Der Inhalt ist wichtig, nicht der Kanal
„Journalismus gewinnt Vertrauen zurück, wenn er erklärt, wie Entscheidungen entstehen und Debatten anregt, statt Positionen vorzugeben“, sagt Janina Mütze. Foto: Rica Rosa/Civey
Janina Mütze ist Gründerin und CEO der Marktforschung Civey. In unserer 75-jährigen Jubiläumsausgabe haben wir 75 Ideengeberinnen und Ideengeber nach ihren Gedanken zum Journalismus gefragt. Mütze wünscht sich einen Journalismus, der Debatten anregt, anstatt Positionen vorzugeben.
10.02.2026
Frau Mütze, was sind aus Ihrer Sicht die großen Herausforderungen im Journalismus?
Janina Mütze: Wir stehen vor einer Beziehungskrise zwischen Journalismus und Publikum. Seit Jahren messen wir, dass das Vertrauen in Medien sinkt. Viele Menschen haben den Eindruck, dass ihre Lebensrealitäten, Fragen und Unsicherheiten in der Berichterstattung nicht ausreichend vorkommen. In einer fragmentierten Öffentlichkeit erwarten Nutzerinnen und Nutzer nicht bloß Informationen, sondern Einordnung, Transparenz und Dialog. Die zentrale Herausforderung besteht darin, diese neue Erwartungshaltung ernst zu nehmen und Journalismus wieder stärker als verbindende Instanz zu positionieren.
Wie lässt sich das umkehren?
Es braucht eine bessere Repräsentanz unterschiedlicher Perspektiven in Redaktionen. Wir arbeiten mit vielen Medien zusammen und beobachten seit einiger Zeit eine zunehmende Politisierung. Eine politische Redaktion ist grundsätzlich legitim. Kritisch wird es jedoch dann, wenn beim Publikum der Eindruck entsteht, dass nur noch eine politische Richtung abgebildet wird, Meinungen vorgeprägt sind. Dann geht Vertrauen verloren.
Warum kommt es zu dieser Entwicklung?
Sie ist eng mit dem wachsenden ökonomischen Druck auf den Medienmarkt verknüpft. Erlösmodelle brechen weg, Aufmerksamkeit wird knapper, Creators und soziale Netzwerke sind zur Konkurrenz geworden. Es werden klare Profile, starke Haltungen und zugespitzte Stimmen belohnt. Viele Verlage setzen deshalb verstärkt auf Haus- und Personenmarken, die Wiedererkennbarkeit schaffen und Bindung erzeugen sollen. Das ist aus wirtschaftlicher Sicht nachvollziehbar, hat aber eine Nebenwirkung: Differenzierung über Zuspitzung kann dazu führen, dass journalistische Vielfalt verloren geht.
Und wie kommen wir raus aus der Krise?
Indem Journalismus Veränderung als Chance begreift. Journalismus gewinnt Vertrauen zurück, wenn er erklärt, wie Entscheidungen entstehen und Debatten anregt, statt Positionen vorzugeben.
Janina Mütze ist Gründerin und CEO der Marktforschung Civey.