„Auf Hektik folgt Muße“
Wie lange gibt es die gedruckte SZ noch, Frau Wittwer? Das fragten wir im journalist 4/2021. Foto: Johannes Simon
2021 haben wir SZ-Chefredakteurin Judith Wittwer gefragt, ob es die Süddeutsche Zeitung in fünf Jahren noch gedruckt geben wird. „Ja“, war ihre Antwort. Sie sollte damit Recht behalten. Und heute?
03.08.2026
journalist: Wie steht es um die gedruckte Zeitung?
Judith Wittwer: Die Zukunft der Süddeutschen Zeitung liegt im Digitalen. Trotzdem lebt die gedruckte Zeitung weiter – auch im Jahr 2026. Ich bin zuversichtlich, dass sie länger bestehen wird, als es viele erwarten. Für zahlreiche Leserinnen und Leser ist sie nach wie vor eine Begleiterin durch den Alltag, auf die sie nicht verzichten möchten. Sie bietet ihnen Orientierung und schafft durch Gestaltung und Gewichtung Übersicht. Auf Hektik folgt Muße. Nicht umsonst investiert die Süddeutsche Zeitung derzeit noch einmal ganz bewusst in das Printprodukt und führt in diesen Wochen ein neues Redaktionssystem für die Zeitungsproduktion ein.
Damals war der Aufbau von Digital-Abos in einem schrumpfenden Anzeigenmarkt ein zentrales Thema. Was beschäftigt die SZ heute?
Wir setzen uns intensiv damit auseinander, wie sich die Mediennutzung verändert. Die SZ soll nicht nur zum Lesen da sein, sondern auch zum Hören und Sehen. Wir sind auf einem sehr guten Weg: 2025 haben wir rund ein Drittel unserer neuen Abonnentinnen und Abonnenten über unsere Podcasts gewonnen. Auch der Dialog mit unseren Leserinnen und Hörern in den sozialen Medien ist uns wichtig. Und natürlich beschäftigen wir uns gerade viel mit dem Thema KI und der Frage, wie sie unsere Branche verändert – darüber müssen wir weiterhin sprechen.
Was sehen Sie heute anders als 2021?
2021 habe ich im Vorfeld der Bundestagswahl in einem Leitartikel geschrieben, dass Deutschland gern schwarzmalt und dass die Lage eigentlich besser ist, als sie oft dargestellt wird. Ich habe kurz überlegt, ob ich das heute anders sehen würde – schließlich ist die Welt seither in vielerlei Hinsicht noch dunkler geworden. Der demokratiepolitischen Aufgabe des Journalismus kommt derzeit noch einmal eine besondere Bedeutung zu. Es ist nicht leicht, optimistisch zu bleiben. Ich nehme meine Aussage von 2021 dennoch nicht zurück und plädiere weiterhin dafür, den Blick auf Dinge zu richten, die gut laufen. Denn die gibt es.
Judith Wittwer leitet die Redaktion der Süddeutschen Zeitung seit 2020. Zuvor war sie Chefredakteurin des Tages-Anzeigers in Zürich.