„Ich weiß, dass viele Leute meine Meinung schrecklich finden“
Einknicken sei das Schlimmste, was man machen kann, sagt Julia Ruhs. Deshalb macht sie beim BR mit der Sendung Klar weiter. Foto: Daniel Delang
Julia Ruhs’ Sendung Klar wirbelte einen Shitstorm auf – nun hat der NDR sie als Moderatorin abgesetzt. Im Interview erzählt die 31-Jährige von ihrem Weg zu Klar, was sie aus Anfeindungen und Kritik gelernt hat und wie es für sie im öffentlich-rechtlichen Rundfunk weitergeht.
Interview: Catalina Schröder
Fotos: Daniel Delang
02.12.2025
journalist: Frau Ruhs, Sie haben in den vergangenen Monaten viele Interviews gegeben. Welche Frage, die Ihnen bislang nicht gestellt wurde, würden Sie gerne einmal beantworten?
Julia Ruhs: Es ist keine richtige Frage, aber wenn es um unsere Sendung Klar geht, dann wünsche ich mir mehr Verständnis für das, was wir uns da ausgedacht haben. Für die Intention dahinter.
Welche ist das?
Dass wir versuchen, Leute zurückzugewinnen, die wir als öffentlich-rechtlicher Rundfunk verloren haben, und die sich sonst bei rechten Portalen und Influencern informieren würden. Das ist die Grundidee. Journalisten verstehen oft nicht, dass da keine schlechte Absicht dahintersteckt. Das ärgert mich.
Wie kam es zur Sendung Klar?
Der offizielle Startschuss war im Herbst 2023. Natürlich ist die Idee schon vorher in manchen Köpfen beim NDR gereift. Ursprünglich wollten wir eine ARD-Story-Doku machen – ein paar andere Redakteure und ich. Es ging um das Thema Transgender. Wir haben ein Exposé entwickelt, das letztlich abgelehnt wurde. Es hieß, man habe bereits eine Doku, die sich kritisch mit dem Thema auseinandersetze. Da dachten wir: Schade, aber es wäre mal an der Zeit, sich noch weitere Themen anzuschauen, bei denen man gegenbürsten sollte.
Was heißt „gegenbürsten“?
Menschen stärker zu Wort kommen zu lassen, die ihre Perspektive in der öffentlichen Debatte vermissen. So hat sich die Idee entwickelt.
Es heißt, Ihr persönlicher Weg zu Klar begann mit einem Kommentar im Mittagsmagazin, in dem Sie sich gegen das Gendern ausgesprochen haben. Stimmt das?
Genau genommen fing es schon im Volontariat beim Bayerischen Rundfunk an. Die ARD sah sich, wie andere Medien, dem Vorwurf ausgesetzt, dass sie das Thema nur positiv beleuchte, und dass sie in ihren Reihen niemanden habe, der es ablehnt. Natürlich konnte man bei diesem Thema nur schwerlich einen Mann hinstellen, der sich dagegen äußert. Deswegen brauchte man eine jüngere Frau. Die Sache landete bei mir, weil ich in einer Redaktionskonferenz mal ziemlich frei meine Meinung dazu gesagt hatte.
Warum sind Sie gegen das Gendern?
Ich finde, Gendern ist ein enormer Eingriff in die Sprache, ohne dass bewiesen ist, dass es die Welt gleichberechtigter macht, für weniger Diskriminierung sorgt, Frauen dadurch mehr verdienen. Die Realität muss sich verändern, dann verändert sich die Sprache automatisch mit – nicht andersherum. Insgesamt ist das eine sehr intellektuelle Debatte.
Viele Menschen sehen das anders. Der Kommentar im Mittagsmagazin brachte Ihnen Ihren ersten Shitstorm ein.
Ja, es ging ziemlich rund auf Twitter. Aber es war rückblickend hilfreich. Denn später habe ich in den Tagesthemen einen Kommentar zum Thema Migration gesprochen und war durch die Erfahrung mit dem Mittagsmagazin gut auf diesen noch heftigeren Shitstorm vorbereitet. Ich habe seit zwei Jahren eine Kolumne bei Focus Online, auch da kriege ich mal nette, mal weniger nette Rückmeldungen. Daher kannte man mich schon ein bisschen und so fiel die Wahl der Klar-Moderation auf mich. Ich hatte Glaubwürdigkeit und es kam niemandem so vor, als würde ich mir eine bestimmte Meinung aneignen.
Werten Sie die Sendung als Erfolg oder Misserfolg?
Denjenigen, die wir erreichen wollten, haben die Sendungen gefallen. Sie schrieben uns, dass sie wieder Hoffnung in den öffentlich-rechtlichen Rundfunk hatten. Ich würde sagen, das ist unter anderem mein Verdienst gewesen. Auch wenn ich weiß, dass viele Leute meine Meinung schrecklich finden. Das gehört dazu.
Das heißt: Was Sie gesagt haben – sowohl in den Kommentaren, als auch in der Sendung Klar – entsprach immer Ihren Überzeugungen? Oder ging es auch darum, Meinungen zuzuspitzen, um eine Gegenposition zum vermeintlichen Mainstream zu schaffen?
Der Genderkommentar entspricht absolut meiner Meinung. Als ich das Thema Migration für den Tagesthemen-Kommentar vorbereitet habe, habe ich mich sogar eher zurückgenommen, weil ich schon wusste, was in Sachen Shitstorm auf mich zukommen könnte. Am Ende des Kommentars habe ich gesagt: Gerade wenn man dieses Thema den Rechtspopulisten wegnimmt, hält man sie klein. Das habe ich gemacht, um mich abzugrenzen. Weil ich ahnte, dass die Unterstellung kommt, ich sei AfD-nah. Aber letztlich hat es nicht geholfen. Bei Klar äußere ich in den Moderationen nicht einmal meine Meinung, ich verbinde nur die Teile der Sendung.
Wie haben Sie die Shitstorms erlebt?
Bei meinem Gender-Kommentar war ich noch im Volontariat und hatte noch nie in der Öffentlichkeit gestanden. Zwar wusste ich, wie Medien funktionieren. Aber es ist etwas anderes, wenn man selbst auf Twitter plötzlich so viel abbekommt. Da habe ich verstanden, wie es sich anfühlt, unter Feuer zu stehen. Jedes Mal, wenn man nach dem Handy greift, denkt man, die Welt bricht zusammen. Eigentlich ist das lächerlich. Es geht nur darum, dass man etwas gesagt hat, das nicht allen gefällt.
Waren Sie auf die Reaktionen vorbereitet, die Klar ausgelöst hat?
Auch da haben mir die Erfahrungen mit Shitstorms geholfen. Wäre ich komplett unerfahren gewesen, hätte es mich vielleicht zu stark mitgenommen. Man muss aufpassen, dass es einem in so einer Situation psychisch noch gut geht. Wir sind aber vorab davon ausgegangen, dass es bei Klar Gegenwind geben würde. Dieser hat uns dann in der Aufmerksamkeit nach oben gespült. Wir hatten schließlich einen Sendeplatz um 22 Uhr im NDR. Wir laufen ja nicht um 20 Uhr im Hauptprogramm. Wir sind davon ausgegangen, dass sich Klar über YouTube und Social Media noch stärker verbreitet. Natürlich habe ich auch meine Reichweite genutzt. Besondere Aufmerksamkeit hat uns dann Jan Böhmermann mit seiner aufgeregten Kritik gebracht. Denn viele finden Böhmermann nun mal nicht gut. Wenn er uns doof findet, sind sie interessiert und schauen uns erst recht an.
„Wäre ich komplett unerfahren gewesen, hätte es mich vielleicht zu stark mitgenommen.“
Sie haben die Empörung anderer also einkalkuliert?
Sie ergibt sich fast automatisch, wenn Themen kontrovers sind. Die Challenge war ja – das darf man nicht vergessen – Menschen von unserem Format zu überzeugen, die der Auffassung sind, sie würden oft nicht gehört. Menschen, die den NDR nicht mehr anschauen. Die Aufregung der einen hat andere zu uns geführt. Heutzutage bekommt man durch das Ausstrahlen im Fernsehen keine Resonanz mehr. Die entsteht aber, wenn große Namen sich darüber aufregen.
Würden Sie die bisherigen Folgen genau so wieder machen?
Ich finde, so wie wir es gemacht haben, ist es völlig legitim. Bei der ersten Folge gab es viel Kritik an dem Satz „Was jetzt kommt, wird nicht jedem gefallen.“ Aber der hat laut Medienforschung viele abgeholt.
Die Kritik ging deutlich über diesen einen Satz hinaus. Es hieß vielfach: Die Sendung war emotional, einseitig und potenziell rechtspopulistisch. Was entgegnen Sie dem?
Ich gehe eher dosiert damit um, wenn Leute vor der Kamera emotional werden. Es wird uns ja vorgeworfen, dass es nicht zulässig sei, einen weinenden Vater zu zeigen, dessen Tochter von einem Asylbewerber ermordet wurde. Es ist nicht mein Geschmack, es damit zu übertreiben, aber bei anderen Themen machen wir das doch auch.
Wo zum Beispiel?
Wenn wir Flüchtlinge begleiten, die auf ihren Familiennachzug warten, ihre Familie schon seit Jahren nicht mehr gesehen haben. Da habe ich auch schon in der ARD ein paar Tränchen gesehen. Dass diese Debatte um den weinenden Vater so hochgekocht wird, finde ich lächerlich. Er ist der Vater eines Opfers und damit auch selber Opfer von – hart gesagt – illegaler Migration. Das ist eine Facette der Thematik. Solche Opfer bekommen medial wenig Platz, deshalb wollten wir sie abbilden. Und ich denke, wir hatten einen sehr wichtigen Protagonisten. Jemanden, der sich immer noch in der Mitte der Gesellschaft befindet. Der sich nicht radikalisiert hat und dem man nicht nachsagen kann, er wäre verbittert und wolle Rache.
Wie erklären Sie sich, dass sich die Debatte um die Sendung so verselbstständigt hat?
Ich glaube, ein paar journalistische Kreise haben sich davon getriggert gefühlt. Dadurch, dass ich durch meine Fernseh-Kommentare und die Focus-Kolumne für einige Leute sowieso schon eine Reizfigur war, hat das dann solche Wellen geschlagen. Es wäre vielleicht anders gewesen, wenn ich das Format nicht präsentiert hätte. Aber wir haben uns bewusst für ein Format mit Moderation entschieden.
Was war der Grund dafür?
Wir haben lange daran rumgeknobelt. Erst gab es die Idee, dass wir das Format nicht präsentieren lassen. Aber dann haben wir gesagt: Wir haben schon so viele Dokus gemacht. Die haben vielleicht intern Diskussionen gebracht, weil sie meinungsvielfältig waren, aber draußen kam das kaum an. Das funktioniert über Personalisierung viel besser. Am Ende ist die Wahl auf mich gefallen, eben weil ich glaubwürdig darin bin, unbequeme Dinge anzusprechen.
Bevor eine Sendung ausgestrahlt wird, wird sie üblicherweise abgenommen: Mindestens von einem oder mehreren Redaktionsleitern, bei Pilotsendungen auch gerne mal von Chefredakteuren. Gab es bei der Abnahme schon Kritik?
Die Sendung wurde von den verantwortlichen Redakteuren, aber auch von der NDR-Chefredaktion und dem Justiziar abgenommen. Das war also eigentlich safe. Die wussten alle: Es war ein Projekt für Meinungsvielfalt. In den letzten Wochen hieß es ja oft, dass ich vor die Tür gesetzt wurde, weil ich schlechten Journalismus gemacht habe. Da muss ich meinen Kritikern sagen: Ihr wisst doch genau, wie so eine Sendung entsteht. Ich habe nicht einmal meine Moderationen allein geschrieben. Mir dann vorzuwerfen, ich hätte unsauber gearbeitet, finde ich gemein. Ich knicke aber vor solch ungerechtfertigter Kritik nicht ein. Einknicken ist das Schlimmste, was man machen kann. Denn das setzt das Signal: Ihr könnt das wieder machen.
Haben Sie damit gerechnet, dass der NDR die Zusammenarbeit mit Ihnen beenden könnte?
Ich möchte mich dazu nicht mehr äußern. Denn darüber wurde sehr viel geschrieben und ich habe alles dazu gesagt.
Am öffentlich-rechtlichen Rundfunk gibt es viel Kritik. Kann man aus Ihrer Sicht überhaupt von dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk sprechen, oder müsste man sich viel differenzierter die einzelnen Sendeanstalten anschauen?
Ich habe nun selbst erlebt, wie unterschiedlich die einzelnen Häuser agieren. Aber draußen nimmt das natürlich niemand wahr. Wenn das ZDF was nicht so gut macht, dann färbt es auch auf die ARD ab. Ein Jan Böhmermann zum Beispiel wird ja auch immer als Argument hergenommen, warum die ARD doof ist. Dabei ist er beim ZDF. Aber mit solchen Argumenten kommst du nicht durch, weil es dann heißt: Das ist doch dasselbe, ich zahle ja für alles Rundfunkbeiträge.
„Sicher ist: Das Format bleibt dasselbe wie bisher. Heißt, wir werden nichts weich waschen.“
Warum bleiben Sie beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk? Gäbe es nicht Sender oder Verlage, in denen Sie mit offeneren Armen empfangen würden?
Ich habe in den letzten Jahren hin und wieder überlegt. Gerade zuletzt hatte ich viele Angebote. Aber dadurch, dass sich der Bayerische Rundfunk stark hinter mich gestellt hat, wäre ich doof, wenn ich jetzt gehen würde. Wir machen jetzt hier beim BR unsere Klar-Folgen und die will ich gut machen. Letztlich bin ich recht jung und kann auch in fünf Jahren noch woanders hin wechseln. Wenn ich jetzt ganz vom BR weggehen würde, würden es sehr viele Menschen feiern. Alle, die mich nicht leiden können. Diesen Gefallen möchte ich ihnen nicht tun.
Würden Sie sagen, dass es eine öffentliche Wahrnehmung Ihrer Person gibt, die nichts mit der Wirklichkeit zu tun hat?
Ich merke, dass manche Artikel mir nicht gerecht geworden sind. Ich denke, das ist der Preis dafür, eine öffentliche Person zu sein. Jeder Politiker beschwert sich hin und wieder darüber. Nicht alles, was man über sich liest, stimmt und ist einem genehm. Was immer versucht wird, ist, sowas wie eine Genese meiner Radikalisierung aufzuzeichnen. Das ist mir in zwei Porträts besonders aufgefallen, und das finde ich lächerlich.
Woran machen Sie das fest?
Ich fand Trump zum Beispiel noch nie gut. Vor ein paar Jahren war ich in New York und habe ein Bild vom Trump Tower gepostet und darunter geschrieben: „The building is much nicer than its owner.“ Und dann hat mir der Artikel im Spiegel unterstellt, dass ich das damals noch so gesehen hätte und hat insinuiert, dass ich es jetzt anders sehen würde. Das ist lächerlich. Trump ist ein unberechenbarer Typ. Ich bin auch nicht so konservativ, wie manche es mir zuschreiben.
Geben Sie mal ein Beispiel.
Nehmen Sie die Debatte um die Wehrpflicht. Da bin ich für Freiwilligkeit und sage: Warum muss immer die junge Generation herhalten? Natürlich sind die Umfragen hauptsächlich pro Wehrpflicht, weil man dafür die Älteren befragt, die nicht davon betroffen sein werden oder früher sogar selbst den Wehrdienst verweigert haben. Ich denke mir: Schafft doch einen gescheiten Anreiz. Zum Beispiel den Führerschein, den Wehrdienstleistende nicht bezahlen müssen. Oder noch stärkere Vergünstigungen beim Studium. Dass du auch mit einem schlechteren Abi Medizin studieren kannst. Es gibt so viele Möglichkeiten, dass man keinen Zwang einsetzen muss. Da bin ich eher liberal. Kurzum: Es kommt aufs Thema an. Aber meine grundlegenden Überzeugungen sind nicht gerade links.
Hat die Art und Weise, wie über Sie berichtet wird, Ihren eigenen Umgang mit Protagonisten verändert?
Ich habe oft mit Redaktionen ausgemacht, dass ich über bestimmte Themen nicht sprechen möchte, weil sie für mich abgeschlossen sind. Und dann kommen im Interview trotzdem Fragen dazu – was ich aus einer journalistischen Perspektive verstehen kann. So habe ich es früher bei Interviews auch gemacht. Damals habe ich es absolut nicht verstehen können, wenn es von Politikern hieß: Das war nicht unsere Absprache. Mittlerweile habe ich dafür mehr Verständnis.
Lassen Sie uns über Ihr Buch sprechen. Sie schreiben zu Beginn, dass Sie sich davon distanzieren, objektiv zu argumentieren. Schwächen Sie damit nicht Ihre Position als Journalistin? Objektiv berichten sollte doch unser Job sein.
Im Buch lege ich meine persönliche Sicht auf die Dinge dar, das ist keine wissenschaftliche Abhandlung. Es soll gut zu lesen sein für Leute, die abends einen langen Tag hinter sich haben. Man kann sagen: Das ist ein durch Meinung gefärbtes Buch. Und das finde ich völlig zulässig. Ich habe häufiger von Pressestellen gesagt bekommen, dass man sich weniger angreifbar macht, wenn man Dinge aus persönlicher Sicht schildert.
Inwiefern?
Würde ich mich dazu erheben, sagen zu wollen, wie die Menschen ticken oder wie Medien funktionieren, dann begebe ich mich in eine Position, die nicht legitim wäre. Ich bin weder ein Professor, der dieses Phänomen seit Jahrzehnten beobachtet, noch habe ich für das Buch lauter Experteninterviews geführt. Das, was ich schildere, sind persönliche Erfahrungen und deswegen habe ich das in der Einleitung gekennzeichnet. Außerdem finde ich selbst Sachbücher stinklangweilig, wenn sie nur irgendwelche Fakten referieren. Das liest ja kein Mensch.
Welche Themen planen Sie für Klar als nächstes?
Ich kann nur für den Bayerischen Rundfunk sprechen, weil ich beim NDR nun keinen Einblick mehr habe. Wir haben schon ein Thema ausgewählt. Das werden wir rechtzeitig vor der Ausstrahlung – voraussichtlich 2026 – kommunizieren. Sicher ist: Das Format bleibt dasselbe wie bisher. Heißt, wir werden nichts weich waschen.
Catalina Schröder arbeitet als freie Reporterin unter anderem für das Wirtschaftsmagazin Impulse, die Zeit und Deutschlandradiokultur.