Anbiederung ist keine nachhaltige Strategie
„Journalistinnen und Journalisten sind Gatekeeper", sagt Khesrau Behroz. Foto: Maximilian Koenig
Khesrau Behroz ist Journalist, Produzent und Autor. Bekannt wurde er vor allem durch seinen Doku-Podcast Cui Bono. WTF happened to Ken Jebsen? In unserer 75-jährigen Jubiläumsausgabe haben wir 75 Ideengeberinnen und Ideengeber nach ihren Gedanken zum Journalismus gefragt. Er wünscht sich Journalismus, der nicht nur informiert, sondern auch Hintergründe erklärt.
02.02.2026
Es gibt da einen Satz, den Journalisten gerne sagen, wenn sie auf einem Panel sitzen: „Wir leben in einer Welt multipler Krisen.“ Das ist natürlich Quatsch. Die Krisen waren schon immer multipel. Die Wahrheit ist: Wir haben alle keine Ahnung von der Welt und noch weniger von ihren Krisen.
Was die Welt ist, das entscheidet sich über die Feeds, in denen wir uns bewegen, die Nachrichtenportale, die wir regelmäßig besuchen, die Apps, denen wir erlauben, uns Eilnachrichten zu senden, und die günstigste Flugroute, die Ryanair uns ausspuckt. Dafür, dass all diese Dinge entscheidend dafür sind, wie wir unsere Welt wahrnehmen, reden wir viel zu wenig darüber, wie wir konsumieren und wie wir unseren Konsum kuratieren.
Mein Verständnis von Journalismus ist so altmodisch, mir ist es fast peinlich: Journalistinnen und Journalisten sind Gatekeeper. Früher waren diese Gates vielleicht noch etwas überschaubarer, da konnte man sie tiefenentspannt keepen. Jetzt sind alle Gates sperrangelweit offen, maximaler Durchzug.
So viel Durchzug, dass wirklich alle Gatekeeper sein können: Die YouTuberin, die mir täglich die Welt erklärt, der TikToker, der sie mir vortanzt, oder LolAlarm87 auf Reddit, der mit seinen Memes vor allem dem Feuilleton den Kopf verdreht. Demütig stellen wir uns vor die Nutzer und sagen: Wählt lieber uns, wir sind super!
Die Frage ist: Was haben wir eigentlich anzubieten? Ich glaube, hier scheitern wir oft. Weil wir uns umschauen und denken: So müssen wir auch sein! Unsere Chefredakteure müssen auf YouTube auf irgendwelche Memes reagieren – dann klicken alle drauf und schließen ein Probe-Abo ab. Nur: Das reicht nicht. Wirklich nicht. Anbiederung ist keine nachhaltige Strategie. Auch Service-Journalismus, aus dem man rage-baitende Kacheln für Social Media basteln kann, um die niedersten Instinkte der Leserinnen und Leser anzusprechen – ist das wirklich das beste Angebot?
Ich denke: Der Durchzug ist real, die Überforderung auch. Wir brauchen Journalismus, der diese Bedürfnisse ernst nimmt. Der zum Beispiel weniger damit beschäftigt ist, Ereignisse anzukündigen, als sie zu erklären. Wir sind stets gut darüber informiert, was gerade passiert, was gerade los ist. Aber selten erfahren wir, wie etwas überhaupt passieren konnte und wie es so weit kommen musste. Ich würde gerne wieder mehr über die Welt erfahren – und weniger ihren schlimmsten Dynamiken hinterherrennen.
Khesrau Behroz ist Journalist, Produzent und Autor. Bekannt wurde er vor allem durch seinen Doku-Podcast Cui Bono. WTF happened to Ken Jebsen?