„Die Rolle der konfrontativen Marktschreierin würde mir niemand abkaufen“
Miosga bekommt den Spardruck der öffentlich-rechtlichenSender zu spüren – und hält ihn trotzdem für sinnvoll. Foto: Philipp Rathmer
Vor zwei Jahren übernahm Caren Miosga (56) von Anne Will den wichtigsten Sendeplatz für politische Talkshows im deutschen Fernsehen: Sonntagabend in der ARD. Im journalist-Interview erzählt sie, warum sie Deutschland für weniger polarisiert hält, als alle sagen – und weshalb das Menschliche in ihrer Sendung so wichtig ist.
Interview: Jan Freitag
20.01.2026
„Wir leben in einer Zeit, in der nur noch wenig so ist, wie wir es jahrzehntelang kannten“, sagt Caren Miosga im journalist-Gespräch. Die Polarisierung in der Gesellschaft nehme zu – dennoch glaube sie fest an die Kraft der Grautöne.
journalist: Frau Miosga, Sie sind vor ziemlich genau zwei Jahren aus den Nachrichten zur Talkshow gewechselt. Welche ihrer zwei Silben ist wichtiger – Talk oder Show?
Caren Miosga: Ich würde sie am besten beide ersetzen. Natürlich enthält unsere Sendung unterhaltsame Elemente; es soll ja auch niemand einschlafen vorm Bildschirm. Aber eine Show ist es definitiv nicht.
Wobei „Show“ ja keine Ableitung von „Schau“ im Sinne einer Vorstellung ist, sondern zunächst mal vom Begriff „Zeigen“ kommt.
Also rein etymologisch haben Sie natürlich recht, aber umgangssprachlich ist die Konnotation der Show auf Entertainment ausgelegt oder um mit dem Vokabular des Bundeskanzlers zu arbeiten: auf Rambozambo. Deshalb würde ich nüchterner „Gesprächssendung“ bevorzugen.
Und anders als in den Siebzigern besteht bei Ihnen ja nun wirklich keine Gefahr, dass geladene Spontis eine Axt zücken und das Studiomobiliar zerhacken.
Bis jetzt noch nicht (lacht). Wir führen Gespräche, die Orientierung darüber bieten sollen, was politisch gerade generell diskutiert wird. Erst der Dialog mit dem politischen Gast, dann eine kleine Runde mit Beobachtern oder Wissenschaftlern. Denn was in diesem Genre meist etwas untergeht, sind die Persönlichkeiten hinter den Politikerinnen und Politikern, ihre Beweggründe und Erwartungshaltungen. Mich interessiert eben auch der Mensch dahinter.
Ist dieser menschliche Faktor verglichen mit dem reinen Inhaltsdiskurs nicht exakt jenes Unterhaltungselement vom Boulevard, das Sie Ihrer Gesprächssendung austreiben wollten?
Wenn der menschliche Faktor ein Selbstzweck bliebe, schon. Uns ist aber sein Erkenntnisgewinn fürs Politische wichtiger als umgekehrt. In einer der letzten Sendungen des vorigen Jahres war es daher sinnvoll, mit Jens Spahn zunächst allein darüber zu reden, warum er in seiner Fraktion bereits zweimal keine Mehrheit zustande gebracht hatte. Nach diesem Zwiegespräch haben wir mit ihm dann in der Runde fundiert über die Rentenabstimmung im Bundestag und die Zukunft der Rente gesprochen. Wer die politischen Schmerzpunkte finden will, muss auch verstehen, wie die Menschen denken, die politische Entscheidungen treffen, und was sie zu ihrem Handeln bewegt; so werden wir unserem Auftrag gerecht, Politik verständlich zu machen.
Welcher Auftrag gehört demnach nicht dazu – das Ersatzparlament etwa, von dem bei ihren Vorgängerinnen am Sonntag seit Sabine Christiansen gern die Rede war?
Alle Formate der politischen Debatte gehören zum Auftrag des öffentlich-rechtlichen Fernsehens und haben ihre Berechtigung. Aber als Zuschauerin politischer Talkshows frage ich mich gelegentlich, was ich wohl lernen kann, wenn Positionen nur konträr besetzt werden, um sie kollidieren zu lassen. Ich habe gar nichts gegen konstruktiven Streit. Aber er ist nicht sinnvoll, wenn er um seiner selbst willen orchestriert und damit vorhersehbar wird. Wir leben in einer Zeit, in der nur noch wenig so ist, wie wir es jahrzehntelang kannten. Russland führt Krieg in Europa, die USA halten nicht mehr die schützende Hand über uns. Zudem funktioniert unser eigenes Land immer weniger, weil zu viel liegengelassen wurde. Das verunsichert viele Menschen. Deshalb versuchen wir eher zu erklären, zu hinterfragen, zu verstehen als ein Parlament zu simulieren.
„Die vermeintliche Streitkultur auf Social Media befeuert nicht nur die Polarisierung der Gesellschaft, sie erzeugt sie erst.“
Ist Ihnen das in 60 Sendungen so gelungen, wie Sie es im Januar 2024 geplant hatten?
Immer schwierig, sich selbst zu bilanzieren, oder? Aber im zweiten Jahr waren wir bestimmt trittsicherer als im ersten. Damals war ja noch alles neu: die Sendung selbst, das Team dahinter, die Technik. Sämtliche Abläufe mussten sich erst finden, um das Thema der Woche am Sonntag aufzugreifen und richtig zu bündeln.
Und das, so der dringliche Wunsch des Senders, mit guter Einschaltquote. Sind sie mit der zufrieden, obwohl es nach der Premiere ein bisschen bergab ging?
Ja. Wir hatten im ersten Jahr eine Durchschnittsquote von 14,4 Prozent bei rund 3,2 Millionen Zuschauern. Diese Quote konnten wir auch 2025 halten – trotz einer kleinen Delle nach der Sommerpause, die es bei allen politischen Talks gab. Manchmal wollen die Leute auch einfach nur mal von all den Krisen verschnaufen, aber bis Ende des Jahres wuchs das Bedürfnis nach jener Orientierung wieder, von der wir eben sprachen.
Ist diese Orientierung abgesehen von der Quote ihr Maßstab für Erfolg oder spielen da auch Faktoren wie Meinungsführerschaft und produzierte Schlagzeilen eine Rolle?
Relevanz ist auch wichtig, genau wie die Frage, wie viele Menschen wir erreichen. Aus unserer Sendung wird viel aufgegriffen, ich wundere mich manchmal, was alles. Aber wirklich etwas über die Hintergründe von Politik zu erfahren, ist mir lieber als jede Schlagzeile.
Hat Anne Will, um sie zum ersten und letzten Mal mit Ihrer Vorgängerin zu vergleichen, die Messlatte da hochgelegt oder mitgenommen, weil Sie Ihr eigenes Ding machen?
Anne Will war mit einem anderen Konzept sehr lange erfolgreich. Aber neue Formate brauchen frischen Wind und frische Angebote – zumal die Gesamtzahl des linearen Publikums sinkt und die digitale Nutzung immer wichtiger wird.
Bei relativ konstantem Talkshow-Personal. Ihre Lieblingsgäste wie Lars Klingbeil, Markus Söder oder Robin Alexander saßen auch bei Anne Will am häufigsten.
Das liegt in der Natur der Sache einer Sendung wie der unseren, die aus dem begrenzten Pool politischer Spitzenleute schöpft. Deshalb laden wir gelegentlich auch ehemalige Spitzenpolitiker ein, die nicht auf Partei- oder Fraktionsdisziplin achten müssen und freier reden können. Da entsteht sofort eine andere Atmosphäre, in der alle einander noch entspannter ausreden lassen.
Manchmal lassen Sie Gäste fast ein bisschen zu viel ausreden, wie man Ihnen gleich in Ihrer ersten Sendung mit Tino Chrupalla vorgeworfen hat.
Tino Chrupalla durfte genauso wie andere ausreden. Das sagt aber nichts über die Sendung als Ganzes, in der er sich vielen kritischen Fragen stellen musste.
Bei Sahra Wagenknecht wurde Ihnen umgekehrt einige Wochen später vorgeworfen, zu hart gewesen zu sein.
Die sachliche Auseinandersetzung mit Frau Wagenknecht war genauso kritisch wie mit Herrn Chrupalla. Er musste als Parteichef dazu Stellung nehmen, dass seinem Spitzenkandidaten für die Europawahl – Maximilian Krah – vorgeworfen wurde, Geld aus Russland und China angenommen zu haben. Damit haben wir ihn konfrontiert; was übrigens zur Folge hatte, dass Herr Chrupalla sich von seinem EU-Spitzenkandidaten öffentlich distanzierte. Dafür haben ihn nach seinem Auftritt bei uns sogar die eigenen Leute kritisiert.
Nur zeitlich oder auch kausal in Folge Ihres Interviews?
Auch kausal. Illoyalität der eigenen Partei gegenüber ist nirgendwo verpönter als in der AfD.
„Wer die politischen Schmerzpunkte finden will, muss verstehen, wie die Menschen denken, die politische Entscheidungen treffen – und was sie zu ihrem Handeln bewegt.“
Der Vorwurf an Sie lautete eher, ihn mit einer geselligen Plauderei über seinen Vater als ganz gewöhnlichen, statt rechtsradikalen Gesprächspartner eingeführt zu haben.
Mit der Rechtsradikalität seiner Partei haben wir ihn sehr wohl konfrontiert – sei es durch diverse Zitate seines EU-Spitzenkandidaten oder die Wahlwerbung des AfD-Verbands in Sachsen-Anhalt. Die Frage nach dem Vater beziehungsweise dessen Beruf als Malermeister führte allerdings nicht zum gewünschten Ziel.
Dafür zeugte sie von ausgesuchter Höflichkeit. Bedingt journalistische Professionalität die aus Ihrer Sicht im Rahmen einer politischen Talkshow geradezu?
Ich finde grundsätzlich ja. Aber die Frage an Tino Chrupalla nach dem Malermeister verfolgte nicht den Zweck, Harmloses zu fragen, sondern ihn in seiner parteiinternen Rolle als „Pinsel“ zu verstehen, wie ihn Jörg Meuthen mal nannte, der Tino Chrupalla als Handwerker neben der Summa-cum-Laude-Volkswirtin Alice Weidel verunglimpfen wollte.
Wenn es die Thematik zulässt, würden Sie ihn heute zum Einstieg also etwas ähnlich Harmloses fragen?
Wir haben aus vielen Einzelgesprächen gelernt, uns auf eine oder zwei entscheidende Fragen beziehungsweise Schmerzpunkte zu konzentrieren und bei diesen in die Tiefe zu gehen.
Haben die Gespräche mit dem sehr rechten Tino Chrupalla und der sehr nach rechts gerückten Sahra Wagenknecht beeinflusst, ob Sie mit Rechten reden oder nicht?
Die AfD ist schlichtweg die größte Oppositionspartei. Mit der müssen wir als öffentlich-rechtliche Sendung reden. Natürlich diskutieren wir in der Redaktion sehr angeregt und nachdenklich, warum wir wen einladen und ob bestimmte Gäste konstruktiv argumentieren oder bloß konfrontativ, also überhaupt diskussionsbereit sind. Weil das bei vielen AfD-Politikern nicht der Fall ist, kann ich es nachvollziehen, wenn sich andere Redaktionen und Medien gegen Interviews mit ihnen entscheiden. Aber wir können sie nicht ignorieren.
Und verhindern dann wie genau, Ihnen auf den Leim zu gehen?
Indem wir beispielsweise die Diskrepanz dazwischen aufzeigen, was die AfD verspricht, wie etwa ein schnelles Wirtschaftswachstum, und was sich davon tatsächlich in ihrer Programmatik findet. Genau das haben VDA-Chefin Hildegard Müller und der Kollege Robin Alexander ja in der Sendung mit Alice Weidel getan, als sie ihr die Folgen von Abschottungspolitik und EU-Austritt in einem exportorientierten Land wie Deutschland sehr sachlich ausbuchstabiert haben.
Das klingt alles sehr nüchtern. Was macht es mit Ihnen persönlich, mit Rechten zu reden?
Es geht eher um die Frage: Wie muss ich mich vorbereiten auf einen Gast, der alle Tricks an Ausflüchten, persönlichen Angriffen, Whataboutism und Lügen draufhat, der Interesse an einem echten Gespräch vermissen lässt?
Braucht man dafür nur ein dickes Fell oder auch Konflikttraining und Rhetorikkurse?
Bei mir reichen ein dickes Fell und Erfahrung. Und es muss mir Freude bereiten. Letztlich können Sie sich keine anempfundene Art überstülpen. Der Schauspieler Matthias Brandt hat einmal gesagt: Fernsehen ist ein Gedankensichtbarkeitsapparat.
Das bedeutet?
Dass sich niemand komplett verstellen kann. Wenn ich also versuchen würde, die superkonfrontative Marktschreierin zu geben, würde mir das niemand abkaufen. In einer Live-Sendung muss man so oft innerhalb einer Sekunde entscheiden – dann helfen weder ausgedachte Rollen noch bis ins Detail durchdachte Fragenkataloge.
Sind Sie denn grundsätzlich streitfreudig?
Nee.
Und kompromissfreudig?
Ich kann mich an kaum eine meiner Sendungen erinnern, in der meine Gäste nicht letztlich respektvoll miteinander diskutiert hätten. Gelegentlich fällt der Satz: Da hast Du einen Punkt, das muss ich zugestehen. Wenn wir uns in den klassischen Medien genauso fertig machten wie in den sozialen, dann können wir es gleich lassen. Diese vermeintliche Streitkultur auf Social Media befeuert nicht nur die inflationär beschworene Polarisierung der Gesellschaft, sie erzeugt sie erst.
Sie glauben nicht, dass die Gesellschaft polarisiert ist?!
Nicht so tief, wie oft behauptet wird, dazu gibt es hochinteressante Forschungen. Die wenigsten sind komplett für oder gegen geschlossene Grenzen, Ukraine-Hilfen, Corona-Impfungen. Es gibt zu viele Grautöne, um schwarzweiß zu denken. Dennoch jazzen wir jede Auseinandersetzung gleich zur Grundsatzdebatte hoch. Nehmen Sie Friedrich Merz Stadtbild-Äußerung.
Ja?
Unabhängig davon, wie gelungen diese Bemerkung war, sorgt die Aggressivität der anschließenden Debatte innerhalb der gesellschaftlichen Mitte möglicherweise dafür, dass sich Menschen den Rändern zuwenden. Deshalb finde ich die These nicht falsch, dass eine Sendung, in der politisch gestritten wird, gelegentlich eine versöhnliche Wirkung erzielen kann. Dafür müssen sich meine Gäste ja nicht an den Händen fassen und Ringelpiez tanzen, sondern bloß mal auf die Argumente der anderen einlassen. Ich habe größten Respekt vor allen, die auch mal zugeben, dass der politische Gegner Recht hat.
Empfinden Sie Ihre Funktion auch als Mediatorin divergierender Meinungen und Interessen?
Nein. Ich bin Moderatorin. Ich leite keine Therapiesitzung.
Einen Lehrberuf aber auch nicht, oder?
Man lernt es durchs Machen. Ich habe zunächst im Radio, dann beim Fernsehen in Kulturformaten wie ttt und den Tagesthemen immer wieder Interviews geführt. Als ich das Medienmagazin Zapp moderiert habe, war gleich mein erster Gast einer der streitlustigsten, Michel Friedman.
Harter Hund. Was war die Einstiegsfrage?
Ob ich ihn mal anfassen dürfe (lacht). Das war nämlich seine Strategie, ganz buchstäblich so nah an seinen Interviewgästen dran zu sein, dass er sie hin und wieder am Arm berührte. Ich wollte wissen, wie es sich für ihn andersherum anfühlt.
„Ich habe nichts gegen konstruktiven Streit. Aber er ist nicht sinnvoll, wenn er um seiner selbst willen orchestriert und damit vorhersehbar wird.“
War der Wechsel vom Kulturmagazin zu den Nachrichten schwieriger als von den Tagesthemen zur Talkshow?
Ach, das ist alles nicht weit voneinander entfernt. Kultur ist nicht nur Oper, Kino, Literatur. Und Politik sind nicht nur Wahlen, Wirtschaft, Koalitionsstreit. Beide Ressorts behandeln unablässig auch größere und gesellschaftspolitische Fragen.
Wenngleich von unterschiedlich wahrgenommener Bedeutung.
Stimmt, aber die allergrößte Veränderung war für mich am Ende nicht die Art der Bühne, sondern die Verlängerung meiner Bühnenzeit auf 60 Minuten, inklusive der langen Einzelgespräche. Die übrigens immer dann am besten sind, wenn sie sich vom Manuskript lösen und ihre ganz eigene Dynamik entwickeln. Bis ich diese Dramaturgie intus hatte – das hat schon ein bisschen gedauert. Und das Herausforderndste ist, in einer Live-Sendung wirklich jedes Wort wahrzunehmen, wach zu bleiben und dabei immer noch mein iPad im Blick zu behalten, auf das meine Redaktion zwischendurch mit mir in Kontakt bleibt.
Ist das schon der geforderte Faktencheck in Echtzeit?
Wir liefern ihn gleich am nächsten Morgen nach. Ein Echtzeit-Faktencheck ist in einer Live-Situation kaum zu schaffen.
Bei ttt wäre um ein Haar Thilo Mischke einer Ihrer Nachfolger geworden, der wegen seiner bedenklichen Bücher und Aussagen zum Thema Frauen von der ARD verhindert wurde. War diese Entscheidung für Sie nachvollziehbar?
Ich mag es überhaupt nicht, mich über Kollegen öffentlich zu äußern. Dazu wurde von sehr Vielen schon sehr Vieles gesagt.
Moderieren Frauen anders als Männer?
Die Frage hab‘ ich mir noch nie gestellt. Ich moderiere bestimmt anders als Armin Wolf oder Louis Klamroth. Aber nicht, weil es Männer sind, sondern eben Armin Wolf und Louis Klamroth. Mit dem Geschlecht hat das wenig zu tun.
Aber vielleicht mit der Sozialisation, die Journalistinnen bereits als Mädchen womöglich weibliche Attribute wie Empathie oder Fürsorge anerzieht, Jungs hingegen eher Durchsetzungsvermögen und Mut.
Das mag sein, aber die Konsequenz sind nicht empathischere Moderatorinnen oder mutigere Moderatoren. Was manchmal vorkommt: dass männliche Politiker mit einer onkelhaften Umarmungstechnik um die Ecke kommen und auf kritische Fragen erst mal mit „Frau Miosga, Sie können das nicht wissen, ich erklär Ihnen das mal kurz“ reagieren. Außerdem wird der Unterschied zwischen Männern und Frauen bei den Reaktionen auf Moderatorinnen in sozialen Medien deutlich.
Wo Sie mehr Hass ernten als Armin Wolf und Louis Klamroth?
Nicht unbedingt mehr, aber fast immer sexualisiert. Zum Glück hält mein Team derartige Online-Kommentare konsequent von mir fern und filtert all das, was zu krass und beleidigend ist.
„Wenn wir uns in den klassischen Medien genauso fertig machten wie in den sozialen, dann können wir es gleich lassen.“
Lesen Sie sachliche Kritiken zu Ihrer Sendung?
Klar, schließlich erfahren wir dort Dinge, aus denen sich lernen lässt. Aber ich nehme mir nicht alles zu Herzen. Mir ist klar, dass eine reine Beschreibung der Sendung in einer Rezension langweilig wäre, also nehme ich es nicht zu persönlich, wenn sich Kritiker austoben.
Galt das bereits für Caren Miosga 2005?
Nicht im selben Umfang. Man braucht schon ein wenig Erfahrung, um damit souverän umzugehen. Mittlerweile weiß ich: Wie das Publikum mich sieht, ist oft eine Projektion. Damit kann ich leben.
Zumal Sie dafür ganz gut bezahlt werden.
Ach, da fangen Sie jetzt erst mit an?! (lacht)
Besser spät als nie. Sie werden mir bestimmt auf den Cent genau sagen, was die ARD Ihnen pro Sendung bezahlt oder zumindest die 19.000 Euro bestätigen oder dementieren, die der Business Insider errechnet hat?
Sie wissen genau, dass man über Verträge kein Wort verlieren darf. Ich frage Sie ja auch nicht, was Sie verdienen.
Abgesehen davon, dass ich es Ihnen umstandslos sagen würde, wird mein Honorar auch nicht durch Rundfunkbeiträge finanziert. Sollte es da nicht ein höheres Maß an Transparenz geben?
Das ist richtig, und deshalb ist die Produktionssumme für die zuständigen NDR-Gremien, die unsere Arbeit beaufsichtigen und kontrollieren, aufgeschlüsselt und vollständig transparent. Ich erkläre daher gern, wie sich die Kosten zusammensetzen.
Nur zu!
Wir haben von unserem Auftraggeber, dem NDR, einen sogenannten Vollauftrag. Während andere Sendungs-Aufträge nur die redaktionelle Arbeit beinhalten, gehört bei uns auch alles andere dazu, was sonst noch Teil einer produzierten Sendung ist: neben Studio auch Ton, Licht, Kameraleute, Cutter, Maske bis hin zum Sicherheitsdienst im Studio. Das macht so eine Sendung kostenaufwändig und im Minutenpreis auch teurer, als wenn es nur um den Teil der Redaktion geht. Und ja – auch ich werde bezahlt. Meine Arbeit beginnt nicht erst am Sonntag, sondern oft schon zehn Tage vorher mit Recherchen und Redaktionssitzungen. Und weil wir unbedingt aktuell sein wollen, bereiten wir manchmal mehrere Themen und Sendungen parallel vor, um je nach Nachrichtenlage gegebenenfalls von Innen- auf Außenpolitik oder umgekehrt wechseln zu können.
Kommt das vor?
Ja, häufig. Es ist eine sehr intensive Arbeit. Und ich trage dafür die Verantwortung. Alle Kritik an der Sendung geht ebenso wie Lob auf meine Kappe. Ich stehe dafür gerade, hier bei Ihnen wie morgens beim Bäcker. Und wenn über Kosten für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk diskutiert wird, fände ich es gut, auch über seine Bedeutung für die Medienlandschaft generell zu sprechen.
Die aus Ihrer Sicht worin genau besteht?
Weil in der Fläche immer mehr Regional- und Lokalzeitungen verschwinden, ist die unabhängige Berichterstattung von ARD und ZDF besonders im ländlichen Raum oft die letzte seriöse Informationsquelle. Deshalb brauchen wir den öffentlich-rechtlichen Rundfunk in diesen Zeiten umso mehr. Natürlich sind Sparmaßnahmen unerlässlich. Aber an der Reduzierung der Doppelstrukturen der neun Rundfunkanstalten wird ja längst gearbeitet.
Diese Prozesse bilden den Kern der anstehenden Reformen, inklusive zusammengelegter Sender und Themenschwerpunkte. Kriegen Sie die Sparmaßnahmen der ARD auch als Produzentin Ihrer eigenen Sendung zu spüren?
Die meisten Verträge und damit zusammenhängende Sendungsbudgets sind heute deutlich geringer als früher. Auch das Budget für unsere Sendung ist um einiges weniger als für das Vorgängerformat. Der Spardruck ist auch bei uns zu spüren. Und das finde ich in Ordnung so.
Sagen Sie das als Unternehmerin, Beitragszahlerin, Bürgerin oder Mensch?
Als alle zusammen. Ich bin Moderatorin und Unternehmerin, die aus voller Überzeugung für einen öffentlich-rechtlichen Rundfunk arbeitet, den ich auch als Beitragszahlerin, Bürgerin und Mensch unbedingt erhalten möchte.
Sie haben schon die Bedeutung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks für Demokratie und Pluralismus angesprochen. Welche hat er für die Presse und den Journalismus selbst?
Dafür hat er natürlich auch eine große Bedeutung. Ich habe es unlängst mal versucht, einem Taxifahrer zu erklären, der fragte, warum er für „diesen Scheiß“ bezahlen solle. Ich habe „diesen Scheiß“ dann mit einer Krankenkasse verglichen, in die man ja auch ein Leben lang einzahlt – selbst wenn man niemals krank wird. Es ist ein Solidarbeitrag, der allen zugutekommt, allen etwas anbietet und unabhängige Berichterstattung gewährleistet. Warum die wichtig sei, wollte der Taxifahrer wissen. Ich habe gesagt, weil sie sich weder nach politischen noch kommerziellen Interessen richtet, und sich jeder so seine eigene Meinung bilden kann. Und der Vorwurf, dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk zu links sei, hat nun wirklich so einen langen Bart.
Ist er nicht?
Nein. Und ich möchte auch nicht über politische Farben einzelner Kommentare diskutieren, sondern die journalistische Grundversorgung insgesamt. Wir haben gesinnungsfrei zu berichten, weshalb auch niemand weiß, was ich politisch denke und wie ich wähle. Es geht nicht mehr um diese Unterscheidung links oder rechts, es geht eher darum, dass wir für alle berichten, über Großstädte genauso wie über Dörfer, Kreise, Kommunen. Bei den Tagesthemen erzählen wir schon seit Jahren individuelle Geschichten ländlicher Räume, damit auch die Wünsche und Probleme dieser Leute gesehen werden.
Diversität hat also nicht nur mit Geschlecht und Herkunft zu tun?
Genau, und die Studios in Singapur oder Washington sind keinesfalls wichtiger als die in Dortmund oder Schwerin. Nur so erhalten wir die Akzeptanz des öffentlich-rechtlichen Rundfunks.
Wie kann man den Journalismus, der auch dort entsteht, noch verbessern?
Indem man verschiedene Lebenswirklichkeiten unabhängig von der politischen Gesinnung in ihrer Gesamtheit abbildet. Und indem wir den wachsenden Desinformationen, die über digitale Medien verbreitet werden, journalistische Qualität und Standards entgegensetzen – auch in Konkurrenz zu alternativen Medien und Wahrheiten, wie sie etwa der US-Präsident auf seiner eigenen Plattform Truth Social verbreitet. Damit die Leute nicht 1 und 1 zusammenzählen, aber auf 3 kommen, müssen wir besser sein, zum Beispiel, indem wir immer mindestens zwei Quellen parat haben. Das gilt natürlich auch für Sendungen wie meine.
In der das Themenspektrum stark zugespitzt ist, um nicht „eingeschränkt“ zu sagen. In den ersten 60 Sendungen ging es meist um Ukraine, AfD, Israel, Ampel und Groko, dazu Sicherheit und zuletzt gleich dreimal die Rente.
Und?
Welches Orchideenthema, das im politischen Alltag unterm Radar läuft, würden Sie sich dringend einmal für Ihre Sendung wünschen?
Als studierte Slawistin würde ich natürlich sehr gern den Leuten eine Stimme geben, die komplett verstummt sind, den russischen Oppositionellen. Oder ein ganz anderes Thema: Weil Bildung in Deutschland Ländersache ist, denken auch wir darüber nach, wie wir daraus eine Sendung mit bundesweit relevanten Gästen machen können. Und was haben Sie gegen die Rente?
Gar nichts. Aber sie betrifft wie Bildung und Bürokratieabbau gesellschaftspolitische Kernbereiche. Ich habe mich eher gefragt, ob Sie nicht mal mit Wolfram Weimer, Claudia Roth und Carsten Brosda über Kulturpolitik diskutieren wollen.
Ach so, ja klar! Aber bevor ich mit Wolfram Weimer übers Sparen an der Kultur reden könnte, müsste ich ihn – und zwar nicht nur durch die Blume – fragen, wie er mit den Vorwürfen der Verflechtung von seinem politischen Amt und seinen privaten wirtschaftlichen Interessen umgeht. Danach könnten wir gern über Theater, Film und Kunst sprechen – Themen, die übrigens viel mehr wert sein sollten als das schmückende Beiwerk der Orchidee.
Jan Freitag ist freier Journalist in Hamburg.