Einleitung: Warum „KI-Resilienz” jetzt?
Worauf dieses Kapitel Antworten gibt:
1. Warum digitale Technologie‑ und Plattformabhängigkeit Redaktionen zugleich neue Chancen eröffnet und neue Verwundbarkeiten schafft.
2. Wie KI als Katalysator Vertrauenskrisen verschärfen, Polarisierung befeuern und bestehende Bruchlinien in der Öffentlichkeit sichtbar machen kann.
3. Wie wir mit einem praxisnahen Framework Redaktionen, Medienpolitik und Zivilgesellschaft bei Entscheidungen und Prioritäten im KI‑Wandel unterstützen wollen.
4. Warum dieses Whitepaper kein Technik- oder Ethikpapier ist, sondern als Orientierungskompass für Resilienz, Beziehungsgestaltung und digitale Souveränität dient.
Journalismus am Kipppunkt
Der Journalismus steht an einem Kipppunkt, der sich eher still und heimlich angekündigt hat – und jetzt mit voller Wucht in das Bewusstsein vieler Redaktionen dringt. Künstliche Intelligenz ist kein Experimentierfeld mehr, kein futuristisches Szenario, kein bloßer Showcase. KI ist zur realen Grundinfrastruktur der digitalen Öffentlichkeit geworden – oder entwickelt sich zumindest immer mehr dorthin: Sie wirkt im Hintergrund, ordnet Informationen, verschiebt Bedeutungen, flirtet mit der Realität, setzt politische Agenden.
Lange haben wir geglaubt, KI sei ein reines, funktionales Werkzeug wie jedes andere Tool: nützlich, effizient, vielleicht sogar revolutionär, aber eben beherrsch- und steuerbar. Wie ein digitaler Taschenrechner – oder ein Algorithmus, der einfach ein bisschen schlauer wirkt als die Version davor. Doch während wir aktuell in Redaktionen noch darüber streiten, ob KI unsere Arbeit erleichtern oder unsere Produkte eleganter machen kann, hat sich der eigentliche Umbruch längst vollzogen: KI wird im Hintergrund zur heimlichen Arbeits- und Entlastungsinfrastruktur, die viele Medienschaffende bereits täglich nutzen, ohne dies an die große Glocke zu hängen. KI ist außerdem schleichend zu einer gigantischen Projektionsfläche geworden – für Ängste und Hoffnungen Einzelner, aber auch für Effizienzfantasien vieler Verlage.
Wir erleben nichts weniger als eine digitale Zäsur, in der es längst nicht mehr um technische Evolution geht als vielmehr um die Gretchenfrage, ob sich journalistische Inhalte in den kommenden Jahren noch behaupten können, ob journalistische Arbeit überhaupt noch sichtbar bleibt und ob Menschen sie weiterhin zu schätzen wissen – und bereit sind, dafür zu bezahlen –, während vornehmlich US-amerikanische Plattformkonzerne und KI-Sprachmodelle (LLMs) immer tiefer und direkter in die Herstellung von Öffentlichkeit eingreifen.
Seit Jahren leben Redaktionen in einer strukturell riskanten Doppelabhängigkeit: von Plattformalgorithmen, die Sichtbarkeit und Reichweite steuern – und von Technologien, die immer stärker direkt in die Produktionslogik des Journalismus eingreifen. Beides bedroht die Integrität und Souveränität der journalistischen Praxis. Und KI – das ist der Fokus des vorliegenden Whitepapers – fügt jeder dieser Strömungen eine neue Dynamik hinzu: Sie liefert Effizienzgewinne und Entlastungsversprechen qua Automatisierung, vertieft aber zugleich hergebrachte Gräben: Sie droht journalistische Inhalte zu entwerten, das Publikum zu fragmentieren, und auch gemeinsame Realitäten zu erodieren. Die kapitalistische Digitalökonomie mit ihrem Ursprung im Silicon Valley hat diese Entwicklungen lange vorbereitet. KI macht sie nun unübersehbar – und verschiebt den Journalismus zunehmend in eine Vertrauensökonomie.
Journalistische Begegnungs- und Live-Formate als Gegentrend
Es ist daher kein Zufall, dass es innerhalb wie außerhalb von Redaktionen wieder sehr viel stärker um die Menschlichkeit journalistischer Arbeit geht, das persönliche Gespräch, die Präsenz vor Ort, um Begegnung – gemeinhin mit dem Begriff „Dialog- oder Community-Journalismus“ tituliert.1 Darunter werden nicht nur journalistische Live-Auftritte verstanden, sondern auch Erzählcafés, Theaterstücke. Bühnenshows, Poetry bzw. Reporter Slams oder andere Begegnungs- und Live-Formate verstanden, mit denen Journalist:innen bewusst den Kontakt zur lokalen Öffentlichkeit suchen und das direkte Gespräch aufnehmen. Die konsequenteste Ausprägung dieses Ansatzes sind Begegnungsorte oder Akademien, die sich als „Orte des Journalismus“2 verstehen – als manifeste, zugängliche Anlaufstellen für journalistische Debatten, Austausch und Öffentlichkeit. In jüngerer Zeit entstehen in diesem Zusammenhang auch Projekte wie „Media Rewilding“ von Alexander von Streit, das gezielt neue Formen der lokalen Begegnung zwischen Journalismus und Publikum erprobt (https://media-rewilding.de).
Insofern lässt sich ein solcher Dialog- oder Live-Journalismus auch als bewusster Gegentrend zur fortschreitenden Synthetisierung digitaler Öffentlichkeit verstehen. Denn KI entfaltet eine doppelte Dynamik: Sie treibt Prozesse einerseits weiter an, die ohnehin längst im Gange sind, andererseits legt sie die strukturelle Verwundbarkeit moderner Medien offen: Deepfakes, synthetische Stimmen, automatisierte Propaganda – all das ist kein bloßes technisches Rauschen, sondern greift das Kernversprechen journalistischer Arbeit– und damit das in die mediale Wahrnehmung der Welt an: Glaubwürdigkeit. In einer Zeit, in der sich Wahrheit und Fälschung nur noch nuanciert unterscheiden, geraten selbst etablierte Medien ins Wanken. Beim Publikum kann sich – verstärkt durch den zunehmenden KI-Einsatz im Journalismus – schnell das Gefühl einstellen, dass ihm bei der Mediennutzung die Realität entgleitet, Nutzer:innen erleben also einen ernsten „Authentizitätskollaps“3 bzw. Reality Slip:4 Was kann man noch glauben? Was ist noch verlässlich?
Hinzu kommen teils widersprüchliche Narrative, die den öffentlichen Diskurs über KI polarisieren. Auf der einen Seite stehen die Heilsversprechen der Tech-Eliten, die KI als quasi-erlösende Zukunftstechnologie inszenieren. Auf der anderen Seite eine Apokalypse-Rhetorik, die das Ende menschlicher Autonomie beschwört. Dazwischen verläuft eine stille, aber entscheidende Grauzone journalistischer Selbstbehauptung: jener Bereich, in dem Resilienz entstehen oder aber verloren gehen kann. Es nimmt kaum Wunder, dass selbst KI-Pioniere wie der britische Informatiker und Nobelpreisträger Geoffrey Hinton inzwischen vor den menschenverachtenden Konsequenzen einer entfesselten KI warnen.5 Ebenso bezeichnend ist, wie schnell die Euphorie – auch in den Medien – in Alarmismus umschlagen kann, sobald deutlich wird, dass die neuen Systeme nicht nur Werkzeuge sind, sondern zusehends zu Machtinstrumenten in einem globalen Kulturkampf werden.6
Dieses Ambivalenz-Narrativ – Erlösung und Untergang im Doppelpack – hat eine klare Folge: Es überlagert den nüchternen Blick, den wir eigentlich auf digitale Technologie richten sollten, um uns nicht in unserer Urteilsfähigkeit einschränken zu lassen. KI erscheint dann als metaphysische Kraft und weniger als das, was sie tatsächlich ist – ein statistisches System, das auf menschlicher Arbeit, extrahierten Daten und aktuell schier unermesslichen Finanzressourcen beruht, aber auch zielgerichtet eingesetzt werden kann, um weltwirtschaftliche Vormachtstellungen zu zementieren. Genau an diesem Punkt setzt der Begriff der KI-Resilienz an. Wie wir zeigen werden, richtet er sich gegen die Überhöhung der Maschine als hyperkomplexes, oft bewusst opakes System, aber ebenso gegen die lähmende Angst, die diese Technologie auslösen kann. KI-Resilienz beschreibt die Fähigkeit, sich im Spannungsfeld von Beschleunigung und Entgrenzung zu behaupten: kritisch und reflektiert, zugleich aber anpassungs- und handlungsfähig.
Für Redaktionen bedeutet das, sich nahezu täglich mit neu entstehenden Widersprüchen auseinanderzusetzen. KI kann Texte zusammenfassen, Bilder erzeugen, Fakten prüfen, Daten durchsuchen – und doch bleibt die zentrale Frage offen: Wessen Urteil zählt? Wer hat das letzte Wort? Und wann gilt ein Inhalt überhaupt als gesichert?
Wenn Verantwortung zwischen Menschen und Maschinen verschwimmt, wird die journalistische Selbstwirksamkeit durchlässiger. Was früher ein klarer Auftrag war – prüfen, ordnen, erklären –, wird heute von Systemen überlagert, die zwar schnell, aber nicht verantwortlich ‚handeln‘, und keineswegs fehlerfrei, denn:
- Wer ist zuständig, wenn ein KI-generierter Beitrag Fehler oder Desinformationen enthält?
- Wer entscheidet, was als vertrauenswürdig gilt?
- Und was bedeutet es für eine Redaktion, wenn das Publikum zunehmend auf Chatbots zurückgreift, deren Ergebnisse nicht – oder nicht zwingend und jedenfalls allzu selten – auf journalistisch geprüften Informationen basieren?
Die Schizophrenie der Plattformabhängigkeit
Dabei wächst die Abhängigkeit von Journalismus und Öffentlichkeit von Plattformen nicht nur immer weiter, sondern sie nimmt eine völlig neue Qualität an: Google hat inzwischen Zero-Click-Suchen eingeführt, bei denen Antworten direkt aus KI-Modellen stammen, ohne dass Nutzer überhaupt noch auf deren (journalistische) Quellen gelangen.7 Die ökonomische Grundlage des Journalismus droht sich damit weiter zu verschieben – weg vom publizistischen Inhalt, hin zur technischen KI-Infrastruktur. Und während Tech-Konzerne längst den Bau gigantischer KI-Serverfarmen wie des „Stargate“-Projekts in Texas bauen, ringen Redaktionen mit Betriebsvereinbarungen über Toolfreigaben oder mit der Frage, ob Journalist:innen künftig noch das ,Prompting‘ lernen müssen. Die Kluft zwischen digitalem Zukunftspathos und redaktioneller Realität könnte kaum größer sein.
Die politischen Implikationen reichen hingegen längst über Verlagsgebäude hinaus und sind nicht weniger dramatisch: Die laufende Klage der „New York Times“ gegen OpenAI/ Microsoft und Perplexity wegen mutmaßlicher Urheberrechtsverletzungen (der inzwischen viele anderen Medienhäuser gefolgt sind)9 und Debatten um KI-Fakes im US-Wahlkampf sowie ihr gehöriger Einfluss auf Wahlen weltweit zeigen10 wie stark demokratische Öffentlichkeit inzwischen unter Druck geraten ist. KI ist längst ein politisches Machtinstrument – und wer sie einsetzt, kontrolliert oder reguliert, entscheidet zunehmend darüber, wie Debatten geführt werden und wer Wahlen gewinnt. Dass nicht nur Albaniens Ministerpräsident erstmalig eine KI namens „Diella“ zur virtuellen Ministerin ernennt,11 sondern fast zeitgleich der deutsche Medien- und Kulturstaatsminister Wolfram Weimer im September 2025 seine KI-Version „Weimatar“ öffentlich präsentiert,12 während zugleich Expertinnen und Experten zur Vorsicht im Umgang mit KI-Doppelgängern warnen, illustriert die Ambivalenz der KI-Bewegung: Wir bewegen uns tastend zwischen technischer Spielerei und bevorstehender Vertrauenskrise, die vor allem das politische System belastet – wie sich in den USA schon seit einigen Jahren beobachten lässt.13
In dieser Gemengelage reicht es nicht mehr aus, lediglich KI-Tools einzuführen oder neue Leitlinien zu veröffentlichen. Was Journalist:innen brauchen, ist ein klarer, gemeinsamer Orientierungsimpuls: eine Haltung, die jenseits von Allmachtsfantasien und Apokalypse-Erzählungen bleibt; ein resilientes Framework, das – wie wir später zeigen – Vertrauen, Verantwortung und bewusste Beziehungsarbeit in den Mittelpunkt des Umgangs mit KI stellt. Denn Resilienz ist keine defensive Handlung, sondern die Fähigkeit, Beziehungen aktiv und reflektiert zu gestalten – zwischen Menschen, Medien und Maschinen.
Genau an diesem Punkt setzt dieses Whitepaper an. Es formuliert KI-Resilienz als journalistische Schlüsselkompetenz und als demokratische Praxis. Es bietet einen universellen Resilienzrahmen für Redaktionen, zeigt konkrete Handlungsspielräume für Medienpolitik auf und eröffnet Perspektiven für eine Zivilgesellschaft, die digitale Souveränität nicht nur fordern, sondern auch praktisch zurückgewinnen kann. KI ist in diesem Verständnis kein Technik-Hype, der über uns hereinbricht, sondern ein sozialpolitisches Projekt – mit Risiken und Potenzialen, aber immer auch mit Verantwortlichkeiten und der Notwendigkeit, unsere zivilgesellschaftlichen Gestaltungsrolle zu behaupten. Der Verlauf dieses massiven Wandels hängt also davon ab, ob und wie wir ihn bewusst steuern. Das Stadium der reinen Tool-Debatte – Was können KI-Tools leisten? Kann und soll KI journalistische Inhalte produzieren? – liegt aus unserer Sicht längst hinter uns.
Die eigentliche Frage lautet daher nicht, was KI kann, sondern was sie mit dem sozialen Gefüge der Öffentlichkeit macht – und wie Redaktionen in diesem neuen Ökosystem handlungsfähig bleiben können.
Vertrauensbruch im digitalen Raum
Schon lange vor der aktuellen KI-Welle waren Redaktionen abhängig von Plattformen, deren Regeln und Geschäftsmodelle sie kaum beeinflussen konnten. Google entscheidet seit mehr als zwei Jahrzehnten über die Sichtbarkeit, Facebook über Reichweiten, TikTok über kulturelle Relevanz. Mit generativer KI beginnt jedoch eine neue Phase dieser Abhängigkeit. Nicht mehr die Nutzenden entscheiden primär, welche Inhalte sie anklicken, sondern KI-Systeme beantworten deren Fragen mittels eines Chat-Interfaces. Google Zero – siehe oben – ist dafür das prägnanteste Beispiel: Antworten entstehen direkt im KI-ChatBot, ohne dass Originalquellen transparent sichtbar werden.
Damit werden KI-Systeme zu Gatekeepern zweiter Ordnung. Sie schaffen nicht nur Zugänge zu Informationen, sie produzieren Informationen selbst mittels eines (in der Regel intransparenten) mit unzähligen Daten gefütterten Sprachmodells. Die Ambivalenz ist offensichtlich: KI verspricht Entlastung, Automatisierung und Effizienz. Gleichzeitig entsteht eine infrastrukturelle Macht, die sich journalistischer Kontrolle weitgehend entzieht. Redaktionen laufen Gefahr, zu bloßen Daten- und Trainingslieferanten für KI-Modelle zu werden, die später mit ihren eigenen Inhalten konkurrieren. Die Wertschöpfung verschiebt sich damit endgültig weg vom journalistischen Inhalt – hin zu den Systemen, die diese Inhalte aggregieren, imitieren und industriell verwerten.
Parallel dazu zerfällt das, was die demokratische Öffentlichkeit über Jahrzehnte zusammengehalten hat: Vertrauen. Die großen Krisen der vergangenen Jahre – Pandemie, Kriege, populistische Bewegungen – haben das Medienvertrauen weltweit unter Druck gesetzt. KI kann in diesem ohnehin hoch aufgeladenen Klima wie ein Teilchenbeschleuniger wirken. Je perfekter synthetische Bilder und Stimmen werden, desto herausfordernder wird die Unterscheidung zwischen Fakt und Fiktion.
Der dadurch erzeugte Reality Slip – siehe oben – ist also ganz real: Menschen erleben eine mediale Welt, die sich immer weniger mit ihren eigenen Alltagserfahrungen deckt. Deepfakes, synthetische Statements, KI-optimierte Propaganda – all das untergräbt nicht nur Informationssicherheit, sondern die grundlegende Gewissheit, dass Wirklichkeit überhaupt noch verlässlich auffindbar ist. Für den Journalismus bedeutet das einen Verlust an Beziehungskapital. Denn Vertrauen entsteht nicht durch perfekte Inhalte, sondern durch nachvollziehbare, wiedererkennbare Beziehungen. Wenn diese Beziehungen zunehmend durch künstlich erzeugte Konkurrenzprodukte ersetzt werden, verliert der Journalismus sein wichtigstes Gut: Glaubwürdigkeit als gesellschaftliche Legitimation.
KI verstärkt nun diese Entwicklung drastisch: Je perfekter die Imitation, desto schwieriger die professionelle Distinktion. Und je schneller die Systeme antworten, desto weniger Raum bleibt für das Entschleunigungsmoment journalistischer Standards wie Prüfung, Kontextualisierung oder Relevanzbewertung. Journalist:innen verlieren als Torwächter für den geordneten Zugang zu Informationen an Bedeutung – nicht, weil ihre Arbeit schlechter würde, sondern weil die infrastrukturelle Umgebung schriller, schneller und glatter operiert. Genau hier lauert die zentrale Gefahr: Journalismus könnte schon bald nicht mehr als notwendige (systemrelevante) Infrastruktur wahrgenommen werden, sondern nur noch als eine Option unter vielen.
Für Redaktionen ist das kein technisches Detail, sondern ein resilienzstrategisches Kernproblem. Es geht nicht darum, ob KI intelligenter Inhalte produzieren kann, sondern darum, ob journalistische Unabhängigkeit in einer Architektur erhalten bleibt, die nicht von Journalist:innen, sondern von Coding-Teams, Plattformkonzernen und Investorengremien gestaltet wird. Die Frage lautet daher nicht, wie effizient Redaktionen die KI nutzen – sondern inwiefern sie sich in einem System behaupten, dessen Performance sie nicht kontrollieren können.
Leitthese und Einordnung des Whitepapers
Unsere folgenden Ausführungen verdeutlichen: Die meisten KI-Leitlinien, die heute existieren – ob von internationalen Medienhäusern, journalistischen Netzwerken oder Branchenverbänden – konzentrieren sich auf Transparenz, Kennzeichnung, Sicherheit und Datenethik. All diese Aspekte sind wichtig, aber sie bleiben oft an der Oberfläche. Sie schaffen Regeln, aber keine Souveränität. Sie definieren Do’s und Don’ts, aber keine Orientierung für jene Situationen, in denen die Tools technisch funktionieren – und der Mensch trotzdem überfordert ist (vgl. Kap. 2.
Was unter anderem fehlt – und deshalb gibt es dieses Whitepaper – ist der ganzheitlich-ethische, aber auch der psychosozial-organisationale Blick, was landläufig unter dem Schlagwort der Responsible AI15 verhandelt wird (vgl. Kap. 2, 3, 6):
Wie verändert KI die Atmosphäre in Redaktionen?
Wie verändert sie Teamdynamik, Verantwortungslinien, Entscheidungsprozesse?
Wie verändert sie das Verhältnis zu Quellen, Fehlern, zum Publikum?
Wie wirkt KI auf die Öffentlichkeit, die der Journalismus mitgestalten will?
Und: Wie sehr stärken oder schwächen KI-Anwendungen die digitale Souveränität?
Die zentrale Leerstelle ist aus unserer Sicht das, was wir KI-Resilienz nennen (vgl. Kap. 3). Sie wird bislang selten definiert, noch seltener operationalisiert (vgl. Kap. 6). Dabei entscheidet genau ihre Umsetzung darüber, ob Redaktionen KI souverän nutzen – oder von ihr getrieben werden.
Es fehlt somit ein praktisches Orientierungsmodell, das Redaktionen nicht überfordert, sondern langfristig stärkt. Ein Rahmen, der Widerstandskraft, Lernfähigkeit und Anpassungsbereitschaft zusammendenkt, statt sie gegeneinander auszuspielen. Und der die zentralen Funktionen des Journalismus schützt, ohne Innovation reflexhaft zu blockieren. Genau diese Leerstelle will dieses Whitepaper schließen.
KI-Resilienz bedeutet für uns deshalb drei miteinander verschränkte Dimensionen:
Erstens: Vertrauen nicht vorauszusetzen, sondern aktiv aufzubauen – gegenüber dem Publikum, innerhalb der Redaktion und im bewussten Umgang mit der Technologie selbst.
Zweitens: Verantwortung nicht zu delegieren, sondern klar zu verorten. KI kann unterstützen, Muster erkennen und Vorschläge machen – aber sie kann keine Urteile fällen und keine Wirklichkeit bewerten. Verantwortung bleibt menschlich, muss es bleiben.
Drittens: Beziehungen aktiv zu gestalten – zwischen Menschen, Medien und Maschinen. Resilienz ist dabei keine Abwehrreflexe, sondern eine Form digitaler Mündigkeit. Sie erkennt, dass nicht die Technik selbst das Problem ist, sondern der gesellschaftliche und organisationale Rahmen, in dem wir sie einsetzen.
Dieses Whitepaper will in diese Richtung orientieren –nicht im Sinne eines klassischen Leitfadens. Es liefert ein Framework, das sich an der Realität redaktioneller Prozesse orientiert, nicht an theoretischen Wunschvorstellungen. Es richtet sich an Medienhäuser, die KI einsetzen wollen, ohne ihre Glaubwürdigkeit zu verspielen. Es bietet Handlungsempfehlungen, die auch Freischaffende befähigen sollen, KI souverän, verantwortungsvoll und transparent einzusetzen. Es richtet sich ebenso an eine Medienpolitik, die mehr tun muss als zu regulieren – sondern ermöglicht, befähigt und Ressourcen schafft. Und es eröffnet Perspektiven für eine Zivilgesellschaft, die digitale Souveränität als zentrale demokratische Kompetenz erlebt.
Um KI-Resilienz im Hier und Jetzt zu praktizieren, müssen wir verstehen, wie weit die Geschichte dieser Verwerfungen zurückreicht. KI-Resilienz beginnt nicht mit ChatGPT, sondern mit Joseph Weizenbaum und dem sogenannten „ELIZA-Effekt“.
1 Vgl. Uth, Bernadette (2025): What does the audience expect when interacting with news? A Q-sort Study. In: Journalism Practice, https://doi.org/10.1080/17512786.2025.2551986; America Amplified (2025): Community Engagement Journalism Playbook 2025. America Amplified, https://americaamplified.org/wp-content/uploads/2025/04/America-Amplified-Community-Engagement-Journalism-Playbook-2025.pdf; Radcliffe, Damian (2024): Advancing community-centered journalism: A practical guide for a more equitable and service-oriented form of journalism. University of Oregon: School of Journalism and Communication, https://www.researchgate.net/publication/385726191_Advancing_Community-Centered_Journalism; Karolidou, Eva/Matsiola, Maria (2025): The role of online communities in transforming news production: challenges and opportunities. Online Information Review, 50(1), https://doi.org/10.1108/OIR-02-2025-0064
2 Vgl. Banfi, Jaime Abello u.a. (2025): Bricks and mortar: the new wave of houses of journalism. International Journalism Festival, 12.04.2025, https://www.journalismfestival.com/programme/2025/bricks-and-mortar-the-new-wave-of-houses-of-journalism
3 Thompson, Stuart A./Hsu, Tiffany/Myers, Steven Lee (2026): Chaos in Minneapolis Exposes an Internet at War With Truth. In: The New York Times, 03.02.2026, https://www.nytimes.com/2026/02/03/technology/minneapolis-ai-disinformation-misinformation-truth.html
4 Generative KI-Inhalte wie Deepfakes erzeugen nicht nur technische Herausforderungen, sondern untergraben das Vertrauen in traditionelle Medien bzw. verstärken bei Nutzer:innen das Gefühl, die Grenze zwischen Realität und Fiktion verliere ihre Verlässlichkeit (vgl. Hynek, Nik/Gavurova,Beata/Kubak, Matus (2025): Risks and benefits of artificial intelligence deepfakes: Systematic review and comparison of public attitudes in seven European Countries. In: Journal of Innovation & Knowledge, Vol. 10 (5), https://doi.org/10.1016/j.jik.2025.100782; López-Borrull, Alexander/Lopezosa, Carlos (2025): Mapping the Impact of Generative AI on Disinformation: Insights from a Scoping Review. In: Publications 2025, 13(3), 33, https://doi.org/10.3390/publications13030033; Peña-Alonso, Urko/Peña-Fernández, Simón/Meso-Ayerdi, Koldobika (2025): Journalists’ Perceptions of Artificial Intelligence and Disinformation Risks. In: Journal and Media 2025, 6(3), https://doi.org/10.3390/journalmedia6030133; Park, Seyeon/Nan, Xialoli (2025): Generative AI and misinformation: A scoping review of the role of AI in the generation, detection, mitigation, and impact of misinformation. In: AI & Society, https://doi.org/10.1007/s00146-025-02620-3
5 Auf die Frage nach einem Szenario, wenn „die Systeme bösartig werden“, antwortet Geoffrey Hinton im Interview mit dem US-TV-Magazin „60 Minutes“: „They will be able to manipulate people, right? And these will be very good at convincing people ‘cause they’ll have learned from all the novels that were ever written, all the books by Machiavelli, all the political connivances, they’ll know all that stuff. They’ll know how to do it. [...] One of the ways in which these systems might escape control is by writing their own computer code to modify themselves. And that’s something we need to seriously worry about.” (zitiert nach Pelley, Scott (2024): “Godfather of Artificial Intelligence” Geoffrey Hinton on the promise, risks of advanced AI. In: CBS 60 Minutes, 16.06.2024, https://www.cbsnews.com/news/geoffrey-hinton-ai-dangers-60-minutes-transcript/
6 Vgl. Weichert, Stephan (2025a): Auf in die Schlacht gegen Dark Tech. In: taz – die tageszeitung, Medien, S. 18; Weichert, Stephan (2025b): Es gibt keine künstliche Intelligenz. In: taz – die tageszeitung, S. 15; sowie beispielhaft Andree, Martin (2023, Neuaufl. 2025): Big Tech muss weg! Die digitalen Monopole zerstören Demokratie und Wirtschaft – wir werden sie stoppen. Frankfurt/Main: Campus Verlag; Zuboff, Shoshana (2019): The age of surveillance capitalism: The fight for a human future at the new frontier of power. New York, NY: PublicAffairs; Suleyman, Mustafa/Bhaskar, Michael (2023): The coming wave. Technology, power, and the twenty-first century’s greatest dilemma. New York, NY: Crown; Morozov, Evgeny (2024): Freedom as a service: The new digital serfdom. New York, NY: Farrar, Straus and Giroux; Andree, Martin (2025): Krieg der Medien: Dark Tech und Populisten übernehmen die Macht. Frankfurt/Main & New York: Campus Verlag.
7 Vgl. Herman, Burt (2025): Forget “Google Zero.” We need to talk about “People Zero.” In: Nieman Lab, 02.12.2025, https://www.niemanlab.org/2025/12/forget-google-zero-we-need-to-talk-about-people-zero/
9 Vgl. Gerken, Tom (2023): New York Times sues Microsoft and OpenAI for ‘billions’. In: BBC.com, 27.12.2023, https://www.bbc.com/news/technology-67826601; Grynbaum, Michael M./Mac, Ryan (2023): The Times Sues OpenAI and Microsoft Over A.I. Use of Copyrighted Work. In: The New York Times, 27.12.2023, https://www.nytimes.com/2023/12/27/business/media/new-york-times-open-ai-microsoft-lawsuit.html; Brittain, Blake (2025): Judge explains order for New York Times in OpenAI copyright case. In: Reuters, 04.04.2025, https://www.reuters.com/legal/litigation/judge-explains-order-new-york-times-openai-copyright-case-2025-04-04/; Metz, Cade/Grynbaum, Michael M. (2025): New York Times Sues A.I. Start-Up Perplexity Over Use of Copyrighted Work. In: New York Times, 05.12.2025, https://www.nytimes.com/2025/12/05/technology/new-york-times-perplexity-ai-lawsuit.html; ChatGPT Is Eating the World (2025): Latest map of copyright suits v. AI companies: 2 cases tentatively settle. In: ChatGPT Is Eating the World, 27.08.2025, https://chatgptiseatingtheworld.com/2025/08/27/latest-map-of-copyright-suits-v-ai-companies-2-cases-tentatively-settle-aug-27-2025/
10 Thompson, Stuart A. (2025): How Trump Is Using Fake Imagery to Attack Enemies and Rouse Supporters. In: The New York Times, 21.10.2025, https://www.nytimes.com/interactive/2025/10/21/business/media/trump-ai-truth-social-no-kings.html; Barnes, Renee/Riedel, Aimee/Whittaker, Lucas/Mulcahy, Rory (2024): Disinformation and deepfakes played a part in the US election. Australia should expect the same. In: The Conversation, 20.11.2024, https://theconversation.com/disinformation-and-deepfakes-played-a-part-in-the-us-election-australia-should-expect-the-same-243373; Myers, Steven Lee/Thompson, Stuart A. (2025): A.I. Is Starting to Wear Down Democracy. In: The New York Times, 26.06.2025, https://www.nytimes.com/2025/06/26/technology/ai-elections-democracy.html; Epstein, Reid J./Corasaniti, Nick (2026): How Trump’s 2020 Election Claims Have Been Debunked Again and Again. In: The New York Times, 29.01.2026, https://www.nytimes.com/2026/01/29/us/politics/trump-2020-election-claims-fact-check.html
11 o.A. (2025): Albanien stellt erste KI-Ministerin Europas vor. In: tagesschau.de, 23.09.2025, https://www.tagesschau.de/ausland/europa/albanien-ki-ministerin-100.html
12 Die Bundesregierung (2025): Premiere im Kanzleramt: Staatsminister Weimer präsentiert den „Weimatar“ – Deutschlands erster Minister-Avatar stellt sich der KI-Debatte. In: bundesregierung.de, 24.09.2025, https://www.bundesregierung.de/breg-de/aktuelles/premiere-im-kanzleramt-staatsminister-weimer-praesentiert-den-weimatar-deutschlands-erster-minister-avatar-stellt-sich-der-ki-debatte-2385478; Der Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien (2025): Erster virtueller Staatsminister. In: kulturstaatsminister.de, 24.09.2025, https://kulturstaatsminister.de/erster-virtueller-staatsminister
13 AP (2026): Trump’s use of A.I. images further erodes public trust, experts say. In: pbs.org, 27.01.2026, https://www.pbs.org/newshour/politics/trumps-use-of-ai-images-further-erodes-public-trust-experts-say
14 Vgl. Bendel, Oliver (2021): Responsible AI. In: Gabler Wirtschaftslexikon, 06.09.2021, https://wirtschaftslexikon.gabler.de/definition/responsible-ai-123232/version-384809; Papagiannidis, Emmanouil/Mikalef, Patrick/Conboy, Kieran (2025): Responsible artificial intelligence governance: A review and research framework. In: The Journal of Strategic Information Systems, 34(2), 101885, https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0963868724000672
15 Vgl. Bendel, Oliver (2021): Responsible AI. In: Gabler Wirtschaftslexikon, 06.09.2021, https://wirtschaftslexikon.gabler.de/definition/responsible-ai-123232/version-384809; Papagiannidis, Emmanouil/Mikalef, Patrick/Conboy, Kieran (2025): Responsible artificial intelligence governance: A review and research framework. In: The Journal of Strategic Information Systems, 34(2), 101885, https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0963868724000672