„Ich bin im Herzen schüchtern“
Bei ihren Auftritten braucht Sarah Bosetti Personenschutz – trotzdem nimmt sie den Hass nicht persönlich. Foto: Anne Wilk
Sarah Bosetti ist eine der einflussreichsten Satirikerinnen Deutschlands, in ihren Witzen verarbeitet sie das Weltgeschehen. Im journalist-Interview erzählt sie, warum Journalismus und Humor unbedingt zusammengehören – und wie sie gemeinsam die Demokratie retten können.
Interview: Jan Freitag
30.04.2026
Für Sarah Bosetti passt Satire mit vielen anderen Bereichen zusammen: Politik, Lyrik und Journalismus. Die Kombination aus Journalismus und Satire steht im neuen Format Fun Facts im Zentrum, für das Bosetti und mehr als 100 weitere Prominente regelmäßig Nachrichten präsentieren, journalistisch begleitet von Correctiv. Bosetti ist überzeugt: Mit Fakten sollte man Spaß haben.
journalist: Sarah Bosetti, der Duden beschreibt Humor als „Fähigkeit, Begabung oder Neigung eines Menschen, Unzulänglichkeiten, alltägliche Schwierigkeiten und Widersprüche des Lebens mit Heiterkeit, Gelassenheit und oft einem Augenzwinkern zu ertragen oder zu betrachten“. Was davon trifft auf Sie zu?
Sarah Bosetti: Alles. Aber das klingt so positiv. Ich frage mich, ob ich die Schwierigkeiten des Lebens noch ohne Augenzwinkern ertragen würde. Ich glaube, sobald man eine bequeme Strategie gefunden hat, um mit unangenehmen Dingen umzugehen, sollte man an ihr zweifeln. Es sind ja meist Vermeidungsstrategien. Meine Strategie, mit der Welt umzugehen, ist übrigens das unnötige Zerdenken einfacher Fragestellungen. Merkt man das?
Zumindest spricht Ihr satirisches Versmaß dafür, die Reimdichtung, oder?
Das würde ich eher unter „notwendiges Zerdenken schwieriger Fragestellungen“ fassen.
Ist Humor, wenn man lieber lacht als zu heulen?
Ich heule fast so gerne, wie ich lache. Das ist ein super Ventil. Lachen und Weinen liegen für mich nah beieinander. Manchmal auch zeitlich. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass ich am Ende eines Lachkrampfs weine. Und andersherum. Übrigens ist Humor nicht gleich Lachen.
Sondern?
Das Komische in der Welt, das Absurde, die Widersprüche, das ist ja alles da. Ich müsste mich anstrengen, um am humoristischen Potenzial der Welt vorbeizugucken.
Hat politisches Kabarett als heiteres Ventil dennoch etwas masochistisches?
Manchmal fühlt es sich so an. Ich gucke für Bosetti will reden! jede Woche so intensiv aufs politische Weltgeschehen, dass ich mich manchmal frage, ob es mir nicht besser gehen würde, wenn ich in der Zeit süße Tierbabys angucken würde.
Auch News Avoidance genannt, die achtsame Schwester des Doom Scrolling.
Ich müsste die News nicht komplett avoiden, aber mein Nachrichtenkonsum nimmt bedenkliche Ausmaße an. Nur: Anders könnte ich meinen Job nicht machen. Und ich finde, dass es ein wichtiger Beruf ist. Ich glaube daran, dass gute Kommunikation eine Gemeinschaft zusammenhält. Unsere Gesellschaft kann nur frei und demokratisch bleiben, wenn sie miteinander redet. Politische Satire und Kabarett sind Teil davon.
Im neuen Internet-Nachrichtenformat Fun Facts präsentieren Sie und 100 weitere Prominente News auf humorvolle Weise, dazu kooperieren Sie mit Correctiv. Was soll die Show erreichen?
Wir wollen mit Fakten Spaß haben und richten uns damit an alle Menschen – nicht nur an junge Zielgruppen. Uns ist wichtig, dass man nicht nur mit Fake News Spaß haben kann, sondern auch mit Faktenliebe. Wir zeichnen jede Folge vor Publikum auf, sodass die Leute etwas Ungewohntes tun können: gemeinsam Nachrichten gucken, die unterhaltsam aufbereitet sind. Sozusagen Fakten-Public-Viewing, bei dem man merkt, dass man all den deprimierenden politischen Entwicklungen nicht allein gegenübersteht.
Geteiltes Leid also.
Ja, eine gemeinsame Selbstwirksamkeitszurückeroberung gegen das Gefühl der einsamen Ohnmacht.
Worin unterscheidet sich Fun Facts von der Heute Show, von Die Anstalt oder smypathisch?
Vor allem darin, dass es ein Gemeinschaftsprojekt ist. Wir schaffen damit etwas, das niemand von uns allein leisten könnte: an jedem Wochentag eine Folge produzieren und fast jedes wichtige Thema behandeln. Es haut mich immer noch um, dass innerhalb von kurzer Zeit ein Team aus Hunderten Leuten entstanden ist, dass über 100 Bühnenmenschen ihre Zeit kostenlos zur Verfügung stellen, dass sie alle – egal wie prominent, egal wie beschäftigt – einfach sofort zugesagt haben.
Wie war bisher die Resonanz von Publikum und Kooperationspartner:innen?
Super. Unsere Social-Media-Kanäle wachsen wie verrückt. Wir hatten mit der Folge von Karoline Herfurth zur Finanzierung von Kommunen durch eine Vermögensteuer schon nach einer Woche das erste Video, das viral ging, und auch alle anderen Videos schauen sich Hunderttausende Leute an. Und dann sind da noch all die Menschen, die Fun Facts sehen und Teil davon sein wollen, zum Beispiel, indem sie das Projekt finanziell unterstützen und zu den Live-Shows gehen. Es gibt keinen geheimen Milliardär im Hintergrund. Das ganze Projekt wird nur durch die Leute finanziert, für die es gemacht ist – und durch die, die es machen.
Können Formate wie Fun Facts wirklich zur Wahrheitsfindung und -verbreitung beitragen oder predigen sie am Ende nur den Gläubigen?
Das sind zwei Dinge, die einander nicht widersprechen. Dass gewissenhafte und journalistisch saubere Recherche bei der Wahrheitsfindung hilft, muss ich Ihnen ja nicht erzählen. Wahr ist leider auch, dass viele Menschen ihre Informationsquellen nicht mehr nach Qualität auswählen, sondern danach, ob sie darin ihre Meinung bestätigt bekommen. Natürlich ist es schwierig, die Leute zu erreichen, denen die Wahrheit unbequem ist. Diese Bubble-Bildung in der Gesellschaft ist ein Problem, das kein Recherche-Team alleine lösen kann. Auch Fun Facts kann das nicht.
Gibt es ein „Aber“?
Aber es sind so viele unterschiedliche prominente Menschen dabei, dass wir hoffentlich ein paar Blasen zerplatzen lassen. Außerdem weisen wir zum Beispiel immer wieder darauf hin, dass ein großer Teil des Problems durch die Funktionsweise der sozialen Netzwerke entsteht. Durch Algorithmen, die Wut, Hass und Polarisierung mit Reichweite belohnen. Emotionalisierende Desinformation verbreitet sich stärker als jeder nüchterne Fakt. Social-Media-Plattformen nehmen den Platz von klassischem Journalismus ein, lassen sich aber nicht an dieselben Regeln binden. Das hat jetzt schon erschreckende Ausmaße.
Inwiefern?
Leute, die Instagram nutzen, tun das im Schnitt 20 bis 30 Minuten am Tag. Leute, die Spiegel Online nutzen, tun das im Schnitt eine halbe Minute am Tag. Das hat mit dem Suchtfaktor von Social Media zu tun. Den Nutzer:innen muss klar werden, dass sie in den sozialen Netzwerken keine Kundschaft, sondern das Produkt sind. Ihre Aufmerksamkeit lässt sich in Werbeeinnahmen umwandeln. Wir lassen gerade das öffentliche Debattenforum und den Journalismus kapern von Big-Tech-Unternehmen, für die die Vermittlung von Fakten eher ein unerwünschtes Nebenprodukt ist.
„Humorschaffende sollten Humor so ernstnehmen, wie eine Handwerkerin ihr Werkzeug ernstnimmt. Das Publikum darf Humor einfach nur lustig finden, beim Lachen vielleicht ein paar Erkenntnisse haben und sich ansonsten im Quatsch verlieren.“
Wann ist ein Fakt für Sie denn ein Fakt?
Das ist eine schwierige Frage. Aber in der Anerkennung dessen, dass es eine schwierige Frage ist, liegt die Antwort. Wer sagt: „Das ist halt so und basta“, verkennt, dass das, was wir Wirklichkeit nennen, immer das Ergebnis eines Aushandlungsprozesses zwischen unterschiedlichen Wahrnehmungen ist. In der Geschichte der Menschheit war schon häufig gesellschaftlicher Konsens, was sich später als falsch herausgestellt hat. Aber Sie meinen vermutlich gar nicht die erkenntnistheoretische Frage, ob wir als Subjekte überhaupt in der Lage sind, eine objektive Realität zu erkennen.
Eher, ob es objektive, messbare Kriterien gibt, Fakten von Fakes zu unterscheiden.
Fakt ist, was unabhängig überprüfbar und belegbar ist. Und da wir nicht alles selbst überprüfen können, müssen wir uns in vielem auf die Expertise anderer Menschen verlassen. Wenn etwas als wissenschaftlicher Konsens gilt, neige ich sehr dazu, es als Fakt anzuerkennen.
Gilt das auch für den publizistischen Konsens seriöser, sachlich recherchierter, überparteilicher Medien?
Wir leben schon lange nicht mehr in einer Welt, in der uns nur Fakten betreffen, die wir selbst mit eigenen Augen nachgucken können. Der Großteil unserer Wahrnehmung vor allem politischer Realität findet medial statt. Also müssen wir gut auswählen, auf wessen Augen wir uns verlassen wollen. Wem wir zutrauen, das Gesehene für uns einzuordnen. Das geht nicht ohne Vertrauen, aber auch nicht ohne Kontrolle. Und die Kontrolle besteht für mich darin, dass ich überprüfe, was ich überprüfen kann, dass ich mich frage, wie plausibel mir Informationen erscheinen und dass ich mich niemals nur über eine Quelle informiere.
Brauchen Fakten in postfaktischer Zeit neue, kreative, abseitige Transportmittel als sachliche Informationsvermittlung, um wahrgenommen zu werden?
Ich glaube, das war schon immer so. Menschen sind nie nur rational, sondern immer zugleich voller Emotionen. Die Aufnahmebereitschaft für neue Informationen hängt maßgeblich damit zusammen, welche Emotionen angesprochen werden. Das war früher nicht anders.
Die Aktivistin und Autorin Daniela Sepehri ist bei ihrer Präsentation der Fun Facts übers iranische Terrorregime den Tränen nahe. Sehen Sie das als ein Beispiel für emotionale Wissensvermittlung, oder ist es womöglich zu distanzlos?
Das sind vor allem ehrliche Gefühle. Ich glaube nicht, dass das Taktik war, sondern dass Sepehri das Thema persönlich einfach sehr nah ist. Da sie es als nichts anderes verkauft hat, finde ich die Distanzlosigkeit in diesem Fall eher eine Stärke als eine Schwäche.
Warum schreiben Sie eigentlich Gedichte?
Sie machen Spaß.
Nur Spaß?
Was heißt „nur“? Spaß ist doch ein großartiger Grund, um etwas zu tun. Vor allem, weil ich gemerkt habe, dass es dem Publikum auch Spaß macht. Jede Kunstform birgt ihre eigenen Möglichkeiten. In Gedichten kann ich den Witz anders herausarbeiten als in Texten.
Sorgt die Versform in den Augen mancher nicht für elitäre, akademische Distinktion und vertieft damit die Kluft?
Das müssten Sie diese Leute fragen. Wenn Sie Leute, die mich nicht mögen, fragen, ob ich elitär und für die Spaltung der Gesellschaft verantwortlich bin, werden sie Ihnen begeistert zustimmen. Vermutlich würden sie selbst dann begeistert zustimmen, wenn Sie es ihnen in Versform und mit elitärer Wortwahl vorschlagen würden.
Müssen die Sender politischen Humors eigentlich auf bestimmte Empfänger eingestellt werden – also feindlich und wohlgesinnt, gebildet und weniger gebildet, rechts und links, Ost und West? Oder können sie einfach in den Raum funken und darauf hoffen, gehört zu werden?
Natürlich funktioniert Kommunikation immer am besten, wenn man als Sender:in bedenkt, dass man mit jemandem spricht und sich fragt, wer das sein könnte und von wem man gehört werden will. Ich bin aber kein Fan davon, den Kommunikationsprozess von hinten nach vorn zu denken. Wenn ich etwas sagen möchte, aber zuerst darüber nachdenke, was mein Gegenüber hören will, wieso reden wir dann überhaupt noch miteinander?
Sie denken also nicht in Zielgruppen?
Zielgruppe klingt mir zu strategisch. Mich beschäftigt die Frage nach Inklusion. Darauf zielte Ihre Frage nach meinen Gedichten wohl ab. Wen schließt man aus, wenn man spricht, wie man spricht? Erstens bin ich ja keine Maschine, die man so oder so einstellen kann. Meine Art zu schreiben entspricht meiner Art zu denken – da komme ich nicht so leicht raus. Zweitens ist das, was ich in die Welt posaune, nur ein Angebot, das natürlich niemals allen gefallen wird. Es darf ja Gedichte geben, auch wenn nicht alle Menschen Gedichte lesen wollen oder können. Und drittens rede ich ja nicht ständig in Versform. Ich habe auch noch unnötig verschachtelte Endlossätze im Angebot. Und die lieben doch nun wirklich alle.
Ist es ein Vor- oder Nachteil, dass Humor als Vehikel politischer Inhalte weniger ernst genommen wird als Tagesschau oder Monitor?
Humorschaffende sollten Humor so ernstnehmen, wie eine Handwerkerin ihr Werkzeug ernstnimmt. Das Publikum darf Humor einfach nur lustig finden, beim Lachen vielleicht ein paar Erkenntnisse haben und sich ansonsten im Quatsch verlieren.
Hat politische Satire denn anders als Nachrichten das Potenzial, tiefer ins Unterbewusstsein vorzudringen als nüchterne Fakten?
Natürlich. Aber wie könnte ich diese Frage auch anders als mit „ja“ beantworten? Kunst ist nur dann Kunst, wenn sie etwas in uns aufrührt.
In den USA haben Late-Night-Hosts wie Stephen Colbert oder Jimmy Kimmel mit ihren satirischen Shows schon vor dem rechtsnationalen Backlash die Informationshoheit bei CNN oder ABC übernommen. Könnte das auch in Deutschland geschehen?
Sie meinen, dass satirische Shows irgendwann die Tagesschau in Sachen Informationshoheit ablösen? Das ist weder das Ziel, noch wird das passieren. Es geht vielmehr darum, die Informationshoheit nicht denen zu überlassen, die Informationen absichtlich verkürzen, verfälschen, skandalisieren und missbrauchen. Momentan gibt es da eine gruselige Entwicklung. Das muss sich wieder ändern.
Haben Witze gesellschaftspolitisch schon mal wirklich etwas verändert?
Die Frage erinnert mich an das zehnjährige Jubiläum der Anstalt im ZDF vor zwei Jahren, wo ich zu Gast war. Wir haben festgestellt: In den zehn Jahren des Anstalt-Bestehens war die AfD von unter fünf Prozent auf über 20 Prozent gestiegen. Man könnte sagen, Claus von Wagner und Max Uthoff hätten versagt und wir müssten die beiden bloß knebeln, damit sie mit ihren Witzen aufhören – zack, Demokratie gerettet! Das wäre natürlich toll. Nicht für Claus und Max, aber ich würde in diesem Fall schon etwas Opferbereitschaft von ihnen verlangen.
Opferbereitschaft?
Ja, die Sache ist nur: Wir wissen nicht, wie die Welt ohne Die Anstalt aussähe. Oder allgemein ohne politischen Witz. Vielleicht hätte die AfD dann längst die absolute Mehrheit erreicht. Da es zu dieser Frage keinen sauberen Versuchsaufbau in der Realität gibt, würde ich einfach mal ganz optimistisch sagen: Ja, Witze können etwas bewirken.
„Wir lassen gerade das öffentliche Debattenforum und den Journalismus kapern von Big-Tech-Unternehmen, für die die Vermittlung von Fakten eher ein unerwünschtes Nebenprodukt ist.“
Erreicht sie persönlich denn ein Dry Fact oder Fun Fact besser?
Da es mein Job ist, das eine zum anderen zu machen, bin ich vielleicht nicht repräsentativ. Für mich ist beides wichtig.
Welche Berufsbezeichnung steht eigentlich auf Ihrer Visitenkarte – Kabarettistin, Comedienne, humorbegabte Gesellschaftsanalystin?
Es ist schön, dass Sie mich für erwachsen genug halten, um Visitenkarten zu besitzen. Wenn ich eine hätte, würde vielleicht Satirikerin draufstehen oder Autorin, weil Schreiben das ist, was ich am häufigsten mache. Ich habe nie eine gute Antwort, wenn mich jemand fragt, was mein Beruf ist. Im Moment könnte ich sagen: „Mein Job ist es, Friedrich Merz anzugucken.“
Autsch!
Naja, es stimmt ja. Wir müssen den Mächtigen auf die Finger schauen. Mir ist aber aufgefallen, dass es sehr wichtig ist, nicht nur auf mächtige Menschen zu gucken, die schlechte Dinge mit ihrer Macht anstellen, sondern auch auf gute Leute, die gute Sachen machen. Ich beende deshalb all meine Bosetti will reden!-Videos inzwischen mit einer realen, positiven Geschichte, die von empathischen Menschen erzählt. Einfach, damit wir alle nicht vergessen, dass Menschen auch cool sein können.
Erfordert es für Frauen im Jahr 2026 mehr Mut als für Männer, mit politischem Humor an die Öffentlichkeit zu treten?
Ja, immer noch. Aber es wird besser.
Der konservative Backlash macht es aktuell nicht wieder schlechter?
Vielleicht hängt die Antwort davon ab, über welche Zeiträume man spricht. Aber so sehr sich das Patriarchat gerade aufbäumt: Der Feminismus hat viel erreicht, das werden wir uns auch von einem Donald Trump oder einer Alice Weidel nicht mehr wegnehmen lassen. Lustigerweise ist auch Alice Weidel selbst nicht zu wünschen, dass sie mit ihrer Politik Erfolg hat.
Es erfordert aber mehr Mut als bei Ihrem Bühnendebüt 2009?
Bei meinem Bühnendebüt hat es mich selbst natürlich mehr Mut gekostet, auf eine Bühne zu gehen, als heute. Ich bin im Herzen schüchtern. Inzwischen habe ich mich daran gewöhnt. Was die politische Stimmung angeht, würde ich allerdings sagen: Es ist heute gefährlicher, sich öffentlich gegen rechten Populismus auszusprechen, auch als Mann.
„Ich habe vor ein paar Jahren ein ganzes Buch und Bühnenprogramm daraus gemacht, dass ich Hasskommentare in Liebesgedichte umgewandelt habe. Seitdem sehe ich Hass als Inspirationsquelle.“
Wie gehen Sie mit dem Hass in den sozialen Medien um?
Ein bisschen nervig ist das analoge Symptom davon, nämlich, dass ich bei Live-Auftritten Personenschutz brauche. Ansonsten nehme ich den Hass nicht persönlich. Wieso auch? Die, die ihn absondern, kennen mich ja gar nicht. Ich habe vor ein paar Jahren ein ganzes Buch und Bühnenprogramm daraus gemacht, dass ich Hasskommentare in Liebesgedichte umgewandelt habe. Seitdem sehe ich Hass als Inspirationsquelle.
Das klingt abgebrüht.
Ich bin gar nicht abgebrüht, im Gegenteil: Ich bin sehr verletzlich, wenn es um Menschen geht, die mir nahestehen und die mich kennen, deren Abneigung oder Hass also auf etwas Persönlichem basieren könnte. Aber all die Fremden im Internet, die einfach andere politische Ansichten haben als ich oder allgemein ein Problem damit haben, wenn Frauen öffentlich sprechen, können doch gar nicht wissen, ob ich ihren Hass wirklich verdient habe. Denen fehlt das Faktenfundament für ihren Hass, um mal den Kreis zu schließen. Entsprechend berührt er mich weniger. Mir tut es eher leid, dass es da draußen Menschen gibt, die ihre Wut nicht anders abbauen können. Und ich finde es traurig, dass es diesen Hass gibt. Trotzdem ist er oft ziemlich lustig.
Haben Sie ein Beispiel?
Dieser Kommentar, aus dem ich später ein Gedicht gemacht habe: „Ich werde gleich meine kleine Perle in mein Arm nehmen und ihr meine Männliche liebe geben. Und ihr verbitterten Emanzen macht 4.klassige ‚Liebe‘ mit Typen von Joko oder Böhmermann verschnitt die beim Rödeln noch weinen“
Und wie lautet Ihr Gedicht?
Ich weiß nicht, ob Jan Böhmermann
Jedes Mal beim „Rödeln“ weint
Ich weiß nicht, ob des schönsten Mannes
Schönheit aus dem Dödel keimt
Emanzipiert heißt losgelöst
Nicht mangelhaft an Trieben
Emanzen sind nur strapaziös
Nicht unfähig zu lieben
So schön dein Traum vom runden
Glatten, demütigen Glück auch war
Frauen haben Kanten
Und sind als Perlen unbrauchbar
Und wenn du deine Perle gleich
Behutsam aus der Muschel schälst
Und dich wie echte Kerle dann
Voll Ungeduld durchs Kuscheln quälst
Vergiss nicht: Eines Tages
Da ist es an der Zeit
Dann bist auch du, du alter Träumer
Für eine echte Frau bereit
Jan Freitag arbeitet als freier Journalist in Hamburg.