Die Verteilung von Informationen hängt von Algorithmen ab
„Journalismus muss offenlegen, wie tief digitale Macht in Arbeitsbedingungen, Meinungsbildung und gesellschaftliche Teilhabe eingreift", sagt Aya Jaff. Foto: Mark Sommerfeld
Aya Jaff ist Sachbuchautorin und Unternehmerin. In unserer 75-jährigen Jubiläumsausgabe haben wir 75 Ideengeberinnen und Ideengeber nach ihren Gedanken zum Journalismus gefragt. Jaff kritisert die zunehmende Abhängigkeit des Journalismus von großen Plattformen.
09.02.2026
Digitalisierung wird oft als Fortschritt präsentiert. Alles wird schneller, smarter, effizienter. Doch der Journalismus darf sich nicht von dieser Oberfläche blenden lassen. Sein Auftrag ist nicht, technische Neuerungen zu feiern, sondern die Machtstrukturen sichtbar zu machen, die sie formen.
Die großen Plattformen haben die öffentliche Sphäre grundlegend verschoben. Aufmerksamkeit wurde privatisiert. Verteilung von Informationen hängt von Algorithmen ab, die niemand öffentlich legitimiert hat. Redaktionen hängen immer stärker von genau den Unternehmen ab, deren Geschäftsmodelle sie eigentlich kritisch begleiten sollten. Das ist kein technisches Problem. Das ist ein demokratisches Problem. Journalismus kann Macht nicht kritisieren, wenn er von ihr abhängig ist.
Wenn wir über die Zukunft des Journalismus sprechen, müssen wir deshalb über Infrastruktur sprechen. Wem gehören die digitalen Räume, in denen wir Debatten führen? Wer kontrolliert die Daten, die bestimmen, was sichtbar bleibt und was verschwindet? Und welche Interessen lenken die Systeme, die unsere politische Wirklichkeit sortieren? Wer die Infrastruktur besitzt, bestimmt am Ende auch die Erzählung.
Ein Journalismus, der relevant bleiben will, muss also genau diese Fragen ins Zentrum stellen. Er muss Technologie politisieren. Es reicht nicht, Innovation zu erklären. Er muss offenlegen, wie tief digitale Macht in Arbeitsbedingungen, Meinungsbildung und gesellschaftliche Teilhabe eingreift. Er muss zeigen, dass technologische Entwicklungen nicht naturgegeben sind, sondern Entscheidungen. Und dass andere Entscheidungen möglich sind.
Gleichzeitig braucht der Journalismus eigene Räume, die nicht von Plattformlogik abhängen. Öffentlich finanzierte und gemeinnützige Modelle können hier entscheidende Alternativen sein. Wenn Medien wieder zu Orten werden, die nicht um Sichtbarkeit konkurrieren, sondern um Erkenntnis, entsteht Raum für kritische Recherche und demokratische Kontrolle. Eine freie Presse kann nicht in einem Geschäftsmodell überleben, das ihr nicht gehört.
Die Zukunft des Journalismus liegt nicht darin, sich den Innovationszyklen der Tech-Branche anzupassen. Sie liegt darin, ihre Auswirkungen zu verstehen und ihre Macht zu begrenzen. Nur so kann Journalismus das leisten, was er am besten kann: Licht in Strukturen bringen, die im Dunkeln bleiben sollen.
Aya Jaff ist Sachbuchautorin und Unternehmerin.