„Die Branche ist durchlässiger geworden, aber meilenweit davon entfernt, divers zu sein“

Lena Cassel wuchs in armen Verhältnissen auf, Fußball war eine Stütze. Heute kritisiert sie die Kommerzialisierung des Sports. Foto: Holger Talinski

Lena Cassel ist weiblich, lesbisch und laut – und damit eine Ausnahme im deutschen Sportjournalismus. Im journalist-Interview spricht sie über ihre Extrovertiertheit als Schutzpanzer in einer Männerdomäne und darüber, wie sie als ehemalige Spielerin die Balance hält zwischen Vertrautheit und kritischen Fragen.

Interview: Jan Freitag

Fotos: Holger Talinski

01.12.2025

Erst mit dem Schreiben ihrer Autobiografie kam Lena Cassel (31) dazu, über den Verlauf ihrer steilen Karriere zu reflektieren. Heute ist sie eine der wenigen weiblichen Stimmen im Sportjournalismus, dabei war das nie ihr Ziel. Sie wollte einfach spielen – denn auf dem Fußballplatz fühlte sie nichts von der Schüchternheit und Scham, die sie in der Schule und im Alltag einschränkten.

journalist: Lena Cassel, in Ihrer Autobiografie Aufstiegskampf beschreiben Sie, was Ihnen der Fußball alles gegeben hat: Unterstand, Familie, Schutzschild, einzige Konstante in einer schwierigen Jugend. Habe ich etwas vergessen?

Lena Cassel: Ach, da haben Sie sich schon die passendsten rausgesucht. Fehlt höchstens noch „roter Faden“: Wann immer ich über die Stationen meines Lebens nachdenke, lande ich früher oder später auf dem Fußballplatz. Ich empfinde es als Riesenprivileg, dass aus dieser frühen Leidenschaft erst Hobby, dann wahre Liebe und schließlich ein Beruf geworden ist, in dem ich ganz und gar authentisch sein darf, ohne mich zu verstellen. Dabei war der Weg, wie ich ihn gegangen bin, gar nicht der Plan.

Nein?

Anfangs wollte ich weder Moderatorin noch Reporterin werden, geschweige denn Fußballexpertin. Ich wollte einfach nur spielen.

Brauchen Sie das Spielen heute noch als Unterstand, Familie, Schutzschild, Konstante und roten Faden?

Mittlerweile bieten mir das auch andere Dinge im Leben. Aber als kollektiver Gefühlsrausch liefert der Fußball mir immer noch einen besonderen Zugang zu meinen Emotionen und bleibt deshalb so wichtig. Ich beschäftige mich jeden Tag damit, gehe alle zwei Wochen ins Stadion und habe darüber hinaus noch einen täglichen Fußballpodcast. Obwohl ich nicht mehr selbst spiele, strukturiert er mein halbes Leben. Meine Beziehung zum Fußball ist vielschichtiger geworden als in meiner Jugend. Als Sportjournalistin kann ich Diskurse öffentlich beeinflussen. Ich spreche nicht nur über die Resultate vom Wochenende und wie sie zustande gekommen sind, sondern über die gesamte Kultur dahinter.

Buchstäblich als Moderatorin sämtlicher Haupt- und Randaspekte?

Ganz genau. Ich betrachte Fußball als Begegnungsraum von Menschen unterschiedlichster Herkunft. Uns verbindet nicht nur der rollende Ball, sondern Werte und Überzeugungen. Deshalb sehe ich mich auch nicht als Journalistin, die nur Fragen stellt – ich bin eine involvierte Beobachterin mit objektiver, klarer Haltung.

Angesichts dieses Sendungsbewusstseins ist es umso erstaunlicher, dass Sie sich lange für zu laut und zu bunt fürs Sportfernsehen gehalten haben.

(lacht) Ich wundere mich bis heute, wie ich hierhin gekommen bin. Da waren viele Zufälle und Bauchentscheidungen mit im Spiel. Es war ein ständiger Rausch, den ich erst aus der Vogelperspektive von heute zu verstehen beginne. Natürlich gab es berufliche, also finanzielle Entscheidungen, das will ich gar nicht leugnen; als Kind vergleichsweise armer Eltern ist Geld verdienen wichtig. Trotz allem stellt es meinen Wertekompass ganz schön auf die Probe, Teil dieses gewaltigen Business zu sein.

Gibt es ein richtiges Fußballberichterstattungsleben im Falschen?

Das frage ich mich erst seit kurzem, dafür aber ständig. Was wohl damit zusammenhängt, dass ich mit Anfang 20 in diesen Beruf eingestiegen und jetzt Anfang 30 bin. Die Kommerzialisierung des Fußballs fordert mich, weil sie den Sport zunehmend von seiner sozialen und kulturellen Basis entfernt. Diese Basis macht den Fußball für mich aber zu 80 Prozent aus. In der Berichterstattung fehlt mir oft die Einordnung, welche Verantwortung auch Medien in diesem System tragen. In Berichten über Ablösesummen, TV-Verträge oder Investoren fehlen Aspekte wie: Welche Strukturen fördern diese Entwicklung? Welche Alternativen gäbe es zu der Spirale aus Vermarktung und Aufmerksamkeit?

Sie schildern gerade Ihre Sicht auf die Branche. Wie blickt die Branche denn auf Sie als weibliche und queere Person, die laut und bunt ist? Das sind gleich vier Faktoren, die dem Männerbusiness Fußballjournalismus noch immer etwas fremd sind.

Ich glaube, dass die Branche mich trotz dieser vier Faktoren aufgenommen hat, und wegen meiner Fachkompetenz. Dass ich eine laute, bunte, lesbische Frau bin, war zumindest kein Hindernis.

Hat Ihre Zusatzqualifikation als studierte Medienwissenschaftlerin einen großen Anteil daran?

Nein, im Studium wurden mir kaum Dinge vermittelt, die ich im weiteren Berufsleben gebraucht hätte. Ein Zeugnis habe ich zuletzt als Werkstudentin bei der Sportschau gezeigt.

Welche Rolle hat Ihre von Armut geprägte Jugend darin gespielt, als Frau eine Männerbranche zu betreten?

Das hat mir ein gewisses Rüstzeug mitgegeben. Wobei ich zu Beginn meiner Karriere lauter und selbstbewusster sein musste, als ich es eigentlich bin. Als junger Mensch war ich so schambehaftet, dass ich nicht mal einen Tisch reservieren oder einen Zahnarzttermin buchen konnte. Das Überdrehte von damals war ein Schutzpanzer, der mich unangreifbar machen sollte.

Daraus haben Sie dann ein Label gemacht, das Sie heute vom Rest der Moderatorinnen abhebt?

Nicht bewusst. Aber ich sage mal so: ängstliche Hunde bellen lauter. Meine Schwächen zu akzeptieren, die Traurigkeit, die Stresssymptome, die Schlafproblematik – all das ist mir als Kopfmensch eigentlich erst beim Schreiben des Buches bewusst geworden. Ich bin dankbar, dass ich mein Bild für mich und andere geradegerückt habe.

Wobei sie das alte Bild zu einer der prägenden Figuren des aktuellen Sportjournalismus gemacht hat. Spricht das für die Durchlässigkeit Ihrer Branche?

Dafür sind immer noch zu wenig Frauen darin tätig. Vor allem zu wenig Frauen, denen man ihre Individualität zugesteht. Unser Korsett ist nach wie vor enger als das der Männer. Ich kriege bis heute Feedback wie: Lena, da könntest du mehr lächeln oder weniger fachsimpeln. Das kriegt garantiert kein Kollege zu hören. Unsere Expertise ist mittlerweile so gefragt wie unsere Gesichter, aber es gibt nach wie vor zu wenig Frauen, deren Stimmen wiederum zu leise sind. Die Branche ist durchlässiger geworden, aber noch meilenweit davon entfernt, divers zu sein.

 

„Es stellt meinen Wertekompass ganz schön auf die Probe, Teil dieses gewaltigen Business zu sein.“

 

Jetzt könnte man auch sagen: Vor der Kamera sind Frauen fast schon überrepräsentiert. Wenn ARD, ZDF, Sky, DAZN und RTL an der Seitenlinie ihre Tische aufbauen, steht dahinter mindestens eine Frau, während bis auf Stephanie Baczyk und Claudia Neumann kaum eine Frau kommentiert.

Da gibt es schon noch ein paar mehr: Christina Graf, Christina Rann, Rachel Rinast. Aber klar, für mich können es ohnehin nicht genug Frauen sein.

Trotzdem klingt die Parität in den Spielpausen ein bisschen, als sei der weibliche Faktor auch Eye Candy.

Nichts gegen telegene Presenterinnen, Fernsehen ist ein visuelles Medium. Aber es stimmt schon – sie stehen für Rollenbilder, die Männer nicht unbedingt erfüllen müssen. Trotzdem bewegt sich hinter den Kulissen etwas. Der Berliner Tagesspiegel zum Beispiel hat jetzt eine Ressortleiterin Sport. Dahinter stehen höchstwahrscheinlich ein paar tolle Männer in Entscheidungspositionen, die gegen alle Widerstände an sie geglaubt haben. Ohne solche Männer wäre auch ich nicht dort, wo ich heute bin. Und das ist übrigens nicht nur für uns Frauen gut, sondern auch für euch Männer.

Warum?

Jede divers besetzte Redaktion ist kreativer und besser. Geschlechterparität bietet vielleicht die einzige Chance, auch in Zukunft ein breites Publikum zu erreichen. Dafür sind unterschiedliche Lebensrealitäten vor und hinter der Kamera unerlässlich. Wenn wir das als Möglichkeit begreifen, könnte es das Mindset der gesamten Gesellschaft positiv beeinflussen.

Oder im Gegenteil reaktionäre Gegenwehr hervorrufen, wie es aktuell häufiger der Fall ist.

Veränderungen erzeugen Reibung. Gerade, wenn sie Privilegien hinterfragen. Genau deshalb braucht es sie: weil Sportjournalismus nur dann zeitgemäß und glaubwürdig ist, wenn er die Vielfalt des Sports und der Gesellschaft abbildet. Deshalb finde ich die hypothetische Debatte um Quoten so bescheuert. In vielen Bereichen mag sie durchaus ihre Berechtigung haben. Aber es geht nicht darum, Frauen unabhängig von ihrer Qualifikation in Männerberufe zu bringen, sondern all die hochqualifizierten Frauen, denen weniger qualifizierte Männer im Weg stehen.

Klingt nach einem Seitenhieb auf den WDR und deren Sportschau. Beide bezeichnen Sie im Buch als „Monarchie“. Sind die Streamer, bei denen Sie mittlerweile moderieren, ein paar Schritte weiter als öffentlich-rechtliche Anstalten?

Die Streamingplattformen sind in ihrer gesamten Hierarchie schneller und agiler, weil sie jünger sind und nicht behördlich organisiert. Bei aller Kritik dürfen wir allerdings zwei Dinge nicht vergessen: die Öffentlich-Rechtlichen müssen durch den Staatsvertrag ein Publikum von drei bis 99 Jahren ansprechen; das bringt ganz andere Zwänge mit sich, als für jüngere, zugespitzte Zielgruppen zu senden wie Amazon Prime oder DAZN. Zum anderen ist es manchmal leichter, neue Strukturen aufzubauen, als alte aufzubrechen. Deshalb möchte ich unbedingt betonen, dass ich ein riesiger Fan des öffentlich-rechtlichen Rundfunks bin. Auch aus sozioökonomischer Sicht.

Inwiefern?

Er ermöglicht barrierefreien Zugang zu Informationen und Unterhaltung für alle und kostet im Gegensatz zu den Streamingdiensten nur das, was ohnehin alle zahlen. Weil wir uns in meiner Kindheit weder Premiere noch Sky leisten konnten, sind Sportschau und Sportstudio noch immer wichtig für mich.

Klingt, als würden Sie irgendwann gern nach Hause zurückkehren.

Das ist richtig.

Sprechen Sie da gerade inoffiziell eine Bewerbung aus?

Ich beantworte nur Ihre Frage (lacht). Aber gerade als Fan möchte ich unbedingt, dass die öffentlich-rechtliche Sportberichterstattung noch offener, beweglicher, vor allem diverser wird. Fußball ist ein Spiegelbild der Gesellschaft. Als Journalistin darin Fuß zu fassen, ist bis heute anstrengend und ermüdend. Während es auch durchschnittlich begabte Männer in diesem Beruf nach oben schaffen, wird von uns vollständige Fehlerlosigkeit erwartet. Wir sind mit der Gleichberechtigung erst dann einen Schritt weiter, wenn es durchschnittliche Frauen in Führungspositionen schaffen und dort gelegentlich versagen dürfen.

Sie saßen zum Thema Investoreneinstieg bei Markus Lanz oder auf Bühnen von Panel-Diskussionen über die WM in Katar. Stellen Sie sich lieber in den Sturm als in das laue Lüftchen?

Ich empfinde Debatten tatsächlich nicht als Anstrengung und bin auch im Privatleben ein sehr diskursiver Mensch. Verantwortliche solcher Sendungen laden mich vielleicht deshalb gern ein, weil mein Antrieb von innen kommt. Das ist kein Selbstdarstellungsdrang.

Aber ein Drang zur Politisierung des Sportlichen und seiner Berichterstattung – was Ihnen zum Beispiel in einer Unbubble-Diskussion des ZDF vorgeworfen wurde.

Ich finde es lustig, dass diese Politisierung nie beklagt wird, wenn es ums Geschäftemachen geht, aber ständig, wenn es um Menschenrechte geht. Politik findet überall statt, wo Menschen aufeinandertreffen. Im Stadion sind das viele Tausend und vor dem Bildschirm Millionen. Wenn da so getan wird, als würden die Bürgerinnen und Bürger all ihre Überzeugungen über Bord werfen und unmündig werden, entspricht das einfach nicht der Realität in den Kurven. Wenn wir uns nicht mal darauf einigen können, dass der Einsatz für die Menschenwürde Teil des Fußballs ist, haben wir echt ein Problem. Und es macht das ganze „gegen Rassismus“ und „für Vielfalt“ bei der Fifa zum doppelmoralischen Lippenbekenntnis.

So wie die Hand vorm Mund der deutschen Fußballnationalmannschaft bei der WM in Katar, die Sie sehr kritisiert haben.

Die Geste war so dermaßen peinlich und aktionistisch, dass sie komplett nach hinten losging. Als DFB-Geschäftsführer Andreas Rettig jüngst in meinem Podcast Fußball MML Daily zu Gast war, habe ich ihn gefragt, wie er sich auf die WM 2034 in Saudi-Arabien vorbereitet. Als sie nach Katar vergeben worden war, waren schließlich auch noch zwölf Jahre Zeit, und trotzdem hat der Verband erst ein paar Monate vorher plötzlich gemerkt, dass Homosexuelle dort verfolgt werden. Wo ist da die Kommunikationsstrategie? Darüber kann ich mich heute noch aufregen.

Diese Emotionalität merkt man in Ihrem Buch genauso wie bei Ihren Auftritten vor der Kamera. Sie können Berufliches und Privates nicht gut trennen, oder?

Ich kann meinen Ansprüchen an Arbeit und Leben nur genügen, wenn ich zu hundert Prozent authentisch bin. Sobald ich das nicht mehr sein darf, werde ich mich umorientieren. Es gibt sicher einige, die mich gerade dafür nicht mögen, aber die Mehrzahl der Menschen mag meine Glaubwürdigkeit.

Erleben Sie oft Hass auf Social Media?

Zum Glück nicht. Mindestens 80 Prozent der Kommentare, die ich bekomme, sind positiv. Und wir dürfen nie vergessen, dass nur ein kleiner Teil der Nutzer:innen in den sozialen Medien den größten Teil des Lärms verursacht. Umso wichtiger ist, dass die leise Mehrheit öffentlich Stellung bezieht. Aber ich würde gern das Bild geraderücken, dass Frauen unablässig Hass im Netz ernten und Männer nicht.

Sie empfinden das Bild als schief?

Glauben Sie mir – ein Béla Réthy hat für seine Reportagen genauso viele Kommentare abgekriegt wie Claudia Neumann, und viele davon waren alles andere als freundlich. Der Unterschied besteht allerdings darin, dass Kritik an Frauen im Bildschirm fast immer sexualisiert ist. Das passiert mir natürlich auch. Die positiven Nachrichten überwiegen allerdings so sehr, dass ich mit den negativen gut umgehen kann. Deshalb kann ich anderen raten, sich zu exponieren. Geht in die Talkshows! Positioniert euch! Just do it! Es ist nicht alles nur schlecht da draußen.
 

„Geschlechterparität bietet eine, wenn nicht die einzige Chance, auch in Zukunft ein breites Publikum zu erreichen.“

 

Wenn Sie von Ihrem Beruf sprechen, fallen ständig Worte wie Leidenschaft oder Liebe. Beide können dazu führen, dass die journalistische Distanz leidet.

Ungeachtet meiner Emotionen versuche ich die journalistische Distanz bis zu einem gewissen Grad beizubehalten. Es gelingt mir meistens, nicht allzu wohlwollend in Gespräche zu gehen. Dinge, die ich für kritikwürdig halte, kritisiere ich auch deshalb, weil mich das öffentlich-rechtliche Fernsehen sozialisiert hat. Ich war nie die Journalistin, die nur beinharte, unangenehme Fragen stellt, sondern bevorzuge den Graubereich – eine Mischform, sich weder zu nah noch zu fern zu sein. Diese Balance hinzukriegen, ist gar nicht so einfach.

Fällt die Balance leichter bei einem Funktionär wie Andreas Rettig, mit dem man über die Kommerzialisierung des Fußballs spricht, als bei einem Spieler, mit dem man über die vergangenen 90 Minuten plaudert?

Bei mir persönlich schon. Je besser man die Leute kennt, desto mehr rückt der Mensch hinterm Funktionär oder Spieler in den Vordergrund. Und beide vor der Kamera zu siezen, während man sie dahinter duzt, wäre ja nicht authentisch. Deshalb duze ich im Interview auch einen Andreas Rettig. Einfach, weil ich ihn schon lange kenne. Gespräche am Spielfeldrand haben dagegen andere Temperaturen als solche hinter den Kulissen, für erstere ist Nähe geradezu zwingend.

Weil das Publikum sich diese Nähe wünscht?

Ja, und weil das Vertrauen dazu führt, dass man billige Phrasen vermeidet.

Sinnlose Fragen an einen Spieler zum Beispiel, wie glücklich er sei, gerade gegen Bayern drei Tore geschossen zu haben?

Diese Fragen gehören zum Geschäft, und sie sind als Einstiegsfrage nie verkehrt. Erstmal gemeinsam warmlaufen und dann tiefer in den Inhalt einsteigen. Es ist wichtig, auf Augenhöhe miteinander zu sprechen. Das macht Menschen auch jenseits der Sportberichterstattung gesprächsbereiter. Aber ganz gleich, wie gut das Verhältnis zu jemandem wie Andreas Rettig ist: Wenn wir uns über ein aktuelles Event hinaus unterhalten, werde ich schwierige Themen nicht aussparen, sei es die mangelnde Kommunikation des DFB, der Ausverkauf des Fußballs oder Weltmeisterschaften in Diktaturen wie Saudi-Arabien.

Die beginnt zwar erst in neun Jahren – ist trotzdem schon absehbar, bei welchem Sender und in welcher Funktion Sie dann tätig sein werden?

Das ist eine extrem schwierige Frage. In den vergangenen Jahren habe ich häufiger mal die Außenperspektive auf einen Sport eingenommen, über den ich zuvor vor allem aus der Innenperspektive berichtet hatte. Ich frage mich, wie lange ich das noch machen werde.

Und die Antwort?

Dass ich mich womöglich mehr noch als bisher anderen Themen abseits des Fußballs öffne. Der wird zwar immer ein Teil meines Lebens bleiben. Auch bei der WM 2034 in Saudi-Arabien. Aber vielleicht weniger.

Das heißt, wie bei Jessy Wellmer könnte es in Richtung Tagesthemen gehen oder wie bei Jochen Breyer in Richtung gesellschaftspolitische Reportagen?

Dem würde ich mich nicht versperren. Ich habe einen sehr gesellschaftspolitischen Geist, habe eine Leidenschaft für Debatten. Das werde ich ebenso wenig ablegen wie die Liebe zum Sport. Es kann durchaus sein, dass ich mich inhaltlich breiter aufstelle.

Auch in Richtung Live-Kommentar, der im Gegensatz zur Moderation ja noch viel eher ein Boys Club ist?

Das habe ich tatsächlich mal versucht, aber es passt nicht zu mir. Ich rede lieber mit als über Menschen und bin als Teamplayer ungern allein. Insgesamt wird der Fußball in welcher Form auch immer mein Brot-und-Butter-Geschäft bleiben. Darin kenne ich mich einfach am besten aus. Und darin bin ich am ehesten ich selbst.

Jan Freitag ist freier Journalist in Hamburg.
Holger Talinski arbeitet als Fotograf in Berlin.