Eine wehrhafte Mediendemokratie

„Wir leben in einer Mediendemokratie – und die Demokratie steht unter ", sagt Johannes Hillje. Foto: per Jacob Blut

Johannes Hillje ist Politikberater. In unserer 75-jährigen Jubiläumsausgabe haben wir 75 Ideengeberinnen und Ideengeber nach ihren Gedanken zum Journalismus gefragt. Hilje fordert eine wehrhafte Mediendemokratie.

26.02.2026

Eine gängige Zeitdiagnose lautet, dass sich der moderne demokratische Staat zu einer Mediendemokratie entwickelt habe. Gemeint ist der große Einfluss von Medien auf die öffentliche Meinungsbildung, aber auch auf die Handlungslogik politischer Akteure. Zeitgemäß ist der Begriff von der Mediendemokratie aber nur, wenn man dabei die Vielseitigkeit einer äußerst fragmentierten Medienlandschaft beachtet, jene die (noch) nach dem Prinzip Journalismus funktionieren und solche, die nach dem Prinzip Algorithmus funktionieren. 

Eine zweite häufig gestellte Diagnose benennt die Bedrohung der Demokratie. Dabei hat das Konzept der „wehrhaften Demokratie“ samt ihrer Instrumente, die als historische Lehre dem demokratischen Staat gegen seine inneren Feinde zur Verfügung gestellt wurden, derzeit Konjunktur. Grundsätzlich schließe ich mich beiden Diagnosen an: Wir leben in einer Mediendemokratie – und die Demokratie steht unter Druck. Was als Synthese allerdings fehlt, ist die Idee einer „wehrhaften Mediendemokratie“. Dass diese notwendig ist, liegt zum einen daran, dass der unabhängige Journalismus gegenüber der Systemfrage „Demokratie oder Autokratie?“ nicht neutral sein kann, da er selbst nur in einem demokratischen System, das Pressefreiheit garantiert, existieren kann. Zum anderen nutzen globale Techkonzerne die Freiheiten demokratischer Staaten und offener Märkte aus, um ihr Geschäftsmodell zulasten demokratischer Grundprinzipien (und häufig zugunsten radikaler Kräfte) durchzusetzen. 

Was also könnte eine „wehrhafte Mediendemokratie“ sein? Beginnen wir die Debatte darüber mit drei Aspekten: Erstens sollte der Journalismus demokratische und demokratiefeindliche Parteien nicht gleichbehandeln. Sie sind aus der genannten Systemperspektive keine gleichartigen Akteure. Demokratiefeindliche Parteien sprengen die Normen der demokratischen Öffentlichkeit, indem sie mit Desinformation und Verschwörungserzählungen eine Strategie der Informationsmanipulation verfolgen. Menschen sollen nicht mehr wissen, was Fakt oder Fiktion ist. 

Zweitens müssen Redaktionen mehr Ressourcen für die journalistische Auseinandersetzung mit Demokratiefeinden bereitstellen. Ein Interview mit einem versierten AfD-Politiker braucht mehr Vorbereitungszeit, weil es neben der inhaltlichen auch einer ideologischen Einarbeitung bedarf. Was meint jemand, der ein ethnisch-abstammungsmäßiges Volksverständnis vertritt, mit Begriffen wie „Remigration“? Welches antisemitische Narrativ verbreitet jemand, der von „globalistischen Eliten“ spricht? 

Drittens ist nicht der Journalismus allein für eine wehrhafte Mediendemokratie zuständig. Der Staat muss mit wirksamer Regulatorik verhindern, dass Digitalplattformen die demokratische Öffentlichkeit zerstören. Er sollte im Sinne einer demokratischen Daseinsvorsorge regionalen Pressewüsten durch die Stärkung von Lokaljournalismus vorbeugen. Und ganz wichtig: Er muss die Informationskompetenz in der Bevölkerung stärken, denn Grundvoraussetzung einer wehrhaften Mediendemokratie sind medienkompetente Menschen.