„Es ist wichtig, zu differenzieren“

Christoph Werner leitet seit 2019 die Drogeriemarktkette dm. Foto: Christina Riedl

Wie politisch dürfen, wie politisch müssen Unternehmen sein? Die Drogeriemarkt-Kette dm erlebte einen Shitstorm. Die Kritik: Das Unternehmen habe sich nicht ausreichend von AfD-Positionen distanziert. dm-Chef Christoph Werner erzählt im journalist-Interview, wie er die Zeit erlebte und warum er es für wichtig hält, dass Unternehmer sich in gesellschaftliche Debatten einmischen.

Interview: Catalina Schröder

02.05.2026

dm-Chef Christoph Werner ermuntert Mitarbeiter, sich als Wahlhelfer zu engagieren. Und er verteidigt die Einführung der Marke Sheglam in seinen Märkten, die wegen ihrer Produktionsbedingungen in der Kritik steht. Im Interview spricht er über den Spagat zwischen Engagement und Unternehmertum. Er sagt: Demokratie lebt von Teilhabe – und von Differenzierung.

journalist: Herr Werner, wenn Sie sich den Zustand unserer Demokratie anschauen – gibt es dann etwas, das Ihnen Sorgen bereitet?

Christoph Werner: Es ist wichtig, differenziert auf das Thema Demokratie zu gucken. Demokratie bedeutet ja generell „die Herrschaft des Volkes“. Und diese sollte man unterscheiden von einer liberalen Demokratie. Das tun wir aus meiner Sicht oft nicht genug. Dabei ist ja das Konzept der liberalen Demokratie die große Errungenschaft, die wir in Deutschland haben. Denn diese bedeutet, dass nicht die Mehrheit die Minderheit drangsalieren darf, sondern dass es unverbrüchliche, individuelle Rechte gibt, die dafür sorgen, dass immer wieder neue Ideen eingebracht werden und Mehrheiten sich verändern können. Und ich glaube, im Moment können wir beobachten, dass das Zutrauen in die liberale Demokratie tendenziell schwindet.

Was sollten wir verändern?

Unser Staat ist in Teilen dysfunktional geworden. Es ist zum Beispiel unfassbar, wie lange Sie auf eine Baugenehmigung oder einen Personalausweis vom Termin bis zur Abholung warten müssen. Denn ganz ehrlich: So kompliziert ist das nicht. Ein Personalausweis ist ein ganz klar definierter Prozess. Da gibt es keine Sonderschleifen. Ich möchte nicht polemisch sein, aber bei dm kriegen wir es hin, ein individualisiertes Fotobuch innerhalb von wenigen Tagen zu erstellen und personalisiert zu verschicken. Es geht, wenn man es will. Aber wir haben in der Verwaltung zu oft eine Bräsigkeit, die sich überhaupt nicht daran orientiert, ob die Bevölkerung damit zufrieden ist, sondern die einfach ihr Ding macht.

Das ist nicht neu.

Aber deswegen wird zunehmend die Systemfrage in unserem Land gestellt. Das wird von der AfD clever aufgegriffen und so genutzt, dass sie zunehmend Wählerstimmen gewinnt. Die Tatsache, dass der Staat als dysfunktional erlebt wird, ist etwas, das das Zutrauen in unsere liberale Demokratie unterminiert.

Kann der Staat etwas von Unternehmern lernen?

Auch hier gilt es, zu differenzieren. Der Staat ist kein Unternehmen. Wenn ich es mal auf den Punkt bringen darf: Ein Unternehmen ist eine Autokratie – und unser Staat ist eine liberale Demokratie. Um ins Amt gewählt zu werden, richten sich Politiker oft nach dem, was bei Wählerinnen und Wählern gerade anzukommen scheint. In Unternehmen ist es anders. Dort wird man in ein Amt von Menschen eingesetzt, die man kennt und die einen persönlich kennengelernt haben. Hierbei handelt es sich nicht um anonyme Wahlen wie in der Politik. Ich glaube, was Politik von erfolgreichen Unternehmern lernen kann, ist die konsequente Orientierung an den tief verankerten Wünschen der Menschen, die Kreativität in der Weiterentwicklung der tragfähigen Leistung und die permanente Erneuerung der Organisation. 

Was würden Sie ändern?

Drei Dinge. Das eine ist, dass wir die Legislaturperioden auf sechs Jahre verlängern, damit Reformen greifen können, bevor sie wieder in der Wahl zerredet werden. Das Zweite ist die Begrenzung der Amtszeit auf zwei Wahlperioden. Das wären dann zwölf Jahre, also zwei Mal sechs Jahre. Das würde dazu führen, dass wir weniger Berufspolitiker und mehr Menschen mit unterschiedlichen beruflichen Hintergründen in der Politik hätten. Diese kämen aus dem Leben als Bürgerinnen und Bürger und gingen dorthin nach zwei Amtsperioden auch wieder zurück. Das würde zu lebensnäheren Entscheidungen führen. 

Und der dritte Punkt? 

Das ist der konsequente Einsatz von Sunset-Klauseln.

Das müssen Sie erklären.

Auf Deutsch sagt man „Auslaufklauseln“. Das sind Bestimmungen in Gesetzen oder Verträgen, die festlegen, dass bestimmte Regelungen nach Ablauf einer Frist oder beim Eintritt eines Ereignisses automatisch außer Kraft gesetzt werden. Das würde dazu führen, dass alle Gesetze ein verpflichtendes Wiedervorlage-Datum haben, weil sie sonst auslaufen. Und dann würden sie auf ihre Wirksamkeit überprüft werden.

Was würde das bringen? 

Das Problem sind nicht schlechte Gesetze per se, sondern Gesetze, die aus der Zeit gefallen sind und Gesetze, die mit anderen Gesetzen interagieren, obwohl das nie so gedacht war. Wir neigen dazu, in unserem Land immer wieder neue Gesetze zu erlassen, um das zu fixen, was nicht funktioniert. Dann wird es aber von Gerichten und von Juristen wieder so ausgelegt, dass sich am Ende überhaupt nichts mehr bewegt. Das führt dazu, dass die Abläufe immer dysfunktionaler werden und die Menschen immer verdrossener. Und dann wählen sie entsprechend. Das konnten wir bei den letzten Landtagswahlen sehen. Und das wird eher noch ausgeprägter werden. Die AfD wird deutlich höhere Stimmanteile erreichen, wenn in Ostdeutschland gewählt wird. Das ist absehbar. 

„Diese Idee des Ausschlusses der AfD aus den öffentlichen Debatten – wenn das funktioniert hätte, dann hätten wir nicht diese Wahlergebnisse.“

Über welche Medien informieren Sie sich?

Ich betreibe meine eigene Meinungsbildung wie das Zusammensetzen eines Mosaiks. Deshalb lese ich mehrere Zeitungen jeden Tag und informiere mich mit Podcasts.

Nämlich?

Die NZZ, weil ich in Gesprächen erfahren habe, dass viele Journalisten sie lesen. Täglich auch das Handelsblatt. Ich lese die Lokalzeitung hier aus Karlsruhe – den Lokalteil, denn was im Mantelteil steht, kenne ich schon aus den Nachrichten. Dann höre ich den Podcast Morning Briefing von Media Pioneer und Table Today mit Michael Bröcker und Helene Bubrowski. Außerdem schaue ich mir die Schlagzeilen vom Spiegel an, um zu wissen, wo der Nachrichtenfokus liegt. Die Berichterstattung dort empfinde ich jedoch oft als zu meinungslastig.

Woran machen Sie das fest?

Für mich wird das erkennbar an den Überschriften. Denn oft sind das mit einem Fragezeichen versehene Thesen. Das empfinde ich als suggestiv und nicht als informativ. Aus Zeitgründen beschäftige ich mich daher nicht weiter damit. 

Und sonst?

Den Economist habe ich abonniert. Da kommt morgens immer eine gute Zusammenfassung der internationalen Geschehnisse. Außerdem habe ich ein Digitalbo des Wall Street Journal, um die Vorgänge in den USA besser zu verstehen. Die Lebensmittelzeitung lese ich für die Branchennews. Manchmal höre ich die Nachrichtenpodcasts von SZ und Zeit oder „Das war der Tag“ vom Deutschlandfunk, oft auch „Lanz und Precht“.

In Interviews äußern Sie sich häufig politisch. Ist das Ihre Aufgabe als Unternehmer?

Das kommt, weil ich ein Schlüsselerlebnis hatte. Meine grundsätzliche Überzeugung ist, dass eine liberale Demokratie vom Einsatz der Bürgerinnen und Bürger lebt. Das ist ja das Schöne an unserem Konzept: Wir sind keine Monarchie mit einer Dynastie und einer Thronfolge, sondern es ist letzten Endes ein Wettbewerb um die guten Ideen. Wir sind darauf angewiesen, dass die Menschen in unserem Land sich äußern. Ich habe das Glück, dass ich auch gefragt werde.

Was war Ihr Schlüsselerlebnis?

Das war ein Gespräch mit der CDU-Politikerin Julia Klöckner in der vergangenen Legislaturperiode. Ich habe sie gefragt: Was wünschen Sie sich von der Wirtschaft? Und sie hat geantwortet: Herr Werner, wir führen viele Kamingespräche, und da sind die Wirtschaftsvertreter immer sehr klar in dem, was sich ändern müsste in unserem Land. Und wenn wir als Politiker einen Vorstoß wagen und dann medialen Gegenwind bekommen und uns umschauen nach den Menschen aus der Wirtschaft, die uns den Rücken stärken, dann sind die nie da.

Was hat sie gefordert?

Sie hat gesagt: Sie müssen Leserbriefe schreiben, Sie müssen Kolumnen schreiben, Sie müssen Interviewanfragen annehmen. Daraufhin habe ich mit Journalisten gesprochen und ihnen gesagt: Sie müssen viel mehr Leute aus der Wirtschaft interviewen! Und viele haben gesagt: Das machen wir und die sagen auch oft zu! Und dann kommt deren Kommunikationsabteilung und sagt: Machen Sie das mal lieber nicht! Und dann wird die Zusage widerrufen. Ich versuche da – wenn Sie so wollen – mit gutem Beispiel voranzugehen. In der Hoffnung, dass andere Unternehmer sich auch ein Herz fassen und sich mehr einbringen. Nicht alarmistisch und nicht nörgelig, sondern mit Vorschlägen, die debattiert werden können.

Viele Menschen werden die Debatte um den Verband der Familienunternehmer verfolgt haben: Der Verband hatte die AfD zu einem parlamentarischen Abend eingeladen, woraufhin Ihr größter Konkurrent Rossmann aus dem Verband ausgetreten ist. Sie hingegen haben dafür plädiert, grundsätzlich erstmal mit Politikern jeder Partei zu sprechen. Das hat Ihnen einen heftigen Shitstorm eingebracht. 

Oh ja!

Im Internet riefen Aktivisten beispielsweise dazu auf, nicht mehr in Ihren Filialen einzukaufen. Würden Sie heute wieder so reagieren?

Natürlich nicht so, denn auch wir lernen dazu. Wir hatten ja eine Anfrage bekommen zu dem Thema und haben darauf – wie ich meine – relativ differenziert geantwortet. Dann wurde das Statement nicht im Ganzen von der Süddeutschen Zeitung verwendet. Und damit ist es dann so aufgefasst worden, als würde ich mich dafür aussprechen, die AfD hoffähig zu machen. Und dann kam die Dynamik dazu, dass viele Aktivisten schon lange den Verband der Familienunternehmer auf dem Kieker hatten. Dann kam die Aufforderung, dass Unternehmen den Verband verlassen sollen. Und unser Hauptmitbewerber …

Rossmann

… hat gesagt: Wir treten aus. Allerdings ohne die damit ausgelösten Folgen im Einzelnen lange abzuwägen. Und damit wurde dann von Aktivisten die Front aufgemacht „dm gegen Rossmann“, was natürlich griffig war.

Hat Ihnen das wirtschaftlich geschadet?

Ich glaube nicht. Denn am Ende ist es uns dann doch wieder gelungen, die Deutungshoheit zurückzugewinnen und eben deutlich zu machen, dass es eigentlich um etwas ganz anderes geht.

Nämlich?

Um die Frage von Debattenkultur. Wir waren zum Zeitpunkt der Diskussion sowieso schon ausgetreten aus dem Verband der Familienunternehmer. Aber wir haben das nicht gesagt. Denn beim Verband der Familienunternehmer lagen die Nerven blank und es ging verständlicherweise zu diesem Zeitpunkt dort drunter und drüber. Und ich war der Meinung, dass man da nicht noch nachtritt, indem man sagt: „Wir treten deswegen jetzt auch aus“, sondern dass wir einfach mal versuchen, das eigentliche Problem anzusprechen. Und dann hatte ich das Glück, dass das in der Sendung von Markus Lanz auch ausgesprochen werden konnte.

Wie ging es weiter?

Viele Menschen haben dann gesagt: Wir finden es gut, dass das mal angesprochen wurde, denn wir müssen ja tatsächlich Debatten führen. Ganz ehrlich: Diese Idee des Ausschlusses der AfD aus den öffentlichen Debatten – wenn das funktioniert hätte – dann hätten wir nicht diese Wahlergebnisse im Moment.

Was würden Sie anstelle der Politiker tun?

Ich möchte den Parteien nicht sagen, wie sie sich zu verhalten haben. Die Brandmauer – das ist eine politische Diskussion für Parteien und Politiker und nicht für uns Menschen aus der Wirtschaft, die nur von der Seitenlinie aus kommentieren. Aber ich glaube, wir müssen uns in unserem Land überlegen, wie wir zu einer Debatte kommen, die dazu führt, dass wir auch einen Erkenntnisgewinn haben.

Wie geht das?

Wenn wir eine Partei immer von Debatten ausschließen und die dann selbst sagt: Die anderen Parteien sind ja gar nicht demokratisch, denn die schließen uns aus, obwohl wir viele Wähler repräsentieren – dann erweisen wir uns einen Bärendienst. Ich war gerade in einem Interview und eine Journalistin hat zu mir gesagt: Mit der AfD kann man gar nicht diskutieren. Sie wäre kürzlich auf einer Podiumsdiskussion gewesen und was der AfD-Vertreter behauptet hat, da wäre sie sprachlos gewesen.

Was haben Sie geantwortet?

Da müssen Sie besser werden als Journalistin! Das ist doch genau Ihre Aufgabe, so jemanden zu entlarven! 

Das tun Journalisten ja vielfach auch.

Aber oft nicht überzeugend genug. Auch als Händler muss ich immer noch besser werden im Umgang mit meinen Mitbewerbern und mit Online-Anbietern und chinesischen Plattformen. Ich muss an meinen Fähigkeiten permanent arbeiten und es ist immer unzulänglich. Das gilt für Journalisten genauso.

„Ich versuche, mit gutem Beispiel voranzugehen, in der Hoffnung, dass andere Unternehmer sich auch ein Herz fassen und sich mehr einbringen.“

Wie wichtig Ihnen unsere Demokratie ist, tragen Sie immer wieder nach außen: Zum 75. Geburtstag des Grundgesetzes im Mai 2024 haben Sie eine Werbekampagne geschaltet, mit dem Leitsatz „Die wichtigsten Artikel stehen nicht bei dm, sondern im Grundgesetz“. Wie kommt sowas bei Ihren rund 90.000 Mitarbeitenden an?

Ich glaube, es ist nicht zu unterschätzen, wenn Kolleginnen und Kollegen in einer positiven Art und Weise auf solche Aktionen angesprochen werden und dann auch stolz darauf sind, Teil unserer dm-Arbeitsgemeinschaft zu sein.

Rein statistisch ist auch Ihre Belegschaft ein Querschnitt unserer Gesellschaft. Wie gehen Sie intern mit extremen politischen Positionen um? 

Ich glaube, es ist immer wichtig zu differenzieren: Als Menschen sind sie bei dm tätig, und als Bürgerinnen und Bürger nehmen sie an freien und geheimen Wahlen teil. Letzteres ist ihre private Angelegenheit. Und wenn es um Zusammenarbeit geht, dann geht es darum, dass wir so miteinander arbeiten, dass eine Leistung entsteht, die für unsere Kunden relevant bleibt. Und da hat politische Agitation überhaupt nichts verloren.

Und wenn es doch passiert?

Wir haben das noch nicht erlebt, aber wenn jetzt hier jemand anfangen würde, Flugblätter zu verteilen – egal von welcher Partei – dann würde ich sagen: Ganz ehrlich, das ist nicht der Ort, wo sowas stattfinden sollte. Bei der letzten Bundestags- und Europawahl haben wir unseren Mitarbeitenden die Möglichkeit gegeben, sich als Wahlhelfer zu engagieren. Die Zeit, die sie damit verbracht haben, haben wir ihnen als Arbeitszeit gutgeschrieben.

Haben viele das Angebot angenommen?

Es waren einige. Aber auch nicht so viele, dass die Wahllokale Interessenten hätten abweisen müssen. Aber wenn wir das das nächste Mal wieder machen, dann wird es immer mehr wahrgenommen werden.

Bei Ihrem Produktsortiment legen Sie viel Wert auf Bio-Siegel und Nachhaltigkeit. Würden Sie ein Produkt aus dem Sortiment nehmen, wenn der zugehörige Produzent sich demokratiefeindlich äußert?

Die Bioprodukte haben wir im Sortiment, weil Kundinnen und Kunden sie nachfragen. Wenn sich das nicht verkaufen würde, würden wir es nicht anbieten. Man muss unheimlich aufpassen, dass man nicht ideologisch wird, und dabei aus dem Blick verliert, was bei Kunden wirklich ankommt. Das heißt, wenn es ein Produkt gibt, welches Kunden möchten, und sich ein Unternehmer anders äußert, als ich oder unsere Arbeitsgemeinschaft es für richtig halten – dann sollten wir uns sehr genau überlegen, ob wir deswegen das Produkt sanktionieren. Denn wir sind keine Missionare. Wir sind für die Kundinnen und Kunden da und nicht andersherum! Vielleicht haben Sie Ende letzten Jahres die Kontroverse um die Kosmetikmarke Sheglam verfolgt.

Worum ging es da?

Die Marke kommt aus Singapur und ist ein Tochterunternehmen von Shein.

Shein steht in der Kritik wegen umweltschädlicher Produktionsbedingungen von Kleidung und mangelhaften Arbeitsbedingungen. Sollte das nicht ein Ausschlusskriterium für dessen Produkte sein? 

Wir haben eine große Nachfrage bei jungen Menschen gesehen, die Sheglam-Produkte über TikTok, Social Media und Amazon gekauft haben. Und da haben wir gesagt: Wenn wir in dekorativer Kosmetik kompetent sein wollen, sollten wir die Marke ins Sortiment nehmen. Das gab große Diskussionen, auch intern. Ich habe eine Kolumne zu unserer Entscheidung in der Wirtschaftswoche geschrieben. Für uns war das der Moment, in dem wir uns fragen mussten: Sind wir kundenorientiert und was genau verstehen wir darunter? Es gibt natürlich Menschen, die finden das überhaupt nicht gut. Das sind aber nicht die Kundinnen und Kunden, die diese Produkte kaufen. Gleichzeitig gibt es Kunden, die diese Proukte kaufen möchten und sie auch bei dm erwarten.

Also entscheidet letztlich der Markt. 

Man kann unsere grundlegende Entscheidung für den Verkauf der Produkte auch anders bewerten. Aber meine Überzeugung ist: Kunden vertrauen darauf, dass sie bei dm die angesagten Artikel in unseren Kernkategorien auch finden. Unsere Aufgabe ist es daher, diese Artikel zu beschaffen und sicherzustellen, dass sie den gesetzlichen Anforderungen entsprechen. Wir sollten nicht anfangen, unsere persönlichen Überzeugungen aktivistisch oder missionarisch am eigentlichen Kundenbedürfnis vorbei durchzudrücken. Denn darauf liegt langfristig kein Segen.

dm ist auf allen Social-Media-Plattformen sehr aktiv – von Instagram über X bis TikTok. All diese Plattformen leben von der Polarisierung der Debatten, also eigentlich vom Gegenteil dessen, was Sie für die Stabilisierung unserer Demokratie fordern. Ist das für Sie kein Widerspruch?

Auch hier gilt für mich: Wir müssen da sein, wo unsere Kunden sind. Das gilt in allen Belangen. Es gilt auch für unsere Standorte. Wir können ja nicht sagen: Wir machen hier keinen dm auf, weil da nebenan ein Geschäft ist, das wir nicht gut finden: Glücksspiel oder Erotik oder was auch immer. In Bezug auf Social Media können wir sogar sagen: Wir können versuchen, ein bisschen positiven Einfluss zu nehmen. Wir müssen es so machen, dass es stimmig ist zu unseren Werten. Wir bemühen uns, dass unsere Beiträge immer etwas Verbindendes und Positives haben. Und eben nicht polemisieren, banalisieren oder polarisieren. So versuchen wir, unseren Beitrag zu leisten. Aber ich gebe Ihnen recht: Social Media ist eine echte Herausforderung. Man hatte ja ursprünglich mal geglaubt, dass es die Menschen zusammenbringt. Deswegen heißt ja Social Media – „social“ im Sinne von teilen und verbinden.

Das Gegenteil ist passiert.

Manche sagen sogar, sie seien zu Hassmaschinen verkommen. Dass Fakten und Meinung heutzutage gerne verwechselt werden, ist eine Folge von Social Media, weil sich Menschen in Echokammern gegenseitig in Rage reden und außerhalb der Echokammern ihren Anstand verlieren. Und da ist schon die Frage: Wie kann das aufgebrochen werden?

Haben Sie eine Idee?

Wir müssen schauen, dass wir das Prinzip des Vermummungsverbots aus der analogen Welt in die virtuelle Welt übertragen. Wir brauchen Klarnamen oder zumindest die Möglichkeit, dass deutlich wird, dass ich es mit einem Menschen zu tun habe, ohne dass er gleich seine gesamte Identität enthüllen muss. So wie Sie in der analogen Welt ja auch nicht Ihre Adresse auf Ihre Stirn tätowieren müssen. Gerade junge Menschen müssen wir in den sozialen Netzwerken schützen. Denn das enthemmte Verhalten einiger führt dort oftmals dazu, dass viele glauben, sie könnten ihre Meinung nicht mehr frei äußern. Es wäre der Todesstoß für eine lebendige, liberale Demokratie, wenn Menschen sich nicht mehr äußern, weil sie sich selbst zensieren.

Aber wie kann das funktionieren?

Social-Media-Plattformen sollten für die Inhalte verantwortlich gemacht werden, die sie pushen – so wie es bei Verlagen auch der Fall ist. Ich bin überzeugter Anhänger der Sozialen Marktwirtschaft. Deswegen plädiere ich für einen ordnungspolitischen Rahmen, denn sonst gilt das Recht des Stärkeren. Ein Markt zum Wohle aller benötigt faire Spielregeln, die auf der Stärke des Rechts basieren. 

Wenn Sie sich als Unternehmer eine Sache wünschen könnten, um unsere demokratische Kultur zu stärken – was würden Sie tun?

Ich glaube, dass durch die Art und Weise, wie wir in Deutschland das Miteinander und die Zusammenarbeit pflegen, wie wir mit Diversität umgehen, wie wir Eigenverantwortung kultivieren, wir das stärken können, was eine liberale Demokratie am Ende ausmacht. Das bedeutet, freimütig in unseren Äußerungen, wohlwollend im Zuhören und wahrhaftig zu sein. Das bedeutet, einander als Menschen zu begegnen, gemeinsam um gute Lösungen zu ringen. Tolerant zu sein, aber auch Rückgrat und Zivilcourage zu zeigen. Da können wir als Unternehmen unseren Beitrag leisten. Nicht, indem wir drüber reden, sondern indem wir es einfach mal tun. Wir sollten uns dafür einsetzen, dass die Dinge funktionieren in unserem Land. Das würde bewirken, dass Menschen wieder positiver gestimmt sind, dass sie beschwingter sind, dass sie wieder Zutrauen in die liberale Demokratie fassen und dass sie sich mit Zuversicht ins eigene Leben stellen, um ihr Lebensglück aktiv zu finden. Wir alle haben es gemeinsam in der Hand.

Catalina Schröder arbeitet als freie Reporterin in Hamburg.