„Der Einfluss von Verschwörungstheorien wird überschätzt”

"Die Grenzen zwischen politischer Meinung und Verschwörungstheorien sind fließend", sagt Michael Butter. Foto: Uni Tuebingen/Berthold Steinhilber

Nirgendwo in Europa wird so vehement vor Verschwörungstheorien gewarnt wie in Deutschland. Der Kulturwissenschaftler Michael Butter spricht im journalist-Interview darüber, ob deren Gefahr für die Demokratie wirklich so groß ist – und warum nicht nur Rechte an Verschwörungen glauben.

Interview: Thomas Gesterkamp

28.05.2026

journalist: Herr Butter, der Begriff Verschwörungstheorie war lange nur Soziologen oder Politikwissenschaftlern geläufig, seit der Pandemie ist er in die Alltagssprache eingeflossen. Wie definieren Sie ihn?

Michael Butter: Drei Charakteristika kennzeichnen Verschwörungstheorien. Erstens: Angeblich geschieht nichts durch Zufall. Man glaubt, es gebe eine im geheimen operierende Gruppe, die alles, was geschieht, geplant hat. Zweitens: Nichts ist, wie es scheint. Das heißt, man muss unter die Oberfläche schauen, um die vermeintlich wahren Verhältnisse zu erkennen. Tut man das, dann erkennt man als Drittes: Fast alles ist miteinander verbunden. Ein paar typische Beispiele für Verschwörungstheorien: Hinter den Corona-Impfungen steckten Bill Gates und die Pharmaindustrie, eine jüdische Finanzoligarchie plant den „großen Bevölkerungsaustausch”, die Anschläge vom 11. September hat die US-Regierung inszeniert.

Sie kritisieren, dass der Begriff zum Teil falsch verwendet wird.

Die Grenzen zwischen politischer Meinung und Verschwörungstheorie sind fließend. Nicht alles, was so genannt wird, weist die drei Charakteristika auf. Der Begriff kann wissenschaftlich-neutral verwendet werden, aber auch als Mittel der Delegitimierung. Kaum jemand bezeichnet sich selbst als Verschwörungstheoretiker, denn das sind immer die anderen.

Ihr jüngstes Buch heißt „Die Alarmierten - Was Verschwörungstheorien anrichten”. Wer ist denn alarmiert?

Beide Seiten: Die, die sich vor Verschwörungen fürchten, die überall Komplotte sehen. Aber der Titel zielt auch auf jene, die Verschwörungstheorien pauschal als große Gefahr darstellen. 

Verschwörungstheorien gefährden die Demokratie, lautet ein gängiges Argument. Sie halten dagegen: Deren Einfluss werde überschätzt.

Ich versuche, eine Differenzierung vorzunehmen. Verschwörungstheorien können in bestimmten Kontexten zu einer Gefahr für die Demokratie werden. In einem eigenen Kapitel zu den USA beschreibe ich diese Gefahren ausführlich. Aber wenn man Deutschland betrachtet, wird der Einfluss von Verschwörungstheorien manchmal missverstanden. Sie werden automatisch in Verbindung gebracht mit rassistischen, sexistischen oder antisemitischen Einstellungen. Die sind problematisch, aber wir finden sie auch außerhalb von Verschwörungstheorien. 

Sie sind nicht nur Kulturwissenschaftler, sondern auch Amerikanist, haben sich viel mit der Geschichte der USA beschäftigt. Ist die derzeitige Situation in den Vereinigten Staaten gefährlicher als in Deutschland und Europa?

Ja, denn die autoritären Tendenzen in einem zunehmend autokratischen System sind dort nicht mehr zu leugnen. Die amerikanische Demokratie steckt in einer tiefen Krise, und Trumps Verschwörungstheorie von der gestohlenen Wahl gegen Joe Biden, die er vor und nach dem Sturm auf das Kapitol laufend verbreitet hat, stand am Anfang dieser Entwicklung.

Schon In Ihrem Buch Nichts ist, wie es scheint, das zwei Jahre vor dem Ausbruch der Pandemie erschien, betonen Sie, dass Verschwörungstheorien nicht nur in der politischen Rechten Anklang finden.

Verschwörungstheorien fallen besonders auf, wenn sie vom rechten Rand der Gesellschaft kommen. Das liegt in Deutschland auch an der historischen Erfahrung mit dem Nationalsozialismus und dem Holocaust, wo die Theorie von der jüdischen Weltverschwörung eine zentrale Rolle spielte. Verschwörungstheorien von rechts sind oft mit menschenfeindlichen Positionen verbunden. In der Mitte der Gesellschaft oder auch von links sind sie weniger häufig - weshalb sie uns da meist nicht so stören. 

Auch Medienmacher argumentieren teils alarmistisch und auf dünner Faktenbasis. Fragwürdig war etwa die Behauptung, Russland stecke hinter der Sprengung der Nord Stream-Pipeline – obwohl es von dieser massiv profitiert. Betrachten Sie solche Verdächtigungen auch als Verschwörungstheorie?   

Das Pipeline-Beispiel ist sehr treffend, weil man da sieht, wie Menschen zu Verschwörungstheorien neigen, wenn sie in ihr Weltbild passen. Ein anderes Beispiel, mit dem ich oft auf Veranstaltungen konfrontiert werde, ist das Attentat auf Donald Trump. Ganz viele Menschen, die Verschwörungstheorien sonst eher skeptisch gegenüberstehen, haben sich für einen Moment gefragt: War dieses Attentat fingiert, um ihm den Wahlsieg zu bringen? Bei der Pipeline-Geschichte war die prominenteste Theorie die des Publizisten Seymour Hersh, der viele problematische Handlungen der US-Regierung aufgedeckt hat und nun behauptet, Nord Stream wäre von den Amerikanern gesprengt worden. Obwohl alle Beweise, die wir mittlerweile haben, dagegensprechen. Niemand würde Hersh absprechen, dass er ein überzeugter Demokrat ist, und trotzdem kann so jemand durchaus empfänglich sein für Verschwörungstheorien. 

Im Englischen heißt die Methode reverse labeling: Mit Hinweis auf Verschwörungstheorien werden unliebsame Meinungen delegitimiert, die eigenen Ansichten hingegen überstehen angeblich jeden Faktencheck. 

Ja, man schaut gar nicht mehr richtig hin. Wenn die überfallene Ukraine, auf deren Seite man eigentlich steht, plötzlich eine Pipeline zerstört, die den deutschen Staat Milliarden Euro gekostet hat, passt das nicht ins eigene Weltbild. Es wäre für den öffentlichen Diskurs manchmal besser, innezuhalten und nachzudenken, statt vorschnell zu urteilen.

Ist die Behauptung, dass überall gefährliche Verschwörungstheorien lauern, selbst eine Art Verschwörungstheorie?

Ich weiß nicht, ob ich das schon als Verschwörungstheorie bezeichnen würde. Denn das bedeutet ja im Kern, irgend jemand verfolgt dabei einen düsteren Plan. Im Buch beschreibe ich jedoch, dass es sehr gut gemeinte Maßnahmen gegen Verschwörungstheorien gibt, die dazu neigen, selbst ins Verschwörungstheoretische zu kippen. 

Was meinen Sie damit? 

Zum Beispiel staatlich geförderte Programme zur Verteidigung der Demokratie. Diese Programme sind wichtig. Ich beobachte aber, dass manches, das da gefördert wird, nicht immer gut funktioniert. Zum Beispiel gehen einige Initiativen noch immer davon aus, dass Verschwörungstheorien immer antisemitisch oder zumindest rechts sind. Das stimmt aber halt nicht, schreckt Leute ab und macht die Initiativen so weniger effektiv. Andere Dinge dagegen wie Beratungsstellen, die aufklären und Tipps geben, wie man mit Verschwörungstheoretikern im eigenen Umfeld umgehen sollte, funktionieren ganz gut. 

Sie forschen seit langem in einem internationalen Kontext. Geht die Gesellschaft in Deutschland mit Verschwörungstheorien alarmierter um als anderswo?

Mit Sicherheit. Ich war beteiligt an einem EU-Projekt, in dem es um den Einfluss der Digitalisierung auf Verschwörungstheorien ging. Wir haben in verschiedenen europäischen Ländern Interviews geführt mit Leuten, die sich für Aufklärung zu Verschwörungstheorien und Desinformation engagieren. Es gibt nirgendwo so viel Forschung mit dem expliziten Fokus auf Verschwörungstheorien wie in Deutschland. Projekte in anderen Regionen, etwa im Baltikum oder in Großbritannien, konzentrieren sich viel mehr auf Desinformation und Fakenews. 

Warum ist das so?

Weil in Deutschland die kritische Diskussion über Verschwörungstheorien bereits 2014 mit den "Mahnwachen für den Frieden" beginnt. Damals spielten Konzepte wie Desinformation noch keine Rolle. Daher werden die Phänomene in Deutschland oft anders hierarchisiert als in anderen Ländern.

Verschwörungstheorien interpretieren Sie als ein Symptom eines Unbehagens, das tiefer sitzt. Was raten Sie, um ihre Verbreitung einzudämmen?

Beratungsstellen wie Veritas in Berlin oder Zebra in Freiburg machen hervorragende Arbeit etwa bei familiären Konflikten. Sie helfen also dann, wenn ein Familienmitglied Verschwörungstheorien anhängt. Leider sind diese Angebote meist unterfinanziert. Daneben gibt es ganz viele Materialien für Schulen, auch das ist wichtig, denn Aufklärung hilft. Das darf man aber nicht nur in der gymnasialen Oberstufe machen. Der Glaube an Verschwörungstheorien korrespondiert häufig mit einem geringen Bildungsgrad, insofern sind andere Schultypen genauso wichtig. Und wenn man die eigentlichen Ursachen angehen will: Psychologisch betrachtet entstehen Verschwörungstheorien auf der Basis von Status- und Kontrollverlusten, verursacht etwa durch eine schwere Krankheit oder den Verlust des Arbeitsplatzes, durch das Gefühl, das eigene Leben geht den Bach runter. Insofern geht es um das Bewahren des Sozialstaates oder um Maßnahmen dagegen, dass nicht ganze Landstriche veröden, vor allem im Osten Deutschlands.

Zwischen dem Erscheinen Ihrer beiden Bücher zum Thema liegt die Coronakrise. Wie haben Sie diese Zeit erlebt?

Das war für meine Forschung extrem spannend. Ich habe mir damals die Demonstrationen in Stuttgart angeschaut. Während der Pandemie ist mir schnell klar geworden, dass die Art und Weise, wie wir über Verschwörungstheorien sprechen, nicht immer hilfreich ist. Die Mitglieder der heterogenen Querdenker-Bewegung wurden pauschal als Spinner oder Schwurbler abgewertet. Manche dieser Leute können wirklich gefährlich werden, aber man darf sie nicht alle über einen Kamm scheren. Die Querdenker wurden sicher von Verschwörungstheorien zusammengehalten, doch die Proteste wurden von außen zu sehr homogenisiert. Die Beteiligten sind zwar gemeinsam marschiert, doch man hat sofort den Schluss gezogen, sie seien alle rechts und tendenziell antisemitisch. Ich glaube, es wäre sinnvoller gewesen, klar zu unterscheiden zwischen denjenigen, die man noch erreichen konnte und jenen, wo das keinen Sinn ergab. 

„Alternativen Fakten“ in Blogs oder Foren schenken einige mehr Glauben als den Recherchen seriöser Medien, die als „Lügenpresse” beschimpft werden. Was kann man dagegen tun? 

Empirische Experimente zeigen: Wenn man überzeugte Verschwörungstheoretiker mit schlüssigen Gegenargumenten konfrontiert, halten sie danach noch fester an ihrem Gedankengebäude fest. Es ist schwer, an „Gläubige” heranzukommen. Wenn man diskutieren will, sollte man sehr niedrigschwellig und eher emotional einsteigen. Oft geht es um Anerkennung, darum, überhaupt ernst genommen zu werden. Gleichzeitig sollte man ansetzen bei den Zweiflern, die noch nicht vollständig von solchen Theorien überzeugt sind. Und überhaupt sollte man für eine gute Bildung sorgen: Wissen darüber verbreiten, wie moderne Gesellschaften funktionieren, und Medienkompetenz fördern.

Thomas Gesterkamp ist promovierter Politikwissenschaftler, Journalist und Buchautor.

Michael Butter, geboren 1977, studierte Anglistik, Germanistik und Geschichte in Freiburg und promovierte danach in Bonn. Seit 2014 lehrt er als Professor für Amerikanische Literatur und Kulturgeschichte an der Universität Tübingen. Butter ist Initiator des EU-Projekts Comparative Analysis of Conspiracy Theories, in dem ein interdisziplinäres Forschungsteam die Hintergründe und Gefahren von Verschwörungstheorien vergleicht. 2018 veröffentlichte er den Bestseller Nichts ist, wie es scheint beim Suhrkamp Verlag. Sein neues Buch Die Alarmierten ist im gleichen Verlag erschienen.