„ARD- und ZDF-Mediathek sind erfolgreicher als Netflix"
Florian Hager ist überzeugt, dass sich in dem „Wust von Inhalten“ wieder mehr Menschen ARD und ZDF zuwenden werden. Foto: Felix Schmitt für journalist
Wie begeistert man junge Menschen für die ARD? Jedenfalls nicht mit der 20-Uhr-Sendung der Tagesschau im linearen Fernsehen, sagt Florian Hager. Der HR-Intendant und aktuelle ARD-Vorsitzende will die Öffentlich-Rechtlichen konsequent digital ausrichten. Und setzt dabei auf Kritikfähigkeit und Vielfalt.
Interview: Jan Freitag
Fotos: Felix Schmitt
03.03.2026
„Vor noch gar nicht so langer Zeit hörte man bei uns: Wenn die jungen Leute erstmal älter werden, kehren die alle schon wieder zum linearen Angebot zurück. Diese Illusion ist zumindest in der Zielgruppe 30 bis 49 laut geplatzt“, sagt Florian Hager im journalist-Interview. Er geht das Thema Jugend anders an.
journalist: Herr Hager, was haben ARD und SPD gemeinsam?
Florian Hager: Hmm. Beides sind geschichtlich verwurzelte Institutionen mit drei Buchstaben, die – wie andere Parteien und Medienunternehmen auch – im Rahmen des gesellschaftlichen Wandels vor großen Herausforderungen stehen.
Zum einen. Zum anderen sind es Organisationen, in denen man mit Ende 30 als Jugendlicher gilt – so wie Sie vor ziemlich genau zehn Jahren, als unter Ihrer Führung das öffentlich-rechtliche Digitalangebot funk entstanden ist.
(lacht) Na ja, mittlerweile bin ich fast 50, also bereits bei den Älteren.
Zählen Sie auf den Führungsetagen von HR und ARD mit Ende 40 dennoch als vergleichsweise jung?
Darüber denke ich tatsächlich schon deshalb seit Jahren nach, weil ich bislang in nahezu jeder beruflichen Aufgabe zu den Jüngeren gezählt habe. Selbst bei funk war das anfangs so – deshalb habe ich später ja auch das Angebot bewusst verlassen, um Platz für Jüngere zu machen. Aber auch in der ARD bin ich nicht mehr der junge Wilde, dem die Sehgewohnheiten junger Menschen automatisch näher sind als die der Älteren. Ich bin zwar gerade noch bei Instagram, aber Twitch und TikTok haben mich schlicht abgehängt. Trotzdem versuche ich natürlich, im Kopf offen genug zu bleiben, um deren Zielgruppen noch zu verstehen, also nicht zu dem zu werden, was ich früher bekämpft habe.
Man muss also nicht jung sein, um junges Programm zu machen?
Auf keinen Fall. Umso wichtiger ist es, nicht über Menschen und ihre Themen zu sprechen, sondern mit ihnen. Natürlich gibt es aber emotional und inhaltlich Altersgrenzen, die aus den Lebensumständen resultieren, die man akzeptieren muss.
Oder man muss alternativ seine Teams so zusammenstellen, dass andere die Alterslücke füllen.
Ganz genau. In meiner jetzigen Funktion bin ich weit vom Programmatischen, im Sinne von Programm machen, entfernt. Meine Rolle besteht darin, all jenen, die dafür verantwortlich sind, Räume zu schaffen, in denen sie gut arbeiten können. Sowohl strukturell als auch personell geht es da um die bestmögliche Mischung – also nicht nur um Jung oder Alt, sondern um möglichst viele Perspektiven. Um die richtigen Leute zu bekommen, brauchen wir hier unbedingt niedrigere Hürden beim Einstieg in den Job.
Also nicht nur Rollstuhlrampen.
Die brauchen wir auch, aber eben noch mehr als das. Wenn ich mir frühere Anforderungen an Volontäre beim Hessischen Rundfunk anschaue, war ein Studium mit Auslandsaufenthalt, hervorragendem Abschluss und möglichst Stipendium wichtig. Heute schauen wir eher auf vielfältigere Perspektiven. Und da ist das äußere Bild aller Landesrundfunkanstalten ein völlig anderes als das innere; die ARD bildet inzwischen unglaublich vielfältige Menschen in allen Gewerken aus. Das spricht für eine immer größere Durchlässigkeit unseres Systems, und die ist extrem wichtig.
Heißt, über den Tellerrand hinauszublicken, auch kritikfähiger zu werden?
Ja. Bei funk hat mir mal eine Praktikantin in der Geschäftsleitungssitzung auf den Kopf zugesagt: Flo, ich fand das nicht gut, wie Du eben agiert hast. Ein Geschäftsführer, der so offen von unten nach oben kritisiert wird – da bin ich natürlich erstmal kurz zusammengezuckt. Am Ende aber merkte ich, wie viel wir richtig gemacht haben mussten, wenn unsere Strukturen so viel Offenheit im direkten Feedback zulassen. Und davon versuche ich nun einiges in den HR und jetzt in den ARD-Vorsitz mitzunehmen. Der Feedback-Muskel ist einer, den man nicht automatisch hat. Man muss ihn ständig trainieren.
Müssen Hierarchien dafür zwingend flach sein oder bloß durchlässig, transparent und kritikfähig?
Das kommt drauf an. Als ich vor gut zehn Jahren die Chance bekommen habe, mit funk etwas komplett Neues aufzubauen, war uns allen klar, dass sämtliche Beteiligten unabhängig von Rang und Rolle ihre Meinungen einfließen lassen dürfen, also auch die Techis bei den Programmleuten und umgekehrt. Das funktionierte – und funktioniert bis heute – hervorragend. Es hat allerdings nicht bedeutet, dieses Modell jetzt als Testfall auf die gesamte ARD zu übertragen. Wichtiger, als Hierarchien komplett aufzulösen, ist mir auch als aktuell Vorsitzender die Rollen darin so klar zu verteilen und zu respektieren, dass Entscheidungsprozesse nachvollziehbar funktionieren.
Interessant am deutschen ÖRR ist dabei, dass er mit Neo und dann funk Verjüngungsprozesse nicht mehr nur horizontal, also innerhalb bestehender Senderstrukturen angestoßen hat, sondern vertikal durch völlig neue Strukturen. Verabschiedet sich die ARD mit dem Konzept, jüngere Zielgruppen digital zu versorgen, davon, ihre linearen Sender zu verjüngen?
Wir müssten jetzt erstmal definieren, was Sie unter „jung“ verstehen. Das klingt so, als könnten wir das Mediennutzungsverhalten der Menschen da draußen in irgendeiner Weise beeinflussen. Daran glaube ich nicht, nicht mehr. Denn früher haben allein die öffentlich-rechtlichen Sender bestimmt, was das Publikum zu sehen und zu hören kriegt. Während Zeitungsverlage seinerzeit das Informationsmonopol aufs geschriebene Wort hatten, waren wir schlicht die einzigen mit audiovisuellem Angebot abseits der Kinos und Videotheken. Die Endgeräte daheim konnten ausschließlich das wiedergeben, was wir dort hineingeschickt hatten. Welches Brett da zu bohren war, als es plötzlich erst kommerzielle und dann digitale Konkurrenz für uns gab, kann man sich heute kaum noch vorstellen.
„Ich bin gerade noch so bei Instagram, aber Twitch und TikTok haben mich schlicht abgehängt.“
Wer hat dieses Monopol letztlich nachhaltiger beeinträchtigt – RTL und Sat1 oder Youtube und Facebook?
Ganz klar Youtube, aber was die Streamingnutzung angeht, natürlich auch Netflix. Wir mussten uns zum ersten Mal einer Änderung der Mediennutzung anpassen – ohne sie selbst gestalten zu können. Man kann jetzt streiten, warum das so war, aber wir müssen anerkennen, dass bei diesen Bewegtbildmediennutzungsformen sowohl technisch als auch inhaltlich die neuen Standards im Silicon Valley gestaltet wurden, und nicht in Köln, Mainz oder Hamburg. Das kann man bedauern, man muss es aber akzeptieren und vor allem: sich anpassen und daran arbeiten.
Mit welchem Ziel genau?
Jedenfalls nicht mit dem Ziel, jüngere Leute um 20 Uhr an den Bildschirm zur Tagesschau zu kriegen und anschließend zum Tatort. Vor noch gar nicht so langer Zeit hörte man bei uns öfter, wenn die jungen Leute erstmal älter werden, kehren die alle schon wieder zum linearen Angebot zurück. Diese Illusion ist zumindest in der Zielgruppe 30 bis 49 laut geplatzt; von denen ist kaum jemand aus dem Internet ins Regelprogramm zurückgekehrt.
Aber schauen Jüngere Tatort und Tagesschau denn wenigstens in der ARD-Mediathek?
Darauf wollte ich ja hinaus. Auch damit haben wir uns einerseits zwar viel zu viel Zeit gelassen. Mittlerweile ist aber unsere Mediathek als starkes Streamingangebot so gut platziert, dass sie selbst solche Zielgruppen anzieht, die mit der ARD bislang wenig zu tun hatten. Und der Erfolg gibt uns recht: Allein im vergangenen Jahr hatte die Mediathek 3,5 Milliarden Zugriffe. Und gemeinsam mit dem Streamingangebot des ZDF haben wir eine größere monatliche Reichweite als Netflix.
Falls Sie beim Amtsantritt als ARD-Vorsitzender eine Agenda hatten – stand die Vollendung der öffentlich-rechtlichen Digitalisierung da ganz oben?
Zumindest den nächsten großen Schritt, klar. Sonst hätte ich ja auch alles verleugnet, was ich in den Jahren zuvor bewegen wollte. Weil ich als HR-Intendant und ARD-Vorsitzender so wenig Einfluss auf Inhalte wie möglich nehmen will und kann, liegt mein Augenmerk natürlich stärker auf den Strukturen. Und da ist der Reformstaatsvertrag wirklich das erste Regelwerk, das uns explizit vorgibt, digitaler zu werden, anstatt genau dies wie vor noch gar nicht allzu langer Zeit sogar explizit zu untersagen. Das empfinde ich positiv, als starken Rückenwind. Und da ist, allen Unkenrufen zum Trotz, in den letzten Jahren sehr viel passiert.
Zum Beispiel?
Der Public Open Space als gemeinsame Open-Source-Plattform mit ARD, ZDF und DLR: Wir haben jetzt schon dreimal so viele täglich eingeloggte Nutzer als Mastodon; ARD- und ZDF-Mediathek sind in der monatlichen Gesamtreichweite erfolgreicher als Netflix oder Amazon in Deutschland, was auch an den massiven Umschichtungen aus dem linearen Programm liegt; beim Thema KI sind wir in der Medienlandschaft in Deutschland mit allen relevanten Playern im Austausch. Und all das, unter Beibehaltung der linearen Angebote. Jeden Abend schauen mehr als die Hälfte der Deutschen öffentlich-rechtliches TV – und zwar ohne für all diese Projekte auch nur einen Cent mehr bekommen zu haben.
Wie stichhaltig war da die Forderung von Bundestagspräsidentin Julia Klöckner nach mehr Effizienz und Ausgewogenheit, aber auch nach mehr Neutralität und öffentlicher statt veröffentlichter Meinung?
Jeder muss den Beitrag bezahlen, also hat auch jeder das Recht, eine Meinung zu haben. Was mich grundsätzlich stört, ist dieses Insinuieren, der öffentlich-rechtliche Rundfunk würde sich der Kritik nicht stellen und keine grundlegenden Fragen über seine Verantwortung und Relevanz stellen – als stünde man der Institution im Grunde genommen ohnmächtig gegenüber.
Wie bei der rechten Neutralitätsforderung an Lehrkräfte.
Genau, das verwechselt Neutralität offenbar mit Überparteilichkeit oder Objektivität. In unserem von der Politik formulierten Auftrag steht auch ein Eintreten für Demokratie. Das ist nicht neutral. Dass ARD und ZDF effizienter werden müssen, steht doch außer Frage. Aber selbst mit Begriffen wie „Ausgewogenheit“ tue ich mich schwer – nicht, weil ich Kritik per se zurückweisen will. Die Forderung suggeriert aber, bei jeder Frage gäbe es stets zwei Seiten, die wie auf einer Waage ins Gleichgewicht gebracht werden müssen. Als ob es in unserer polyvalenten Welt noch so etwas wie Bipolarität – die eine Meinung und die Gegenmeinung – gäbe wie einst in der vielbesungenen Fernsehepoche von Bodo Hauser und Ulrich Kienzle.
Zwei Journalisten konträrer politischer Lager, die in den Neunzigern das ZDF-Magazin Frontal moderiert haben.
Heutzutage sind die gesellschaftlichen Themen viel zu komplex, um weiter in Kategorien wie schwarz, weiß, links oder rechts zu denken. Bei Ausgewogenheit denkt die ARD deshalb weniger binär als multiperspektivisch. Wir wollen möglichst viele Sichtweisen beleuchten, und eben nicht bloß die richtigen Knöpfe der Erregungsindustrie drücken, mit denen uns der Algorithmus dann nach oben spült. Und natürlich haben wir beim Thema Perspektivenvielfalt noch Defizite.
Ost-West zum Beispiel?
Oder Stadt-Land, religiöse Vielfalt, ethnische, soziale. Es geht doch um die Frage, ob wir die Menschen wirklich erreichen, ihnen auf Augenhöhe begegnen – und nicht von oben herab.
Ist demnach doch was dran an Julia Klöckners Kritik?
Sie hat ja auch von „selbstreflektierender Korrektur“ gesprochen. Nicht, dass wir das nicht machen würden, ganz im Gegenteil. Aber das heißt, übertragen auf den Redaktionsalltag, dass wir uns in der ARD noch viel mehr gegenseitig hinterfragen, korrigieren und optimieren können und müssen. Ein bisschen so, wie es im Wissenschaftsbetrieb läuft – da ist ja auch jegliche Publikation erstmal der internen Kritik ausgesetzt. Ich habe ja auch schon von echter und offener Feedback-Kultur gesprochen; da haben wir, glaube ich, an vielen Stellen noch Nachholbedarf. Und bin ich mit unserem Umgang mit Fehlern zufrieden?
Na?
Nein! Wenn wir sagen, noch näher bei den Menschen sein zu wollen, mehr mit den Menschen sprechen, ihnen zuhören und auch andere Meinungen zulassen und aushalten, dann muss das auch innerhalb unserer Häuser gelten. Deshalb sehe ich schon, dass wir da noch besser werden können.
„Heutzutage sind die gesellschaftlichen Themen viel zu komplex, um weiter in Kategorien wie schwarz, weiß, links oder rechts zu denken.“
Gibt es angesichts der vielen selbstbewussten und lautstarken Minderheiten heutzutage denn überhaupt noch so etwas wie eine Mehrheitsmeinung?
Falls ja, ist sie ungeheuer schwer auszumachen. Nehmen Sie nur die Pandemie. Damals waren die Menschen mehrheitlich der Meinung, eine Impfung gegen Covid19 sei sinnvoll. Und das haben wir entsprechend auch berichtet, ohne die gegenteilige Meinung zu unterschlagen. Das Gegenbeispiel mussten wir beim Brexit erleben. Damals haben sich seriöse Medien wie die BBC dazu entschieden, Gegnern und Befürwortern im Sinne einer falschen Ausgewogenheit dieselbe Aufmerksamkeit zu widmen.
Die berüchtigte False Balance.
Mit der Konsequenz, dass die Briten aus der EU ausgetreten sind, obwohl es der Mehrheitsmeinung nachweislich widersprach. Das zeigt doch, wie die Forderung nach ausgewogener Berichterstattung Mehrheitsmeinungen eher konstruieren als abbilden kann.
Wird in den Vor- und Nachbereitungen öffentlich-rechtlicher Redaktionskonferenzen mittlerweile gezielt darauf geachtet, keine False Balances herzustellen?
Da ich in keiner davon sitze, wäre es vermutlich sinnvoller, diese Frage den Chefredakteurinnen und Chefredakteuren zu stellen; ich habe ja eher Abläufe als Inhalte im Blick. Aber was für die Vertrauensbildung bei der Berichterstattung zusehends wichtig wird, ist die Transparenz journalistischer Erkenntnis- und Auswahlprozesse. Welche Nachricht es warum in die Tagesschau schafft und welche nicht, was oftmals Resultat harter redaktioneller Debatten und Kämpfe ist – dafür fehlt in der fünfzehnminütigen Zuspitzung aufs Wesentliche schlicht der Platz. Den Beipackzettel können wir ja nicht mitsenden. In digitalen Formaten aber können wir diese Prozesse dringend sichtbar machen.
Und das tun Sie auch?
Das tun wir, etwa bei tagesschau together auf Twitch, wo wir die Hintergründe der Meldungen mit der Community spiegeln und wo Reporterinnen und Reporter aus dem Arbeitsalltag berichten. Digital kann man Fernsehen völlig anders denken, und das betrifft nicht nur das gesendete Format, sondern auch die Fehlerkultur. Da müssen wir natürlich noch deutlich besser werden, aber diesbezüglich betrachte nicht nur ich das Digitale als Riesenchance, verlorenes Vertrauen zurückzugewinnen.
Das strukturell auch mit dem öffentlich-rechtlichen Apparat zu tun hat, auf den sich ja viele Reformbemühungen der vergangenen Jahre beziehen. Wird es auf lange Sicht beispielsweise neun Landesrundfunkanstalten geben?
Da muss man als Intendant von einem dieser Landesfunkhäuser natürlich aufpassen, nicht pro domo zu argumentieren.
Im Sinne von: Radio Bremen kann weg, Hessischer Rundfunk muss bleiben?
Grundsätzlich halte ich es für absolut unerlässlich, in den Bereichen Technik und Verwaltung noch mehr Synergien zu nutzen. Wenn wir im Digitalen Skaleneffekte erzielen wollen, macht es überhaupt keinen Sinn, dass alle ihr eigenes Angebot gestalten. Da müssen wir noch enger zusammenarbeiten. Aber das geschieht ja auch nicht nur im Rahmen der ARD, sondern einer gemeinsamen Plattform mit dem ZDF, die der Reformstaatsvertrag fordert und längst in Vorbereitung ist.
Etwa aktuell bei den Olympischen Winterspielen.
Wo wir nicht nur technologisch, sondern auch inhaltlich längst viel näher zusammengerückt sind. Komplizierter gestaltet sich dagegen die Synergie im Bereich der Verwaltung. Es ist weder trivial noch eine Ausrede, dass neun Landesrundfunkanstalten auch neun Rechtsgrundlagen oder mannigfaltige Tarifverträge haben, was bei Zusammenarbeit an manchen Stellen sogar kartellrechtliche Fragen aufwerfen würde. Und bei all den Forderungen nach Einsparungen: am Ende bedeuten Arbeitsteiligkeit, Synergien, Shared Services vor allem einen massiven Personalabbau. Letztlich geht es also auch um Arbeitsplätze und das wird dann auch in der Politik nicht offen ausgesprochen.
Und welche Folgen hätten solche Synergien beim Programm?
Natürlich brauchen wir auch da weniger Dopplungen. Aber würde es die Legitimation des öffentlich-rechtlichen Rundfunks vergrößern oder verkleinern, wenn Regionalmagazine des hessischen Rundfunks vom WDR in Köln produziert würden? Ich denke Strukturen generell gern zentraler, aber inhaltlich müssen wir aus meiner Sicht sogar noch viel deutlicher in die Fläche. Denn dort befindet sich die DNA der ARD. Nur bei den Menschen vor Ort haben wir eine Chance gegen KI und Streamingdienste. Darüber hinaus ist unser Ansatz, dass wir uns im Rahmen der Gegebenheiten arbeitsteiliger aufstellen, um schneller, effizienter und besser arbeiten zu können.
Die Antwort lautet also: Ja, es gibt auch weiterhin neun Landesrundfunkanstalten?
Weil das ebenso wie Markus Söders Anregung, ganze Bundesländer zusammenzulegen, eine politische Entscheidung ist, kann und will ich das nicht beantworten. Als ARD-Vorsitzender, HR-Intendant und Verfechter des öffentlich-rechtlichen Systems hätte ich hingegen gern eher mehr als weniger Regionalangebote, um noch näher bei den Menschen zu sein. Es gibt auf der Deutschlandkarte riesige weiße Flecken ohne Medien wie Lokalzeitungen und Radiosender. Besonders dort, wo der Markt als Regulativ einer pluralistischen Medienlandschaft versagt, sehe ich unsere Aufgabe also auch darin, die informationelle Grundversorgung zu gewährleisten.
Zu schade, dass viele Beitragszahler die ARD auch dafür kritisieren, sie nehme ihren Informationsauftrag zugunsten leichter Unterhaltung nur unzureichend wahr. Das haben Ihnen in einem Streitgespräch der Zeit vorigen Sommer drei Diskutanten vorgeworfen.
Ich erinnere mich.
Ihre Antwort auf die Frage, was Unterhaltung überhaupt sei, lautete sinngemäß: Jetzt fängt’s an, Spaß zu machen! Was unterscheidet E von U und titel, thesen, temperamente von Florian Silbereisen grundsätzlich?
Auch die Frage böte genug Stoff für ein abendfüllendes Gespräch. Wenn man Information mit wichtig und Unterhaltung mit überflüssig umschreibt, finde ich diese Unterscheidung falsch. Gute Unterhaltung ist informativ und gute Informationen unterhaltsam. Das Gegenteil von letzterer ist nicht erstere, sondern Langeweile. Umso mehr müssen wir aufpassen, dass wir über Informationen für die Menschen nicht nur relevant sind, wenn es emotional wird – nämlich in Krisenzeiten. Und neben dem Auftrag, zur Meinungsbildung beizutragen, gibt es eben auch den, zum Zusammenhalt in der Gesellschaft beizutragen. Dazu gehören explizit auch eskapistische Formate. Die Welt, in der wir leben, und die Welt, von der wir träumen – unser Auftrag besteht auch darin, dies in einer guten Balance zu halten.
In welcher dieser Welten schauen Sie privat denn als Ihr eigener Kunde rein?
Ich bin tatsächlich noch Radiohörer. Das hat natürlich auch damit zu tun, dass ich relativ viel mit dem Auto unterwegs bin; besonders das Wortradio haben Podcasts für mich darin zumindest nicht komplett ersetzt. Was meine Sehgewohnheiten betrifft, schaue ich fast ausschließlich in der Mediathek und dann, sofern es meine knappe Zeit erlaubt, besonders Dokumentarisches und natürlich die Sportgroßereignisse.
Sie sind Arte inklusive seit fast 20 Jahren Teil des öffentlich-rechtlichen Systems. Macht Sie die lange Zugehörigkeit zum Teil des Problems verkrusteter Strukturen oder dank Ihrer Reformbereitschaft gepaart mit Erfahrung zum Teil der Lösung, die Krusten aufzubrechen?
Das frage ich mich mittlerweile ehrlich gesagt selbst öfter mal. Weil ich seit langer Zeit schon gezielt an diesen Strukturen arbeite und dabei auch immer wieder erfolgreiche Veränderungen mitgestalten durfte, empfinde ich es als eine Art Superpower, Lust auf komplexe Systeme und Fragestellungen zu haben. Wie lange diese Kraft noch reicht, wird sich zeigen, aber vielleicht muss ich mich mittelfristig auch mal damit befassen, sie anderen weiterzugeben.
Was könnte denn noch kommen, wenn man mit Ende 40 HR-Intendant war und jetzt ARD-Vorsitzende ist. Ihr letzter Vorgänger unter 50 war da Hans Bausch 1962. Gehen Sie irgendwann doch mal in den inhaltlichen Bereich?
Nee. Ich weiß, was ich kann und vor allem was ich nicht kann – ich habe unheimlich großen Spaß an komplexen Strukturen.
Sie mögen Bürokratie?!
Ich höre oft von anderen: Warum tust du dir das an? Vermutlich, weil ich von unserem Auftrag so überzeugt bin und es mir Spaß macht, Menschen an einen Tisch zu bringen, um gemeinsam Dinge voranzutreiben. Sollte ich im Sommer wiedergewählt werden, bleibe ich nach dem ARD-Vorsitz deshalb mit großer Freude Intendant des Hessischen Rundfunks. Das öffentlich-rechtliche System ist allen Unkenrufen zum Trotz so unglaublich in Bewegung – das wird für mich noch mindestens die nächsten zehn Jahre spannend bleiben.
Jan Freitag ist Medienjournalist in Hamburg.
Felix Schmitt arbeitet als Fotograf in Frankfurt am Main.