Besserer Klimajournalismus ist warm, überraschend und menschlich
„Die brutale Wahrheit, die weltweite Studien immer wieder bestätigen, ist, dass unsere Berichterstattung Menschen dazu bringt, sich hoffnungslos und ohnmächtig zu fühlen und Nachrichten zu meiden", sagt Luise Strothmann. Foto: Doro Zinn
Luise Strothmann leitet die wochentaz und das Team Zukunft. In unserer 75-jährigen Jubiläumsausgabe haben wir 75 Ideengeberinnen und Ideengeber nach ihren Gedanken zum Journalismus gefragt. Strothmann sagt, Klimajournalismus muss Handlungsoptionen aufzeigen.
27.02.2026
Ich habe viel über Klimajournalismus aus einem kleinen Text gelernt. Hadeel Salem hat ihn geschrieben, eine kurdisch-syrische Journalistin. „Syrerinnen gehen baden” heißt ihr Artikel, und sie schreibt darin über die immer extremeren Hitzewellen in Syrien, verstärkt durch die Klimakrise. Wie zum Teil der Strom ausfiel und damit die Klimaanlagen. Und wie immer mehr Frauen sich entschlossen, sich deswegen der Regel zu widersetzen, nicht ins Schwimmbad gehen zu dürfen. Hadeel Salem steht am Beckenrand und spricht mit den Frauen, die untertauchen, weil sie es unfair finden, wenn sie keine Chance haben, sich abzukühlen. Es ist eine kleine Ermächtigungsgeschichte, in der für mich ein Rezept für besseren Klimajournalismus steckt: Er ist warm, überraschend und menschlich. Er erzählt die Zukunft nicht als kaltes Thema, bei dem es um Techniken geht, ihre Risiken und Kosten, um Verträge, Konferenzen, Bilanzen. Wie funktioniert Veränderung? Wer zu dieser Frage recherchiert, darf keine Angst vor Gefühlen haben. Wir müssen nach den psychologischen, emotionalen und sozialen Aspekten der Transformation suchen. Ein Start-up, das eine neue Technik zur CO2-Entnahme ausprobiert, verschickt eine Pressemitteilung. Die Gruppe, die sich in der Nachbarschaft zusammentut, um an Hitzetagen Wasser an Obdachlose im Viertel zu verteilen, tut das nicht. Genauso wenig die Frauen, die gegen alle Konventionen ins Schwimmbad gehen.
Die brutale Wahrheit, die weltweite Studien immer wieder bestätigen, ist, dass unsere Berichterstattung Menschen dazu bringt, sich hoffnungslos und ohnmächtig zu fühlen und Nachrichten zu meiden. Auch ich wollte lange die Leser*innen anschreien: Verdammt, ihr müsst das hören! Aber das ist der falsche Weg. Genauso falsch ist es, die Dramatik der Klimakatastrophe zu verschweigen. Oder den Blick auf Konsumentscheidungen zu verengen. Der Weg aus der Ohnmacht ist nicht die Empfehlung der besten plastikfreien Brotdose.
Was also dann? Eine Studie hat ergeben, dass Inspiration eine der am meisten wertgeschätzten Leistungen von Journalismus ist. Was kann ich tun? Was kann die Politik tun? Was kann ich tun, damit die Politik etwas tut? Das sind drei Fragen, die mir helfen, eine Recherche so zu strukturieren, dass sie auch auf Handlungsmöglichkeiten statt nur auf Probleme schaut. Handlungsmöglichkeiten wie zum Beispiel: Zusammen baden zu gehen, auch wenn Männer es verbieten. Und damit anderen ein Vorbild zu sein, es auch zu tun.
Luise Strothmann leitet die wochentaz und das Team Zukunft.