„Es stellt sich eine gewisse Ermüdung ein. Von der Nachrichtenflut, der Bilderflut, der Videoflut“

„Menschen folgen auf Social Media nicht Marken oder Sendern, sondern Menschen“, sagt Victoria Reichelt. Foto: Holger Talinski

Victoria Reichelt (29) ist Moderatorin bei ZDFheute live und Tiktok-Journalistin für funk. Im Interview erklärt sie, warum Emotionen im Netz kein Widerspruch zu seriösem Journalismus sind – und weshalb öffentlich-rechtliche Medien vor einer neuen Chance stehen.

Interview: Catalina Schröder

Fotos: Holger Talinski

02.03.2026

journalist: Frau Reichelt, Sie haben kürzlich in einem Instagram-Video die These aufgestellt, dass viele Menschen dieses Jahr wieder mehr offline sein werden. Warum glauben Sie das? 

Victoria Reichelt: Ich glaube, dass sich eine gewisse Ermüdung einstellt. Von der Nachrichtenflut, der Bilderflut, der Videoflut. Ich merke es bei mir selbst und bei Menschen in meinem Umfeld, dass wir es im Alltag schwierig finden, auf allen Kanälen up to date zu bleiben. Und es ist zusätzlich überfordernd, zu jeder Tages- und Nachtzeit alle schlechten Nachrichten dieser Welt vor sich zu haben, sobald man den Feed öffnet.

War das nicht vor zwei oder drei Jahren schon so?

Ja, das bahnt sich schon länger an. Ich glaube aber, dass die zweite Trump-Administration eine große Rolle spielt. Die Ermordung von Charlie Kirk oder das ICE-Vorgehen in Minnesota – wir erleben eine neue Qualität politischer Eskalation in einer noch höheren Schnelligkeit. 

Ihre Zielgruppe sind 18- bis 25-Jährige. Erkennen Sie dort tatsächlich den Trend, weniger online zu sein?

Mir ist zuletzt aufgefallen, dass Menschen sich immer häufiger online vernetzen, um gemeinsam analoge Aktivitäten auszuüben. Auf Instagram gibt es Seiten für Laufgruppen, die sich im echten Leben treffen. Genauso ist es mit Buchclubs. Ich habe das Gefühl, dass die jüngere Generation eine Sehnsucht nach gemeinsamen Erlebnissen hat, die im echten Leben – ohne Bildschirm – passieren. Mich eingeschlossen.

Ist das eine schlechte Nachricht für jungen Journalismus? Denn der findet ja fast ausschließlich online statt.

Das heißt ja nicht, dass die Menschen sich aus den sozialen Netzwerken zurückziehen. Es geht mehr um ein bewusstes Nutzen von digitalen Medien. Für mich zum Beispiel heißt das: Privat logge ich mich einmal am Tag für 10 bis 15 Minuten bei Social Media ein, manchmal öfter. Aber ich möchte nicht mehr passiv zwischendurch scrollen, wenn ich gerade an der Supermarktkasse stehe. Das tut mir nicht gut. Ich finde den Begriff „junger Journalismus“ übrigens fast nicht mehr passend, denn meine Mutter und mein Großvater nutzen diese Plattformen auch. Wir sehen, dass Plattformen wie Instagram und Tiktok und auch YouTube stetig älter werden.

In dem erwähnten Instagram-Post prognostizieren Sie auch, dass die Menschen sich von den Social-Media-Plattformen abwenden werden, weil die inzwischen „vielen reichen Typen“ gehören.

Ich erlebe zu diesem Thema – auch bei mir – eine Art kognitive Dissonanz. Wir wissen, dass die großen Plattformen wie Meta, TikTok und Google in unserem Mediensystem eine enorme Monopolstellung haben. Ich glaube, viele haben das unterschätzt. In Deutschland, aber auch im Rest der Welt. Gleichzeitig sind wir mittlerweile alle abhängig von diesen Plattformen: Ich als Journalistin, andere als Content Creator, wir alle als Nutzerinnen und Nutzer. Im Jahr 2026 ist es utopisch, dass wir uns alle abmelden und ein unabhängiges, gemeinwohlorientiertes Netzwerk gründen.

Wäre das Ihre Idealvorstellung?

Dafür ist es zu spät. Aber ich beobachte, dass wir mehr darüber sprechen, was das eigentlich für unsere Debattenkultur und für unsere Demokratie bedeutet. Auch deshalb bin ich große Verfechterin des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Er stellt der Übermacht der sozialen Medien etwas entgegen.

Ist es dann paradox, dass viele junge Menschen dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk ablehnend gegenüberstehen?

Die neueste Zusammenhaltsstudie vom Leibniz-Institut für Medienforschung kommt zu anderen Ergebnissen. Sie zeigt: Gerade junge Menschen stehen den Öffentlich-Rechtlichen positiv gegenüber. Das ist auch meine Erfahrung. Unter den 18- bis 25-Jährigen, die wir mit dem Account vicas.takes bei funk oder mit anderen Formaten ansprechen wollen, gibt es natürlich Menschen, die dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk ablehnend gegenüberstehen. Aber wenn wir diese Altersgruppe auf der Straße befragen, dann konsumieren sie die Inhalte von funk – oft, ohne es zu wissen. Weil diese Inhalte sich so nahtlos in die Lebenswelt junger Menschen auf Social Media einfügen. Das Problem ist eher, dass viele nicht wissen, wie sehr der öffentlich-rechtliche Rundfunk mittlerweile ins Digitale hineinwirkt.

Die Öffentlich-Rechtlichen gewinnen also wieder an Popularität?

Ich glaube, gerade jetzt wird ARD und ZDF eine ganz entscheidende Orientierungsfunktion zukommen. In akuten Krisenfällen wenden sich die Menschen bewusst an öffentlich-rechtliche Medien. Da werden ARD oder ZDF eingeschaltet, da dreht man das Radio an. Dann ist das Vertrauen offenbar da in unsere Nachrichtenkanäle. Und es muss keine schlechte Entwicklung für die Öffentlich-Rechtlichen sein, dass immer häufiger Künstliche Intelligenz Nachrichten im Internet macht. Im Gegenteil, meine These ist: Menschen werden sich in dem Wust von Inhalten wieder an uns wenden. 

Die jungen Angebote von ARD und ZDF sind nicht unumstritten. Einige werfen ihnen vor, dass sie wahlweise zu belehrend oder zu anbiedernd seien. 

Das finde ich eine schwierige These, weil öffentlich-rechtlicher Journalismus in Deutschland meiner Meinung nach pluralistisch ist. Wir haben eine Vielzahl an Formaten. Alle journalistischen Formate, die ihre Inhalte primär auf Social-Media-Plattformen publizieren, haben die gleiche Challenge: Wir müssen jeden Tag aufs Neue versuchen, gute journalistische Inhalte zu produzieren und gleichzeitig die Form, Tonalität und Geschwindigkeit den Algorithmen anpassen, damit unsere Inhalte ausgespielt werden. Das führt dazu, dass wir unsere Formate ständig stark – wenn auch nicht im Kern – verändern und immer wieder Dinge ausprobieren. 

Klassischer Politikjournalismus ist oft nüchtern, junger politischer Journalismus oft emotional. Auch in Ihren Formaten. Können Sie anders nicht durchdringen? 

Ich glaube, dass Emotionen als Anfangspunkt für Interesse immer wichtiger werden. Mein Format schaltet niemand ein, ich muss durch einen Strom an Informationen mit meiner Message durchdringen. Und zwar nicht mit: „Das ist wichtig!“ Sondern mit: „Das ist wichtig für dich!“ Wir haben vielleicht 0,3 bis 0,5 Sekunden, bevor jemand weiterswipet. Und deswegen sind Verwirrung oder Emotionen wie Empörung ein Triggerpunkt für diese algorithmische Ausspielung. 

Warum Verwirrung?

Wir stellen Dinge in einen Zusammenhang, die vermeintlich erstmal nicht im Zusammenhang stehen. Zum Beispiel haben wir auf dem Kanal vica.takes gefragt: Was würde Erdogan eigentlich zu Ikkimel, einem der größten deutschen Popstars, sagen? Damit haben wir 2 Millionen junge Leute erreicht. Es ging um das türkische Regime und die Beschneidung der Kunstfreiheit. Dasselbe Video wäre nicht so gut gelaufen, wenn wir stattdessen eingestiegen wären mit „Unter Erdogan hat sich die Türkei in einen autokratischen Staat verwandelt.“

Sehen Sie sich als klassische Journalistin oder als Teil einer neuen Medienöffentlichkeit?

Ich sehe mich als klassische Journalistin, die Teil einer neuen Medienöffentlichkeit ist. Mittlerweile sage ich das auch stolz. Ich bin zur Moderation gekommen, indem ich 2020 angefangen habe, TikTok-Videos zu posten. Zu diesem Zeitpunkt gab es in Deutschland fast niemanden, der sich dort journalistisch oder politisch geäußert hat. Als ich angefangen habe, für das ZDF zu arbeiten, habe ich meine TikTok-Präsenz am Anfang fast versteckt, weil ich gedacht habe: Jetzt bin ich eine ernsthafte Journalistin, jetzt moderiere ich eine richtige Nachrichtensendung. Ich glaube, dass wir heute in einer ganz anderen Situation sind. Spätestens seit der Bundestagswahl 2025 sollte jede Journalistin und jeder Journalist verstanden haben, wie wichtig diese Sphäre für den Journalismus geworden ist.
 

„Mein Format schaltet niemand ein, ich muss durch einen Strom an Informationen mit meiner Message durchdringen“


 

Haben junge Menschen einen stärkeren Bezug zu einzelnen Creators als zu dem System ÖRR?

Absolut. Und ich glaube, das ist einer der wichtigsten Entwicklungsschritte, die wir im gesamten öffentlich-rechtlichen System in den nächsten Jahren gehen müssen. Menschen folgen auf Social Media nicht Marken oder Sendern, sondern Menschen. Allein der Begriff Sender – den höre ich in Gesprächen mit jungen Menschen gar nicht mehr. Deswegen ist es wichtig, dass wir in den verschiedenen Sendern Menschen nach vorne stellen, die für diese Medienmarken stehen. Das mache ich auch bei vicas.takes. Das Format produzieren wir in Zusammenarbeit mit dem heute-journal, also mit dem Nachrichten-Flaggschiff des ZDF. Das ist auf Tiktok nicht erkennbar, muss es auch nicht sein. Ich bin dem heute-journal dankbar, dass sie mit mir diesen innovativen Weg gehen. Der Spagat ist nicht immer einfach, aber diese Entwicklung braucht es unbedingt. 

Sie bekommen im Netz viel Zuspruch, aber auch Gegenwind. Was erleben Sie konkret? 

Ich bin als Gesicht für jungen, öffentlich-rechtlichen Journalismus für viele eine Projektionsfläche ihrer eigenen Ärgernisse mit dem öffentlich-rechtlichen System. Ich merke oft: Jemand hat sich nicht aktiv mit meinen Videos auseinandergesetzt, stattdessen stehe ich hier gerade für einen großen Sender. Der Großteil des Feedbacks ist aber positiv – oder User sind an einem offenen Austausch interessiert. Das freut mich total. Unter Beiträgen sehe ich manchmal 800, 900 Kommentare, in denen Menschen wirklich diskutieren. Da ist der Ton manchmal härter, wie das so ist in Kommentarspalten. Wir haben zum Beispiel ein virales Video über die Rentendebatte gemacht. 60 Prozent der Viewer sind junge Frauen, in der Kommentarspalte herrscht ein reger Austausch. Wenn wir so etwas schaffen, dann bin ich sehr zufrieden mit unserer Arbeit. 

Gab es mal ein Thema, bei dem Sie gezögert haben, weil Sie massiven öffentlichen Gegenwind gefürchtet haben?

Mein Team und ich führen jeden Tag die Diskussion, welche Themen wir ansprechen und wie. Social-Media-Journalismus hat auch Nachteile. Einige Themen kann man meiner Meinung nach nicht gut in 1:30 Minuten besprechen. Manchmal sagen wir am Ende eines langen Skriptprozesses: Vielleicht sind andere journalistische Formen besser geeignet, um diesem Thema in seiner Komplexität gerecht zu werden. 

Gibt es etwas, das klassischer Politikjournalismus von funk lernen kann?

Mein journalistisches Verständnis ist, sich zu überlegen: Für wen mache ich diesen Inhalt? Uns geht es beispielsweise um die 23-jährige Zuschauerin, die gerade ihr Studium beginnt und in Münster lebt. Wir versuchen, ihre Lebenswelt und Mediennutzung zu verstehen, um mit unseren Inhalten zu ihr vorzudringen. Zielgruppen verstehen, Form und Inhalt aus deren Perspektive denken, das ist elementar. Nicht nur, aber auch für öffentlich-rechtlichen Journalismus, wenn er relevant bleiben will.

In ihre Leser oder Zuschauer sollten Journalistinnen und Journalisten sich idealerweise schon immer hineinversetzen. Das gilt nicht nur für jungen Journalismus.

Ja, auch klassischer Politikjournalismus muss das noch viel stärker machen. Es gibt sehr viele Menschen in Deutschland, die sich davon nicht angesprochen fühlen, weil er ihnen zu hochgestochen ist. 

Was wäre das ideale Format für junge Menschen, das Sie gerne an den Start bringen würden? 

Erstmal würde ich die Frage spezifizieren, denn „junge Leute“ ist zu breit gedacht. In meiner Arbeit sind die Zielgruppen viel spitzer. Ich würde überlegen: Wen wollen wir genau ansprechen? Ist es das konservativ-etablierte Milieu? Ist es das hedonistische Milieu? Im Prinzip testen mein Team und ich fast täglich neue Formate, weil wir uns mit ständig neuen Algorithmen auseinandersetzen.

Anders gefragt: Was wäre denn das Ziel Ihres Formats?

Das Ziel ist für mich immer, gesellschaftspolitische Debatten an neue Zielgruppen heranzutragen. Mit vicas.takes gelingt uns das aktuell schon oft in 1:30 Minuten. Für mich wäre es reizvoll, diesen Anspruch noch stärker in längeren Formaten umzusetzen. Und ich hätte wahnsinnig Lust, mal einen jungen Talk zu machen. Ich arbeite da auch schon an Ideen, die verrate ich aber noch nicht. 

Können Sie das Format thematisch näher eingrenzen? 

Auf jeden Fall bleibe ich damit im Bereich des Politikjournalismus. Auch, wenn junge Menschen heute manchmal sagen, sie seien eigentlich nicht politisch: Miete, Studium, die Sorgen, sich das Leben nicht leisten zu können, Angst vor einem Dritten Weltkrieg – das sind alles sehr wohl politische Themen. Gleichzeitig haben wir in den letzten Monaten mit vicas.takes davon profitiert, den Politikjournalismus für popkulturelle Lebensrealitäten zu öffnen. Die Welten verschwimmen zunehmend. Politiker und Politikerinnen sind immer mehr darauf angewiesen, in bestimmten Creator-Medien-Systemen stattzufinden. Mein Begriff von Politikjournalismus hat sich mit den Jahren verändert und wird sich auch weiter verändern.

Wie wichtig ist es für Sie, Ihre Zielgruppe in die Themenfindung einzubeziehen?

Total wichtig. Ohne die Community funktioniert unsere Themensetzung gar nicht. Wir koppeln unsere Ideen immer zurück an die Menschen, die wir ansprechen wollen. Und wir ziehen viele der Themen, die wir beleuchten, direkt aus dem TikTok-Kosmos. Ein großes Thema bei sehr jungen Frauen und Männern ist derzeit das Christentum und seine Auslegung. Und die Frage: Kann die katholische und evangelische Kirche überhaupt noch irgendetwas leisten für junge Menschen? Oder wenden die sich zunehmend an die Freikirchen? Das ist ein Thema, das von unserer Zielgruppe an uns herangetragen wurde. 

Sie sind fast 30 Jahre alt, die Kolleginnen und Kollegen in Ihrem Team sind teilweise jünger. Worauf achten Sie, wenn Sie neue Teammitglieder einstellen?

Es ist nicht unbedingt die klassische Ausbildung, auf die ich gucke. Die ist nie schlecht, aber ich glaube – dafür bin auch ich ein Beweis – dass man sich das journalistische Handwerk auch selbst draufschaffen kann. 

Was sollten die Leute also konkret mitbringen? 

Eine journalistische Grunderfahrung ist gut. Ob das bei einer Zeitung oder bei einem Verlag oder bei einem Sender ist, ist uns egal. Und genauso wichtig ist ein großes Verständnis für die Funktionsweise der Plattformen. YouTube funktioniert anders als Instagram, Instagram funktioniert anders als TikTok, TikTok funktioniert anders als die nächste Plattform, die irgendwann kommt. Die Bereitschaft, sich in diese Plattformen hineinzudenken und auch in die Menschen, die sich auf ihnen bewegen – das ist entscheidend. Das ist für mich die Fähigkeit, die es im Journalismus künftig immer mehr braucht.

Müssen Journalistinnen und Journalisten heute unternehmerisch denken? 

Sie müssen eher agil denken. Und die Bereitschaft haben, jedes halbe Jahr zu überprüfen: Entspricht das, was ich mache, gerade noch dem Standard, den es braucht, damit diese Inhalte Menschen erreichen? Das ist eine andere Arbeitsrealität, als wenn man seit 20 Jahren die gleiche Fernsehsendung macht. Unsere Arbeitsweise ändert sich alle paar Monate. Die journalistischen Standards hingegen bleiben immer die gleichen.

Sehen Sie für sich die Gefahr, aus den Formaten, die Sie jetzt präsentieren, herauszuwachsen? 

Ich glaube, dass meine Community mit mir wächst. Und ich glaube auch, dass der Weg, den wir gerade gehen – zum Beispiel die Kollaboration mit dem heute-journal – der Weg in die Zukunft ist: Sich ein Ökosystem zu schaffen. Die Leute kennen mich und wissen: Wenn ich politisch etwas nicht verstehe, Fragen habe oder mir zu einem bestimmten Thema eine Einordnung wünsche, dann schreibe ich eine Nachricht an Victoria, und sie wird antworten. Ich glaube, ohne dieses Ökosystem und gewachsene Communities wird es in Zukunft kaum noch gelingen, neue Formate zu etablieren.

Catalina Schröder ist freie Reporterin in Hamburg.
Holger Talinski arbeitet als Fotograf in Berlin.