Neue KI-Anwendungen werden in Pilotprojekten erprobt, eng begleitet und regelmäßig überprüft. Innovation ist möglich, bleibt jedoch an Verantwortungsstrukturen und menschliche Letztverantwortung gebunden. „Associated Press“ verfolgt eine Strategie bewusster Selbstbegrenzung. Der Einsatz von KI bleibt in der öffentlichen Berichterstattung eingeschränkt und dient allenfalls als Hilfsmittel, um abgegrenzte Arbeitsprozesse effizienter zu organisieren.
In allen Mini-Case-Studies wird KI maßgeblich als unterstützendes Werkzeug behandelt. Diese Governance-orientierte Form der Resilienz ist stabil, erzeugt jedoch Spannungen: Sie schützt Vertrauen und Verantwortung, begrenzt aber potenziell Innovationsgeschwindigkeit und die Reichweite neuer Anwendungen.
B. Kompetenz- und kulturgetriebene KI-Resilienz:
Lernen, Steuerung und strategische Selbstermächtigung
Diese Form journalistischer KI-Resilienz entsteht vor allem durch den geregelten Aufbau von Wissen und eine Redaktionskultur, die integrale Lernprozesse und reflexive Steuerung ermöglicht. Der Umgang mit KI wird nicht allein über Regeln oder Vorgaben gesteuert, sondern über ein gemeinsames Verständnis, routinierten Austausch und gezielte Weiterqualifizierung innerhalb der Redaktionen. Medienhäuser verfolgen damit vor allem das Ziel, neue Technologien aktiv zu verstehen und sinnvoll in ihre Arbeitsweisen einzubinden.
Dazu gehört, dass Mitarbeitende die Funktionsweise von KI kennen, ihre Ergebnisse einordnen können und ihren Einsatz an redaktionellen und strategischen Zielen ausrichten. Investitionen in Weiterbildung, spezialisierte Expertise und interne Lernstrukturen werden damit zur zentralen Voraussetzung, um potenziellen Abhängigkeiten vorzubeugen und technologische Irritationen bewusst auszugestalten:
Die „Financial Times“ wird in diesem Zusammenhang häufig als paradigmatisches Beispiel angeführt. KI wird dort nicht als isoliertes Innovationsthema behandelt, sondern als Bestandteil redaktioneller Grundkompetenz.44 Klare AI-Governance, strukturierte interne Trainings, interdisziplinäre Austauschformate, externe Weiterbildung als Beratungsinstrument sowie eigene Tools zielen darauf ab, ein gemeinsames Verständnis von Entwicklungspotenzialen und Grenzen zu entwickeln. Mithilfe eines „AI Play-grounds“ trainieren Redaktionsmitglieder KI-Anwendungen auf Grundlage eigener journalistischer Inhalte.45 Entscheidend ist dabei weniger der konkrete Einsatz einzelner Anwendungen als die nach außen hin abgesicherte kulturelle Signalwirkung: KI soll die journalistische Arbeit verbessern, nicht ersetzen. www.ft.com
Ein verwandtes, aber stärker institutionell ausdifferenziertes Muster lässt sich bei der „New York Times“ beobachten: Hier wird KI-Resilienz über den gezielten Aufbau eigener Kapazitäten organisiert, etwa durch das mittlerweile achtköpfige „AI Team“, das redaktionelle, technische und strategische Denkweisen zusammenführt.46 KI wird insgesamt nicht als generische Lösung betrachtet, sondern gezielt an bestehende Stärken der Medienmarke gekoppelt, etwa an investigative Recherche und Datenjournalismus. Damit stärkt die Redaktion ihre Position gegenüber Plattformen und externen Playern, indem sie ihre publizistischen Kernkompetenzen bündelt und strukturell-operative Zuständigkeiten in der Redaktion klar verortet.47
www.nytimes.com„Zetland“ aus Dänemark verschiebt dieses Muster konsequent auf die Ebene redaktioneller Kompetenz und Organisationskultur. KI wird hier nicht primär über Prinzipien oder zentrale Steuerung eingeführt, sondern als selbstverständliches, eher randständiges Arbeitsmittel, dessen verantwortlicher Einsatz durch Lernen, Transparenz und interne Befähigung abgesichert wird. „Zetlands“ CEO Tav Klitgaard betont, dass KI dort zum Wettbewerbsvorteil eingesetzt werde, wo sie als selbstverständlicher Bestandteil redaktioneller Routinen eingesetzt wird. Wegweisend sei weniger die Fortexistenz formaler Regeln als ein geteiltes professionelles Verständnis darüber, wie und wofür KI genutzt wird – vergleichbar mit früheren digitalen Werkzeugen, deren Qualität sich erst im alltäglichen Gebrauch bewährt habe.48 Entsprechend investiert „Zetland“ weniger in formale KI-Policys als in kontinuierliche Weiterbildung, offenen Erfahrungsaustausch und Entwicklung eigener redaktioneller KI-Hilfsmittel wie bei der Weiterentwicklung des Transkriptions-Tools „Good Tape“. Resilienz entsteht hier durch die Fähigkeit der Redaktion, technologische Werkzeuge kritisch zu verstehen, situativ einzusetzen und kollektiv weiterzuentwickeln. KI stärkt damit journalistische Autonomie, weil sie Kompetenz voraussetzt und kultiviert – nicht, weil sie zentral kontrolliert wird.
www.zetland.dk
Gemeinsam ist allen Beispielen, dass KI-Resilienz nicht defensiv verstanden wird. Sie entsteht hier nicht aus Zurückhaltung, sondern aus aktiv-operativer Aneignung mit journalistischer Verantwortung. Kompetenz- und kulturgetriebene Ansätze setzen voraus, dass Redaktionen bereit sind, ihre Zeit, Ressourcen und Aufmerksamkeit zu investieren. Diese Form der Resilienz ist dynamisch und anpassungsfähig, zugleich aber voraussetzungsvoll. Sie erfordert stabile Organisationsstrukturen, langfristige Strategien und eine redaktionelle Kultur, die Lernen als kontinuierlichen Prozess implementiert. Wo diese Voraussetzungen gegeben sind, kann KI bestehende journalistische Souveränität und Autonomie stärken oder sogar neue Geschäftsbereiche entwickeln und mehr Reichweite zu erschließen helfen.
C. Instrumentelle und ökonomisch getriebene KI-Resilienz: Effizienz, Kostendruck und fragile Stabilisierung
Ein drittes Praxismuster journalistischer KI-Resilienz entsteht dort, wo der Einsatz von KI primär aus ökonomischem Druck heraus motiviert ist. In diesen Fällen wird KI weniger als organisationale oder institutionelle Herausforderung verstanden, sondern als Instrument zur Effizienzsteigerung, Kostensenkung oder Reichweitensicherung. Resilienz greift hier vor allem situativ-punktuell: Sie soll kurzfristig Stabilität herstellen, ohne dass dafür tragfähige redaktionelle Strukturen aufgebaut werden. Genau darin liegt allerdings auch ihre Sollbruchstelle.
Beim „USA Today Network“ (Gannett) wird seit Sommer 2023 generative KI erstmals in größerem Umfang direkt in der Content-Produktion eingesetzt, insbesondere in der automatisierten lokalen Sportberichterstattung. Die KI-Texte erschienen als reguläre redaktionelle Beiträge und waren für das Publikum unmittelbar sichtbar, ohne systematische redaktionelle Prüfung oder klare Kennzeichnung. Konkret kamen KI-generierte Kurzberichte zu High-School-Sportereignissen zum Einsatz, die automatisiert aus Ergebnisdaten erstellt wurden.49 Ziel war eine schnelle Skalierung lokaler Inhalte bei begrenzten personellen Ressourcen. Organisatorisch blieb dieser Einsatz nur schwach abgesichert: Die Texte erschienen ohne ausreichende redaktionelle Prüfung oder entsprechende Kennzeichnung.50 Als Nutzende des Angebots wiederholt auf inhaltliche Fehler, monotone Sprache und fehlenden Kontext hinwiesen, wurde das Projekt nach öffentlicher Kritik schließlich gestoppt.51 Der Umgang mit den offensichtlichen Problemen erfolgte reaktiv. Erst nach dem Rückzug wurden Qualitätsfragen, Kontrollmechanismen und Zuständigkeiten thematisiert. Der Fall zeigt exemplarisch, dass Effizienzgewinne durch KI ohne begleitende organisationale Strukturen schnell in Reputationsrisiken umschlagen können.52
www.usatoday.com„Axios“ repräsentiert eine professionalisierte Variante instrumentell-ökonomisch getriebener KI-Resilienz. Der Einsatz von KI ist hier weniger durch akuten Krisendruck motiviert als durch eine konsequente wachstums- und skalierungsorientierte Unternehmensstrategie.53 Mit der 2025 bekanntgegebenen Partnerschaft mit OpenAI, die sowohl den Ausbau von „Axios Local“ in weiteren Städten als auch den Zugriff auf KI-Technologien für interne Prozesse umfasst, wird KI explizit als infrastruktureller Hebel für Distribution, Produktentwicklung und Monetarisierung positioniert.54 Resilienz wird hier zuallererst über wirtschaftliche Stabilisierung und Reichweitenlogik organisiert. „Axios“ setzt bei KI auf strategische Partnerschaften und effiziente Skalierung – weniger auf tief verankerte organisationaler Lernprozesse oder institutionelle Selbstbindung. Ansonsten hat sich die Redaktionsleitung klar dafür ausgesprochen, auf menschengemachten Journalismus zu setzen – über Clubmitgliedschaften, Live-Events, Newsletter, Mitgliederprogramme, den persönlichen Draht zur Redaktion und zum journalistischen Nachwuchs.55
www.axios.comAuch die „Welt“ (Axel Springer) zeigt eine stark ausgeprägte instrumentelle und ökonomisch getriebene KI-Resilienz, allerdings in einer stärker strategisch gerahmten Variante. Ziel ist eine schrittweise Normalisierung von KI als redaktioneller Infrastruktur. KI wird dabei zunehmend nicht als optionales Werkzeug oder punktuelles Experiment behandelt, sondern als integraler Bestandteil journalistischer Produktionsprozesse, dessen Nutzung faktisch erwartet wird.56 Der Einsatz zielt vor allem auf Effizienzgewinne, Skalierbarkeit und Geschwindigkeit in einem hochkompetitiven Marktumfeld. KI wird in der Redaktion gezielt eingesetzt – etwa durch automatisierte Textformate, KI-gestützte Recherchehilfen oder Moderationsformen (Avatare) im Bewegtbild.57 In den vergangenen Jahren ist dieser KI-Einsatz öffentlich sichtbar gemacht und organisatorisch stärker verankert worden, etwa durch eigene Richtlinien und spezialisierte Führungsrollen („stellvertretender Chefredakteur für Künstliche Intelligenz“).58 Die redaktionelle Verantwortung verbleibt formal bei den Redakteur:innen, verschiebt sich im Alltag jedoch in ein durch KI vorstrukturiertes Arbeitsregime. Resilienz entsteht in diesem Modell primär durch ökonomisch-technologische Anpassungsfähigkeit und operative Leistungsfähigkeit, nicht durch institutionelle Selbstbegrenzung oder ausgebaute Governance-Strukturen.
Vor diesem Hintergrund gewinnen auch frühere Rationalisierungsmaßnahmen im Springer-Konzern an Bedeutung: Der bereits 2023 angekündigte Stellenabbau ging der späteren strategischen Zuspitzung der KI-Nutzung voraus und verweist auf eine längerfristige ökonomische Restrukturierung, in deren Rahmen KI ab 2024/25 als redaktionelle Infrastruktur etabliert wurde.59 Damit stabilisiert KI kurzfristig die Produktionsfähigkeit, erhöht aber zugleich den publizistisch-personellen Anpassungsdruck auf Redaktionen. Die redaktionelle Souveränität bleibt abhängig von externen Plattformen, proprietären Modellen und konzernstrategischen Entscheidungen – ein Kennzeichen ökonomisch getriebener, aber strukturell fraglicher KI-Resilienz.
www.welt.de
Die drei Mini-Case-Studies machen zentrale Muster instrumentell-ökonomisch getriebener KI-Resilienz sichtbar. Erstens entsteht Resilienz in diesen Fällen hauptsächlich über Effizienzgewinne und Skalierung, nicht über institutionelle Absicherung. Zweitens bleibt sie stark abhängig von Marktbedingungen, Technologiepartnerschaften und unternehmerischen Entscheidungen und ist damit strukturell fragil. Drittens verschiebt sich Verantwortung im Alltag häufig in Richtung technischer Vorstrukturierung, wer KI-Ergebnisse prüft, wer bei Zweifeln entscheidet und wer den Einsatz eines Systems aussetzt, wenn Qualitätsprobleme oder Fehler auftreten.
Ökonomisch getriebene KI-Resilienz kann daher nur kurzfristig Handlungsfähigkeit sichern, verstärkt jedoch mittelfristig den allgemeinen Anpassungsdruck auf Redaktionen. Wo kulturelle Verankerung, Kompetenzaufbau und klare Zuständigkeiten fehlen, wird KI in dieser Hinsicht eher zum Verstärker bestehender Verwundbarkeiten. Die Beispiele zeigen damit präzise die Grenze dieses Resilienztyps: Er stabilisiert Produktion, aber nicht notwendigerweise das professionelle Urteilsvermögen oder die organisationale Lernfähigkeit.
D. Ethik- und vorsorgeorientierte KI-Resilienz:
Selbstbegrenzung, Vertrauen und professionelle Identität
Eine weitere Ausprägung journalistischer KI-Resilienz zeigt sich in Redaktionen, die den technologischen Wandel nicht primär über Tempo oder Skalierung beantworten, sondern über Prävention. In diesen Fällen steht nicht die Frage im Vordergrund, was KI leisten kann, sondern unter welchen Bedingungen ihr Einsatz mit journalistischer Verantwortung, Glaubwürdigkeit und professioneller Identität konform geht. Resilienz entsteht hier durch bewusste Entschleunigung, normative Reflexion und die professionelle Entscheidung, bestimmte Formen der Automatisierung nicht oder nur sehr selektiv zuzulassen – Stichwort: Selbstbegrenzung.
Beim US-amerikanischen Radiosender NPR („National Public Radio“) wird dieses Muster besonders deutlich. Der Umgang mit KI war dort vor einigen Jahren noch von starker Zurückhaltung geprägt. Bevor neue Anwendungen breit eingesetzt werden, wird ihre Wirkung auf Vertrauen, redaktionelle Unabhängigkeit und Publikumsbeziehung geprüft. Diese Vorsicht ist zum einen das Ergebnis eines stark auf Glaubwürdigkeit und journalistische Integrität trainierten Selbstverständnisses. KI wird von den NPR-Verantwortlichen deshalb nicht zwingend als Innovationsmotor gesehen, sondern als potenzielle Irritationsquelle, deren Folgen abgewogen werden müssen, bevor sie (breiter) eingesetzt wird. Konkret nutzt NPR die KI bislang vor allem unterstützend, etwa zur Recherchehilfe, zur Transkription und zur sprachlichen Überarbeitung interner Textentwürfe, nicht jedoch zur autonomen Erstellung redaktioneller Inhalte. Resilienz entsteht hier prinzipiell aus der Fähigkeit, Risiken frühzeitig zu reflektieren und Handlungsoptionen offen zu halten, statt sich vorschnell festzulegen.60 Die jüngsten politischen Entwicklungen rund um die Schließung der Corporation for Public Broadcasting (CPB) machen allerdings deutlich, dass NPRs vorsorgender Umgang mit KI auch aus einer strukturell prekären institutionellen Lage heraus erfolgt.61 Damit zeigt sich: Resilienz kann nicht vor struktureller Verwundbarkeit gegenüber politischen Eingriffen schützen.
www.npr.orgBei der „Süddeutschen Zeitung“ zeigt sich eine präventive KI-Resilienz vor allem im praktischen Umgang mit Unsicherheiten bezüglich der KI im Redaktionsalltag: KI wird bisher – wenn überhaupt – nur sehr punktuell z.B. bei der Recherche oder als Strukturierungshilfe genutzt. Ergebnisse aus der Arbeit mit KI-Systemen gelten ausdrücklich als Arbeitsmaterial wie andere Werkzeuge auch. Die Verantwortung für Auswahl, Gewichtung und Veröffentlichung verbleibt grundsätzlich bei den Redakteur:innen. Der KI-Einsatz erfolgt bewusst nicht standardisiert, sondern bleibt an situative Entscheidungen gebunden, die je nach Thema und Form variieren. So stehen laut Selbstauskunft nicht Effizienzgewinne im Vordergrund, sondern Kontrolle und Qualitätssicherung von Menschenhand. Resilienz entsteht hier – wenn man der redaktionellen Leitlinie folgt – durch die klare Haltung, KI nicht als obligatorisches Arbeitsmittel zu verstehen, sondern als Zusatzangebot, das von der Redaktion angenommen oder abgelehnt werden kann. Genau darin liegt der vorsorgende Charakter dieses Praxismusters. Unsicherheiten werden nicht durch automatisierte Prozesse kaschiert. Stattdessen bleiben sie Teil (menschlicher) redaktioneller Entscheidungen und sollen in der Berichterstattung transparent gemacht werden.62
www.sueddeutsche.deBeim „Schweizer Radio und Fernsehen“ (SRF) wird KI-Resilienz ebenfalls vor allem über präventive Selbstbegrenzung und normative Klarheit organisiert. Das SRF hat sich im Februar 2024 eigene Regeln zum Umgang mit KI in seine grundlegenden publizistischen Leitlinien geschrieben, die Verantwortung, Transparenz und journalistische Sorgfaltspflicht als zentrale Prinzipien formulieren.63 Demnach dürfen KI-Tools neben der Unterstützung von Recherche oder der Strukturierung von Inhalten auch zur Bearbeitung von Audio- und Videomaterial genutzt werden, allerdings nur, wenn alle Ergebnisse journalistisch verifiziert und in den redaktionellen Entscheidungsprozess eingebettet werden. Bei KI-generierten oder bearbeiteten Medieninhalten verpflichtet das SRF zur öffentlichen Kennzeichnung, damit das Publikum erkennen kann, wo KI-Unterstützung stattgefunden hat. Es hat damit einen neuen instrumentellen Rahmen definiert, in dem die publizistische Verantwortung und Entscheidungshoheit praktisch stets bei den Redaktionen verbleiben. Resilienz soll hier aus dem permanenten Abgleich zwischen realer technologischer Nutzung, redaktioneller Verantwortung und dem Vertrauen gegenüber dem Publikum entstehen.
www.srf.ch
Gemeinsam ist diesen Beispielen, dass KI nicht als Treiber redaktioneller Transformation begriffen wird, sondern als Prüfstein journalistischer Verantwortung. NPR, „Süddeutsche Zeitung“ und SRF reagieren auf KI gerade nicht mit entfesselter Technik-Euphorie oder Skalierungsfantasien. Vielmehr setzen sie die bewusste Entscheidung, den redaktionellen Einsatz klar zu begrenzen, zu verzögern oder an situative Entscheidungen rückzubinden. Digitale Resilienz entsteht in diesen Fällen durch die Grundsatzfrage, an welchen Stellen KI im Journalismus unterstützend eingesetzt werden kann und wo sie journalistische Prinzipien zu verletzen droht. Die Beispiele zeigen somit, dass Prävention keine passive Haltung sein muss.
Zugleich machen die Fälle deutlich, dass ethik- und vorsorgeorientierte KI-Resilienz kein universell tragfähiges Modell ist. Sie schützt professionelle Identität und publizistisches Vertrauen, bleibt jedoch abhängig von institutionell-wirtschaftlicher Stabilität und organisatorischem Rückhalt. Wo politische, ökonomische oder strukturelle Unsicherheiten zunehmen – wie im Fall NPR – stoßen auch präventive Maßnahmen an ihre Grenzen. Dennoch zeigt sich: In einem Umfeld beschleunigter technologischer Entwicklung stellt gerade diese Form der kontrollierten Öffnung eine eigenständige Resilienzdimension dar.
E. Experimentelle und aufmerksamkeitsgetriebene KI-Resilienz: Sichtbarkeit, Symbolik und offene Folgen
Ein fünftes Praxismuster journalistischer KI-Resilienz zeigt sich dort, wo KI vor allem als Mittel zur Sichtbarkeit von Innovationsleistung eingesetzt wird. In diesen Fällen steht weniger die interne Organisation redaktioneller Arbeit im Vordergrund als die Inszenierung technologischer Modernität einzelner Redaktionen. Resilienz wird hier vorrangig über öffentliche Innovationsnarrative angestrebt, nicht über institutionelle Kontrolle oder systematischen Kompetenzaufbau. KI fungiert vielmehr als Signal in die Branche, mit dem Medienhäuser als Early Adopters oder First Movers zuweilen ihre Anschlussfähigkeit an eine beschleunigte Medienöffentlichkeit coram publico demonstrieren wollen.
Bei der „Los Angeles Times“ wurde dieses Muster im Jahr 2025 besonders deutlich. Mit dem experimentellen Feature „Insights“ testete das Haus öffentlich sichtbar den Einsatz generativer KI im Meinungsressort. Unter ausgewählten Kolumnen wurden KI-basierte Zusammenfassungen sowie automatisch generierte Gegenperspektiven eingeblendet, die den Anspruch verfolgten, politische Einordnung und Perspektivenvielfalt zu fördern. Das Experiment war bewusst als Test angelegt und für das Publikum unmittelbar erkennbar.64 Gleichzeitig machten inhaltliche Fehler und problematische Gewichtungen schnell deutlich, dass KI-gestützte Perspektivenerzeugung selbst dort, wo sie nicht als journalistische Autorenschaft auftritt, die Perzeption redaktioneller Verantwortung berührt.65 Resilienz entsteht hier zwar kurzfristig durch Innovationsbereitschaft und öffentliche Experimentierfähigkeit, bleibt jedoch unzureichend, weil redaktionelle Einbettung und die Absicherung von KI-Funktionen nur begrenzt ausformuliert ist.
www.latimes.comEine noch stärker konfliktbehaftete Variante experimenteller KI-Resilienz zeigt sich bei „Politico“. Das Politikmedium setzte 2024 und 2025 KI-gestützte Tools unter anderem zur automatisierten Zusammenfassung politischer Großereignisse und zur Erstellung datenbasierter Analyseformate ein, teils in unmittelbarer Nähe zur laufenden Berichterstattung. Diese Anwendungen waren erkennbar in einzelne Produkte und Dienste integriert und wurden offensiv als Innovationsmodus kommuniziert. Zugleich führten sie zu teils heftigen internen Auseinandersetzungen über redaktionelle Standards, Zuständigkeiten und die Frage, inwieweit experimentelle KI-Produkte denselben publizistischen Maßstäben genügen können wie die ausschließlich von Menschen gemachten.66 Resilienz kann in diesem Fall aus der schnellen Erprobung neuer Formate und einem produktiven Einsatz erwachsen. Gleichzeitig wird deutlich, dass diese Form der Resilienz vor allem dann Resonanz erzeugt, wenn redaktionelle Klärungen mit der Geschwindigkeit von KI-Experimenten nicht mithalten.
www.politico.comDas Duisburger Lokalfernsehen „Studio 47“ setzt in offensiver Regelmäßigkeit KI in der Produktion und im Sendebetrieb ein, um Effizienz und Reichweite unter strukturellem Druck aufrechtzuerhalten. Als lokaler Fernsehsender mit begrenzten personellen und finanziellen Ressourcen nutzt „Studio 47“ selbst entwickelte KI-Technologie als durchgehendes Stil- und Arbeitsmittel im redaktionellen Alltag.67 Vor allem der Einsatz KI-generierter Avatare in der Nachrichtenmoderation ist zentral und wegweisend: Die Avatare übernehmen Moderationsaufgaben und sichern Kontinuität im Programm bei gleichzeitigem Personalmangel.68 Der KI-Einsatz wird transparent kommuniziert und ist Teil der öffentlichen Selbstdarstellung des Senders. KI wird zudem als Alleinstellungsmerkmal technischer Innovationsfähigkeit gegenüber Publikum, Förderinstitutionen und potenziellen Kooperationspartner:innen kommuniziert.69 Der Case zeigt, dass KI-Experimente konsequent und transparent betrieben werden können, zugleich aber strukturell abhängig bleiben von Förderlogiken, Marktbedingungen und technischer Eigenentwicklung. KI stabilisiert kurz- und mittelfristig den redaktionellen Betrieb, ersetzt jedoch keine langfristige institutionelle Absicherung.
www.studio47.deEinen Grenzfall dieses Praxismusters markiert das US-amerikanische Start-up „Channel 1“, das bislang vor allem Demo- und Pilotformate veröffentlicht, in denen generative KI-Avatare als Nachrichtensprecher:innen auftreten und Inhalte aus bereits bestehenden journalistischen Quellen präsentieren. KI wird hier nicht lediglich als eines von vielen Werkzeugen im Hintergrund eingesetzt, sondern wird selbst zum sichtbaren Akteur eines Nachrichtenangebots, das der Sender aktiv vermarktet. „Channel 1“ stellt derzeit keinen journalistischen Betrieb im engeren Sinne dar, sondern ein experimentelles Projekt, das KI-gestützte Nachrichtenproduktion primär technologisch demonstriert.70 Das Unternehmen kommuniziert zugleich die Perspektive, ein skalierbares, KI-basiertes Nachrichtenprodukt bis zur Marktreife entwickeln zu können. Darin liegt vor allem eine Signalwirkung für Investor:innen und Zukunftsnarrative. Gerade dadurch markiert „Channel 1“ eine wichtige Grenze experimenteller KI-Resilienz: Solange journalistische Verantwortung, Organisationsstrukturen und publizistische Praxis nicht operationalisiert sind, bleibt völlig offen, ob aus technologischer Versiertheit tatsächlich journalistische Handlungsfähigkeit entsteht.
www.channel1.ai
Gemeinsam ist diesen Beispielen, dass KI-Resilienz hier primär über Experimentiergeist und symbolische Innovationsagitation erzeugt wird. Diese Form der Resilienz ist demnach agil und reaktionsschnell, strukturell aber begrenzt. Sie kann kurzfristig helfen, Aufmerksamkeit zu generieren und technologische Anschlussfähigkeit zu inszenieren. Langfristig bleibt offen, ob solche Experimente ohne institutionelle Erdung dazu beitragen, journalistische Autorität und professionelle Verantwortung zu restabilisieren. Die Beispiele markieren damit weniger einen Endpunkt als eine Übergangszone: Sie zeigen, wie und wo sich durch Innovationsbereitschaft ein Momentum entfaltet – und zugleich, wo organisationale Resilienz erst stringent ausgebildet werden muss.
Typologie journalistischer KI-Resilienz entlang von redaktioneller Souveränität und akti-ver KI-Gestaltung (eigene Darstellung)
Resilienz: professionelle Selbstvergewisserung im KI-Zeitalter
Die zuvor beschriebenen Beispiele zeigen, dass journalistische KI-Resilienz nicht automatisch aus der Einführung neuer Prozesse, Regeln oder Technologien entsteht. Resilienz entwickelt sich vielmehr dort, wo Organisationen und Journalist:innen diese Strukturen im Alltag sinnvoll nutzen, hinterfragen und weiterentwickeln. Sie ist damit kein Gegensatz zu Prozessen, sondern zeigt sich darin, wie mit ihnen konkret gearbeitet wird. Resilienz ist ein fortlaufender (souveräner) Umgang mit Unsicherheit – nicht ein Zustand, der einmal erreicht und dann gesichert ist.
Diese professionelle Selbstvergewisserung wird durch KI besonders herausgefordert. Denn KI verändert nicht einfach Abläufe, sie verschiebt, wie journalistische Entscheidungen vorbereitet werden: durch automatische Vorschläge, Vorstrukturierungen oder Priorisierungen. Wichtig ist dabei eine begriffliche Klarheit: Nicht jede Automatisierung ist KI, und nicht jede technische Vorstrukturierung greift tief in publizistische Entscheidungen ein. Viele heute genutzte Systeme – etwa zur Transkription, Sortierung oder Themenbeobachtung – unterstützen Arbeitsschritte, ohne selbst journalistische Urteile fällen zu können. Die Herausforderung entsteht aber dort, wo solche Systeme bereits im Vorfeld Einfluss darauf nehmen, was gesehen, gewichtet oder weiterverfolgt wird.
Resilienz bedeutet vor diesem Hintergrund nicht, publizistische Kontrolle an Technologie abzugeben, sondern bewusst damit umzugehen, dass technische Systeme bereits an der Vorbereitung von Entscheidungsprozessen beteiligt sind. Resiliente Redaktionen nutzen daher technische Unterstützung, ohne ihre eigene Urteilskraft aus der Hand zu geben. Sie akzeptieren, dass Entscheidungen nicht mehr bei null beginnen, bestehen aber darauf, dass sie begründet, überprüft und verantwortet werden.
Dabei geht es weniger um eine abstrakte ‚Haltung‘ im Sinne einer inneren Einstellung als um eine praktische Orientierung im Arbeitsalltag. Resilienz zeigt sich darin, dass sich Redaktionen regelmäßig fragen, wie sie mit neuen Werkzeugen arbeiten wollen, wo sie ihnen folgen und wo sie widersprechen. Diese Selbstverständigung ist kein einmaliger Akt, sondern Teil laufender redaktioneller Praxis – etwa, wenn Entscheidungen erklärt, Fehler offen benannt oder technische Annahmen kritisch geprüft werden.
Die Praxisbeispiele zeigen, dass Resilienz dabei keine defensive Verweigerung von Innovation ist, sondern – im Gegenteil –, dass sie dort besonders tragfähig ist, wo Journalismus weder unkritisch auf technologische Versprechen reagiert noch reflexhaft blockiert. Resiliente Redaktionen halten Ambivalenz aus: KI kann entlasten und zugleich neue Risiken erzeugen; sie kann Qualität unterstützen und diese gleichzeitig unter Druck setzen.
In diesem Sinne bedeutet KI-resilient zu sein auch, Unsicherheiten als Element journalistischer Arbeit im digitalen Raum bis zu einem gewissen Maß auszuhalten. Redaktionen und Medienschaffende, die resilient sind, reagieren darauf mit Reflexion statt mit Desorientierung. Damit unterscheidet sich Resilienz grundlegend von rein ökonomischen oder technologischen Überlebensstrategien. Während diese vor allem auf kurzfristige Stabilisierung zielen, richtet sich Resilienz auf die langfristige Sicherung journalistischer Integrität. Sie fragt, wie sich der Journalismus unter KI-Bedingungen weiterentwickeln kann, und wie er trotzdem seinem eigenen Anspruch gerecht bleibt.
Die bisherigen Kapitel haben gezeigt, dass KI den Journalismus nicht nur technisch, sondern strukturell herausfordert. Abbildung 8 zeigt, wie Journalismus als Kreislauf zwischen ‚Gesellschaftsleistung‘ (Meinungsbildung) und ‚Technologie/Plattformen‘ (Algorithmen) fungiert, wobei Vertrauen und Transparenz zentrale Vermittlungsbedingungen sind. Die hierfür relevanten Fragen nach Verantwortung, Urteilskraft und redaktioneller Souveränität lassen sich nicht allein durch individuelle Kompetenz oder organisationale Praxis beantworten. Sie verlangen nach kollektiven Setzungen, die orientieren, Grenzen markieren und gemeinsame Erwartungen formulieren. Genau an diesem Punkt setzen die im Folgenden diskutierten Leitlinien, Regelwerke und Positionspapiere an.
In den vergangenen Jahren – beschleunigt durch den weltweiten Durchbruch und die großen Schritte bei der Weiterentwicklung generativer KI – haben zahlreiche Redaktionen, Medienhäuser, Berufsverbände und internationale Initiativen normative Rahmenwerke für den Einsatz von KI im Journalismus vorgelegt. Diese Dokumente reagieren auf eine verbreitete Erfahrung von Kontrollverlust und Verunsicherung. Sie sollen klären, was im Umgang mit KI gilt, welche Praktiken als gewinnbringend oder zielführend angesehen werden und welche nicht. Solche Leitlinien fungieren damit als Varianten institutioneller Selbstverpflichtung für Situationen, in denen technologische Entwicklung schneller voranschreitet als die etablierten Routinen journalistischer Standardisierung.
Im Folgenden nehmen wir diese Leitlinien nicht als finale Lösungen in den Blick, sondern als Ausdruck einer zum Teil dynamischen Suchbewegung, einem fortlaufenden Erneuerungsprozess in einer durch generative KI-Systeme rasant beschleunigten Medienwelt. Wir fragen, welche Probleme die Papiere adressieren, welche Vorstellungen von Verantwortungszuschreibung und Urheberschaft ihnen zugrunde liegen – und welche Aspekte journalistischer Resilienz sie bislang ein- und ausblenden. Dabei geht es ausdrücklich nicht um eine Abwertung einzelner Dokumente, sondern um eine systematische Einordnung ihrer Fokusse, Gemeinsamkeiten und möglichen Leerstellen.
Nach unserem Grundverständnis verstehen wir die kollektive und kooperative Arbeit an Leitlinien im Medienbetrieb als spezifische Resilienzstrategie – nämlich als Versuch, Stabilität durch normative Orientierung herzustellen. Zugleich zeigt sich, dass Leitlinien vor allem das Welche Regeln gelten? beantworten sollen, während Fragen des Wie wird im Alltag (unter Zeitdruck) entschieden? häufig offenbleiben. Diese Spannung ist zentral für das Verständnis ihrer Wirkungen – aber auch ihrer Grenzen.
29 Kramp, Leif/Weichert, Stephan (2024a): KI-Effekt: Wir dürfen das Vertrauen nicht verspielen. In: Medium Magazin, 05.2024, S. 54-57.
30 Kramp, Leif/Weichert, Stephan (2024b): Resilienz in der digitalen Gesellschaft. Mediennutzung in Zeiten von Krisen, Kriegen und KI. Köln: Herbert von Halem Verlag, S. 45-46.
31 Ebenda, S. 47-49.
32 Ebenda, S. 50-53; vgl. Kramp, Leif/Weichert, Stephan (2024c): „Wir müssen uns von der Vorstellung lösen, dass Journalismus gleichbedeutend mit Content ist“. In: Journalist.de, 04.11.2024, https://www.journalist.de/meinung/meinungen-detail/wir-muessen-uns-von-der-vorstellung-loesen-dass-journalismus-gleichbedeutend-mit-content-ist/
33 VOCER Institut für Digitale Resilienz (2026): https://www.digitale-resilienz.org
34 Journalismus macht Schule (2026): https://journalismus-macht-schule.org
35 Save Social (2025): www.savesocial.eu
36 Daniel, Matthias/Weichert, Stephan (Hg.) (2022): Resilienter Journalismus. Wie wir den öffentlichen Diskurs widerstandfähiger machen. Köln: Halem-Verlag.
37 Vgl. Kramp, Leif/Weichert, Stephan (2025): Resilienz in der digitalen Gesellschaft. Mediennutzung in Zeiten von Krisen, Kriegen und KI. Köln: Halem-Verlag.
41 Bayerischer Rundfunk (2024): Umgang mit Künstlicher Intelligenz: Unsere KI-Richtlinien im Bayerischen Rundfunk, https://www.br.de/extra/ai-automation-lab/ki-ethik-100.html
42 Jones, Bronwyn (2025): Responsible AI and Public Service Journalism. BBC Research & Development,17.10.2025, https://www.bbc.co.uk/rd/articles/2025-10-journalism-ai-news-public-media/
43 The Associated Press (2024): Stylebook. 57th Edition, 2024-2026, S. 385-392.
44 Wessel, Rhea (2025): What the Financial Times’ AI Strategy Teaches All Organizations About Quality, Trust, and Innovation. In: Institute for Thought Leadership, 21.05.2025, https://www.instituteforthoughtleadership.com/what-the-financial-times-ai-strategy-teaches-all-organizations-about-quality-trust-and-innovation
45 Financial Times (2025): Evolving for the AI era: How the Financial Times is creating a culture of AI fluency and innovation, https://aboutus.ft.com/careers/ft-blog/evolving-for-the-ai-era-how-the-financial-times-is; FT Strategies (2024): AI in the media: moving from strategy to implementation, https://www.ftstrategies.com/en-gb/insights/ai-in-media-moving-from-strategy-to-implementation
46 Guaglione, Sara (2025): Inside The New York Time’s AI newsroom strategy. In: Digiday, 22.09.2025, https://digiday.com/media/inside-the-new-york-times-ai-newsroom-strategy/
47 Weichert, Stephan (2024a): Bitte recht menschlich. In: Süddeutsche Zeitung, 03.05.2024, https://www.sueddeutsche.de/medien/ki-verlage-journalismus-1.6872222.
48 Roy, Nikita (2025): Tav Klitgaard: How Zetland turned a newsroom problem into a global AI business. In: Newsroom Bots, Episode 77, 16.12.2025, https://shows.acast.com/newsroomrobots/episodes/tav-klitgaard-how-zetland-turned-a-newsroom-problem-into-a-g
49 Loewinger, Micah (2023): Gannett’s AI-generated sports articles show the limits of automation in local news. In: On the Media, 08.12.2023, https://www.wnycstudios.org/podcasts/otm/segments/story-behind-gannetts-ai-debacle-on-the-media2
50 Dupré, Maggie Harrison (2023): USA Today Updates Every AI-Generated Sports Article to Correct “Errors”. In: Futurism, 06.09.2023, https://futurism.com/usa-today-updates-ai-generated-sports
51 Duffy, Clare (2023): Gannett to pause AI experiment after botched high school sports articles. In: CNN, 31.08.2023, https://edition.cnn.com/2023/08/30/tech/gannett-ai-experiment-paused; Wu, Daniel (2023): Gannett halts AI-written sports recaps after readers mocked the stories. In: Washington Post, 31.08.2023, https://www.washingtonpost.com/nation/2023/08/31/gannett-ai-written-stories-high-school-sports/
52 Vgl. Wasdahl, Alexander/Srinivasan, Ramesh (2026): Algorithms and Authors: How generative AI is transforming news production. In: First Monday, https://firstmonday.org/ojs/index.php/fm/article/view/14442/12141
53 Robertson, Katie (2024): Axios Sees A.I. Coming, and Shifts Its Strategy. In: New York Times, 11.04.2024, https://www.nytimes.com/2024/04/11/business/media/axios-ai-strategy.html
54 Owen, Laura Hazard (2025): OpenAI will fund four Axios Local newsrooms as part of a broader partnership focused on “juicing local news”. In: Nieman Lab, 15.01.2025, https://www.niemanlab.org/2025/01/openai-will-fund-four-axios-local-newsrooms-as-part-of-a-broader-partnership-focused-on-juicing-local-news/
55 Weichert, Stephan (2024b): Bitte recht menschlich. In: Süddeutsche Zeitung, 03.05.2024, https://www.sueddeutsche.de/medien/ki-verlage-journalismus-1.6872222
56 Blanke, Philipp (2025): Artikel nur noch mit KI: Bei Axel Springer ist die Künstliche Intelligenz nun überall. In: Der Tagesspiegel, 31.08.2025, https://www.tagesspiegel.de/gesellschaft/medien-_-ki/artikel-nur-noch-mit-ki-bei-axel-springer-ist-die-kunstliche-intelligenz-nun-uberall-14254082.html
57 Vgl. Bartl, Marc (2025): KI als Jobkiller? Journalistenverband stellt sich gegen Axel Springer. In: Kress, 02.09.2025, https://kress.de/news/beitrag/151053-ki-als-jobkiller-journalistenverband-stellt-sich-gegen-axel-springer.html; Karle, Roland (2025): Springer macht Chefs zu Avataren: KI-Videos mit Poschardt und Burgard. In: Newsroom.de, 17.06.2025, https://www.newsroom.de/news/aktuelle-meldungen/vermischtes-3/springer-macht-chefs-zu-avataren-ki-videos-mit-poschardt-und-burgard-972939/
58 Axel Springer (2025): Olaf Gersemann wird stellvertretender Chefredakteur von WELT für Künstliche Intelligenz. Pressemitteilung, 19.06.2025, https://www.axelspringer.com/de/ax-press-release/olaf-gersemann-wird-stellvertretender-chefredakteur-von-welt-fuer-kuenstliche-intelligenz
59 Kreye, Andrian (2023): Döpfners künstliche Argumente. In: Süddeutsche Zeitung, 20.06.2023, https://www.sueddeutsche.de/medien/springer-ki-jobabbau-1.5950435?reduced=true
60 National Public Radio (2023): Special Section: Generative Artificial Intelligence, https://www.npr.org/about-npr/1205385162/special-section-generative-artificial-intelligence
61 Ege, Konrad (2025): Öffentlicher US-Rundfunk unter Druck: Sender vor ungewisser Zukunft. In: Epd Medien, 25.08.2025, https://medien.epd.de/article/3499
62 Kreye, Andrian (2025): Wie die SZ im Jahr 2025 künstliche Intelligenz einsetzt, 18.07.2025, https://www.sueddeutsche.de/kolumne/sz-ki-einsatz-journalismus-li.3218103
63 SRF (2026): Publizistische Leitlinien. Version 1.5, 30.01.2026, https://publizistische-leitlinien.srf.ch/leitlinie/umgang-mit-kuenstlicher-intelligenz-ki/
64 Bauder, David (2025): Don’t like a columnist’s opinion? Los Angeles Times offers an AI-generated opposing viewpoint. In: AP.com, 16.04.2025, https://apnews.com/article/los-angeles-times-ai-opinion-insights-ca632edd01d836ec26d27e47c0169927
65 Owen, Laura Hazard (2025): The L.A. Times adds AI-generated counterpoints to its opinion pieces and guess what, there are problems. In: Nieman Lab, 04.03.2025, https://www.niemanlab.org/2025/03/the-l-a-times-adds-ai-generated-counterpoints-to-its-opinion-pieces-and-guess-what-there-are-problems/
66 Deck, Andrew (2025): Politico’s recent AI experiments shouldn’t be subject to newsroom editorial standards, its editors testify. In: Nieman Lab, 12.08.2025, https://www.niemanlab.org/2025/08/politicos-recent-ai-experiments-shouldnt-be-subject-to-newsroom-editorial-standards-its-editors-testify/
67 Krebbers, Martin (2025): Studio 47 in Duisburg: Wenn die KI eine ganze Fernsehsendung macht. In: Deutschlandfunk, 13.01.2025, https://www.deutschlandfunk.de/studio47-in-duisburg-wenn-die-ki-eine-ganze-fernsehsendung-macht-dlf-5b3cdeb2-100.html
68 Studio 47 (2025): Richtlinien für den verantwortungsvollen Einsatz von KI im journalistischen Alltag bei Studio 47, https://www.studio47.de/services/files/sonstiges/S47_KI_Richtlinien_0225.pdf
69 DJV-NRW (2024): Studio 47 produziert Newsmagazine per KI. In: Journal, 2, https://journal-nrw.de/studio-47-produziert-newsmagazine-per-ki/
70 Orland, Kyle (2023): These AI-generated news anchors are freaking me out. In: ars technica, 15.12.2023, https://arstechnica.com/ai/2023/12/these-ai-generated-news-anchors-are-freaking-me-out/;
Weichert, Stephan (2024c): KI im Journalismus: Roboterreporter trifft Bürgermeisterin. In: Der Tagesspiegel, 11.06.2024, https://www.tagesspiegel.de/kultur/ki-im-journalismus-roboterreporter-trifft-burgermeisterin-11778560.html;
Weichert, Stephan (2024d): Verkaufen Redaktionen ihre Seele? In: Journalist, Serie „Mein Blick auf den Journalismus“, Juni 2024, S. 54–57, https://www.journalist.de/werkstatt/werkstatt-detail/verkaufen-redaktionen-ihre-seele