Dürfen Journalisten Gefühle zeigen?

Carlott Bru fragt sich: darf man als Journalist*in Gefühle zeigen? Foto: Amelie Niederbuchner

Growing up online: Unsere Autorin hat im Internet geweint, mehrfach. Macht sie das zu einer unseriösen Journalistin?

04.05.2026

Vor ein paar Wochen hat mein Partner nach dreieinhalb Jahren unsere Beziehung beendet. Wir haben zusammen gewohnt, Weihnachten gefeiert und unsere Zahnpasta geteilt. Plötzlich befand ich mich im freien Fall. Die Videos darüber haben bald sechs Millionen Menschen auf Social Media gesehen. Meine Kollegen, Chefs und Auftraggeber haben sie auch gesehen. Eine befreundete Kollegin hat mich darauf angesprochen. Sie plage das Gefühl, dass manche es komisch finden könnten, dass ich so etwas poste. Ich sei „die verrückte Ex“, das wirke influencer-mäßig, ungewöhnlich für eine Journalistin.

Mir scheint, eines der ungeschriebenen Gesetze unseres Berufs ist die protestantische Nüchternheit. Wir sind immer dankbar, wir haben die Ehre und durften ganz viel, vor allem ohne Sitzplatzreservierung durch Deutschland tingeln. Aber bewahre, wir sind stolz darauf. Selbst ein Journalistenpreis wird in Jeans entgegengenommen und verschämt eine Instastory vom goldenen Stift auf dem Tisch liegend gepostet.

Gefühle zu zeigen, online zu heulen, weil mir das Herz gebrochen wurde, das ist das Gegenteil. Es ist ein Bruch mit den Codes, besonnen und objektiv zu sein. Aber macht mich das zu einer schlechteren Journalistin? Es kommt auf unsere Maßstäbe an. Gerade weil sich jeder Journalist nennen darf, ringt unser Beruf ständig nach Legitimation und nach Abgrenzung.

Der wohl bekannteste Parameter lautet: Objektivität. Aber what the hell ist bitte objektiv? Wir als Menschen sind Subjekte, unsere Erfahrungen und Prägungen beeinflussen unsere Handlungen – und unsere Berichterstattung. Objektivität kann höchstens angestrebt werden.

Auf mich wirkt das ein bisschen wie der naive Glaube an die Wahrheit. Wahrheit verändert sich durch Wissensstand, auch deshalb sucht selbst die Wissenschaft immer nur einen Konsens. Manche Menschen können Wahrheit sogar formen, ein Horrorbeispiel dafür ist Donald Trump. Und unser Verhältnis zur Wahrheit hat sich durch Social Media sowieso noch einmal gänzlich gewandelt.

Subjektiv ist das neue Normal. Und der Rise of KI, die die wahrscheinlichste Antwort berechnen kann und dabei Zugriff auf viel mehr Informationen hat als wir jemals, macht menschliche Objektivität langfristig überflüssig. Alles, was nicht mit Gefühlen zu tun hat, kann die KI besser.

Ich denke: Unsere menschliche Stärke ist die Subjektivität und unsere journalistische Aufgabe ist es, die empfundene Realität zu dokumentieren. Wenn es mir wegen meiner Trennung schlecht geht, ist das eine Realität. Glaubt man den tausenden Nachrichten, die ich seitdem erhalten habe, sogar die Realität von vielen. Ziel des Journalismus ist auch: Zur Meinungsbildung befähigen. Ist es dann nicht Peak Journalismus, eine geteilte Realität so transparent zu beschreiben, dass sie Menschen verbindet und einen Diskussionsraum schafft, der bestenfalls zu einem breiteren Konsens führt?

Carlott Bru ist GenZ-Moderatorin und Content Creatorin. Außerdem berät sie zu Social-Media-Strategien. Sie lernte Yoga in Indien, Journalismus in München und Kreativität in Berlin. Für uns schreibt sie auf, was sie in der Medienbranche beobachtet.