Der wichtige Scheiß
„Print ist nicht das Auslaufmodell der Rentner. Es ist die Hoffnung", sagt Timur Vermes. Foto: Joerg Koch.
Seit 15 Jahren stellt Bestseller-Autor Timur Vermes im journalist unverschämte Fragen an Redaktions-Verantwortliche. Zu unserem 75-jährigen Jubiläum haben wir ihn gebeten, einmal selbst Stellung zu nehmen.
05.02.2026
Dreißig Jahre ist es her, dass mein erstes Faxmodem im Flur quietschte. Genauso lang sehe ich dem Journalismus dabei zu, wie er sich immer kleiner macht. Und dümmer. Und billiger. Es nervt.
Dieses Gewinsel: Das Internet ist so gemein! Keiner will uns mehr! Was haben wir euch getan? Leser, kommt zurück, wir werden uns ändern! Ojeee, die Menschen sind bei Insta, bei TikTok, da müssen wir auch hin. Sollen wir dabei lustige Hüte aufsetzen? Machen wir.
Frage: Eignet sich Journalismus überhaupt für diese Kanäle? Kann es sein, dass ihn die Konkurrenz abhängt, weil deren Produkt besser zum Netz passt? Dass selbst Hajo Friedrichs sich schwertäte, wenn man gleich daneben beim amerikanischen YouTuber MrBeast nie ahnt, was diese vielleicht geskriptete Frau gleich ihrer besten Freundin antut?
Das würde erklären, warum seit 30 Jahren auch die zweite Strategie genauso wenig funktioniert: billiger produzieren. Immer weniger Leute machen immer mehr. Hajo Friedrichs ist jetzt Fotograf, Kamerafrau, Texter, Layouterin, alle sind überall gleich gutschlecht, bis es die depperte KI genauso kann. Eh wurscht, interessiert ja keine Sau mehr. Sagen die Zahlen: Alles wird gemessen, und je mehr man misst, desto mehr weiß man, was die Leute nicht mögen. Das lässt man dann weg. Ergebnis: In Hajo Friedrichs Obstsalat sind nur noch Erdbeeren.
So weit, so blöd. Aber richtig sauer macht mich, dass der Journalismus seine Chance übersieht.
Ich habe jetzt mehrfach von Leuten gelesen, die Podcasts, Serien und Influencer in erhöhtem Tempo konsumieren. Weil sie nicht mehr hinterherkommen. Weil jetzt jedes Wohlfühlthema 20, 30, 45 Minuten frisst – plus Werbung. Immer mehr Inhalte, immer schöner, alle gleich wichtig, aber nur 24 Stunden Zeit! Das Schnellhörensehen ist ein Hilferuf. Und was bietet der Journalismus? Noch’n Stream! Newsfeed! Liveticker! App! Die Menschen ertrinken, und statt einen Rettungsring zu werfen, gießt man mehr Wasser nach.
Was war nochmal das Produkt des Journalismus? Genau: der wichtige Scheiß. In einem handlichen Produkt. Ich behaupte, das ist die Zukunft. Der wichtige Scheiß! Nicht sexy, sondern scheißwichtig. Darum sollte man ihn genau so nennen: „DER WICHTIGE SCHEISS“. Unterzeile: „Kasperquatsch gibt’s online“.
Drin ist dann alles, was man wissen muss. Gut und knapp gefasst. In einem Papierprodukt, weil Auswahl die Kernkompetenz von Journalisten ist. Journalisten sagen, wo’s brennt. Wer’s nicht sehen will, soll’s selbst überblättern. Apropos: Überblättern! Wichtiges Konzept. Auch Überblättertes informiert. Darum lässt man es nicht weg.
Und warum muss DER WICHTIGE SCHEISS auf Papier? Damit WhatsApp nicht reinquatscht. Man geht dorthin, wo das Netz nicht folgen kann. Man zwingt dem Gegner die eigenen Stärken auf und kopiert nicht seine Schwächen. Print ist nicht das Auslaufmodell der Rentner. Es ist die Hoffnung. Online macht man nur die Werbung für DER WICHTIGE SCHEISS.
Und die verspricht etwas, was das Netz nicht kennt: ein Ende. Das ist Grund zwei fürs Papier. Die Belohnung zum Schluss: das gute Gefühl, wenn man die letzte Zeitungsseite durchgelesen hat. So wie Sie jetzt gerade.