Fortschritt entsteht in kleinen Schritten
„Ein 100-jähriges Bestehen ist kein Garant für Erfolg in der Zukunft“, sagt Martin Dowideit. Foto: Uwe Weiser
Die Wirtschaftswoche feiert 100 Jahre Redaktion. Ihr stellvertretender Chefredakteur Martin Dowideit erklärt in unserer Serie „Mein Blick auf den Journalismus“, wie Künstliche Intelligenz dabei hilft, eine Marke jung zu halten.
Text: Martin Dowideit
12.06.2026
journalist bei Google bevorzugen
Unser Gründer Gustav Stolper konnte keine Computer zur Hilfe nehmen, als er in seiner Zeitschrift jede Woche zeigen wollte, wie sich die deutsche Wirtschaft entwickelt. Im Jahr 1926 gab es die einfach noch nicht. Es musste ein anderer Trick her, um eine journalistische Innovation zu schaffen.
Stolper nutzte seinen guten Draht zu Reichsbankpräsident Hjalmar Schacht. Der Notenbankchef erlaubte dem Journalisten, auf Tabellen und Grafiken der Reichsbank zuzugreifen. Es kam ein sehr frühes datenjournalistisches Projekt dabei heraus.
Damit setzte Stolper einen Grundpfeiler für den Erfolg des Deutschen Volkswirt, der Vorgängerzeitschrift der Wirtschaftswoche.
Hundert Jahre später erklärt die Wirtschaftswoche immer noch wirtschaftliche Zusammenhänge – digital wie gedruckt. Aber ein 100-jähriges Bestehen ist kein Garant für Erfolg in der Zukunft. So hat etwa der Büromöbelhersteller König + Neurath im Sommer 2025 sein Jubiläum opulent gefeiert und einige Wochen später Insolvenz angemeldet.
Wie schaffen wir es, dass das Motto der Wirtschaftswoche „Weiterdenken. Weiterkommen“ in unserem Jubiläumsjahr keine Phrase bleibt, und dass nicht nur unsere Leserinnen und Leser, sondern auch wir selbst weiterkommen? Wie reagieren wir auf den mächtigen Einfluss von Künstlicher Intelligenz?
Ende 2023 hatten Verlage gedacht, Künstliche Intelligenz könnte viele Arbeitsschritte rasch überflüssig machen. Ernüchterung setzte ein, als die Grenzen der Technik in der Branche klarer wurden. Das automatisierte Kürzen von Texten? Wird durch Halluzinationen zum journalistischen Wagnis. Komplette Texte von KI erstellen lassen? Wird schnell von Nutzerinnen und Nutzern entlarvt und von Suchmaschinen abgestraft.
Doch inzwischen hat KI einen technologischen Sprung gemacht. Es hat sich herauskristallisiert, wozu sie in Redaktionen vor allem geeignet ist:
1. neue, digitale Erzählformen umsetzen
2. alltägliche Prozesse automatisieren, vereinfachen und beschleunigen
3. Produkte anbieten, die ohne die neue Technik gar nicht oder nicht in der gleichen Qualität angeboten werden können
4. große Datenmengen schneller journalistisch auswerten
Stolper konnte den Deutschen Volkswirt nur dank Reichsbank gewünschter Qualität liefern. Der Wirtschaftswoche hat KI geholfen, besondere Formate für die Jubiläumsfeier zu schaffen.
So können Nutzer in einer virtuellen 3D-Galerie hundert Jahre Wirtschaftswoche-Geschichte erkunden. Waffenboom in der Industrie? Hat es schon mal gegeben. Unternehmen, die lieber im Ausland als in Deutschland investieren? Auch das Thema ist nicht nur 2026 aktuell, wir haben vor einigen Jahrzehnten bereits darüber geschrieben. Ein Rundgang entlang der Cover zeigt, dass sich Geschichte durchaus wiederholt.
Die virtuelle Welt haben wir mit KI-gestütztem Programmieren (Vibe Coding) zum Leben erweckt: ein Projekt, das ohne die Technologie nur mit erheblichen Kosten und hohem Aufwand hätte realisiert werden können. Antigravity von Google war das gewählte Programmier-Werkzeug: Es bietet den schnellen Wechsel von Gemini- und Claude-Sprachmodellen an. Am 3D-Teil der Galerie scheiterte Claude, setzte Bilder mitten in die Luft, Wände schlossen nicht aneinander an. Doch Gemini schaffte es, den Museumslook zu kreieren. Andere Aufgaben löste dann Claude besser, etwa die Programmierung der Steuerung.
Um an Stolpers Erbe anzuknüpfen, arbeiten wir derzeit außerdem an einem Konjunktur-Dashboard. Es wird den Tabellenteil mit Reichsbankdaten aus dem Gründungsblatt in das 21. Jahrhundert überführen.
Auch im Arbeitsalltag hilft uns KI an verschiedenen Stellen, unsere journalistischen Produkte zu verbessern.
Wir setzen eine KI-gestützte Rechtschreibkontrolle ein – den meistgenutzten Prozess in der Redaktion. Auch die Kontrolle von Texten auf Formalia wie Länge von Zwischenzeilen oder Bildunterschriften geschieht mit maschineller Unterstützung. Außerdem stark gefragt: automatisierte Abschriften von Gesprächen oder Interviews. Das hilft, teils mehrstündige und ermüdende Arbeit drastisch zu verkürzen. Was wir nicht tun: unsere Texte von ChatGPT oder Claude schreiben lassen.
Unsere Leserinnen und Leser haben uns in Umfragen klargemacht, dass sie mehr Informationen zum täglichen Börsengeschehen lesen wollen. Also haben wir einen Newsletter geschaffen, den BörsenTag. Er hat schnell eine fünfstellige Leserschaft für sich gewonnen. Damit dort jeden Tag neben unseren tiefen journalistischen Analysen auch Kurstabellen und Aktiencharts erscheinen können, haben wir mit einer KI Grafikwerkzeuge gebaut. Sie generieren auf Knopfdruck die benötigten Charts. Diese tägliche Aufgabe müssen wir nicht an unsere Grafikerinnen und Grafiker übergeben. Sie können sich so auf komplexere Darstellungen konzentrieren.
Unseren Newsletter im sozialen Netzwerk LinkedIn erstellen wir mit einem kleinen digitalen Helfer, den wir mit KI entwickelt haben. Die Zeitersparnis beläuft sich auf 20 Minuten pro Ausgabe.
Für viele der Prozesse setzen wir außerdem auf n8n als Automatisierungswerkzeug. Das ist sicherlich nichts für jeden in der Redaktion. Aber eine kleine spezialisierte Gruppe treibt den Einsatz voran – auch zur Erstellung von Social-Media-Posts auf Bluesky oder X.
Ein Werkzeug, das besonders im Reporter-Alltag hilfreich ist, ist Notebook LM. Damit können Dokumente schnell durchforstet werden und es gibt immer einen Verweis auf die Originalquelle. Einen ersten Eindruck von einem 700-seitigen, englischsprachigen Börsenprospekt kann man so innerhalb einer Minute gewinnen. Im Dialog mit dem System kann man das Verständnis dann vertiefen oder an den zitierten Fundstellen im Originaldokument selbst nachlesen.
Unsere Redaktion haben wir außerdem mit Langdock ausgestattet. Damit können Reporterinnen und Reporter verschiedene Sprachmodelle in ihre Arbeit integrieren, wiederkehrende Aufgaben lösen und Agenten mit Kolleginnen und Kollegen teilen. Bei allen Einsatzfeldern gilt der Grundsatz: Redakteurinnen und Redakteure verlassen sich nicht auf die KI-Ergebnisse. Sie können aber helfen, eine Recherche zielgenauer auszurichten.
Das kann auch beim Umgang mit Bildern der Fall sein. Wir berichten seit vielen Jahren in einem regelmäßigen Format mit Hilfe von Satellitenaufnahmen über wirtschaftliche Zusammenhänge. Die Bilder aus großer Höhe zeigen Zusammenhänge auf, die sonst nicht leicht zu erfassen sind.
Gerade im Iran-Krieg hat dieses Vorgehen der Redaktion geholfen, schnell Zusammenhänge herzustellen. Die Unterbrechung von Ölproduktion oder Schiffsverkehr ließ sich so manchmal belegen, wenn andere Quellen wenig Auskunft gaben. KI kann helfen, Bildinhalte zu verifizieren.
Blick von oben
Doch es wurde auch klar, dass der Zugang zu solchen Informationen schnell beschränkt werden kann. Nach einigen Kriegstagen forderten die USA Anbieter kommerzieller Satellitenbilder dazu auf, während der Kampfhandlungen keine Fotos aus der Krisenregion mehr öffentlich zugänglich zu machen.
Wir wollen dieser modernen Variante des Journalismus zu unserem 100-jährigen ein besonderes Forum bieten und veranstalten am 20. November 2026 den „Tag des Satellitenjournalismus“ in Düsseldorf. Unser Ziel ist es, Journalistinnen und Journalisten in anderen Redaktionen den Einstieg in diese Art der Recherche zu ermöglichen und zu vereinfachen. Außerdem werden wir mit Vertretern von Raumfahrtorganisationen, Satellitenbetreibern und Medien über die Trends zu Daten aus dem All diskutieren.
Bei allem, was wir tun, setzen wir bei der Wirtschaftswoche auf eine bestimmte Herangehensweise: einzelne Schritte identifizieren und diese konkret angehen. Gleich die ganz große Lösung anzustreben, lähmt den Fortschritt.
Ich denke in dem Zusammenhang immer an ein Zitat, das Microsoft-Gründer Bill Gates zugeschrieben wird: „Viele Menschen überschätzen, was sie in zwei Jahren schaffen können. Und sie unterschätzen, was sie in fünf Jahren schaffen können.“ Im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz könnte man sicherlich die Jahre mit Monaten austauschen.
Martin Dowideit ist stellvertretender Chefredakteur und Digitalchef der Wirtschaftswoche.
Transparenzhinweis: Der journalist arbeitet in der Vermarktung mit der Handelsblatt Media Group zusammen, in der auch die Wiwo erscheint.
In unserer Serie „Mein Blick auf den Journalismus“ fragen wir kluge Köpfe der Branche, wie wir den Journalismus besser machen.
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