Die neuen Aufgaben des digitalen Journalismus

Ingrid Brodnig und Martin Andree sind Speaker:innen bei der diesjährigen Digitalkonferenz "Besser Online". Foto: Gian Maria Gava, Dirk Borm

Am 6. September 2025 findet zum 21. Mal die DJV-Digitalkonferenz „Besser Online“ statt. Der Titel: Laut. Mutig. Unverzichtbar. Vorab haben wir mit den zwei Keynote-Speaker:innen darüber gesprochen, wo sie im digitalen Journalismus blinde Flecken sehen und was ihnen Hoffnung macht. Martin Andree fragt sich, wo der Protest der Journalist:innen bleibt, während die mächtigen Tech-Konzerne die Medienfreiheit gefährden. Ingrid Brodnig setzt auf Journalismus, wenn es um die Bekämpfung von KI-Fakes und Vertrauensverlust geht. Beide Digitalexpert:innen sorgen sich – und sehen gleichzeitig neue Möglichkeiten für einen erfolgreichen Journalismus im digitalen Raum.

Interviews: Ute Korinth

01.09.2025

„Konstruktiver Journalismus im TikTok-Format ist möglich“

Ingrid Brodnig ist eine österreichische Journalistin und Autorin. In ihrer Arbeit setzt sie sich mit den gesellschaftlichen Auswirkungen der Digitalisierung auseinander.

Immer mehr Journalist:innen überlegen, aus dem Beruf auszusteigen, weil Hetze und Druck zunehmen. Wie schützen wir uns vor Angriffen?

Zwei Dinge erscheinen mir wichtig: Tatsächliche Sicherheitsmaßnahmen zu treffen und die Sinnhaftigkeit der Arbeit zu unterstreichen. Mit Sicherheitsmaßnahmen meine ich, dass Medienhäuser ihr Personal tatsächlich unterstützen und schützen können. Zum Beispiel, indem sie juristische Verfahren oder Beratung finanzieren. Oder dass sie bei Online-Kampagnen die Betroffenen rasch verteidigen. Mit dem zweiten Punkt meine ich, Journalistinnen und Journalisten in der Sinnhaftigkeit ihrer Arbeit zu bestärken. Die Psychologin Dorothee Scholz hat mir für eines meiner Bücher mal erzählt: Es gibt gewisse Faktoren, unter denen Menschen hohe Belastung aushalten können. Ein Faktor ist der Fokus auf Sinnhaftigkeit. Man hält Belastungen eher aus, wenn man einen Sinn in der eigenen Tätigkeit erkennt.

Wie können wir wieder Vertrauen in Medien schaffen – gibt es journalistische Formate, die du als besonders zukunftsfähig für die digitale Öffentlichkeit siehst?

Ich finde, dass es wirklich guten Erklärjournalismus auf Social Media gibt. Nämlich von jenen, die zwar einerseits die Formatzwänge von TikTok und Instagram erfüllen und somit den Sehgewohnheiten eines digitalen Publikums entsprechen, dann aber gründliche Recherchen liefern oder wissenschaftliche Einblicke geben. Ein klassisches Beispiel für derartigen Wissenschaftsjournalismus ist Mai Thi Nguyen-Kim. Und mir fällt eine österreichische Recherche zu SkinnyTok ein, die zeigt, wie rasch junge Frauen mit Content versorgt werden, der Essstörungen glorifiziert. Es ist möglich, konstruktiven Journalismus im Instagram- oder TikTok-Format zu vermitteln. Und das passiert zum Glück auch.

KI macht Deepfakes einfach wie nie. Wird Journalismus künftig ständig nachweisen müssen, dass etwas echt ist?

An manchen Tagen macht es mir mehr Angst, dass Menschen durch KI der tatsächlichen Realität nicht mehr trauen, als dass es zu manchen Themen KI-Fakes gibt. Ja, es gibt Deepfakes. Zum Beispiel hat Veo 3, der KI-Video-Generator von Google, das Erfinden von Videos enorm erleichtert. Aber tiefgehend problematisch ist auch, dass ebenso reale Videos und Bilder angezweifelt werden – weil Menschen unliebsame reale Aufnahmen mit falschen KI-Vorwürfen abstreiten. Das ist zum Beispiel bei einer großen Demo gegen Rechtsextremismus in Köln passiert, wo ein reales Foto und der Erfolg der Demo angezweifelt wurden. Einige Leute fragen sich: Können wir überhaupt noch etwas mit Sicherheit wissen? Journalismus soll hier Durchblick bieten. Zum Beispiel lässt sich oft sehr wohl überprüfen, ob ein Vorfall echt ist, ob ein Bild eine reale Szene zeigt. Ich glaube, eine wichtige Aufgabe des Journalismus ist mittlerweile, Unsicherheit einzuschränken. Nämlich dort, wo Recherchen ein klares Ergebnis liefern.
 

„Die Medienfreiheit ist fundamental gefährdet“

Martin Andree forscht als Medienwissenschaftler an der Universität Köln zur Dominanz von Digitalkonzernen und ihrer Auswirkung auf den Journalismus.

Du sprichst von der „Macht der digitalen Plattformen“, die droht, die Demokratie zu zerstören. Welche blinden Flecken siehst du im Journalismus im Umgang damit?

„Blinder Fleck“ ist eine gute Metapher – denn erstaunlicherweise gibt es im Journalismus keine ernstzunehmende kritische Gegenwehr. Die feindliche Übernahme des Mediensystems durch die Tech-Konzerne wird ohne jeden Protest hingenommen. Ich kann mir selbst nicht erklären, woran das liegt, denn derselbe Journalismus nimmt auf anderen Feldern ja weiterhin kritisch seine demokratische Wachhundfunktion wahr.

Der Begriff der Öffentlichkeit verändert sich, wenn Plattformen bestimmen, was wer sieht. Was kann der Journalismus dagegen tun?

Der Journalismus sitzt hier in einer Falle. Die demokratische Öffentlichkeit wird seit jeher als Forum beschrieben. Allerdings gehört das digitale Forum heute den Tech-Konzernen, die es über Algorithmen oder AGB kontrollieren. Unter den Bedingungen dieser Inbesitznahme sind journalistische Inhalte (wie andere Inhalte auch) nicht mehr unabhängig und frei. Wir alle tanzen nach den Algorithmen der Plattformen. Deswegen reicht es nicht, sich darin fortzubilden, wie man etwa auf TikTok erfolgreich ist. Die Medienfreiheit ist fundamental gefährdet. Dagegen sollten die redaktionellen Medien protestieren. Nichts spricht dagegen, hier auch das Bundesverfassungsgericht anzurufen.

Braucht es alternative journalistische Plattformen?

Unter den Bedingungen der Monopole ist die Vorstellung „alternativer Plattformen“ naiv. Metaphorisch gesprochen ist es völlig egal, ob man eigene Lokomotiven baut, wenn Big Tech das Gleissystem gehört und diese Lokomotiven am Ende auf der grünen Wiese stehen. Dabei wäre es einfach möglich, das digitale „Schienennetz“ so zu öffnen, dass Medien faire Zugänge erhalten – sowohl auf der Inhalts- als auch auf der Monetarisierungsebene.

Der Ruf nach alternativen Plattformen entspricht einem typischen Denkmuster im Journalismus, das immer erst vom Inhalt aus denkt. Die Sichtbarkeit dieser Inhalte war in der Vergangenheit die Aufgabe anderer Abteilungen („da muss sich der Vertrieb drum kümmern“). Fatalerweise ist Sichtbarkeit aber die Bedingung der Möglichkeit von Journalismus, frei nach Kant formuliert. Und diese Bedingung kollabiert in der digitalen Sphäre.

Alle Informationen zu „Besser Online“ finden Sie hier