„Das ist keine Welt, in der wir leben wollen“
„Mit den politischen Maßnahmen, die im Moment implementiert sind, ist die Prognosefür Ende des Jahrhunderts 2,8 Grad. Das wäre katastrophal“, sagt Friederike Otto.
Die Dürre in Kalifornien oder die Hitzewelle in Europa – Friederike Otto kann zeigen, dass sie mit dem menschengemachten Klimawandel zusammenhängen. Nach Physik studierte die 44-Jährige Philosophie, um sich und der Gesellschaft die Frage zu beantworten: Was folgt nun aus all der Klimaforschung? Im journalist-Interview spricht Otto über düstere Prognosen, einfache Lösungen und darüber, was ihr in der Berichterstattung wichtig wäre.
Interview: Catalina Schröder
02.09.2026
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Wenn Friederike Otto öffentlich über den Klimawandel spricht, rechnet sie mit feindlichen Reaktionen. Aber sie beobachtet Unterschiede: Nach deutschsprachigen Auftritten senden einzelne Personen ihr beleidigende Mails. Sobald sie in US-amerikanischen Medien spricht, kommen die Anfeindungen systematisch von ThinkTanks, finanziert von der fossilen Industrie.
journalist: Frau Otto, in Deutschland hat es in den vergangenen Monaten erst sintflutartig geschüttet, dann kam eine lange Hitzephase. Fangen wir beim Regen an: War das einfach schlechtes Wetter oder eine Folge des Klimawandels?
Friederike Otto: Beides. Es ist natürlich das Wetter, aber die Niederschläge – gerade diese heftigen kurzen Regenschauer – sind tatsächlich jene, bei denen wir den Einfluss des Klimawandels am deutlichsten sehen.
Was passiert da genau?
Das ist zum einen grundlegende Physik: Warme Luft kann mehr Wasserdampf enthalten, und der kommt als Regen und vor allem als Starkregen wieder raus. Dazu kommt, dass Wasser wegen der höheren Temperaturen schneller verdunstet, sodass sich häufiger solche Regensysteme bilden.
Was genau ist der Unterschied zwischen Wetter und Klima – kann ich das selbst erkennen, wenn ich morgens aus dem Haus gehe und es schüttet?
Bei Regen sieht man das nicht unbedingt an einem einzelnen Ereignis. Aber natürlich merken wir im Alltag, dass es intensiver regnet als in den vergangenen zehn Jahren. Gerade in Norddeutschland und auch in Großbritannien, wo ich lebe, regnet es auch im Winter mehr. Früher standen Wiesen hier ein paar Wochen lang unter Wasser, mittlerweile sind es mehrere Monate.
Woran können wir den Klimawandel noch erkennen?
An Wetterereignissen, die es ohne Klimawandel so nicht gäbe: Zum Beispiel Hitzewellen, wie wir sie in diesem Sommer erleben. Die sind viel häufiger und sehr heiß geworden.
Wir haben jetzt beide ein paar Mal den Begriff Klimawandel benutzt. Sollten wir besser von der Klimakrise sprechen?
Das ist eine gesellschaftlich-journalistische Frage. In der Wissenschaft sprechen wir vom anthropogenen oder menschengemachten Klimawandel. Der britische Guardian und andere Medien haben zum Beispiel entschieden, das Wort Klimakrise zu verwenden, weil Klimawandel sich zu sanft anhört und dem Problem nicht gerecht wird. Aber ich habe nicht den Eindruck, dass die Politik das Problem seitdem ernster nimmt. Insofern halte ich diese Diskussion für einen Nebenschauplatz.
Sie sagen, dass der Klimawandel menschengemacht ist. Woher wissen Sie das?
Es gibt durchaus natürliche Veränderungen im Klima, historisch gab es also auch nicht-menschengemachten Klimawandel: Wenn wir uns sehr lange Zeiträume von 1000 Jahren und mehr in der Vergangenheit anschauen, dann hat sich in diesen Zeiträumen die Sonnenaktivität verändert und das hatte Einfluss auf das Klima. Es gab auch im Mittelalter eine Warmzeit, die auf natürlichen Klimaveränderungen beruhte. Aber der aktuelle globale Temperaturanstieg und die damit verbundenen Veränderungen im Wetter sind absolut sicher menschengemacht. Das passiert aufgrund der Treibhausgase in der Atmosphäre, die durch das Verbrennen fossiler Brennstoffe dorthin gekommen sind.
Kann man sagen, wie groß der Anteil der Menschheit an der aktuellen Erwärmung ist?
Sie ist zu 100 Prozent menschengemacht. Tatsächlich sind die natürlichen Veränderungen, wie die Sonneneinstrahlung, im Moment nicht auf „warm“ eingestellt. Die natürlichen Faktoren würden die aktuelle Erwärmung nicht erklären. Sie sind über den Zeitraum, über den der menschengemachte Klimawandel bis jetzt zu sehen ist, stabil gewesen.
„Eine Straße mit Bäumen kann bis zu fünf Grad kälter sein als eine Straße ohne Bäume. Das könnte für viele Menschen den Unterschied zwischen Leben und Tod ausmachen“
Welche Sektoren tragen am meisten zum Klimawandel bei?
Zum allergrößten Teil ist es das Verbrennen von Kohle, Gas und Öl in verschiedenen Sektoren. Und zu einem geringeren, aber nicht zu vernachlässigenden Anteil die großflächige Abholzung von Regenwäldern und anderen Wäldern.
Ihr Fachgebiet heißt Zuordnungsforschung. Auf Englisch: Attribution Science. Worum geht es dabei genau?
Im Prinzip beantworten wir die Frage: Welchen Einfluss hat der menschengemachte Klimawandel auf Wetterereignisse? Wir ordnen also Veränderungen im Wetter dem Klimawandel zu.
Wie sind Sie zu diesem Gebiet gekommen?
Klimaforschung hatte ich überhaupt nicht im Kopf, als ich Abitur gemacht habe. Ich habe erst Physik studiert und dann rein aus Interesse ein Philosophiestudium angefangen. Meine Doktorarbeit habe ich in der Wissenschaftstheorie geschrieben und mich dabei unter anderem mit Klimamodellen beschäftigt. Nachdem die Doktorarbeit fertig war, wollte ich etwas Angewandteres machen, das schien mir die bessere Option, als allein am Schreibtisch zu sitzen und Bücher zu schreiben. Ich habe mich deshalb auf eine Postdoc-Stelle in Oxford beworben, bei der es um Unsicherheiten in Klimamodellen ging. Dadurch bin ich zur praktischen Klimawissenschaft gekommen.
Was bringt Ihnen das Philosophiestudium heute für die Klimaforschung?
Die Philosophie stellt andere Fragen als die Physik. Die Physik fragt eher: Wie funktionieren verschiedene Abläufe in der Atmosphäre? Wie kann man dieses oder jenes berechnen? Und dann sagt die Philosophie: Okay, das wissen wir. Und was machen wir jetzt damit? Diese Herangehensweise hilft eigentlich in allen Bereichen. In meiner Forschung geht es oft um Fragen wie: Was bedeutet die Veränderung des Wetters, und für wen?
Können Sie ein Beispiel nennen?
Ich arbeite viel mit Juristinnen zusammen. Da stellen wir Fragen wie: Was bedeutet es, dass wir die Zusammenhänge von mehr CO2 in der Atmosphäre und Veränderungen beim Klima in der Physik nachweisen können? Kann man das in juristische Zusammenhänge übersetzen?
Da geht es wahrscheinlich um Klimaklagen, wie die eines peruanischen Landwirtes, der den Energiekonzern RWE auf Schadensersatz verklagte. Er hatte gefordert, dass der Konzern sich finanziell daran beteiligt, sein Haus vor den Folgen einer Gletscherflut zu schützen. Die Klage wurde letztes Jahr vom Oberlandesgericht in Hamm abgewiesen.
Zum Beispiel.
Was sind die wichtigsten Erkenntnisse Ihrer Forschungsrichtung, also der Attributionsforschung?
Wir wissen zum Beispiel sehr genau, dass kurze Niederschläge aufgrund des Klimawandels deutlich intensiver sind. Das ist eigentlich überall auf der Welt so. Wir wissen, dass Hitzewellen überall auf der Welt heißer sind und viel, viel öfter vorkommen als ohne den Klimawandel. Wir sehen eine deutliche Zunahme von längerfristigen Niederschlägen, zum Beispiel in Nordeuropa und großen Teilen Asiens. Wohingegen in Südeuropa, im südlichen Afrika oder in Kalifornien ein deutlicher Rückgang an Niederschlägen zu beobachten ist, was zu vermehrter Trockenheit führt. Tropische Wirbelstürme treten zwar nicht häufiger auf, aber sie sind intensiver als ohne Klimawandel. Damit haben sie eine größere Zerstörungskraft. Das sind in groben Zügen die Veränderungen, die man pauschal benennen kann. Bei anderen Wetterphänomenen gibt es lokal doch recht große Unterschiede.
„Mit den politischen Maßnahmen, die im Moment implementiert sind, ist die Prognose für Ende des Jahrhunderts 2,8 Grad. Das wäre katastrophal“
Gibt es noch Extremwetterereignisse, die man nicht mit dem Klimawandel in Verbindung bringen kann?
Ja, die gibt es. Obwohl es immer weniger werden, je weiter der Klimawandel fortschreitet. Letztes Jahr haben wir Dürren in Zentralafrika untersucht. Soweit wir das feststellen konnten, hatte der Klimawandel dort keinen wesentlichen Einfluss auf die Niederschläge. Ähnlich war es bei der Dürre, die dazu geführt hat, dass der Panamakanal zu wenig Wasser hatte.
Woher wissen Sie das?
Wir haben eine Studie durchgeführt, in der wir zunächst gefragt haben: Was hat dazu geführt, dass der Panama-Kanal so wenig Wasser hatte? Die Antwort war zunächst das Ausbleiben von Niederschlägen. Unter dem Einfluss des Klimawandels muss man mit so wenig Regenwasser in der Regenzeit etwa alle zehn Jahre rechnen.
Und ohne Klimawandel?
Um das herauszufinden, benutzen wir Klimamodelle. Wir nahmen Treibhausgase, die seit Beginn der Industrialisierung in die Atmosphäre gelangt sind, aus den Klimamodellen heraus und berechneten: Was wäre mögliches Wetter in einer Welt ohne Klimawandel? Im Fall von Panama haben wir festgestellt: Die Wahrscheinlichkeit hat sich nicht verändert. Dass wenig Wasser im Panama-Kanal war, ist immer noch ungefähr ein Zehn-Jahres-Ereignis. Egal ob mit oder ohne Klimawandel.
Wie lässt sich dieses Vorgehen auf Hitzewellen übertragen?
Wenn man sich Klimamodelle für Hitzewellen in Deutschland anschaut, sieht man, dass beispielsweise 32 Grad in Norddeutschland heutzutage vielleicht ein Zwei- oder Drei-Jahres-Ereignis sind. Es gibt also jedes Jahr eine mindestens 50-prozentige Wahrscheinlichkeit, dass so ein Ereignis auftritt. Ohne Klimawandel wären 32 Grad höchstens einmal in 40 Jahren zu erwarten. Und da der Unterschied zwischen diesen beiden Welten einzig der menschengemachte Klimawandel ist, können wir ihm diese Veränderung zuordnen.
In diesem Sommer haben wir wieder erlebt, dass Hitzewellen Menschen töten. Warum ist Hitze so gefährlich?
Wir haben relativ viele Studien mit Epidemiologen gemacht, um zu schauen, wie viele Todesfälle man dem Klimawandel zuordnen kann. Eine wichtige Rolle spielt dabei die Bevölkerungsstruktur: Es gibt viele alte Menschen, und die sind verletzlicher. Aber das heißt natürlich nicht, dass sie zwangsläufig sterben müssen.
Wovon hängt das ab?
Von verschiedenen Faktoren. Häufig sterben Menschen während Hitzewellen in extrem überhitzten Wohnungen. Wir fragen: Sind die Wohnungen gut isoliert? Wissen die Menschen, wie man Räume kühl hält? Wissen sie, dass Hitzewellen gefährlich sind?
Erklären Sie nochmal, wie man einen Raum kühl hält.
Tagsüber müssen Sie die Fenster schließen, die Vorhänge zuziehen oder die Jalousien herunterlassen. Und nachts müssen Sie lüften. Gerade ältere Menschen wissen oft nicht, dass sie viel trinken müssen. Das Verhalten der Leute spielt eine große Rolle.
Wissen die Menschen in Deutschland generell über das richtige Verhalten bei Hitze Bescheid?
Gerade in Deutschland, aber auch in Großbritannien, gibt es viel Nachholbedarf. Menschen haben lange Zeit immer gedacht: Hitzewellen stehen für Strandpartys und Eis essen. Es ist erst in den letzten Jahren mehr Bewusstsein dafür entstanden, dass sie tödlich sein können. Aber das hat sich noch nicht im Verhalten niedergeschlagen. Das Wissen darüber muss von Behörden und vor allem auf lokaler Ebene verbreitet werden.
Viele Menschen wohnen in schlecht isolierten Gebäuden, die sich schwer kühl halten lassen.
Deshalb ist es wichtig, dass man öffentliche Gebäude zugänglich macht, die gekühlt sind, und für öffentliche Wasserspender sorgt. Das wären günstige Maßnahmen.
Das sind kurzfristige Lösungen. Und langfristig?
Wir müssen unsere Städte umbauen. Die Hitzewellen, die wir jetzt haben, werden uns noch relativ kühl vorkommen, wenn wir nicht schnell aufhören, fossile Brennstoffe zu nutzen.
„Das Problem ist, dass Menschen immer nur als Konsumenten dargestellt werden. Nach dem Motto: ,Der Klimawandel ist deine Schuld, weil du noch Auto fährst‘. Das ist Quatsch“
Wie müssen wir die Städte konkret umbauen?
Dazu gehört, dass es viele Grünflächen und vor allem Bäume gibt. Eine Straße mit Bäumen kann bis zu fünf Grad kälter sein als eine Straße ohne Bäume. Das könnte für viele Menschen den Unterschied zwischen Leben und Tod ausmachen.
Was ist noch wichtig?
Luftverschmutzung spielt eine große Rolle: Wenn sie hoch ist, hat das gesundheitliche Auswirkungen, die in Kombination mit extremer Hitze besonders schwer sind. Langfristig müssen wir Autos aus den Städten verbannen. Die Abgase, aber auch der Reifenabrieb, sind extrem gesundheitsschädlich und beeinträchtigen die Atemwege – auch ohne Hitze. Und zusammen mit Hitze eben noch stärker.
Es gibt im Pariser Klimaabkommen das berühmte 1,5-Grad-Ziel. Es verpflichtet fast 200 Staaten dazu, den menschengemachten globalen Temperaturanstieg bis 2100 auf 1,5 Grad gegenüber dem vorindustriellen Niveau zu begrenzen.
Wir sind jetzt allerdings schon bei 1,4 Grad.
Schaffen wir es noch, die 1,5 Grad einzuhalten?
Physikalisch gäbe es die Möglichkeit, wenn wir jetzt global aufhören würden, fossile Brennstoffe zu verbrennen. Aber politisch ist das natürlich illusorisch.
Was bedeutet das?
Es bedeutet auf jeden Fall nicht, dass das 1,5-Grad-Ziel nicht trotzdem wichtig ist. Der Internationale Gerichtshof in Den Haag hat letztes Jahr in seiner Gutachterentscheidung ganz klar gesagt: Was im Pariser Abkommen steht, gilt und ist rechtlich bindend.
Was heißt das in der Praxis?
Selbst wenn wir das 1,5 Grad-Ziel nicht einhalten, müssen wir die allergrößten Anstrengungen unternehmen, um vielleicht bei 1,6 Grad bleiben. Wir dürfen nicht denken: Wenn wir 1,5 Grad nicht schaffen, ist es ohnehin egal. 1,5 Grad sind besser als 1,6 Grad. Und 1,6 Grad sind besser als 1,7 Grad.
Bei welcher Temperatur stehen wir Ende des Jahrhunderts, wenn wir so weitermachen wie bisher?
Mit den politischen Maßnahmen, die im Moment implementiert sind, ist die Prognose für Ende des Jahrhunderts 2,8 Grad. Das wäre katastrophal. Ich hoffe, dass sich das in den nächsten Jahren noch verbessert, sodass es dann deutlich näher an 1,5 als an 3 Grad sein wird. Das hängt davon ab, was in den nächsten Jahren politisch passiert.
Was würden 2,8 Grad für unseren Alltag bedeuten?
Es gäbe Landstriche, die unbewohnbar werden. Sie werden zu heiß sein, um dort ohne Klimaanlage zu leben. In manchen Teilen von Arizona kann man schon jetzt im Sommer nur in klimatisierten Häusern leben. Solche Gebiete wird es deutlich öfter geben. Vor allem aber hätte das extreme Auswirkungen auf die Landwirtschaft. Vor zwei Jahren zum Beispiel gab es in Argentinien und Indien Hitzewellen, woraufhin Indien einen Exportstopp für Weizen verhängt hat. Damit sind die Weizenpreise global dramatisch angestiegen.
Wozu führt das?
Zu extremer sozialer Ungleichheit, zu großen Migrationsströmen, zu vielen weiteren Konflikten. Das ist keine Welt, in der wir leben wollen. Es ist auch keine Welt, in der man besonders gut Geschäfte machen kann. Die Wirtschaft tut ja immer so, als wäre der Klimawandel vollkommen irrelevant.
Gibt es durch den Klimawandel weniger Kältewellen?
Ja, Kältewellen treten deutlich seltener auf, und wenn, dann sind sie weniger kalt.
Letzten Winter gab es in Deutschland über Wochen viel Schnee. Wie passt das zusammen?
Ohne Klimawandel wäre es noch deutlich kälter gewesen.
Sprechen Klimawissenschaftlerinnen und -wissenschaftler in der Öffentlichkeit genug über diese Zusammenhänge?
Ich würde sagen, es gibt nach wie vor eine ganze Menge Klimawissenschaftlerinnen und -wissenschaftler, die ihre Arbeit machen und nicht öffentlich darüber reden. Dabei betrachte ich das als Teil unserer Aufgabe. Gerade wenn die Forschung von öffentlichen Geldern gefördert wird, sollten wir auch in der Öffentlichkeit über die Folgen und die Konsequenzen dessen, was wir herausfinden, sprechen.
Sie sind immer mal wieder in der Tagesschau, den Tagesthemen und in internationalen Medien zu sehen und zu hören. Werden Sie nach solchen Auftritten von Klimawandel-Leugnern angegriffen?
Ja, gerade in den USA. In der rechten Presse wird über mich persönlich, aber auch über den ganzen Forschungszweig berichtet, als sei das keine Wissenschaft.
Wie ist es in Europa?
Hier hält sich das relativ in Grenzen, zumindest was Angriffe auf meine Forschung angeht. Wenn ich in den Tagesthemen etwas sage, kommt ein Schwarm von E-Mails, die teils unangenehm sind. Sie sind entweder von Leuten, die sagen „Klimawandel gibt es nicht“, und dann schreiben sie längst widerlegten Kram. Aber meistens sind es Beleidigungen. Ich würde sagen, Frauenfeindlichkeit spielt im Vergleich zum Thema Klimawandel-Leugnung eine deutlich größere Rolle bei den Nachrichten, die ich bekomme. Aber die E-Mails aus Deutschland sind nicht sonderlich systematisch. In den USA hingegen sind die Reaktionen organisiert. Von der fossilen Industrie finanzierte Thinktanks schreiben dann Sachen, die sind nicht einmal subtil.
Finden Sie es richtig, wenn Medien Klimawandel-Leugner zu Wort kommen lassen?
Wenn man sie zu Wort kommen lässt, muss man klar kommentieren: „Was Sie gerade gesagt haben, ist falsch“, und das gut begründen. Wichtig ist auch, zu benennen, wer diese Leute finanziert. All das passiert leider nicht immer.
Wie beurteilen Sie die Berichterstattung über den Klimawandel und das Wetter – stellen Journalistinnen und Journalisten die richtigen Zusammenhänge her?
Ich würde sagen, fifty-fifty. Ich beobachte die deutsche Presse nicht systematisch, aber ich höre regelmäßig den Nachrichten-Podcast Was jetzt? von der Zeit. Und da schätze ich, in 50 Prozent der Fälle, in denen der Klimawandel bei Berichten über das Wetter unbedingt erwähnt werden müsste, wird er erwähnt – und in 50 Prozent der Fälle nicht. Vor vielleicht fünf Jahren war das noch deutlich weniger. Da wurde immer nur über punktuelle Ereignisse geredet, ohne je den Klimawandel in einen größeren Zusammenhang zu stellen. Das hat sich geändert. Aber es passiert nach wie vor nicht konsequent und systematisch.
Es gibt den Vorwurf, Klimaberichterstattung sei so apokalyptisch, dass sie die Menschen eher lähmt, statt sie zu mobilisieren. Wie sehen Sie das?
Das Problem ist aus meiner Sicht, dass Menschen immer nur als Konsumenten dargestellt werden. Nach dem Motto: „Der Klimawandel ist deine Schuld, weil du noch Auto fährst.“ Und das ist Quatsch. Viele Menschen müssen Auto fahren, weil es einfach keinen vernünftigen öffentlichen Nahverkehr gibt. Ich glaube, wenn man über den Klimawandel redet, sollte man auch darüber reden, dass es Lösungen gibt, die sozial verträglich sein können. Und dieser Teil fehlt oft in der Debatte.
Welche Lösungen sind das?
Hier ist nicht genug Platz, um sie alle auszuführen, aber ein einfaches Beispiel wäre: wenn man einen riesigen Parkplatz in eine Straße mit Bäumen verwandelt, wo man draußen sitzen kann, dann finden die Leute das in der Regel gut. Es erhöht die Lebensqualität. Eine Welt, in der wir den Klimawandel deutlich abschwächen, ist für die allermeisten Menschen eine deutlich schönere. Dieser Teil fehlt, finde ich, in den Medien, aber auch in den meisten Büchern. Das sind meistens Dystopien.
Was müssen wir als Gesellschaft jetzt konkret tun?
Wir brauchen ernsthafte Pläne: Wie gestalten wir den Ausstieg aus den fossilen Energien? Wie machen wir ihn sozial gerecht? Wem nützt Klimaschutz? Wenn wir unsere Städte so umbauen, dass wir mit Hitzewellen, Dürren und Starkregen besser klarkommen, dann rettet das konkret Leben. Wenn wir unsere Industrie schnell umbauen, hat das viele Vorteile: Energiesicherheit, Wettbewerbsvorteile durch Innovation, langfristig geringere, berechenbarere Kosten.
Was können Journalistinnen und Journalisten tun?
Den Zusammenhang zwischen sozialer Ungleichheit und Klimawandel im öffentlichen Diskurs herstellen. Wir dürfen unsere Welt nicht von Lobbyisten regieren lassen, wie es im Moment der Fall ist. Leider kann man mit dem Ausbuddeln von Öl, Kohle und Gas noch viel Geld verdienen. Solange das geht, werden einige Menschen alles dafür tun, um damit weiterzumachen.
Catalina Schröder arbeitet als freie Reporterin unter anderem für das Wirtschaftsmagazin Impulse, die Zeit und Deutschlandradiokultur.