Expertise ist alles

„Journalisten werden sich mehr Gedanken darüber machen müssen, wie ihre Themen viele Menschen erreichen", sagt Roman Pletter. Foto: Zeit

Roman Pletter ist Ressortleiter Wirtschaft der Zeit. In unserer 75-jährigen Jubiläumsausgabe haben wir 75 Ideengeberinnen und Ideengeber nach ihren Gedanken zum Journalismus gefragt. Er sagt, der Journalismus muss den Fokus auf die Bedürnisse der Leserschaft richten.

11.02.2026

Die digitale Transformation macht Expertise noch wichtiger. Bei der Zeit erlebe ich das durch unsere Fusion von Print und Online jeden Tag: Wenn in der Ukraine ein Korruptionsskandal bekannt wird, wenn eine Entscheidung Donald Trumps die Börsenkurse einbrechen lässt, wenn in Syrien der Diktator stürzt oder bei einem Fußballclub der Trainer: Expertise ist nicht nur die Grundlage inhaltlicher Qualität. Sie führt auch zu Geschwindigkeit, wenn unsere Nutzerinnen und Nutzer sie erwarten, weil Expertise Journalisten souverän und schnell macht. Das heißt nicht notwendigerweise, jedem Ereignis hinterherzuhecheln. Expertise kann auch zu der Entscheidung führen: Das Thema lassen wir an uns vorbeiziehen.

Aber wenn es darauf ankommt: In Krisen oder Lagen sind jene Kollegen und Kolleginnen für unser Publikum am wertvollsten, die sich schon tief mit einem Thema beschäftigt haben. Das gilt für jene, die jahrzehntelang als Korrespondenten an verschiedenen Orten ausgebildet wurden ebenso für den Sportreporter mit der Fußball-Trainer-Lizenz oder den approbierten Mediziner. Sie können der Leserschaft einen Mehrwert bieten – und in der digitalen Welt können sie das besser denn je. Die Transformation ins Digitale zwingt uns bei jedem Artikel, Podcast oder Video dazu, über diesen Mehrwert nachzudenken: Für wen schreibe oder sende ich? Wie und wann erreiche ich möglichst viele dieser Menschen? 

Für eine gute Zukunft des Journalismus braucht es einerseits das, was schon immer richtig war: Investitionen in das Wissen, die Netzwerke und die publizistische Freiheit der Autorinnen und Autoren. Was sich ändert und weiter ändern wird und muss: Journalisten werden sich mehr Gedanken darüber machen müssen, wie ihre Themen viele Menschen erreichen. Die Daten zum Leseverhalten der Abonnenten sind ein regelrechter Schatz, um über deren Interessen zu lernen.

Nun gibt es an dieser Stelle oftmals ein Seufzen: Ach, die Leute lesen nur noch gefällige Sachen! Und was ist mit der Qualität?!? Nun, als Teenager habe ich Reportagen bewundert, die ich heute sehr gemächlich finde. Und dennoch stehen wir auf den Schultern dieser Autoren. Die Form der großen geschriebenen Reportage finden heute neue Entsprechungen und Ergänzungen, etwa über Podcasts. Die Nutzerinnen und Nutzer haben eben neue Bedürfnisse und wir sollten sie nur einfach nicht langweilen.

Die Mediennutzer werden weiter die informierte Analyse und den Essay suchen und vor allem das, was keine KI ihnen bieten kann: Neuigkeiten und Geheimnisse, die noch nicht öffentlich bekannt sind, bevor Journalisten über sie berichten. Wenn Journalisten es aber nicht schaffen, Themen, die sie für wichtig halten, angemessen aufzubereiten, dann ist das ihr Problem und nicht das der Nutzer. Die gute Nachricht ist: Wenn wir unsere Sache gut machen, erreichen wir im besten Fall die glaubwürdigsten Vertriebsmitarbeiter in der Geschichte des Journalismus: Zufriedene Nutzer werden die Ergebnisse unserer Arbeit selbst teilen, verbreiten, abonnieren.  


Roman Pletter ist Ressortleiter Wirtschaft der Zeit.